Anzeige
Interview mit Christian Kreiß

Frisierte Forschung

Der ehemalige Investmentbanker Christian Kreiß forscht zum Einfluss der Industrie auf die Forschung. Und zieht ein bedrückendes Fazit.

IMG_6363.JPG

Bild: Wolfgang Tessadri

Christian Kreiß war Investmentbanker und ist heute Professor für Finanzierung an der Fachhochschule Aalen. Von ihm erschien unter anderem das Buch „Gekaufte Forschung – Wissenschaft im Dienst der Konzerne“. Kreiß referierte vor Kurzem auf Einladung der Umweltgruppe Vinschgau im Kulturhaus Schlanders über den Einfluss der Industrie auf Forschungsergebnisse. BARFUSS hat ihn bei dieser Gelegenheit zum Gespräch getroffen.

Herr Kreiß, Sie waren einst Investmentbanker und sind jetzt Hochschulprofessor. Ein beträchtlicher Wandel, was das Arbeitsumfeld und das Einkommen angeht, nehme ich an.
Investmentbanking war spannend und gut bezahlt. Interessanter waren die Deals mit sehr faszinierenden Menschen, das war sehr intensiv und herausfordernd.

Investmentbanker haben keinen guten Ruf. Waren Sie ein „Böser“?
Ich habe mich nie so gefühlt. Sie haben zum Beispiel ein Unternehmen, das ungeheuer kreativ ist, aber einen riesigen Geldmangel hat. Dann bringen Sie das Unternehmen als Investmentbanker an die Börse und es blüht auf. Die Belegschaft verdoppelt sich, die Forschung, der Absatz gehen stark nach oben. Der Chef von Goldman Sachs USA, Lloyd Blankfein, sagte mal, „I'm doing Gods work“. Da entsteht ein Google, ein Amazon, und das hab' ich gemacht. Es gibt allerdings auch die Private Equity-Branche, das habe ich auch gemacht, da hat man kein so gutes Gewissen.

Warum der Wechsel?
Irgendwann stellt man sich die Frage: „Geld oder Leben?“. Unter Familiengesichtspunkten war es eine einfache Entscheidung. Nominal hat sich das Einkommen halbiert, real war es nicht so schlimm, weil man als Beamter ja viele Vorteile genießt. Man hat viel mehr Zeit für Familie und Kinder, aber auch für selbstbestimmtes Arbeiten. Als Beamter auf Lebenszeit können Sie forschen, worüber Sie wollen, wie und wann Sie wollen. Die beste Berufsentscheidung meines Lebens.

„Aber wir sind nicht auf Augenhöhe, wir müssen auf die Knie gehen, um Gelder für die Forschung zu bekommen. Die Geldseite schafft an.“

Das widerspricht jetzt aber Ihrer These! Sie sagen, die Forschung sei nicht frei.
Sie wird immer weniger frei. Heute kann nur mehr die Hälfte der Forscher an Hochschulen frei arbeiten, vor einer Generation waren es fast alle. Die Drittmittel waren damals minimal, das Geld kam direkt von der Hochschule. Heute ist jeder zweite Euro in Deutschland Drittmittel. (Drittmittel sind Gelder, die Universitäten durch staatliche Forschungsprogramme, von Stiftungen oder aus der Wirtschaft zufließen, außerhalb der eigentlichen Hochschulfinanzierung, Anm. d. Red.)
Das heißt, das Geld kommt als Forschungsvorgabe über Landesprogramme, Bundesprogramme, EU-Programme oder direkt von privaten Geldgebern. Diese Programme sind stark industriedominiert, in den zuständigen Gremien sitzen hauptsächlich Lobbyisten, die sagen, worüber geforscht werden soll.

Diese Entwicklung kommt nicht von allein. Natürlich hat die Industrie ein Interesse daran, aber es muss auch jemanden geben, der das zulässt.
Die Studentenzahlen steigen seit 20, 30 Jahren sehr stark, der Forschungsaufwand nimmt zu, die Finanzierung der Hochschulen verbessert sich aber nicht annähernd so stark. Deshalb betteln die Universitäten regelrecht um Gelder aus der Wirtschaft. Kooperation mit der Industrie ist ja wunderbar, wenn sie auf Augenhöhe ist. Aber wir sind nicht auf Augenhöhe, wir müssen auf die Knie gehen, um Gelder für die Forschung zu bekommen. Die Geldseite schafft an.

