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Sie war wie ein Mann

Vor 35 Jahren ist Martina im Körper eines Mannes geboren, heute kann sie sich ganz als Frau fühlen. Die Straßenzeitung zebra. erzählt ihre Geschichte.

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Bild: zebra

Martina trägt ein elegantes kurzes Kleid mit aufgedruckten Rauten und Stiefel mit hohen Absätzen. Rouge betont ihre hohen Wangenknochen, Lidschatten und Wimperntusche unterstreichen die braungrünen Augen. Die Fingernägel sind frisch lackiert, volles, dunkelbraunes Haar fällt locker auf den Mantelkragen. Martina liebt Seidenstrümpfe und gutes Parfüm; endlich kann sie sich zeigen, wie sie ist: Noch vor kurzem war sie im Körper eines Mannes gefangen.

Martina heißt eigentlich anders. Sie wohnt in einer kleinen Südtiroler Stadt und möchte ihre Identität nicht preisgeben. Zu viel ist in den vergangenen Jahren über sie hereingebrochen, zu viel hat sie gelitten. Vor 35 Jahren ist sie im Körper eines Mannes geboren. In der Haut von Martin hat sie sich nie wohlgefühlt, obwohl sie das erst vor zwei Jahren klar ausgesprochen hat. Man nennt es Transsexualität, obwohl das für Martina kategorisierend und in Schubladen denken bedeutet. Dass die Reaktionen auf ihre Bekanntgabe einer geplanten Geschlechtsangleichung so heftig ausfallen würden, hatte sie nicht erwartet. Sie sei eine Frau wie jede andere, betont sie. Dabei waren Getratsche und Gespött in der Stadt das kleinere Übel. Existenziell schlimm war für Martina der Verlust sämtlicher sozialer Kontakte: Nicht nur Freund*innen brachen jede Verbindung ab, auch ihre ehemalige Lebensgefährtin, ihre Kinder, Eltern und Geschwister gingen ihr aus dem Weg.

Sie tat alles, um Mann zu sein

Bereits in früher Kindheit wühlte Martin – ein Männername steht nach wie vor in ihrer Identitätskarte – gerne in den Kleidern der älteren Schwester. Heimlich zog sie diese an, begann an der Nähmaschine der Mutter zu hantieren und lernte schnell, die Bubenhosen enger zu machen. Sie liebte Frauenschnitte, weiche Stoffe und Strümpfe. Die Eltern ließen sie gewähren, bezeichneten sie manchmal als pubertierend verrückt. 

Als Martin 16 Jahre alt war, wurde die Identitätsfrage immer drängender: „Ich bin kein Mann“, fühlte sie. Die Sehnsucht nach dem Anderen in ihr wuchs, sie verwünschte und verdrängte es. Sie war häufig unterwegs, trank viel, aber der Drang Frau zu sein, ließ sich damit nicht verscheuchen, so sehr sie es auch versuchte. Mit 18 kam sie zum Militär, meldete sich freiwillig zum Kriegseinsatz, wurde nicht genommen, versuchte es mit Extremsport, tat alles, um Mann zu sein. Mit 20 Jahren begann sie, in Frauenboutiquen einzukaufen, trug Frauenhosen, bis sie sich der ständigen Kritik von außen beugte. Martin betäubte sich mit Alkohol. Dann aber entdeckte sie die Kraft der Meditation, fuhr öfters nach Indien, lebte daraufhin ein enthaltsames Leben wie ein Mönch. Der Wunsch nach dem Anderen blieb. Später würde ihr die Psychologin sagen, dass ihre Kompensationsversuche ganz normal waren.

Liebesbeziehung mit einer Frau

Aber bevor es dieses Später gab, ging Martin eine Beziehung mit einer Frau ein: Eine große Liebe war da, zwei Kinder kamen auf die Welt. Der Begriff „Tata“ war für Martin nicht stimmig. Jahrelang kaufte sie in Geschäften Kleider, „für meine Partnerin“, sagte sie dort, genoss das Berühren der Stoffe und warf sie in der Hoffnung, das Leid endlich zu beenden, in den Müll. Es hörte nicht auf. Sie unterdrückte es, widmete sich intensiv dem Malen und Schreiben, ging paragleiten und klettern: immer das Ziel vor Augen, den Mann in ihr zu stärken. Sie wechselte die Arbeitsstellen, bis sie eine Ausbildung zum Krankenpfleger machte und hatte endlich ihres gefunden. Doch mit 33 Jahren kam das Burnout. Martin konnte nicht mehr schlafen, litt unter Kopfschmerzen und Soziophobie.

