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Vertrieben, denunziert, ermordet

200 Juden mit einer engen Verbindung zu Südtirol wurden von Faschisten aus der Provinz Bozen vertrieben und von Nationalsozialisten verfolgt, deportiert und ermordet. An sie soll das Buch „Mörderische Heimat“ erinnern. Es erzählt unter anderem auch die Familiengeschichte des verstorbenen Politikers Alexander Langer.

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Bild: Privatarchiv Peter Langer

Gerne findet sich Südtirol in der Rolle des Opfers des Faschismus wieder, doch das trifft nicht zwangsweise zu. Denn es gab genauso Täter, wie es Opfer gab. Die jüdischen Südtiroler wurden von ihren nicht-jüdischen Mitbürgern denunziert und als Folge davon deportiert und ermordet. Nach dem Krieg fragte niemand mehr nach den verschwundenen Juden – obwohl viele von ihnen hoch angesehen waren und einen wichtigen Beitrag zu Südtirols Entwicklung geleistet haben.

Am Beispiel der Familie Langer lässt sich zeigen, wie aus geschätzten jüdischen Bürgern Verfolgte und Vertriebene wurden. Alexander Langers Vater Artur war Primar im Meraner und später Chefarzt im Sterzinger Krankenhaus. Bis er 1939 aus dem Berufsverzeichnis der Ärzte gestrichen und als staatenlos erklärt wurde. So erging es auch seinem Bruder, dem Rechtsanwalt Erwin Langer: Er musste seine Anwaltskanzlei in Meran schließen.

Alles wurde ihnen genommen, aber die Flucht gelang dennoch: erst an den Gardasee, dann in die Toskana und später in die Schweiz. Die Wertschätzung, die den Langers in ihrer Heimat zuteilwurde, schützte sie nicht – obwohl die Behörden ganz genau darüber Bescheid wussten: „Er ist ein gewissenhafter und ehrlicher Vertreter seines Berufes, der von den Behörden wie von der Bevölkerung sehr geschätzt wird“, so lautet der Vermerk über Artur Langer. Dieser hatte einen großen Teil seines Ersparten an bedürftige Patienten weitergegeben, das Sterzinger Krankenhaus mit den nötigen chirurgischen Instrumenten ausgestattet und die Verdienstmedaille des Duca di Pistoia erhalten. Doch all dies feite ihn nicht gegen die Verfolgung.

Die ursprünglich aus Tschechien stammende Familie Langer kämpfte sich durch diese schwierige Zeit und überlebte. Artur und Erwins Kinder erfuhren erst viel später was ihre Familie durchmachen musste: „Sie wollten uns in ihre Geschichte nicht mit hineinziehen“.

Mörderische Heimat – Verdrängte Lebensgeschichten jüdischer Familien in Bozen und Meran“ von Sabine Mayr und Joachim Innerhofer, erschienen bei Edition Raetia im Jänner 2015.

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