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Kommentar zur Abschaffung der Leistungsstipendien

„Investiert in Köpfe!"

Ein Brief an die Landesregierung: Streicht die Leistungsstipendien für Studenten nicht! So kann man den „Brain Drain" nicht bekämpfen.

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Sollte der Beste unter all diesen Studenten belohnt werden?

Bild: ruhrnachrichten.de

Liebe Landesregierung,

drei Millionen Euro klingen für euch Landesräte vielleicht nicht nach viel Geld. Ihr werdet heute, an diesem Freitag, einen neuen Landeshaushalt vorschlagen, der 4.602.000.000 Euro umfasst. So viel Geld wird euch im kommenden Jahr zur Verfügung stehen, um Südtirol zu verwalten. Das ist nicht nur mehr als im laufenden Jahr, sondern auch viel mehr als unsere Nachbarn zur Verfügung haben – pro Südtiroler dürft ihr nämlich 8.920 Euro ausgeben. Im Vergleich dazu: Nordtirol hat pro Tiroler nur die Hälfte, nämlich 4.620 Euro an Kapital. Nun ist aber durchgesickert, dass ihr trotz alledem im Bildungsförderungsbereich drei Millionen Euro streichen wollt. Unter diesem sperrigen Namen fallen die Leistungsstipendien, die zurzeit noch an die besten Studenten Südtirols als Motivation und Belohnung gehen.

Tut das nicht. Ihr streicht damit die Zukunft Südtirols einfach so aus dem Landeshaushalt. Erhöht sie stattdessen! Und nicht nur die Leistungsstipendien gehören erhöht, sondern auch die einkommensabhängigen. Sonst wird das nichts mit der Bildung für alle. Doch zurück zu den Leistungsstipendien – sie sind nämlich nicht nur einfach Belohnung, sondern die eigentlichen Stipendien für die Mittelschicht: Auch die tut sich schwer, ein Studium zu finanzieren. Habt ihr euch schon mal überlegt, was es – auch für eine ganz normale, gut verdienende Familie – bedeutet, wenn alle drei Kinder gleichzeitig studieren gehen? Da sind ganz schnell monatlich mindestens 1.800 Euro weg, mit weniger als 600 Euro im Monat kann nämlich auch ein Student kaum leben. Dass Südtirol für die studierende Mittelschicht keine Unterstützung bietet, ist traurig genug – in Deutschland hat beispielsweise auch die die Chance, Bafög zu beantragen. Bis heute war es nun so, dass die Leistungsstipendien jener Teil der Stipendien gewesen sind, auf die jeder eine Chance hatte. Dass dieses Prinzip der Belohnung der Leistung nicht der beste aller Wege ist, ist klar. Aber so war es zumindest möglich, irgendetwas dafür zu bekommen, dass man sich mehr bemühte als andere Studenten. Wenn man also nicht das Glück hatte, reiche Eltern zu haben, aber dennoch strebsam und intelligent war, dann wurde man von euch mit 1160 Euro belohnt. Das ist zwar nicht viel, aber es ist ein Zeichen. Südtirol hat damit gesagt: „Danke, dass du dich anstrengst. Du bist unsere Zukunft – und vergiss nicht, wieder zu uns zurückzukommen.“ Und glaubt mir, jeder, der ein solches Stipendium bekommen hat, war glücklich. Es zu bekommen, war hart, und ich kenne Studenten, die die besten ihres Jahrganges waren, aber keines bekommen haben – weil andere Südtiroler noch besser waren.

Das bedeutet: Wir Südtiroler Studenten schlagen uns gut. Und wir mögen Südtirol. Aber warum sollten wir jemals wieder nach Südtirol zurückkommen, wenn ihr es nicht einmal für wichtig genug erachtet, die Besten unter uns für ihre Leistungen zu belohnen? Wenn wir ehrlich sind, hat Südtirol nämlich außer seiner tollen Landschaft und Kultur (und der Tatsache, dass es unsere Heimat ist – aber für das habt nicht ihr gesorgt) nicht besonders viel zu bieten: Ihr versucht Jugendkultur zu unterbinden, Gehälter sind geringer als im Ausland und es fehlt an Forschungseinrichtungen. Südtirol wird seine junge Intelligentia aber brauchen, wenn es den Anschluss nicht verlieren will. Wenn die Intelligentesten unter uns ins Ausland gehen und dort bleiben, weil sie sich nur so entfalten können, dann passiert aber genau das. Tut etwas gegen den Brain Drain, der dieses Land früher oder später vor ein großes Problem stellen wird! Denn wenn mehr hochqualifizierte Italiener diesen Staat verlassen, als einwandern, dann brauchen wir nicht in überheblicher Manier behaupten, dass das unser Südtirol nicht betrifft – denn das tut es!

Investiert also nicht in den x-ten Tunnel, sondern in Köpfe. Über Leistungsstipendien. Über mehr hochqualifizierte Arbeitsplätze. Und über neue Forschungseinrichtungen. Südtirol, verlier deine Bildung nicht!

Mara Mantinger

durchforstet als Soziologin mit Freude Statistiken und liebt es, die Geschichten hinter den Zahlen zu erzählen. Gerne in der Ferne, schaut aber noch lieber von einem Südtiroler Berggipfel in die Welt.
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