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Mein Vater bei der Waffen-SS

Nach dem Tod seines Vaters wurde Thomas Casagrande klar, dass er endlich mehr über den Mann erfahren wollte, der sich mit 19 Jahren in Neumarkt freiwillig zur Waffen-SS gemeldet hatte.

Nach dem Tod seines Vaters wurde Thomas Casagrande klar, dass er endlich mehr über den Mann erfahren wollte, der sich mit 19 Jahren in Neumarkt freiwillig zur Waffen-SS gemeldet hatte: Wer war er? Was hat er während des Krieges getan? Nach zwanzigjähriger Recherche hat der in Frankfurt lebende Autor nun sein Buch „Südtiroler in der Waffen-SS“ veröffentlicht.

Wann haben Sie das erste Mal bewusst erfahren, dass sich Ihr Vater freiwillig für die Waffen-SS gemeldet hatte?

Die Frage hat sich mir so nie gestellt, da ich sozusagen damit groß geworden bin. Mein Vater hat mir schon als ich klein war voller Stolz von der Waffen-SS und davon, dass er Freiwilliger war, erzählt. Das war selbstverständlich und in meiner Kindheit hatte es etwas Abenteuerliches, Heldenhaftes. Falls es überhaupt einen Moment gab, wo ich aufgemerkt habe und sich bewusst etwas änderte, dann war das bei seinem Tod 1990. Wer war mein Vater, dass er auf einem SS-Veteranentreffen starb?

Wie war das Verhältnis zu Ihrem Vater in Ihrer Kindheit und dann als Jugendlicher?

Widersprüchlich! Himmel und Hölle! In meiner Kindheit war das Verhältnis geprägt von Liebe und Angst. Ich fand meinen Vater toll, bewunderte ihn. Er brachte mir Schachspielen bei, spielte jeden Tag mit mir, war witzig. Aber ich fürchtete seine Wutausbrüche, die ich nie vorhersehen konnte, und die Gründe für seinen Zorn verstand ich nie wirklich. Vielleicht, weil wir uns eigentlich sehr gern hatten. Man sagte immer, ich sei ihm sehr ähnlich. Meistens ging es darum, dass ich „ungehorsam“ war, „Widerworte“ gab, wenn ich geschlagen wurde. Noch schlimmer wurde es, als ich zur Schule ging. Ich wollte oder konnte irgendwie nicht lernen, obwohl ich als recht „helle“ galt. Ich machte keine Hausaufgaben und wurde dann manchmal ganz schön verprügelt. Ich hatte deswegen eine Zeit lang eine schreckliche Angst vor meinem Vater. Es war schon schlimm. Wenn das Telefon klingelte, hatte ich immer Angst, es wäre die Schule und ich bekäme wieder eine Abreibung. Mit Herzklopfen verfolgte ich dann von der Ferne das Gespräch. War es nicht wegen mir, beruhigte ich mich wieder. Wurde ich nach unten zu meinem Vater gerufen, begann für mich ein Alptraum. Als ich dann ein Jugendlicher war, drohte ich ihm, indirekt über meine Mutter, die die Botschaft zu überbringen hatte, in Zukunft zurückzuschlagen. Ich war inzwischen sechzehn, mein Vater hat es dann nicht mehr versucht. Das Schachspiel wurde zu einem stummen Ringen zwischen uns. Mit etwa fünf Jahren lernte ich es, meinen ersten Sieg gegen meinen Vater errang ich mit etwa zehn. Mit sechzehn ging ich in einen Schachklub. Fortan hatte er genauso wenige Chancen gegen mich, wie ich in meiner Kindheit gegen ihn. In den Jahren meiner Jugend und meines jungen Erwachsenseins haben wir viel gestritten – meistens über Politik und auch das sehr heftig. Aber mit jedem Jahr ist das Verhältnis trotz des Streits irgendwie freier geworden und er konnte mich so, wie ich war, akzeptieren. Er nahm sehr interessiert an meinem Leben teil und es war eigentlich auch eine schöne Beziehung.

Gibt es noch Dinge, die Sie über Ihren Vater erfahren wollen? Oder ist Ihre Recherche erst einmal zu Ende?

Ehrlich gesagt träume ich davon, dass jemand sich bei mir meldet und sagt durch das Buch bin ich aufmerksam geworden, dies und das habe ich von deinem Vater oder weiß ich über ihn. Oder dass jemand glaubhaft Details von ihm erzählt, die weitere Puzzleteile sind und das Gesamtbild präzisieren. Etwas ist davon auch schon geschehen und ich habe zwei, drei Kleinigkeiten noch bekommen, die ich falls es noch einmal eine Neuauflage geben sollte, noch mit reinnehmen werde. Am tollsten wäre es natürlich, wenn ich noch mehr private Aufzeichnungen, Briefe etc. bekommen würde. Aber ich bin zufrieden mit dem, was ich über die Jahre gefunden habe. So ist für mich ein recht klares Bild entstanden.

