Anzeige

Alte Mauern

Luigi Bruno will verhindern, dass ein Stück Geschichte untergeht.

rettung_01_b.jpg

Bild: Gustav Hofer

Wenn man in Trapani jemandem sagen will, dass er sehr alt ist, dann heißt es: „Sei più vecchio della Colombaia.“ Damit ist das Schloss gemeint, das auf einer kleinen Insel weniger als 300 Meter vor der sizilianischen Stadt aus dem tafelglatten und azurblauen Meer ragt. Die Colombaia mit ihrem achteckigen Turm ist das Symbol dieser Stadt, die in den letzten 20 Jahren eine Renaissance erlebt hat. Die alten Palazzi wurden herausgeputzt und das Zentrum glänzt mittlerweile wie ein Juwel. Ganz anders das Wahrzeichen der Stadt. Die Anlage auf der kleinen Insel wurde 240 v. Chr. gegründet. Im Laufe der Jahrhunderte wechselte die Colombaia öfters ihr Gesicht und ihre Funktion – bis sie 1848 von einer Festung zum Kerker wurde. Und als solcher diente sie über die Jahre hinweg.


Unter dem Faschismus landeten in den vier Quadratmeter kleinen, feuchten Zellen politische Gefangene – erst 1965 wurde die Anlage geschlossen. Dann fiel der Vorhang und im kollektiven Gedächtnis der Trapanesi blieb es ein sagenumwobener Ort, von dem man sich besser fern hielt – wie mir Luigi Bruno erzählt. Der 78-Jährige kennt das Schloss wie seine Westentasche. Als er vor dreizehn Jahren das erste Mal den Fuß hier rein wagte, schauderte es ihm beim Anblick der Anlage kalt über den Rücken. Das Symbol seiner Stadt war dem Einsturz nahe, Unkraut wuchs wild über die antiken Mauern, der Innenhof war mit Schutt überhäuft, der Stolz der Stadt dem Untergang nahe. Da Luigi aber viel mehr ein Mann der Taten als der Tristesse ist, hat er sich prompt mit Freunden daran gemacht, sich für das Bauwerk stark zu machen und gründete den Verein „Salviamo la Colombaia“.


Zunächst galt es die Zugehörigkeit des Schlosses neu zu bestimmen – eine Mammutaufgabe, die fast ein Jahrzehnt in Anspruch genommen hat. Denn wem gehörte das Schloss denn eigentlich? Eine Detektiv-Aufgabe, die Luigi nach langen Recherchen im Bürokratie-Dschungel und tausenden Seiten Papier lösen konnte: Vom Staat ging das Werk zum Marineministerium über, dann zum Verteidigungsministerium und zum Schluss wurde der Stolz Trapanis zur Zuständigkeit der Region Sizilien erklärt. Diesen Berg bezwungen, konnte Luigi niemand mehr aufhalten und er begann mit Freunden und Bekannten Unterschriften für die Rettung der Colombaia zu sammeln. Vor fünf Jahren brachten ihm die 7.000 gesammelten Unterschriften den Titel „Luogo del Cuore“ des FAI (Fondo Ambiente Italiano) und seine Initiative wurde zum Symbol für den Kampf gegen die Bürokratie. Dieser Erfolg gab ihm Rückenwind und Luigi erhöhte den Druck auf die Gemeinde und die Region. Er ließ nicht locker, bis das Amt für Denkmalschutz 600.000 Euro für eine erste Sicherheitsinstandhaltung aufbrachte. Seit Februar arbeiten nun tagtäglich Maurer und Dachdecker fleißig im alten Schloss, räumen den Schutt weg, restaurieren die brüchigen Mauern und machen das Dach regenfest.


Luigi kontrolliert den Stand der Arbeiten regelmäßig, doch sorgenfrei ist er noch immer nicht. „Was soll aus der Colombaia werden, wenn die Arbeiten hier abgeschlossen sind?“, fragt er sich mit beunruhigter Mine. „Ein Denkmal muss den Menschen offen stehen. Es nur vor dem Einsturz zu retten, reicht nicht, ein Ort muss leben, zugänglich sein“. Ideen, was aus diesem Schloss alles werden könnte, hat Luigi zu Hauf. Als ich erfahre, dass der pensionierte Leiter der Sanitätseinheit ein leidenschaftlicher Sammler ist und seine drei Garagen überfüllt von seiner Muschelsammlung aus allen Nähten platzen, schlage ich ihm vor, doch sein Muschelmuseum hier einzurichten. Bruno schaut mich an, lächelt und meint: „Die Muscheln sind ein Hobby, die Colombaia eine Mission für die Menschheit“.

Gustav Hofer

lebt und arbeitet als Journalist und Filmemacher in Rom, doch ein Koffer steht immer abreisefertig. Was er dort mag: die Schönheit der Stadt, das Licht, die Menschen. Was er vermisst: die frische Bergluft, die Mehrsprachigkeit und den Apfelstrudel seiner Mutti.
Anzeige

Hinterlasse einen Kommentar

Mehr Artikel

 | 
Brief einer jungen Iranerin

„So habe ich mich befreit“

Unsere Gastautorin ist konservativ im Iran aufgewachsen. In diesem Brief erzählt sie, wie sie sich in einem Land, in dem Frauen kaum etwas dürfen, trotzdem emanzipiert hat.
0    
 | 
Interview mit Philipp Kieser

Der Techno-Landeshauptmann

Philipp Kieser kennt wie kein anderer die Südtiroler Techno-Szene. Über den fragwürdigen Umgang mit Subkultur in Südtirol und warum er von der Szene mehr Radikalität fordert.
0    
 | 
Interview mit SUSIs

Die „Goldene Flasche“

Das Frauennetzwerk SUSIs hat erstmalig die „Goldene Flasche“ für sexistische Werbung in Südtirol vergeben. Was hinter dem Preis steckt und wie auf Sexismus in der Werbung reagiert wird.
0    

Fruits am Markt

Auch bei ihrem neuen Song und Video haben Alex Richter und Fabian Pichler für ihr Projekt Fruity Sessions prominente Mitstreiter mit ins Boot geholt.

Zruck

„Mir sein zruck und ins keart dr Tron.“ Lange war es still um das Vinschger Rap-Duo Kravatte & Kravalle. Jetzt sind sie zurück mit einem neuen Song und Video.
Anzeige
Anzeige