Anzeige
Straßenzeitung zebra.

Gedämpfte Hoffnung

Es ist still geworden in den Schlafräumen, der Mensa und der Werkstatt des Zentrums „Oasis of Endless Hope“ in Ruiru bei Nairobi. Was Corona für einen Jugendlichen des Zentrums bedeutet.

duncan and team during corona lockdown.jpg

Projektleiter Duncan Kimani und sein Team verteilen während des Lockdowns Lebensmittel an bedürftige Familien.
Bild: Duncan Kimani

Für einige Monate zu Jahresbeginn fand der 16-jährige Johnson hier ein neues Zuhause, genau wie andere 19 Jugendliche. Zwanzig hätten bald dazukommen sollen, doch dann kam Corona und die Hausleitung musste das Zentrum schließen. Die Jugendlichen sollten wieder dorthin zurückkehren, woher sie gekommen waren: zu den Familien, die sich nicht oder zu wenig um sie kümmerten, zu gewalttätigen Stiefeltern oder zurück auf die Straße.

Schätzungsweise gibt es in Kenia rund  300.000 „Straßenkinder“. Davon leben 60.000 allein in der Hauptstadt Nairobi. Einige dieser Kinder haben zwar noch eine Familie, können aber aus unterschiedlichen Gründen nicht mehr bei ihr leben. Armut, Scheidung oder Gewalt sind nur einige Gründe. Bei Naturkatastrophen wie Überschwemmungen und den nachfolgenden Ernteausfällen schaffen es einige Familien nicht mehr, ihre Kinder zu ernähren. Mehr als 25 Prozent der Kenianer*innen haben keine fixe Arbeit und müssen mit weniger als einem Dollar pro Tag auskommen. Es kommt häufig vor, dass Kinder nicht einmal eine tägliche Mahlzeit  bekommen. Dabei macht es keinen Unterschied, ob sie in der Stadt oder auf dem Land leben. In einigen Teilen Kenias „erbt“ beim Tod eines Familienvaters dessen Bruder die Familie und nimmt dann die Schwägerin zur Frau. Dies trägt auch zur Verbreitung von HIV bei, wodurch wiederum Kinder verwaisen und in ernsthafte Notlagen geraten. Andere Kinder werden aufgrund einer Scheidung oder Trennung ausgesetzt.

Im Januar war die Situation noch eine andere.

Titel & Urheber des Bildes: 
Duncan Kimani
Die meisten dieser Kinder leben unter sehr harten Bedingungen auf der Straße oder in karitativen Einrichtungen. Die Regierung bemüht sich, gefährdete Kinder aufzufangen und sie in die Obhut verantwortungsvoller Personen zu geben. Alternative Familienbetreuungen wie Kinderheime sollen Kindern eine Perspektive bieten. Aber die Zahl dieser Kinder ist weit größer als die Kapazitäten der Einrichtungen. Es fehlt an finanziellen Mitteln. Familien bekommen keine Unterstützung, wenn sie ein Kind adoptieren. Auch bei den nichtstaatlichen Einrichtungen fehlt es vor allem an Geld, um die Kinder professionell und gut zu begleiten. Angesichts dieser Realitäten haben Waisen und gefährdete Kinder für das privat geführte Zentrum „Oasis of Endless Hope“ oberste Priorität.

Die Kinder sollen Liebe und jene Aufmerksamkeit bekommen, die sie für eine gesunde ganzheitliche Entwicklung benötigen. Wir Mitarbeiter*innen versuchen seit Jahren, politische Vertreter*innen auf die Situation gefährdeter Kinder aufmerksam zu machen und wir fordern ihr Eingreifen. Es müssen notwendige Ressourcen bereitgestellt werden, um sicherzustellen, dass die Grundbedürfnisse der Kinder gedeckt und ihnen ihr Recht auf eine gesunde Entwicklung zugestanden wird.

Johnson hat zuletzt die siebte Klasse besucht, war sehr motiviert und zielstrebig. Derzeit lebt er wieder bei seiner Mutter und seinen Halbgeschwistern. Johnsons Mutter Hannah konnte wie viele nur die Grundschule besuchen. Mit ihren Gelegenheitsjobs kann sie kaum die Familie ernähren. Auch deshalb hat sie sich immer wieder auf Beziehungen eingelassen, um finanziell leichter über die Runden zu kommen. Doch einige dieser Männer haben sie und ihre Kinder geschlagen und missbraucht. Auch Johnson. Deshalb kam er zu „Oasis of Endless Hope“. Johnson möchte die Grundschule so schnell wie möglich abschließen. Der Lockdown macht es seiner Mutter derzeit unmöglich, zu arbeiten. Die Situation zu Hause ist erdrückend und spitzt sich zu. Wann er wieder zurück ins Zentrum kann, ist noch ungewiss.

Text von Duncan Kimani

Das Zentrum „Oasis of Endless Hope“ in Ruiru wird von der Eine Welt Gruppe Sterzing „Malaika“ mitgetragen. Weitere Informationen zum Projekt und Unterstützungsmöglichkeiten unter www.malaika.cc.

Der Artikel ist erstmals in der 56. Ausgabe (Juni 2020) der Straßenzeitung zebra. erschienen.

Anzeige

Straßenzeitung zebra.

Beim Zebrastreifen am Bahnhof, vor der Bäckerei, neben dem Dom – die VerkäuferInnen der Organisation für eine solidarische Welt bringen zebra. druckfrisch unter die Leute. Sie sind an ihren Ausweisen gut erkennbar und verkaufen die Straßenzeitung für drei Euro. Die Hälfte davon geht in die Produktion, die anderen 1,50 Euro bleibt dem/der VerkäuferIn. Pro Ausgabe wird ein zebra-Artikel hier auf BARFUSS veröffentlicht – zum Reinschnuppern ins neue Heft.

Mehr Artikel
Anzeige

Hinterlasse einen Kommentar

Mehr Artikel

 | 
Interview mit Netzaktivistin

"Jeder hat etwas zu verbergen"

Bürgerrechtsaktivistin Katharina Nocun hält wenig davon, auf Smartphone und Soziale Medien pauschal zu verzichten. Sie will eine offene Debatte - aber nicht mit allen.
0    
 | 
Interview mit Verena Pliger

„Ich bin kein Fan von Frauenquoten“

Verena Pliger ist die erste weibliche Direktorin der Wochenzeitung ff. Für echte Gleichstellung im Beruf bevorzugt sie alternative Methoden zur Frauenquote.
0    

4ugen

„Schw4rz“ ist das Soloprojekt des ehemaligen Gitarristen der Band UKOG. Gemeinsam mit Daniel Faranna präsentiert der 33-jährige Philipp Schwarz den Song „4ugen“.
 | 
Mode-„Psychosoph" Roland Novak

Du bist, was du anziehst

Roland Novak über die Unerträglichkeit von Männern in Flip-Flops, die Erfindung des Marketings durch die Nazis und das Mobilisierungspotential von Politiker-Kleidung.
0    
 | 
Südtiroler Kultur-Highlight

Der Schaukler von Prokulus

Er ist das vielleicht berühmteste Stück Südtiroler Kirchenmalerei: der Schaukler im Naturnser Prokulus-Kirchlein. Doch das über 1.300 Jahre alte Gotteshaus hat noch viel mehr zu bieten, das Museum ebenso.
0    
Anzeige
Anzeige