Kreiß in Schlanders

Bild: Umweltschutzgruppe Vinschgau

Welche Forschungsfelder sind besonders betroffen?
Es gibt riesige Unterschiede. Jede Branche ist anders. Besonders schlimm ist es in der Pharmabranche. An staatlichen Krankenhäusern und Universitätskliniken wird zu 90 Prozent jene Pharmaforschung gemacht, die von den Pharmakonzernen vorgegeben wird. Die Ergebnisse sind entsprechend.

„Ein Medikament kann zum Beispiel wirksam sein, wenn man es drei Monate einnimmt, aber schädlich, wenn man es über ein Jahr einnimmt. Entsprechend passt man das Design der Studie an oder produziert so lange Studien, bis die Ergebnisse passen.“

Wie meinen Sie das?
Man kann Ergebnisse gestalten. „Massaging the numbers“, sagt der Amerikaner. Man wählt die Grundgesamtheit, die Dosierung oder die Laufzeit so aus, dass die Ergebnisse danach passen. Ein Medikament kann zum Beispiel wirksam sein, wenn man es drei Monate einnimmt, aber schädlich, wenn man es über ein Jahr einnimmt. Entsprechend passt man das Design der Studie an oder produziert so lange Studien, bis die Ergebnisse passen.

Wo wird am meisten getrickst?
Pharmakonzerne sind übel, Gentechnik noch übler. Da gibt es fast ausschließlich Forschung der Genindustrie, die zeigen will, es sei alles harmlos. Fast alle Forschungsergebnisse kommen aus internen Forschungslabors, die Daten werden nicht freigegeben, niemand kann das kontrollieren.

Wie kann man dem entgegenwirken?
Das ist nicht einfach. Wenn ich im Bereich Gentechnik forschen will, bekomme ich von den Firmen gar nicht das entsprechende Material. Man müsste Labors an öffentlichen Universitäten einrichten, aber dafür hat der Staat kein Geld. Sagt er. Gleichzeitig unterstützt der Staat die Forschung der Konzerne. Das Geld wäre da, aber es müsste direkt an die Unis gehen und nicht über Gremien verteilt werden, in denen wieder die Lobbyisten sitzen.

„Wenn eine Studie ergibt, dass ein Produkt schlecht ist, verschwindet sie in der Schublade.

In Südtirol werden gerade zwei Debatten sehr intensiv geführt, in denen es auch um Qualität und Neutralität der Forschung geht. Man streitet über Pestizide und Impfungen. Die Politik sagt, es sei alles in Ordnung. Kleine Gruppen leisten Widerstand und sagen, wir werden belogen, es ist gar nichts gut. Was können Sie uns dazu sagen?
Bei Industriestudien kommt regelmäßig heraus, dass zum Beispiel Glyphosat nicht krebserregend und nicht genverändernd ist. Aber fast alle unabhängigen Studien sagen das Gegenteil. Wem soll ich glauben? Dem, der das Mittel verkauft, Milliardengewinne damit macht – Monsanto allein etwa 12 Millionen Dollar Umsatz pro Tag? Oder glaube ich dem Kinderarzt, der die Allergien sieht? Man glaubt dem, der mit Ehrlichkeit und Wahrhaftigkeit forscht, während die Forschung der Industrie immer profitgetrieben ist. Immer.

Immer?
Industriestudien sind immer gewinngetrieben und daher praktisch immer einseitig. Dieselgate, Tabakforschung und so weiter. Wenn sich die Frage stellt, „Gewinn oder Wahrheit?“, verliert fast immer die Wahrheit. Wenn eine Studie ergibt, dass ein Produkt schlecht ist, verschwindet sie in der Schublade.

Wieso gibt es keinen Aufstand der Ärzte? Einzelne treten öffentlich auf, aber von der breiten Masse hört man nichts.
Die meisten Ärzte sind gute, hilfsbereite Menschen, die sehr viel Arbeit haben und jede Woche 80 Stunden lang wissenschaftliche Aufsätze lesen müssten, um auf dem Laufenden zu sein. Das ist unmöglich. Also verlässt man sich auf Gremien. In Deutschland ist das zum Beispiel die Ständige Impfkommission am Robert-Koch-Institut (STIKO). Sie gibt Impfempfehlungen für ganz Deutschland. Von den 17 Mitgliedern der STIKO sind 13 mit der Impfindustrie verbandelt. Das ist ein Skandal erster Güte, die STIKO müsste sofort wegen Befangenheit aufgelöst werden. Das ist, wie wenn Dr. Haribo erklärt, dass Gummibärchen gesund für kleine Kinder sind.
Die ganze Impfforschung ist fest in Händen der Impfkonzerne, es gibt fast keine freie Forschung. Daher gibt es kaum Forschung zu Impfschäden, zu Prophylaxe, zur Stärkung des Immunsystems durch Krankheiten. Und jetzt lesen rechtschaffene Kinderärzte, die das Beste für ihre Patienten wollen, dass alle Profis sagen, Impfen ist super. Wenn immer die selbe Platte läuft, glaubt man es irgendwann.

