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Interview zur Filmförderung

"Das ganze Land hat profitiert"

Kein Geld mehr für die Filmwirtschaft? Für Martin Rattini, Mitglied des Filmverbands, Produzent und Kameramann, wäre das eine politische Fahrlässigkeit.

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Martin Rattini als Kameramann in Aktion.

Bild: Joni Rinn

Martin Rattini ist Mitglied des Filmverbands Südtirol (FAS) der ersten Stunde und hat sich jahrelang für die Einrichtung der Filmförderung in Südtirol eingesetzt. Die Förderung wurde bislang in drei sogenannten Calls, also Bewerbungsrunden, pro Jahr an die Filmschaffende verteilt. Nun wurde der zweite Förder-Call für die Filmförderung 2021 von IDM und Land Südtirol kurzerhand ausgesetzt – und der Filmproduzent Martin Rattini und seine Mitstreiter bangen um die Zukunft des Filmstandorts Südtirol. Eine gute Gelegenheit, um nachzufragen, wo die Südtiroler Filmbranche steht.

Der Ausfall der Förderung kam unangekündigt. Wie haben die Südtiroler Filmschaffenden reagiert?
Mit Entsetzen und Erschütterung. Es ist uns unverständlich, wie das passieren konnte, weil die Branche im ganzen Krisenjahr gearbeitet hat. Es war zwar nicht leicht, aber es ist nie zu einem totalen Stillstand gekommen. Einige in der Branche haben keine Corona-Hilfen in Anspruch genommen, weil es ein funktionierendes System gab, das diesen Wirtschaftszweig am Laufen hielt. Wenn man dieses System jetzt ausschaltet, muss man auf der anderen Seite wieder Hilfsgelder in die Wirtschaft pumpen, allerdings ohne, dass dabei etwas produziert wird.

Filmproduzent und FAS-Mitglied Martin Rattini

Titel & Urheber des Bildes: 
Martin Rattini/helios

Droht der Südtiroler Filmbranche jetzt das Aus?
Wenn es keinen Film Fund gibt, wird es keine Zukunft für den Filmstandort Südtirol geben. Wir haben als FAS über zehn Jahre lang dafür gekämpft, dass es diese Förderung nach europäischem Modell gibt, damit wir uns internationalisieren und nicht nur fürs Regionalfernsehen produzieren können.

Das wurde 2010 endlich ermöglicht.
Seitdem wurde der Film Fund Jahr für Jahr ausgebaut. Die Kinderkrankheiten wurden ausgemerzt und es entstand etwas, das wirklich funktionierte. Das Filmland Südtirol ist aufgeblüht. Es sind neue Dienstleistungen und neue Berufe entstanden. Für uns Produzenten war es endlich möglich, uns auf dem internationalen Markt als Ko-Produzenten attraktiv anzubieten. Ohne Film Fund würde das alles ausgelöscht werden.

Was würde dann aus den Filmschaffenden werden?
Zuerst würden viele Set-Leute, wie Locationscouts, Kostüm- und Maskenbildner, Beleuchter, Maschinisten, Szenenbildner, Caster, Caterer, Fahrer, Regie- und Kameraassistenten auf der Straße sitzen, aber Filmschaffende sind vor allem Kreative. Sie müssten sich wieder neu erfinden und Beruf wechseln. Oder sie gehen ins Ausland, wo es noch eine funktionierende Filmwirtschaft gibt. In Deutschland und im restlichen Italien wurden die Filmförderungen während Corona übrigens aufgestockt.

Es wurde in Aussicht gestellt, dass die Filmförderung nur vorübergehend ausgesetzt wird.
Das wurde in Aussicht gestellt und ich hoffe, dass wir bis 2022 zur Normalität zurückkehren, das heißt, dass über drei Förder-Calls wieder rund 5 Millionen im Jahr an Filmprojekte verteilt werden.

Warum wird gerade beim Film gespart?
Vermutlich sind wir verhältnismäßig zu klein und haben keine starke Lobby. Die Politik verteilt das Geld jetzt lieber dort, wo am lautesten danach gerufen wird.

Bist du selbst in deinem eigenen Schaffen davon betroffen?
Ich und meine Produktionsfirma sind in der glücklichen Situation, bereits im letzten Call für zwei Projekte gefördert worden zu sein. Langfristig wäre es für mich auch ein Aus als Filmproduzent.

