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„Das ist ein Drama“

Ein Journalist stemmt sich gegen den Verfall alter Kirchen in Neapel.

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Bild: Gustav Hofer

Müll verstopft die chaotischen Straßen von Neapel derzeit nicht mehr. Motorini düsen an einem vorbei, und jene Fahrer mit Helm sind ganz offensichtlich in der Minderheit. Dafür sieht man ganze Familien zu dritt oder gar zu viert auf den Scootern und Vespas durch die engen Gassen des Stadtteils Sanitá sausen. An der Piazza San Gennaro, dort wo das Straßennetz immer noch dasselbe ist wie vor 2.500 Jahren, dort, wo die alten Griechen, ihre zentrale Agora und die Römer danach ihr tempelumstandenes Forum hatten, wartet Paolo Barbuto auf mich. Der bärtige Neapolitaner war jahrelang Sportjournalist für „Il Mattino“, der meist gelesenen Tageszeitung Süditaliens. Mit Sport haben seine letzten Artikel wenig zu tun, viel mehr mit dem traurigen Verfall der Kirchen der Stadt am Vesuv. 203 religiöse Gebäude listet die Erzdiözese Neapel für das historische Stadtzentrum auf. Doch gebetet und Messe gefeiert wird nur noch in 79 Kirchen. Die anderen sind geschlossen, zugemauert und bröseln ruhig vor sich hin, ohne dass dies die Stadtbewohner auf die Barrikaden bringt.


Paolo führt mich in die Kirche des Tempio della Scorziata, oder besser gesagt in das, was davon noch übrig geblieben ist, von diesem einstigen Schwesternkonvent und Wohnheim für arme Leute aus dem 16. Jahrhundert. Von außen blockieren fünf stählerne Müllcontainer das Portal der Kirche. Paolo führt mich über einen Seiteneingang in das einsturzgefährdete Gebäude. Reste alter Stuckdecken liegen auf dem Boden und sind teilweise schon mit Gras überwachsen. Vorbei an Fresken, die wohl niemand mehr retten wird, ziehen wir durch den ehemaligen Konvent, vorbei an einem Sarkophag, über feuchte Treppen hinauf, bis wir den ehemaligen Chor erreichen und hinabblicken in das zentrale Kirchenschiff. An diesem regnerischen Freitagmorgen gießt es in Strömen, auch in der Scorziata, denn die Decke ist teilweise eingestürzt. Zwei kohlschwarze Balken zeugen von einem Brand, der vor zwei Jahren von Jugendlichen gelegt wurde und die Situation noch verschlimmert hat. „Das passiert, weil eine geschlossene Kirche auch von niemandem kontrolliert wird.  Das passiert, weil mittlerweile der Verfall, auch der moralische Verfall, in dieser Stadt die Überhand gewonnen hat. Das ist ein Tempel aus dem 16. Jahrhundert, und man braucht gar nichts zu sagen, um zu verstehen, in welchen Zustand er sich befindet. Das ist ein Drama“, meint Paolo. Die Kassen der Stadt und des Staates sind leer und auch der Vatikan scheint nicht im Traum daran zu denken, für die Rettung der aufgelassenen Kirchen den Geldhahn aufzudrehen.


Paolo hat über dreißig Artikel über den Zustand der Kirchen in seiner Stadt verfasst. Doch verändert hat das an der Situation nichts. „Nach den Reportagen, die ich für meine Zeitung geschrieben habe, hat sogar der Kardinal von Neapel, Crescenzio Sepe, einen Appell an alle gutwilligen Bürger der Stadt gerichtet und angeboten, Privatleuten die verlassenen Kirchen zu überlassen. Sie könnten sie zu Kulturzentren umzuwandeln, zu Konzerthallen, oder zu Vereinssälen. Aber die Reaktion der Stadt war sehr verhalten. Nur zwei Personen haben sich gemeldet. Das ist das Traurigste an der ganzen Sache. Die Neapolitaner, die sich so um sich selbst kümmern könnten, tun es nicht.“


Dann verschiebt mein Begleiter eine Marmorplatte, die in der Mitte des Kirchenbodens liegt, und darunter führt uns eine Treppe in den Untergrund. Wir steigen mehrere Meter hinab in die Tiefe und dann leuchtet Paolos Taschenlampe auf eine Mauer. Ein Fresko, das einen Christus am Kreuz zeigt, scheint uns entgegen. Ich mache ein Foto, das eines der letzten sein könnte – bevor dieser Christus ewig begraben wird. 

Gustav Hofer

lebt und arbeitet als Journalist und Filmemacher in Rom, doch ein Koffer steht immer abreisefertig. Was er dort mag: die Schönheit der Stadt, das Licht, die Menschen. Was er vermisst: die frische Bergluft, die Mehrsprachigkeit und den Apfelstrudel seiner Mutti.
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