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Ach, Südtirol

Unser Kolumnist hat einige Gedanken niedergeschrieben: über das Südtiroler-Sein im Ausland. Ein Text voller Fern- und Heimweh.

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Bild: Flickr, infactoweb

Als ich noch in München gewohnt habe, da war das noch anders. Da habe ich gesagt: Ich komme aus Tramin." Vielleicht noch: Tramin, am Kalterer See." (Das mit dem Am-Kalterer-See" habe ich natürlich nur gesagt, wenn kein Kalterer dabei war). Dann ging es los: Dann wurde ich sofort wie ein wandelndes Stück Urlaubserinnerung herumgereicht. Ich musste mir von den Münchnern anhören, wo sie in Südtirol zum Törggelen hingehen. Wo in Südtirol sie selbstgebrannten Schnaps kaufen. I n welcher Pension sie seit zwanzig Jahren Sommerfrische machen. Ob ich denn den Elzenbaum Sepp kenne, der sei ja auch aus Tramin. Und dass Tramin im Herbst noch viel schöner sei als im Sommer. (Ja, ich kenne den Elzenbaum Sepp. Und, ist ja gut, ich bin da geboren, da aufgewachsen, verdammt nochmal ich kenne dieses Dorf!)

Alles super
 
Seitdem ich in Berlin lebe, habe ich mich daran gewöhnt, dass niemand so recht weiß, wo dieses Südtirol ist. Und ich finde das ganz gut so. Wenn ich gefragt werde, sage ich: „Das ist in Norditalien. München, Innsbruck, Brennerautobahn runter. Bozen. Da, auf dem Weg nach Italien, da ist Südtirol." Dann fragen sie: „Aber so richtige Italiener seid ihr ja nicht, oder? Eher Österreicher, wa? Und beim Fußball seid ihr für Deutschland, oder wie?“ „Früher Österreich, heute Italien. Alles super, zweisprachig“, sage ich dann, wenn ich keine Lust habe, schon wieder eines dieser Ist-ja-interessant-so-ist-das-also-bei-euch-Gespräche zu führen. Manchmal, wenn ich dazu Lust habe, erkläre ich, dass nicht alles super ist. Meistens sage ich aber nur: „Ja, wunderschön da, fast schon kitschig. Aber halt tiefste Provinz. Später, ja später ziehe ich vielleicht wieder da hin.“
Wenn ich auf Reisen bin, ganz weit weg, in New York oder in Neuseeland, dann erläutere ich folgendermaßen, wo ich herkomme: „Вolzano. Where Frozen Fritz is from." Oder: „Вolzano close to Venice." Bei Mädchen zieht das mit Venice besonders gut. „Venice? Awesome.“
 
Der andere Blick auf Südtirol
 
Am Anfang hat es mich eine Zeit lang gewundert, wie man über die Geschichte Südtirols nicht Bescheid wissen kann. Das sei doch DAS fundamentale Stück europäische Geschichte des 20. Jahrhunderts, dachte ich mir. Andreas Hofer. 1809. Erster Weltkrieg. Brennergrenze. Vertrag von Versailles. Faschismus. Tolomei. Option. Autonomiestatut. Kerschbaumer. Magnago. Paket. Das ist uns so eingetrichtert worden. Südtirol = Minderheit. Von anderen Minderheiten hatte ich lange nichts gewusst: von einer dänischen und einer sorbischen in Deutschland. Von einer griechischen in Süditalien. Von einer slowenischen in Österreich.
Als ich einmal in Jerusalem war, der Blick auf die Klagemauer, darüber die Al-Achsa-Moschee, hinter dem Schutzwall das Westjordanland. Straßensperren, palästinensische Jugendliche, die Steine auf israelische Soldaten werfen, israelische Soldaten, die vom Hubschrauber aus Palästinenser erschießen, die nachts versuchen über den Schutzwall zu klettern. Da habe ich mir gedacht, wie unwichtig es eigentlich ist, wo genau dieses Südtirol liegt.
 
