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Am Stammstrand

Wenn Österreicher nach „Pipione“ an die italienische Adria fahren.

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Bild: Flickr/Martin Wippel

Bibione an der italienischen Adria, das weckt Erinnerungen an algendurchsetzte Küsten und ungebetene Liegestuhlnachbarn – die einem am Strand schon auf die Pelle rücken und abends im Hotel dann ganz sicher den Tisch nebenan besetzen. Für meinen früheren Wiener Hausbesorger aber ist das der Inbegriff von Urlaub.

Ein ganzes Jahr wurde ich missmutig ignoriert, irgendwann hatte mich der Hausmeister dann lieb gewonnen. Von da an lauerte er hinter jeder seiner penibel gestutzten Hecken und verwickelte mich in lange Gespräche. So erzählte er in ausschweifenden Monologen von seinen Urlaubsplänen: Mit Hofer-Reisen fuhr er einmal im Jahr nach Bibione, dem Stammstrand der Hausmeisterzunft. Ein Bus voller Österreicher, die das wahre Italien erwarten und in Wahrheit einer schlechten Kopie des Originals aufsitzen. Was für mich wie ein Alptraum klingt, bringt ihn ins Schwärmen: Bella Itaaaalia, doltsche vita in Pipione, Pasta, Pizza und de schene Adria, nennt sich das auf Wienerisch.

Kommende Woche ist in vielen deutschen Bundesländern Ferienbeginn und ein Strom urlaubsreifer Deutscher wird sich zu uns in Bewegung setzen. Zu Ferragosto dann ziehen die Italiener nach. Von Nord und Süd kündigt sich Unheil an. Denn mit den Touristen ist es hierzulande so eine Krux. Blieben sie aus, hätten wir nichts Gutes: Leere Betten, kein großzügiges Trinkgeld und teure Tourismuswerbung, die ins Leere läuft. Aber vor allem – nichts zu motzen. Denn kommen die Gäste dann in Scharen, können sie es uns schon gar nicht recht machen. Wir fühlen uns dann auf die Zehen getreten und schimpfen über weißbesockte Rentnerdeutsche, marktschreierische Italiener und trampelige Österreicher.

Dabei verlassen auch wir ab und an hoheitliches Gebiet und wagen uns in touristische Gefilde. Ich verhalte mich dann so unauffällig wie möglich. Meine Kamera hole ich nur in Notfällen aus der Tasche, landestypische Speisen würge ich tapfer hinunter und ein Hallo und Danke in der jeweiligen Landessprache lege ich mir auch zurecht. Wenn schon Touristin, dann mit gesenktem Kopf und schuldbewusstem Blick.

So missmutig der Hausmeister anfangs auch schien, so begeistert erzählte er von seinen Urlaubsplänen. Er würde in sein geliebtes Bibione fahren, den fingerbreiten Abstand zum nächsten Liegestuhl wahren, über Algenberge steigen und die garantiert echt italienische Pizza mit Tomatenketchup genießen. Und wie ich zugeben musste, dass ich noch gar nie in Bibione gewesen war und er ungläubig kopfschüttelnd in ausschweifende Schwärmereien verfiel, war ich fast ein bisschen neidisch.
 

Irina Ladurner

lebt in Wien. Ausgezogen, um die Welt kennen zu lernen. In Wien die (Südtiroler) Heimat gefunden. Mag den Südtiroler Exotenbonus, das Wiener Dorf und die Rückkehr in die eine oder andere Heimat.
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