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Interview mit 90-Jährigen

„Da schafft ein anderer“

Die Journalistin Astrid Kofler hat mit 90-Jährigen über ihr Leben gesprochen – so auch mit Luisa Witt, die 87 Jahre lang am Naturnser Sonnenberg lebte.

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Bild: Thomas Wiedenhofer

Seit der Geburt lebte Luisa Witt auf Plattatsch am Naturnser Sonnenberg, einem Hof auf einer Felsnase mit fantastischer Aussicht. Die Abgeschiedenheit hat sie nie verdrossen, sie hat sie geliebt. 87 Jahre verbrachte sie hier mit ihrer um ein Jahr älteren Schwester Maria. Eine Zeit lang war noch eine dritte Schwester, Josefa, mit ihnen. Drei Frauen, vier Kinder, kein Bauer. Die Abwesenheit männlicher Arbeitskräfte zwang sie zu einer Selbstständigkeit, die sie anderswo niemals hätten erlangen können. Sie waren arm, aber frei. Sie arbeiteten hart, aber genossen das Schläfchen nach dem Mittagessen auf der schmalen Holzbank in der Küche. Sie schöpften das warme Wasser aus dem Wanndl am Herd, sie waren es gewohnt und vermissten kein Bad. Sie haben nie gejammert, nie geklagt. Es gab nur einen, dem sie sich beugten. Das war der Obere: Der schafft an, da kann man nichts machen. Der schafft an, aber auch nur der, niemand sonst.

Astrid Kofler: Sie haben Ihr ganzes Leben dort verbracht.
Luisa Witt: Siegsch woll. Meine Schwester Moidl sagt auch, ich möchte gerne wieder heim, auf den Hof. Wenn ich hier die paar Meter zur Nachbarin vorspaziere und mich dort auf die Bank setze, dann sehe ich meine Heimat. Das Autofahren verkrafte ich halt nicht mehr. Dann tut mir alles weh. Meiner Schwester auch. Die Kurven, die tun uns nicht gut. Es ist schon fein hier bei der Irmi in Naturns, aber die Heimat bleibt die Heimat. Der Drobere da oben schafft da, beim Sterben und beim Wetter kann niemand nichts tun. Was willsch tian.

Der Drobere da oben schafft da, beim Sterben und beim Wetter kann niemand nichts tun.

„Siegsch woll.“ „Was willsch tian.“ Fast jeden Satz beginnt Luisa Witt mit diesen Worten, fast jeden beendet sie damit. Sie spricht langsam, ihre Stimme ist zaghaft, doch kann sie auch poltern. Manchmal antwortet sie auf Fragen, manchmal wirkt sie, als sei sie irgendwo anders, als flögen die Gedanken mit den Dohlen. Altersdemenz ist es nicht. Sie war schon früher freundlich und bestimmt, achtsam und unbeeindruckt, hier und weit weg. Sie war stets glücklich in ihrer eigenen kleinen großen Welt hoch über dem Dorf. Die andere vermisste sie nicht.

Luisa Witt: Was willsch tian. Jetzt bin ich bald vier Jahre hier. Im Winter 2017 sind wir beide erkrankt. Zugleich haben wir Husten bekommen und dann Fieber. Und dann noch eine Lungenentzündung. Beide mussten wir ins Krankenhaus und dann meinten unsere Töchter, wir sollten besser heruntenbleiben. Ich bin seither in Naturns bei der Irmi und die Moidl bei der Erna in Klausen.

Naaaa. Sie sagt es lange und gedehnt, schüttelt den Kopf dabei. Der Blick schweift in die Ferne. Luisa Witt hat nie viel geredet. Die Moidl ging immer hinunter ins Dorf zum Einkaufen, die Moidl war hie und da unter Menschen, Luisa blieb oben. Dass in den vergangenen Jahren Luisa mehr zu reden begann und ihre Schwester fast nichts mehr sagte, hatte damit zu tun, dass Moidl immer schlechter hörte. Auch sie höre nicht alles, sie sagt, ich bin froh, dass ich ein Ohr zu habe.

Bild: Luisa Witt

Luisa Witt: Jaja, die Irmi verwöhnt mich schon. Im Sommer ist sie immer auf der Alm, da gehe ich dann mit. Wenn die Schwester da wäre, wäre es hier halt feiner. Noch feiner. Sie fehlt mir schon sehr. Wir sind immer beisammen gewesen, unser ganzes Leben lang. Jetzt ist sie 92, sie ist 1929 geboren, im September, am Festtag Mariae Namen, und ich bin 91. Jaja, was willsch tian. Das ist immer so gewesen. Ende April treiben die Erdäpfel aus, die vom Vorjahr in der Erde blieben. Aber meist bekommen sie dann wieder zu kalt. Deswegen sagt man bei den Erdäpfeln: Legst mi im April, komm i, wann i will. Legst mi im Mai, komm i glei.