In Berlin gibt es keine Südtiroler-Treffs so wie in München. Es geht auch nicht, einfach mal so an den Wochenenden nach Hause zu fahren. Ja, nach Hause fahren sage ich immer noch, wenn ich Südtirol meine. Vielleicht sage ich das irgendwann nicht mehr. Oder vielleicht werde ich irgendwann wieder da leben, wo ich Zuhause bin, in Südtirol. Ich weiß es nicht. Früher dachte ich mir immer, ich muss es schaffen, mich von diesem Südtirol abzunabeln, von dieser mir immer etwas bedrohlich (und überhaupt nicht behütend) erscheinenden Käseglocke, die über uns hängt. Mittlerweile glaube ich das nicht mehr.
Lange habe ich dieses Südtirol-Verbrüderungsgehabe gehasst. Dieses Sich-Umarmen, dieses Zusammenhalten, nur weil man aus der gleichen Provinz kommt und sich irgendwo in der Welt zufälig über den Weg läuft. Letztens in meiner Stamm-Bar in Berlin: Der neue Barmann sprach irgendwie so österreichisch. Nein, er sei nicht aus Österreich, er sei aus Neumarkt. Meinem Nachbardorf. Wir haben uns nicht umarmt, wir halten seitdem auch nicht zusammen. Wir haben ein paar Ramazzotti zusammen getrunken, das war`s. Über die steigenden Mietpreise haben wir auch geschimpft, das macht man so in Berlin, wenn man nicht weiß, worüber man reden soll, und dass die Mietpreise bei weitem nicht so schlimm seien wie in Bozen. Eine Freundin von mir aus Luxemburg sagt, bei den Luxemburgern sei es genauso mit diesem Ach-du-kommst-auch-aus-Luxemburg-Mensch-das-ist-ja-toll-lass-dich-mal-drücken-ach-ist-die-Welt-klein-Ding. Sie nerve das auch manchmal. Das hat mich beruhigt.
 
Zurückkommen
 
Nach Südtirol komme ich nur noch ein- bis zweimal im Jahr. Ich merke, wie ich anfange Hochdeutsch zu denken und zu träumen. Nur noch sehr selten fällt jemandem mein Akzent auf. Holland oder Schweiz, ratet der dann meistens, wenn er hört, wie ich manches Verb konjugiere. Wenn ich in Südtirol bin, rutscht mir manchmal eine Satzstellung oder ein Wort auf Hochdeutsch raus. „Nö", sage ich dann aus Versehen manchmal. Das finden meine Freunde immer urkomisch und lachen sich tot. Lange habe ich Südtirol gehasst und geliebt und gehasst und geliebt. Jetzt ist es mir meistens egal. Glaube ich zumindest. Ich will, dass es mir jetzt eine Zeit lang egal ist, vielleicht ein paar Jahre, dann vielleicht nicht mehr.
 
Zu Ostern war ich wieder da. „Hoi, Studierter", sagten sie in der Bar in Tramin. „Hosch bold fertig studiert?" Dabei studiere ich schon seit Jahren nicht mehr. Aber das hat sich bei uns wohl so eingeprägt. Zum Studieren muss man halt nach Innsbruck oder München, Salzburg oder Wien und dann kommt man wieder zurück. Wenn einer also wieder da ist, hat er fertig studiert. Manchmal denke ich mir: Was wäre, wenn? In Bozen wohnen, am Wochenende wandern gehen, zum Gardasee fahren. Ich war am Gardasee zu Ostern. Mit meinem Vater. Monte Stivo, eingeschneit. Blick vom Gipfel auf Riva und den See. So etwas habe ich in Berlin nicht. In solchen Momenten rechne ich manchmal in meinem Kopf zusammen: In soundsovielen Jahren bin ich soundsoalt, dann komme ich zurück.
Beim Abstieg vom Gipfel hat mir mein Vater erzählt, dass sie gerade eine Hauptversammlung abgehalten hätten in seinem Sportverein. Ein neuer Präsident wurde gewählt. Ein neuer Ausschuss. Dann hat einer vom neuen Ausschuss noch einen Brief vorgelesen. Den Brief hat ein Italiener geschrieben, einer aus Süditalien, der erst vor kurzem nach Südtirol gezogen ist. Er habe von ihrem Sportverein gehört, er wolle fragen, ob er Mitglied werden könne. Der solle zuerst einmal Deutsch lernen, meinten die in der Hauptversammlung. Auf den Brief haben sie nie geantwortet.
 
Ich bin ganz froh, in Berlin zu leben. Südtirol vergesse ich mehr und mehr. Ich habe entschieden, dass ich jetzt nicht entscheiden muss, ob ich irgendwann wieder in Südtirol leben will oder nicht.

