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Entzauberte Generation?

„The personal is political“ hieß es im Jahre 1968. Siegfried Nitz schildert in einem Buch Aufstieg und Untergang DER Protestbewegung der Nachkriegsgeneration. Ein Interview mit dem Autor.

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Bild: Edition Raetia

Sie haben das Jahr 1968 als 19-Jähriger erlebt. Wann und warum haben Sie beschlossen, sich politisch zu engagieren?
Siegfried Nitz: Mein „politisches“ Engagement begann eigentlich mit meinem persönlichen Bedürfnis, Meinungen frei zu äußern und Haltungen manifestieren zu dürfen, die mir als jungem Menschen für mich bedeutsam erschienen. Es ging vor allem darum, das Prinzip des absoluten Gehorsams gegenüber Eltern, Lehrern, Dorfpfarrern, Heimleitern zu brechen und als etwas zu erkennen, das die Entwicklung der eigenen Persönlichkeit behindert. Durch die Auseinandersetzung mit Autorität verstand ich allmählich, dass das persönliche und private Bedürfnis auch eine Notwendigkeit des Öffentlichen und Politischen ist. Die Folge davon ist die Aufhebung der Trennung zwischen Privatem und Öffentlichen. Dadurch im Leben glücklicher werden zu können entpuppte sich als Trugschluss.

Was für ein Lehrer sind Sie dann geworden?
Mein einziger Grundsatz zu Beginn meiner Lehrerkarriere als 19-jähriger Mittelschullehrer nach der Matura war: Du darfst deinen Schülern nichts von dem antun, was du als Schüler selbst erfahren und erlitten hast, nämlich Gängelung, Mangel an Respekt auch vor der Persönlichkeit des Schülers. Ein Kompliment von Schülern, das ich bekommen habe und worauf ich stolz bin, war: „Sie haben uns als Personen ernst genommen.“

Warum gelten die 68er-Ideale nicht mehr? Hat es sich nicht doch gelohnt?
Mit Sicherheit wäre das Leben heute ohne die 68er-Bewegung ärmer, fantasieloser, kollektiver und autoritärer und der konservativen Ordnung der Zeit vor 68 ähnlich. Die 68er-Ideale haben das Licht des Alltags zu wenig gesehen, um sich bewähren zu können. Sie sind in der Welt des Konsumismus verpufft oder haben sich auch im Terrorismus als Folge der gesellschaftlichen Isolation ergossen.

Warum protestiert die Jugend heute nicht?
Ich fürchte ein schlimmes Erwachen der heute 20-Jährigen in einer Welt, die von meiner Generation geplündert wurde. Sie sind mit Möglichkeiten zugemüllt und sind nicht zu Entscheidungen gezwungen. Nur an Entscheidungen wächst man. Warum sie nicht protestieren, obwohl es mehr Gründe dafür gäbe als bei den 68ern, das kann ich nicht sagen.

Das Buch „Fieber68“ ist in der Edition Raetia erschienen.

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