Die Hausärztin schrieb sie eine Zeitlang krank und empfahl, endlich ihr Leben in den Griff zu bekommen. Martin nahm Antidepressiva und ging zu einer Psychologin. Sie habe Angst vor Leuten, teilte sie dieser mit, Angst, in ein Geschäft zu gehen und irgendwann: „Ich habe Angst, dass das mit der Frau stimmt“. Die Psychologin fragte nach. Sie würde gerne Nagellack auftragen, erwiderte Martin, und Frauenkleider tragen. „Wo ist das Problem?“, fragte die Therapeutin. „Mir wurde kalt und ich begann zu zittern“, erinnert sich Martina. Zum ersten Mal hatte sie gesagt, was sie seit ihrer Kindheit begleitete.

„Ich habe Angst, dass das mit der Frau stimmt.“

Die Angst vor Diskriminierung und Spott war groß, als sie Nagellack kaufte und Frauenkleider probierte – jetzt für sich. Es war Ende 2013. Das Burnout löste sich in kurzer Zeit auf: „Endlich stand ich in Verbindung mit mir.“

Michael Peintner ist Sexualberater und Sexualwissenschaftler, berät in Südtirol und Innsbruck derzeit fünf Trans*menschen südlich und zehn nördlich des Brenners. Dabei halten sich Trans*frauen und Trans*männer die Waage: „Diese Menschen leiden jahrzehntelang unter dem falschen Körper“, sagt er. Der Leidensdruck sei extrem. Wenn sie es wie Martina dann endlich wagten, den Bann zu brechen, gehe alles andere meistens schnell.

Michael Peintner ist Sexualberater und Sexualwissenschaftler.

Bild: zebra
Peintner erlebt in der Südtiroler Gesellschaft in den vergangenen zwei, drei Jahren eine leichte Veränderung, das Tabu werde langsam aufgebrochen. Jugendliche von heute seien informierter, kämen bereits als 13- oder 14-Jährige in die Beratung und sagten, sie fühlten sich im falschen Körper. „Manche Trans*menschen hoffen, dass ihr Umfeld die neue Situation gleich versteht und akzeptiert“, sagt Peintner. Doch Eltern, Partner*innen und Kinder brauchen Zeit, um zu trauern, um von der ihnen bekannten Person Abschied zu nehmen. Peintner: „Das sind schmerzhafte Prozesse auf beiden Seiten.“

Vor Kurzem lief „Danish girl“ in den Kinos. Darin zeigt Eddie Redmayne einen Künstler, der zur Frau wird.  Alicia Vikander spielt seine Ehefrau und wurde für diese Rolle im Februar als beste Nebendarstellerin mit dem Oscar ausgezeichnet. Im Film begleitet die Frau ihren Mann durch die Operationen. Er wird zur Frau, letztendlich gewinnt die Liebe. Das Schwierige an Beziehungen, in denen Trans*menschen mit ihren früheren Partner*innen zusammenbleiben, sei das Denken im klassischen Mann-Frau-Schema, und dass das Geschlecht immer eindeutig sei, sagt Michael Peintner. Da heißt es dann: „Ich werde jetzt nicht plötzlich lesbisch oder schwul, weil mein*e Partner*in eine Geschlechtsanpassung macht.“ Die Gefühle blieben häufig bestehen, würden aber durch dieses Kategorien-Denken abgewürgt. Viele Beziehungen gehen zu Bruch.

Martinas frühere Partnerin will mit ihr nichts mehr zu tun haben und sich scheiden lassen. Sie habe Anfang 2014 begriffen, dass Martin es ernst meint, glaubt aber bis heute nicht, dass Martin im falschen Körper geboren ist: Sie wähnt ihn in einer tiefen psychischen Störung. Martina zog aus der gemeinsamen Wohnung aus, hatte ein halbes Jahr lang keinen Kontakt zu den Kindern, zur Frau, zu den Eltern und Schwestern. „Letztes Jahr um diese Zeit war ich komplett alleine“, sagt Martina, ihre Augen werden wässrig. Die zwei Kinder kommen mit der Situation inzwischen einigermaßen zurecht.