Sie sagen aber nicht, impfen sei grundsätzlich schlecht. Wie finden wir einen Mittelweg zwischen Totalverweigerung und der vollen Dosis Vakzine?
Meine Frau und ich haben unsere drei jüngeren Kinder gegen Tetanus geimpft und später gegen Masern, Mumps und Röteln, weil die gefährlich sein können, wenn sie im falschen Alter kommen. Es gibt wundervolle Impfungen gegen Kinderlähmung oder Tetanus. Aber mit diesem Vorwand impft man zu früh, zu viel und teilweise haarsträubende Wirkstoffe. Es gibt viele sehr umstrittene Impfstoffe.
 

„Die Zulassungen basieren fast nur auf industrieinternen Studien, die man nach Strich und Faden frisieren kann.

Diese ganzen falschen oder gefälschten Studien werden von Wissenschaftlern gemacht, die der Wahrheit verpflichtet wären. Sind diese Wissenschaftler alle korrupt, unethisch, kriminell?
Nein, nicht korrupt, nicht unethisch, nicht kriminell. Nehmen wir an, Sie sind ein junger Forscher. Nach dem Studium sagt die Impfindustrie, komm zu mir, ich habe die neuesten Wirkstoffe, super ausgerüstete Labore, forsch' doch bei mir. Mit 24 Jahren sagen Sie sich, klar, mach' ich. Dann bekommen Sie das entsprechende Forschungssetting und legen los. Das geht ganz subtil, man kommt in ein goldenes Hamsterrad, publiziert seine Ergebnisse und so weiter. Ich unterstelle keine kriminelle Energie. Es gibt Kriminelle, aber das sind Ausnahmen. Die meisten sind anständige Leute, die in eine bestimmte Richtung gedrängt werden. Eine wichtige Frage ist: Worüber wird eigentlich nicht geforscht?

Was können Sie mir zum Thema Glyphosat erzählen?
Viele anständige Landwirte und Politiker fragen, was hast du denn mit dem Glyphosat, das ist ja gründlich getestet und zugelassen. Was regt man sich darüber auf? Aber wie ist Glyphosat zugelassen worden? Die Zulassungen basieren fast nur auf industrieinternen Studien, die man nach Strich und Faden frisieren kann. Über Laufzeit, Setting, Dosierung und so weiter. Diese Studien wurden zum großen Teil nie der freien, unabhängigen Wissenschaft übergeben. Betriebsgeheimnis, sagt Monsanto. In der Zulassungskommission sitzen weitere Lobbyisten. Die Zulassung ist nicht sauber, selbst Monsanto-interne Wissenschaftler geben zu, dass sie keinen Nachweis haben, dass Glyphosat nicht karzinogen ist. Weil sie das nie untersucht haben. Das ist ungeheuerlich.

Das klingt ein wenig verschwörungstheoretisch. Das deutsche Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) sagt zum Beispiel, Glyphosat sei „eher nicht in bedenklichem Maße krebserregend“. Warum sollten die Monsanto glauben und nicht ihre eigenen Schlüsse ziehen?
Der Chef der Abteilung „Sicherheit von Pestiziden“, Roland Solecki, hat wissenschaftliche Papiere zusammen mit Forschern der Chemieindustrie veröffentlicht, in der für Pestizide zuständigen Abteilung vom BfR sitzen Mitarbeiter von Bayer und BASF. Die Behörde ist nicht ausgewogen besetzt. Es gibt den massiven Plagiatsvorwurf, dass passagenweise aus unternehmensinternen Gutachten kopiert wurde und man stützt sich ganz überwiegend auf firmeninterne Gutachten. Außerdem wurde in den der Zulassung zugrundeliegenden Studien normalerweise lediglich der reine Wirkstoff Glyphosat untersucht, aber im Spritzmittel ist noch viel mehr drin, Trägerstoffe, Verdünnungsmittel und so weiter, die sich gegenseitig beeinflussen und normalerweise viel toxischer sind.