Wie hat sich die Südtiroler Filmlandschaft mit der Filmförderung entwickelt?
Ich würde sagen, die Filmbranche ist in Südtirol überhaupt erst mit dem Film Fund entstanden. Zuvor gab es nur die Filmschule Zelig und wer mit der Ausbildung fertig war, musste ins Ausland gehen. Mit dem Film Fund wurde Südtirol richtig attraktiv, nicht nur für Südtiroler Filmschaffende, sondern auch für Filmproduzenten von draußen, von Hollywood bis Netflix. Und davon profitierte das ganze Land, denn der Umsatz, der im Jahr 2020 durchschnittlich im Land gemacht wurde, betrug 246 Prozent der ursprünglichen Förderung.

Der Film Fund hat also auch dazu beigetragen, kreative Köpfe im Land zu behalten…
… und sie aufzubauen. Eine Arbeit, die noch gar nicht zu Ende ist. Idealerweise erreichen wir einmal einen Punkt, wo wir einen ganzen Film aus und in Südtirol produzieren können.

Vermutlich sind wir verhältnismäßig zu klein und haben keine starke Lobby. Die Politik verteilt das Geld jetzt lieber dort, wo am lautesten danach gerufen wird.

Wie steht die Südtiroler Filmbranche im internationalen Vergleich da?
Wir sind ein attraktiver Partner geworden für Produzenten, die lokal verankerte Co-Produzenten suchen. Einen ganzen Spielfilm aus Südtirol heraus zu finanzieren, ist noch nicht möglich. Langfristig wäre dies das Ziel.

Hat auch Corona – abgesehen von den Kürzungen – die Filmschaffenden getroffen?
Die Branche hat während der Corona-Krise weitergearbeitet. Für Filme, die nicht gerade die Pandemie zum Thema haben, war es visuell aber ein Problem, wenn überall Masken und Abstandsregeln zu sehen sind.

Kann man sich am Filmset nicht eine kleine Welt ohne Corona erschaffen?
Bei Spielfilmen funktioniert das ganz gut, weil das Set ein geschlossener Nukleus ist. Ich bin gerade auf so einem Filmset, da wird zwei Mal in der Woche getestet. Zwischen allen Beteiligten gelten strikte Abstands- und Hygieneregeln außer zwischen den Schauspielern, die vor der Kamera zu sehen sind. Für den Zuschauer wirkt das, als würde Corona keine Rolle spielen. Bei Dokumentarfilmen ist es schwieriger, weil man nicht in einem Set, sondern in einer realen Umgebung dreht. Viele Doku-Projekte stehen deshalb gerade still oder wurden bis auf weiteres verschoben.

In Deutschland hat die Filmbranche durch eine umstrittene Protestaktion von sich reden gemacht. Unter dem Schlagwort #allesdichtmachen haben prominente Schauspieler in satirischen Videos die Corona-Maßnahmen als übertrieben und autoritär persifliert. Wie stehst du dazu?
Ich habe die Videos gesehen, habe mir dazu aber noch keine klare Meinung bilden können.

Warum wurden die Corona-Maßnahmen, jenseits von Querdenker-Demos, zum ersten Mal gerade in der Filmbranche so stark abgelehnt?
Ist das so? Wurden sonst keine kritischen Stimmen zu dem Thema laut? Vielleicht hat diese Aktion ja erst durch die Bekanntheit der teilnehmenden Gesichter so viel Aufmerksamkeit auf sich gezogen. Ich finde grundsätzlich, Kritik sollte immer zulässig sein und man soll auch offen und kontrovers diskutieren.

Gerade diese offene Debatte sahen manche in Gefahr, nachdem die Kampagne der Schauspieler massive Empörung – auch schon mit Zügen einer Gegenkampagne – nach sich gezogen hat.
Ich befürchte, dass der psychologische und soziale Schaden ziemlich groß sein wird. Da wird es viel aufzuarbeiten geben, auch in Hinsicht auf die Spaltung der Gesellschaft. Was man jetzt beobachten kann, ist sehr erschreckend. Eigentlich Stoff für einen Film.

 

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