Spießrutenlauf Geschlechtsanpassung

Mitte 2014 begann Martina mit der Hormontherapie. Sie bekam das weibliche Hormon Östrogen und verzichtete auf jegliche Testosteronblocker. Die Termine für die Operationen hatte sie noch vor dem Gutachten des Psychiaters. „In Österreich gibt es für Fachleute Behandlungsempfehlungen für Menschen mit trans*identem Wunsch“, sagt Michael Peintner. Die Empfehlungen beträfen Ärzt*innen der Endokrinologie, der plastischen Chirurgie, der Urologie, Gynäkologie und Psychiatrie sowie Psycholog*innen, Psychotherapeut*innen, Sexualwissenschaftler*innen und Logopäd*innen. Das Thema geht außerdem Jurist*innen und Standesbeamte an. Trotzdem bleibt eine Geschlechtsanpassung auch in Österreich ein Spießrutenlauf. In Italien ist es noch schwieriger: „Man muss von Pontius bis Pilatus rennen“, weiß Peintner. Eine Operation ist nicht rückgängig zu machen. Peintner hat im vergangenen Jahr in Südtirol eine interdisziplinäre Arbeitsgruppe ins Leben gerufen, die sich mit dieser Thematik befasst hat. Das ausgearbeitete Papier soll nun mit dem Sanitätsbetrieb diskutiert werden. 

Die Operation zur Geschlechtsanpassung hat bei Martina ein plastischer Chirurg in München vorgenommen: Jürgen Schaff gilt als Koryphäe auf dem Gebiet. Den Brustaufbau hatten Ärzte einige Monate zuvor an der Uniklinik Graz durchgeführt. Die Bezahlung erfolgte in Konvention mit dem Sanitätsbetrieb. In Italien hätte Martina noch mehrere Jahre auf die Operation warten müssen. In Kürze werden bei einem zweiten Eingriff noch kleinere Anpassungen gemacht. Bei der Geschlechtsangleichung wird ein Teil der Eichel mitsamt den Blutgefäßen und Nerven aus dem Penis herausgelöst und an der entsprechenden Stelle wieder eingenäht. Dadurch entsteht eine neue Klitoris, die durch die erhalten gebliebenen Ner- venenden später auch sexuelles Lustempfinden ermöglicht. Wie bei einer biologischen Frau wird zusätzlich eine Neovagina mit entsprechender Tiefe platziert. „In der Nacht nach der Operation dachte ich, ich muss nun sterben“, sagt Martina. Sie war alleine ins Krankenhaus gekommen, hatte niemanden, der*die sie begleitet hätte. Sie vertrug das Morphium nicht und bekam erst am nächsten Morgen andere Schmerzmittel.

Eingriffe, Stimmtraining und eine neue Beziehung

Vor Kurzem hat Martina im Zug einen Mann getroffen. Sie fragte ihn, ob er sie noch von früher kenne, da sich ihr Körper und Auftreten dem einer Frau angepasst hatte. Er konnte sie zuordnen, besuchte sie immer wieder und ist jetzt mit ihr in Beziehung. Früher hat sie Männern gegenüber jegliche sexuelle Anziehung verleugnet. Manche Trans*frauen fühlen sich nach dem Prozess der Angleichung weiterhin zu Frauen hingezogen oder Trans*männer zu Männern. Manche Leute glauben, sagt Martina, sie hätte es leicht mit einem Mann: Sie wisse ja schließlich, was Männer mögen. Aber: „Martin ist aus einer großen Angst heraus entstanden. Ich war nie ein Mann“, erwidert sie dann. Michael Peintner erklärt: „Trans*menschen tragen immer die Geschichte ihres anderen Geburtsgeschlechts in sich.“ Das bleibe Teil ihrer Lebensgeschichte und könne nicht weggelöscht werden. Sobald eine Trans*frau spüre, dass sie als Frau ganz angenommen werde, verliert das Thema an Bedeutung. 

