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Gastbeitrag

Generationenkonflikte im Wandel

„Zum ersten Mal seit langem haben die jungen Menschen das Gefühl, es könnte ihnen schlechter gehen als ihren Eltern und Großeltern“, schreibt Psychologe Wolfgang Hainz in diesem Gastbeitrag.

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Bild: Markus Spiske/unsplash.com

In den letzten Jahren scheint der Ton zwischen den Generationen rauer geworden zu sein. Die jüngeren Menschen in unseren Gesellschaften machen lautstark darauf aufmerksam, dass unsere Welt auf sozio-ökonomische Krisen und globale Bedrohungen zusteuert, und sie machen vor allem die sogenannte Baby-Boomer-Generation (die Zugehörigen der geburtenstarken Jahrgänge der Nachkriegszeit) dafür verantwortlich. Diese hingegen verteidigt das bisher Geleistete und sieht bei den Jungen wenig Wertschätzung für den erreichten Wohlstand und geringe Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen. In etwa so stellt sich in aller Kürze der derzeit wahrnehmbare und auch emotional geführte Konflikt zwischen zwei Generationen dar, die zeitlich am weitesten auseinanderliegen. Und – wie andere Konflikte auch – ist auch dieser mit gegenseitigen Vorhaltungen ausgestattet, die die andere Partei zur Einsicht bringen soll. Dies führt allerdings auch zu Kränkungen auf beiden Seiten und im schlechteren Fall zur Verhärtung der Positionen.

Generationen: Von den Babyboomern bis zur Generation Z
Technische und medizinische Errungenschaften, einschneidende politische Ereignisse, ökonomische Rahmenbedingungen und vieles mehr haben immer wieder dazu geführt, dass Individuen einer bestimmten Gesellschaft und einer bestimmten Epoche von beidem geprägt worden und ihr Denken, Fühlen und Handeln davon beeinflusst worden sind. Um bestimmte Positionen besser zu verstehen, werden hier – zugegebenermaßen völlig unzureichend – die im Allgemeinen beschriebenen Generationen angeführt.

Die Generation, die auf die Kriegs- und Nachkriegsgeneration folgt, ist jene der oben bereits zitierten Babyboomer*innen, die die Jahrgänge von etwa 1950 bis 1964 umfasst. Während zuvor Lebensmittel und Güter aufgrund der Kriegsgeschehnisse rar waren, konnte diese Generation die Vorzüge des Wirtschaftswachstums und sich schnell verbessernden Lebensumständen erleben. Das Lebensmotto ist: Wer fleißig ist, kann viel erreichen.

Die Jahrgänge 1965 bis 1980 bilden die Generation X, die gegenwärtig die Plätze im Management besetzt und die derzeitigen Vorstellungen der Arbeitswelt am meisten prägt. Wichtig sind Individualismus, ein hoher Lebensstandard aber auch genügend Freizeit neben dem Beruf.

Die Chancen für eine gute Ausbildung sind gut, doch die Möglichkeiten auf dem Arbeitsmarkt aufgrund zunehmend prekärer Arbeitsverhältnisse und geringer Entlohnung eher weniger.

Jene Menschen, die zwischen 1981 und 1994 geboren wurden, werden als Generation Y bezeichnet. Das Y steht für „Why“ aus dem Englischen. Die Generation Y zeichnet sich durch eine Suche nach einem tieferen Sinn in der Arbeit aus. Die Wertausrichtung ist leistungs- und karriereorientiert, von Arbeitgeber*innen wird Flexibilität und Work-Life-Blending gefordert. Sie werden auch als Digital Natives bezeichnet, da sie bereits mit den digitalen Medien als Bestandteil des Alltagslebens aufgewachsen sind.

Die jetzige Jugend – Generation Z – umfasst die Jahrgänge von 1995 bis 2010. Die Chancen für eine gute Ausbildung sind gut, doch die Möglichkeiten auf dem Arbeitsmarkt aufgrund zunehmend prekärer Arbeitsverhältnisse und geringer Entlohnung eher weniger. Erwerbsarbeit hat keinen besonders hohen Stellenwert im Vergleich zu Spaß und Freizeit. Angehörige der Generation Z werden auch als  Social Media Natives bezeichnet, für die das Besondere in den sozialen Netzwerken zählt – nur dafür gibt es Likes. Offline hingegen scheinen sie eher ein normales Leben zu schätzen. Familie wird als sicherer Ort gesehen und Werte werden von den Eltern übernommen.