Familie Casagrande

Bild: Thomas Casagrande
Wie wichtig ist es Ihrer Meinung nach, der eigenen Familiengeschichte nachzugehen, gerade in Bezug auf die Zeit des Nationalsozialismus?

Es ist unzweifelhaft, dass wir Kinder stark von unseren Eltern geprägt werden. Das gilt für jede Generation. Dabei ist es egal, ob wir versuchen, ihnen zu folgen, oder ob wir versuchen, uns von ihnen zu distanzieren. So oder so, sie sind und bleiben diejenigen, die uns auf diese Welt gebracht und die genetisch und sozial am frühesten unsere Entwicklung beeinflusst haben. Welche guten, welche schlechten Einflüsse hatten sie? Da nimmt natürlich der Nationalsozialismus eine besondere Stellung ein. Zum einen wegen der totalen Begeisterung, die er bei vielen auslöste. Wegen der Identifikation, der Bereitschaft, dafür sein Leben aufs Spiel zu setzen. Zum anderen wegen der ungeheuren Destruktivität des Nationalsozialismus, des mit ihm verbundenen Rassismus und Antisemitismus und des Herrschaftswahns. Was ist davon in uns, ihren Kindern, vielleicht nur unbewusst, abgelagert?

Tut sich die Enkelgeneration heute leichter als die Kinder der damals Involvierten?

Vielleicht im unbefangenen Fragen. Die Ängste sind geringer. Aber natürlich fehlt auch viel unbewusste Kenntnis der Großeltern. Sie sind weiter weg und wissen weniger. Gleichzeitig können die Enkel ihnen sehr wahrscheinlich auch nie so nah kommen wie wir, die Kinder. Das erleichtert einiges, aber die Beziehung zwischen Enkeln und Großeltern ist in der Regel etwas anderes als die Beziehung der Kinder zu den Eltern.

Die Beschäftigung mit dem eigenen Vater bringt auch Unangenehmes zu Tage, so war Ihr Vater bei Erschießungen von Zivilisten in Rodengo Saiano in Norditalien beteiligt. Wie gehen Sie damit um?

Ich habe bald nach dem Tod meines Vaters begonnen, mich intensiv mit meiner Geschichte und mit ihm auseinanderzusetzen. Die Bilder meiner Angst kamen wieder in mir hoch, die Spuren der Schläge in mir. Ich habe bald begriffen: Wenn mein Vater mich in Situationen, in denen er meinte, dass ich seine Autorität bedrohte, so bestrafen konnte, so seine Wut an mir auslassen konnte, dann wollte ich ihm im Krieg nicht begegnet sein. Insofern wunderte mich Rodengo Saiano nicht, ich hatte so etwas erwartet. Der „totale Krieg“ frisst diejenigen, die sich ihm völlig, mit Leib und Seele aussetzen. Mein Vater hat oft Goebbels zitiert: Wir sind in den Krieg wie in einen Gottesdienst, waren die Worte. Was sollte ich da erwarten? Aber ich bin froh, dass ich meinen Vater nicht bei den Konzentrations- und Vernichtungslagermannschaften „gefunden“ habe. Wäre er z. B. in Auschwitz gewesen und das womöglich auch noch über längere Zeit, wäre das anders für mich gewesen. Wie, musste ich zum Glück nicht erfahren.

Bei einer Gedenkveranstaltung zum 70. Jahrestag der Befreiung von Rodengo Saiano waren Sie anwesend. Wie war es für Sie diesen Ort zu besuchen?

Das muss ich richtig stellen: Ich war dort, aber nicht zum Jahrestag, sondern habe für die Broschüre zum Jahrestag einen kleinen Beitrag geschrieben, der meinem persönlichen Nachwort im Buch ähnelt. Sowohl der Besuch in Rodengo Saiano, als auch das Schreiben des Beitrags waren sehr emotionale Momente für mich. Ich war gerührt wie die Nachkommen der ehemaligen Partisanen, gar einzelne alte Partisanen auf mich reagiert haben. Da war kein Hass. Auch an den Orten zu stehen, an denen mein Vater Anfang 1945 sicherlich auch bei den Erschießungen anwesend war, und auf jeden Fall in der Befehlskette mitgewirkt hat, war sehr aufwühlend. Ich würde so gerne heute mit ihm sprechen, ihm das ganze Material zeigen und hören was er zu sagen hätte. Vielleicht noch eine letzte Anmerkung: Wenn man jung ist, denkt man sich in die Alten oft mit einem falschen Blick hinein. Ich hatte meinen Vater immer vor Augen als ob er als Erwachsener, so wie ich ihn erlebt habe, bei der SS gewesen wäre. Erst mit meiner Recherche und dem Älterwerden habe ich begriffen, wie jung er war, als er damals anfing. Auch das hat mir geholfen, meinen Frieden mit ihm zu machen. Wäre er damals zehn oder fünfzehn Jahre älter gewesen, hätte auch das sicherlich etwas für mich verändert in der Rückschau. Ich würde ihn heute umfassender für seine Taten verantwortlich machen, ihm umfassender die „Schuld“ an seinem Weg geben.

Bild: Edition Raetia

 

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