Martina begann sofort mit Logopädie: „Die Stimme passt nicht zu mir, sie soll feiner klingen“. Das war ihr von Anfang an klar. Der Ton heute ist weiblich warm, manchmal klingt die Stimme etwas angestrengt. Sie macht weiterhin Stimmtraining. Trans*männer haben mit der Stimme kein Problem: Durch das männliche Hormon Testosteron sind sie schnell im Stimmbruch, die Stimme bleibt tief. Nicht nur die Stimme soll weiblich klingen, Martina will unmissverständlich als Frau gesehen werden: „Ein Mensch drückt sich durch sein Aussehen aus“, sagt sie. „Ich möchte mich frei von Angst und ganz als Frau zeigen.“ Sie wird inzwischen auch ungeschminkt als Frau wahrgenommen. Dass sie die Lippen aufgespritzt hat, gibt sie unumwunden zu. Sie wird noch den Adamsapfel abschleifen lassen, damit er an ihrem Hals nicht mehr sichtbar ist. Um den Bart zu entfernen, hat sie sich in den vergangenen Jahren mehreren schmerzhaften Laserbehandlungen unterzogen.

Oft wird ihr die Frage gestellt, ob sich das alles gelohnt hat, ob sie nicht doch das andere Leben hätte weiterführen und auf Schmerz und Kontaktabbruch hätte verzichten sollen: „Es hat für mich keinen anderen Weg mehr gegeben“, antwortet sie darauf.

Glaube an Gott

In diesem Anpassungsprozess hat ihr der Glaube an Gott geholfen: „Es war der Glaube an das Gute, daran, dass alles bis zum letzten Ende einen Sinn macht“, sagt sie. „Ich kann mich Gott nur nähern, wenn ich mich ihm öffne, wenn ich ihm mein tiefstes Inneres darlege.“

Sie lasse die Gefühle zu, sagt sie: „Ich will kein verhärtetes Herz, weine viel, bin zornig, traurig, voller Freude.“ Nun ist sie angekommen, der Weg war schwierig: „Ich bin glücklich wie noch nie“, sagt Martina. In Kürze wird ihre Geburtsurkunde geändert und das Geschlecht in ihrer Identitätskarte endlich richtig eingetragen.

von Maria Lobis

Der Text erschien erstmals in der 16. Ausgabe von „zebra.”, April 2016.

 

Transgender
Der Begriff „Transgender“ ist eine Bezeichnung für Menschen, die sich mit der Geschlechterrolle, die ihnen bei der Geburt aufgrund der äußeren Geschlechtsmerkmale zugewiesen wurde, nur unzureichend oder gar nicht identifizieren. Transgender ist auch eine Selbstbezeichnung jener Menschen, die sich mit ihren primären und sekundären Geschlechtsmerkmalen nicht oder nicht vollständig identifizieren können. Personen der Richtung Mann-zu-Frau werden als Transfrau, Personen der Richtung Frau-zu-Mann als Transmann bezeichnet. Manche Transgender lehnen jede Form einer Geschlechtszuweisung oder Geschlechtskategorisierung generell ab, andere bezeichnen sich ausschließlich als Person des identifizierten Geschlechts (Mann/Frau). 

Straßburger Gerichtshof stärkt Recht auf Geschlechtsangleichung
Der Europäische Menschenrechtsgerichtshof hat am 10. März 2015 in einem Grundsatzurteil CEDH 075 (2015) das Recht von Transsexuellen auf eine Operation zur Geschlechtsangleichung gestärkt. Die Straßburger Richter gaben einem türkischen Transsexuellen Recht, dem die Gesundheitsbehörden über Jahre eine Geschlechtsangleichung verweigert hatten. Er war als Mädchen geboren worden, fühlte sich aber von Kindheit an als Junge.

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Straßenzeitung zebra.

Beim Zebrastreifen am Bahnhof, vor der Bäckerei, neben dem Dom – die VerkäuferInnen der Organisation für eine solidarische Welt bringen zebra. druckfrisch unter die Leute. Sie sind an ihren Ausweisen gut erkennbar und verkaufen die Straßenzeitung für zwei Euro. Ein Euro davon geht in die Produktion, der andere bleibt dem/der VerkäuferIn. Pro Ausgabe wird ein zebra-Artikel hier auf BARFUSS veröffentlicht – zum Reinschnuppern ins neue Heft.

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