Lenz Koppelstätter

fühlt sich too old to young und too young to old. Außerdem lebt er in Berlin, wo er für Zeitungen und Magazine und an Buchprojekten arbeitet.
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865 Kilometer

Rund 865 Kilometer sind es von Bozen nach Berlin. Lenz Koppelstätter, Südtiroler in Deutschlands Hauptstadt, geht dorthin, wo was los ist und schreibt dort davon, was kurios ist. Kurz: Er berichtet über den ganz normalen Wahnsinn der Großstadt.

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Schön zu sehen, dass es anderen genauso geht! :) Super Artikel!!

Genau DAS getroffen, was ich seit langer Zeit denke. Einfach super!

"Lange habe ich Südtirol gehasst und geliebt und gehasst und geliebt" ...This happens to me too! Maybe I should move to Berlin? ... Greetings from Bolzano/Bozen - Manuel Chieregato

ja, es wäre ja oft schon viel, wenn die wirkliche Minderheit im eigenen Land zur Kenntnis genommen würde.

Sicherlich einer der schönsten und intimsten Artikel hier auf Barfuss. Bravo. Schmunzeln musste ich besonders bei: "Nur noch sehr selten fällt jemandem mein Akzent auf. Holland oder Schweiz, ***ratet*** der dann meistens."

Mir gehts genau anders herum, komme aus dem tiefsten Ruhrgebiet und wohne seit 6 Jahren hier. Wegen der Frau(en) her gekommen und geblieben. Vermutlich muss man seine Heimat hassen und lieben, denn sonst ginge man nie weg, oder käme nie zurück.

Und "Frozen Fritz" war mir auch neu. Das musste ich erstmal recherchieren... :-D

Ich bin Münchner, uns geht es ganz ähnlich - aber in stark abgeschwächter Form. Lederhosen, Oktoberfest, Beer, das kennt man von München. Ich versteh Dich.

(Und Frozen Fritz kam nicht aus Bozen, er war auf dem Weg dahin, soweit ich weiß)

Der Artikel trifft mit äußerster Präzision auch meine Gedanken. Super Artikel!

Lenz - du sprichst wohl vielen aus der Seele. Dasselbe Liedchen können einige Freunde von mir singen.
Blickwinkel ändern, Erfahrungen machen, die Welt erLEBEN - das kann Augen und Gedanken öffnen.
Südtirol "vergessen" davor hat so mancher Globetrotter aus dem "heiligen Ländchen" Angst - anfänglich. Vergessen hats aus meiner Bekanntschaft bisher noch keiner - dafür aber die angemessenen Gewichtung zwischen "Heimatland" und Alpenländchen gefunden; so manchem "Do'igen" würde das auch gut tun ...

wow. Komplimente für den Artikel, ich für meinen Teil habe mich köstlich amüsiert. Wie oft habe ich mir vieles davon schon selber gedacht. Leider vergessen wir nur zu oft, dass allein in München schon rund dreimal so viele Menschen leben wie in unserem Ländchen... Sehr gut! Es sollten mehrere mal das Land verlassen...

Ich lebe seit ich studiere auch schon zwei Jahre in Berlin und hab auch mal einen Text übers Südtiroler sein in Berlin geschrieben. Der klang ziemlich ähnlich, nur muss ich mir von meinen Studentenfreunde immer anhören wo sie schon überall Ski gefahren sind und werde dauernd als Schweizerin bezeichnet. Sehr schön Herr Köppelstätter :)

Schöner "Artikel", ich denke auch in vielerlei hinsicht ähnlich. Leber aber weiter weg und hab noch den Dialekt voll drin. Dank weniger Deutscher, fällt das mit Südtirol auch gar nicht ins Gewicht, man ist eben "north of Venice", aber "near to Venice" hört sich doch besser an scheinbar.

Ein Verb wird nicht dekliniert, sondern, wenn schon, konjugiert. Schönen Gruß aus dem hinterwälderischen Südtirol

Stimmt. Danke. Ist ausgebessert.

Größter Schmarrn überhaubt!
Wir sind nicht Norditalien!

Toller Artikel - und wohl wahr

Berlin, Hochdeutsch? Ich dachte da schwätzt man schon schwäbisch, jedenfalls wenn man dem Berliner Gejammere über die Schwabeninvasion glaubt :)
Berlin hat zwar keine Berge, aber dafür NEU-VENEDIG!! (googlen o yt) Leg dirn Kajak zu und paddel dorthin. Die Mecklenburger Seenplatte und die Märkische Runde sind auch nah bei Berlin.

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