Wie erkenne ich eine saubere Studie? Was kann ich als Nicht-Wissenschaftler tun? Denn plötzlich alles glauben, was aus dem alternativen Eck kommt, ist wohl auch nicht empfehlenswert.
Das ist unglaublich schwer. Man müsste die Studienautoren kennen und wissen, wo die stehen. Aber die großen Blätter kriegen riesige Anzeigenaufträge von Bayer, Monsanto, Syngenta und werden mit Studien und Berichten aus den Konzernen so geflutet, dass die wenigen unabhängigen Studien total untergehen.

Kann man den Betrug denn nicht nachweisen?
Das ist sehr schwierig. Nur die krasse Lüge fliegt auf, wie bei VW. Dass schon bisher die Verbrauchswerte für Treibstoff bei allen Autos nicht stimmen, wusste jeder, passiert ist aber nichts. Da wird nicht gelogen, sondern nur unsauber gearbeitet. Sie nehmen 100 Proben und suchen jene 13 aus, die ins Konzept passen. 

Matthias Mayr

überzeugter Heimkehrer, solange man ihm seinen Reisepass nicht abnimmt. Salurner, Maschggramensch, mag es barfuß, warm und sonnig.
Anzeige
Anzeige

Hinterlasse einen Kommentar

Vielen Dank Herr Mayr für dieses sehr informative Interview, das grundsätzlich zeigt, wie intransparent Forschungsergebnisse präsentiert werden. Die Lösung zugleich aber auch nicht in einer ostentativen Offenlegung der Abwicklungsprozesse und Publikationsverfahren liegen kann, da der Kreis der Forschungsverständigen zu klein, die Sachkenntnis begrenzt und der Aufwand zu groß ist, um eine nachhaltige Diskussion in der Gesellschaft starten zu können. Möchte aber noch einen Punkt ergänzen, auf den Herr Kreiß zu Recht verweist, allerdings die tieferliegenden Problematiken nicht anspricht. Es stimmt durchaus, dass die Forschungseinrichtungen an den Universitäten im Laufe der letzten Jahrzehnte weniger Geld von der öffentlichen Hand erhalten hat, gleichzeitig durch die hohen Studentenzahlen die Kosten gestiegen sind und nun die Privatwirtschaft die monetäre Lücke schließt. Der Ausweg, möge man meinen, liege allein in der Verantwortlichkeit des Staates, der durch eine Erhöhung des Bildungsetats den Forschungsinstituten an der Universität wieder einen größeren Spielraum bei der Wahl ihrer Forschungsvorhaben ermöglichen könnte. Damit nimmt aber man nur eine Seite der Träger einer solchen Fehlentwicklung in die Verantwortung. Ebenso dafür verantwortlich zeichnet sich die demokratische Basis, die Parteien wählt, denen es weniger wichtig ist, eine verstärkte Bildungspolitik zu betreiben. Dies wiederum hängt auch mit der fortschreitenden Abkehr unserer Gesellschaft zusammen, in der Bildung das wesentliche Erziehungsziel mündiger Staatsbürger erkennen zu wollen. Sie sehen also, wir tragen mit an der Entwicklung solcher Prozesse; sie zu verändern, liegt auch an uns.

Herzlichst,
ein geneigter Leser Ihrer Beiträge.

Werter Herr Tranquillius, 

 

vielen Dank für Ihren Beitrag, dem man nur zustimmen kann, und Ihre netten Worte. 

Wenn Sie sch doch zu erkennen geben wollen, Sie erreichen mich unter matthias@barfuss.it.

 

Herzlichst

Matthias

Mehr Artikel

The Composer: Folge 1

„The Composer“ ist ein Spielfilm von jungen Südtirolern. Auf BARFUSS ist der Film jetzt als 13-teilige Webserie zu sehen.
 | 
Isch Gleich

Aus der Forschungssteinzeit

Zwischen Attacken aus dem Weltall und einer Diskussion über die Wissenschaft in Südtirol: Der Wissenschafts-Podcast Isch Gleich startet in die zweite Staffel.
0    
Tracy Merano und Emi Massmer

Like This

Eine Liebesgeschichte und ein Blick zurück in die eigene Kindheit: Tracy Merano und Emi Massmer präsentieren ihr neues Musikvideo, ein Medley.
 | 
Film über Guido Zingerle

Das Ungeheuer von Tirol

Mit seinem Namen wurden Kinder geängstigt – jetzt kommt er ins Kino. Regisseur Eric Weglehner und Hauptdarsteller Roland Silbernagl über den schmalen Grat zwischen Gut und Böse.
0    
 | 
Reportage zur Pelzmode

Pelz ist out

Studien zeigen: Immer mehr Menschen sind gegen die Verwendung von Pelz in der Modeindustrie. Wie reagieren Geschäfte und Modeketten darauf?
0    
Anzeige