Auch wenn Angehörigen der verschiedenen Generationen aufgrund ihrer Prägung durch die jeweils erlebten gesellschaftlichen Entwicklungen bestimmte Charakteristika zugeschrieben werden, muss doch darauf hingewiesen werden, dass Generationen niemals gänzlich homogene Gebilde mit gemeinsamen Zielen und Anliegen sind. Generationenzugehörigkeit als Identitätsmerkmal darf nicht überbewertet werden, denn Kinder werden zu jeder Zeit überall auf der Welt geboren und viele Prägungen haben mit anderen (individuellen) Sozialisationsprozessen zu tun.

Konflikte zwischen Generationen – was ist anders?
Sogenannte Generationenkonflikte hat es immer gegeben. Konflikte sind Anliegen von unterschiedlichen Parteien, die nicht kompatibel sind, und wo eines der beiden Anliegen vom anderen beeinträchtigt wird. Konflikte werden „heiß“, wenn eine der Parteien der anderen Mutwilligkeit oder Verantwortung für diese Beeinträchtigung zuschreibt und letztere zudem noch als ungerecht erlebt wird.

Der derzeitige Generationenkonflikt scheint ebenfalls dieser Dynamik zu entsprechen. Während die einen auf das Geleistete zurückblicken und auch etwas Anerkennung dafür erwarten, dass sie in die Zukunft der Jungen investiert haben, sehen letztere ihre individuelle aber auch die globale Zukunft von den Folgen genau dieser Leistungen der letzten Jahrzehnte bedroht. Und die Empörung liegt nicht nur darin begründet, dass die Handlungsverantwortung für die derzeitige Situation den vorangegangenen Generationen zugeschrieben wird, sondern dass sie für die notwendigen Veränderungen immer noch bei den älteren Generationen liegt und diese die drohenden Gefahren nicht sehen (oder vermeintlich nicht sehen wollen). Dies wird als ungerecht wahrgenommen.

Weiter angeheizt wird dieser Konflikt zudem durch die erlebte Machtlosigkeit der jungen Generationen: Die in den nächsten Jahren weiter fortschreitende Überalterung der Gesellschaft führt nicht nur dazu, dass jungen Menschen große sozio-ökonomische Problemstellungen übergeben werden, sondern die Unausgewogenheit im Generationenverhältnis entzieht ihnen auch Einflussnahme auf politische Entscheidungen.

Die in den nächsten Jahren weiter fortschreitende Überalterung der Gesellschaft führt nicht nur dazu, dass jungen Menschen große sozio-ökonomische Problemstellungen übergeben werden, sondern die Unausgewogenheit im Generationenverhältnis entzieht ihnen auch Einflussnahme auf politische Entscheidungen.

Was neu zu sein scheint, ist eine grundlegende Stimmung der Hoffnungslosigkeit. Während die Gleichung der sogenannten Boomer*innen „Anstrengung und Fleiß bringen eine gute Zukunft“ lautete, wird dieser Zusammenhang von jungen Menschen als für sich nicht mehr gültig gesehen. Zum ersten Mal seit langem haben die jungen Menschen das Gefühl, es könnte ihnen schlechter gehen, als ihren Eltern und Großeltern.

Neu sind heute auch die Vernetzungsmöglichkeiten der neuen Generation und die Kanäle, sich Gehör zu verschaffen. Digitale Medien ermöglichen globale Vernetzung und die unterschiedlichen Plattformen im Internet einen direkten Zugang in die Öffentlichkeit und stellen eine  Kompensationsmöglichkeit zur fehlenden direkten politischen Einflussnahme dar.

Große Veränderungen sind immer Geschehen mit äußerst komplexen Zusammenhängen. Die Diskussionen um die großen Fragen wie Klimawandel, Digitalisierung, geopolitische Veränderungen, Migration und anderes werden wohl noch weiter gehen. Im Bewusstsein dessen, dass hinter den Konflikten immer zentrale Anliegen stehen, die oft auf einfachen Grundbedürfnissen aufbauen, ist zu wünschen, dass die Debatten jedoch nicht zur defensiven Verhärtung von Positionen führen, sondern über kurz oder lang Wege des Konsens gefunden werden.

Text: Wolfgang Hainz, Psychologe, seit 2002 Mitarbeiter im Forum Prävention in der Fachstelle für Suchtprävention und der Fachstelle Familie

Der Text ist erstmals im Fachmagazin “zB “, Beiträge zur Jugendarbeit in Südtirol und Tirol, Nr. 4/2021, erschienen. Die Zeitschrift wird vom Land Tirol in Zusammenareit mit dem Amt für Jugendarbeit in Südtirol herausgegeben.

 

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