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„Wer profitiert, wenn ich glaube?“

Verschwörungsmythen und Fake News verbreiten sich rasant – vor allem unter jungen Menschen. Wie man Fakt von Fake unterscheidet und wer hinter Falschinformationen steckt.

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Bild: Alen Velagic

Alen Velagic ist Mediencoach und freier Mitarbeiter der Initiative Saferinternet.at in Wien. Der 34-Jährige mit bosnischer und österreichischer Staatsbürgerschaft ist studierter Politik- und Kommunikationswissenschaftler. Im Oktober hielt er im Jugendzentrum JUKAS in Brixen einen Vortrag zum Umgang mit Verschwörungsideologien. zebra. traf ihn zum Interview.

Sie befassen sich seit mehreren Jahren mit Themen wie Betrug im Netz, Fake News, Datenschutz, Cybermobbing und Verschwörungsmythen. Hat sich seit Corona etwas merklich verändert?
In extremen Gruppierungen sind Verschwörungsmythen und Fake News nichts Neues: Sie stehen auf der Tagesordnung. Vor einem Jahr drehten sich viele Mythen rund um G5, pädophile Netzwerke, Pizzagate und Qanon. Seit Anfang dieses Jahres wird viel Stimmung gegen die Corona-Maßnahmen gemacht und solche Netzwerke haben Hochkonjunktur. Die Erzählungen werden vermischt und wieder neu aufgerollt. Aber das ist ein bekanntes Muster: Immer wenn eine Gesellschaft Krisen erlebt, seien es Kriege, Finanzcrashs oder Pandemien, entstehen neue Mythen. Da werden verschiedene Themen aufgegriffen, um unterschiedliche Ziele zu erreichen.

Was ist das Problem daran?
Problematisch ist etwa, dass Rechtsextremisten immer öfters Verschwörungsgruppierungen unterwandern, um sie für ihre Zwecke zu instrumentalisieren. Aus dem einfachen Grund heraus, dass rechtsextremes Gedankengut schon bekannt und eigentlich gesellschaftlich verpönt ist. Wir sind in einer gewissen Art schon resistent dagegen. Indem aktuelle Themen aufgegriffen werden, können Extremisten ihre Ideologie neu platzieren. Deshalb ist es wichtig zu klären, wer die Leute sind, die hinter einer Information stecken. Auch diverse Themen, die wir heute nicht zu den Verschwörungsmythen zählen und die durch Proteste und ähnliches in die Öffentlichkeit getragen werden, werden von rechtsextremen Gruppierungen unterwandert.

Warum betrifft dies gerade auch Jugendliche?
Jugendliche werden stark von den Informationen in ihrer Umgebung geprägt. Das beginnt schon im Kindesalter, wo sie Themen bei Eltern und Geschwistern aufschnappen, in der Schule oder über diverse Influencer*innen in den sozialen Medien. Ein wirkliches Problem ist erst dann gegeben, wenn im häuslichen Umfeld Konflikte aufkommen und die Betroffenen mit Argumenten der Verschwörungsszene Halt suchen. Dann werden plötzlich auch fremdenfeindliche, antisemitische und rassistische Ideologien attraktiv. Der Mythos einer jüdischen Weltverschwörung wird etwa für die eigenen Probleme verantwortlich gemacht.

Welche Rolle spielt hier das Internet?
Jugendliche wachsen heute mit sozialen Netzwerken und dem Internet auf. Sie haben im Vergleich zu Erwachsenen keine Hemmungen im Umgang mit neuen Technologien und misstrauen ihnen nicht. Smartphones sind so konzipiert, dass sie bereits von Kleinkindern intuitiv benutzt werden können. Das führt dazu, dass Jugendliche anfälliger für Betrug im Internet sind als Erwachsene. Sie haben sich oft noch nicht die nötige Informationskompetenz angeeignet und können Falschinformationen nicht einordnen.

In Ihrer Publikation „Die Wahrheit hängt vom Nutzen ab“ geht es um Informationskompetenz. Was verstehen Sie darunter?
Es ist die Fähigkeit mit Informationen selbstbestimmt, souverän und zielgerichtet umzugehen. Wenn sie von klein auf nicht vermittelt wird, fehlt sie oft auch im Erwachsenenleben. Jugendliche müssen lernen, Informationen zu verarbeiten und wiederzugeben. Drei Fragen sind dafür erforderlich: Was sagt die Information aus? Was für eine Handlung wird von mir erwartet? Was soll das Ergebnis sein? Wenn jemand diese Fragen aufgrund seiner Lebensjahre nicht begreift, dann wird eine Information, die ganz offensichtlich eine Manipulation ist, nicht erkannt. Wer keine ausgeprägte Informationskompetenz hat, ist also leicht beeinflussbar.

Bild: zebra.

Dennoch ist es nicht so leicht, Fakt von Fake zu unterscheiden. Was hilft dabei?
Inzwischen gibt es verschiedene technische Lösungen, falschen Informationen auf den Grund zu gehen. Mit dem Google-Bild-Browser kann man beispielsweise die Herkunft eines Bildes prüfen. Ich kann herausfinden, wo das Bild schon überall verwendet wurde, wie alt es ist und ob es dazu schon Diskussionen im Netz gibt. Zudem gibt es Unternehmen, die Faktenchecks anbieten und ich kann bei textbasierten Inhalten zumindest Begriffe und Namen recherchieren und die Quellenlage prüfen.

Warum fallen dennoch so viele auf Falschinformationen hinein?
Informationskompetenz hängt eng mit dem eigenen Interesse zusammen. Wenn Menschen nicht in der Lage sind, die Konsequenzen von Fake News abzuschätzen, sie nicht prüfen und sie aus Eigeninteresse glauben wollen, dann hilft keine Argumentation. Ein solches Verhalten ist aber fahrlässig, da die Verbreitung von Fake News schwerwiegende Folgen hat. Viele Verschwörungsmythen basieren etwa auf antisemitischen Codes. Was geschieht in Zukunft mit Menschen, die solche Codes verbreiten? Besonders Jugendliche, die leichtfertig mit diesen Informationen in den sozialen Medien umgehen, müssen begreifen, dass die Informationen, die sie auf ihren Kanälen veröffentlichen, von der Öffentlichkeit, von potentiellen Arbeitgeber*innen gesehen werden und auch rechtlich geahndet werden können.

Was raten Sie einer 16-Jährigen, die eine WhatsApp-Nachricht erhält, in der behauptet wird, dass schmerzstillende Medikamente wie Ibuprofen und Cortisol bei einer Corona-Infektion schädlich sind (Eine Falschnachricht, die im März 2020 verbreitet wurde)?
Grundsätzlich würde ich sie bitten, sich zu fragen, was mit dieser Information von ihr erwartet wird. Was für ein Opfer muss sie für diese Information erbringen? Was, wenn ihre Oma Cortisol zum Überleben braucht? Wer profitiert von so einer Nachricht? Zusätzlich kann man sich an einen einfachen Stufenplan halten (siehe Grafik). Weil diesen aber auch jene kennen, die Fehlinformationen verbreiten, hilft oft nur eine fundierte Forschung, um der Sache gänzlich auf den Grund zu gehen.

Welche Ziele werden mit solch manipulativen Informationen verfolgt?
Die Ziele sind unterschiedlich, aber es geht immer um Macht. Es kann darum gehen, einen politischen Gegner zu diffamieren oder Diskussionen zu manipulieren, die Stimmung in einer Gesellschaft zu steuern, Aufmerksamkeit und Emotionen hervorzurufen. Was konkret dahinter steckt, variiert von Fall zu Fall. Bei den Veranstaltungen gegen die Covid-19-Maßnahmen kann man sich einen Zugang zu den Organisator*innen verschaffen und zu jenen, die mitmachen. Sie alle haben Motive und es sind nicht „schlechte“ Menschen. Sehr viele haben berechtigte Ängste: Die Gastronomie, der Tourismus, die Freizeitbranche schaffen Arbeitsplätze, die von der Mobilität der Menschen abhängen. Wird die Mobilität eingeschränkt, sinkt die Nachfrage. Die Folge sind Arbeitslosigkeit und Armut.

Wer profitiert dann von Verschwörungsmythen?
Meist sind es die „Propheten“, die Meinungsmacher*innen einer Gruppierung, das Organisationszentrum einer Sekte oder eine Gruppe im Hintergrund, die ein politisches oder wirtschaftliches Ziel verfolgt. Der Rest besteht aus Mitlaufenden und die machen im Grunde die dreckige, unprofitable Arbeit. Dennoch birgt der Glaube an eine Falschinformation einen gewissen Nutzen für sie, und genau das macht eine Argumentation mit den Verbreiter*innen von Verschwörungserzählungen schwierig.

Warum ist diese Diskussion so schwierig?
Ich hatte erst kürzlich ein Treffen mit EU-Skeptiker*innen, die glauben, dass Bill Gates alle Menschen chippen will. Sie waren gegen alles, was die Covid19-Regelungen der Bundesregierung betrifft. Ich musste die Diskussion mit Ihnen abbrechen, weil jedes meiner Gegenargumente abgeblockt wurde und eine Eskalation drohte. Ich frage mich da immer: Was will ich mit einer Diskussion erreichen? Aufklärung kann mir gelingen oder eben nicht. Das hängt vom eigenen Wissensstand, der Fähigkeit zu argumentieren und auch davon ab, wie weit ich das Gegenüber an seine eigenen Grenzen drängen will.

Das Thema ist komplex. Aber was muss sich grundlegend ändern, damit sich vor allem junge Menschen in digitalen Räumen selbstbestimmt und reflektiert bewegen können?
Bildungseinrichtungen spielen da eine zentrale Rolle. Der Staat muss einsehen, dass zwei Stunden Medienkompetenz im Jahr nicht genug sind und dass das Thema interdisziplinär angegangen werden muss. Dafür braucht es mehr Geld im Bildungsbereich und überhaupt in der sozialen Arbeit, damit hier nachhaltig gearbeitet werden kann.

Interview: Anna Mayr

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