Astrid Kofler: Eine alte Bauernregel?
Luisa Witt: Auf diese Regel ist Verlass. Im April beginnt oben alles zu blühen, irgendetwas blüht immer. Im Garten sind Blumen und Kräuter, die sind 40 Jahre alt. Sie waren immer unser Stolz. Blumen, die man anderswo gar nicht mehr findet. Wir hatten das ganze Jahr zu tun, ein Kreislauf. Früher haben wir mit den Kühen selbst den Kornacker gepflügt. Dann mithilfe des Seilzugs und der Seilwinde. Wir hatten auch eine eigene Mühle, eine halbe Stunde mussten wir das Getreide hintragen. Dreimal haben wir gemäht, das Heu, das Grummet, den Pofel. Lange haben wir die Milch ins Tal geschickt. Zum Schluss nicht mehr. Wir haben Streb gesammelt, damit die Kühe nicht im Dreck liegen mussten. Früher haben die Kühe viel leichter gekalbelt, später bekamen sie zu gutes Futter, da sind die Kalblen größer geworden und die Kühe haben sich viel schwerer getan. Wir hatten alles gut aufgeteilt unter uns. Auf der Alm habe ich auch gemolken, aber der Viehmensch war die Moidl, über 70 Jahre hat sie gefüttert und gemolken.

Dafür hat die Moidl nie kochen gelernt. Ich habe mich immer um das Essen gekümmert, um 6 Uhr früh nur Kaffee, um 9 Uhr Halbmittag, ein paar gesottene Erdäpfel, Brot und Butter. Je dümmer der Bauer, desto größer der Erdäpfel.

Jetzt müssen wir die Butter kaufen, früher haben wir sie selbst abgetrieben, zwei Kübel voll. Mit der Butter und den Goggelen haben wir ein bisschen Geld verdient. Naaaa.

Kurz nach 12 Uhr essen wir Mittag. Die Moidl hätte am liebsten nur Mus und Milchreis gegessen, so traditionelle Bauernküche. Ich habe auch anderes gekocht und manchmal etwas Modernes aufgewärmt, was mir die Irmgard brachte. Wenn die Moidl geschimpft hat, habe ich gesagt, jetzt kostest einmal, dann werden wir schon sehen.

Um halb 4 geh ich die Marende richten.

 Je dümmer der Bauer, desto größer der Erdäpfel.

Astrid Kofler: Wie ein altes Ehepaar, Jahrzehnte aufeinander eingespielt.
Luisa Witt: Mich haben sie schon lange haben wollen, ich soll mitgehen. Da haben schon ein paar Männer gesagt, ich soll mit. Ich bin nie gegangen. Später dachte ich manchmal, wenn ich noch einmal jung wäre, dann ginge ich flink, dann bliebe ich nicht mehr. Aber siegsch woll, es war viel zu tun. Die Seffa ist schon gegangen, die ist weg. Wir haben viel mitgemacht, die Moidl und ich. Wir haben geschunden und gearbeitet. Was willsch machen? Da schafft ein anderer und net mir.

Eine Hand ist verkrüppelt, ein Finger fehlt ihr. Den habe man ihr abnehmen müssen, 20 Jahre war er immer wieder aufgebrochen, geeitert, zweimal war sie deshalb im Spital, er ist nicht mehr geheilt, jaja, siegsch woll. Der Hof Plattatsch ist schon im 13. Jahrhundert erwähnt, der Name Witt kommt von einem französischen Soldaten, der vor 200 Jahren hier eingeheiratet hat und blieb. Von diesem Witt haben sie einen Nachnamen, den es sonst weit und breit nicht gibt.

Luisa Witt: Da war immer etwas zu tun. Die Moidl hat immer gesagt, Arbeit macht das Leben süß und Faulheit stärkt die Glieder! Lunele kimm, dai kimm, Lunele. Kimm. Komm zu mir auf den Schoß. Aber na, Busselen mag ich nicht. Dai Lunele, tu Ruh geben, tu titschelen …

Lunele ist ihr Hund, er ist 15, sie hat ihn mitgenommen nach Naturns. Allein wohnen in Plattatsch könnten die zwei Schwestern nicht mehr. Sie weiß es. In den letzten Jahren sind sie die Stiege im Haus hinterwärts hinuntergegangen, so wie man über eine Leiter abwärts steigt. So steil war sie, so schmal waren die abgetretenen, steinernen Stufen.

Luisa Witt: Was willsch tian, die Fiaß, des andere geht alles, aber halt die Fiaß, eppes gibt halt nach, was willsch tian. Oben ginge alles, aber die Fiaß. Etwas kommt halt, wenn man alt ist. Gescheiter weg und dann ist Ruhe.

Die Witt-Schwestern hatten manches ganz alleine zu tragen und viele Schicksalsschläge hinzunehmen. Eine Enkeltochter von Moidl ist als Kleinkind ertrunken, ein Urenkel ist in den Bergen tödlich abgestürzt. Er ist so ein netter Bub gewesen, jetzt hat er alle Schulen gemacht, sagt Luisa. Und des Madele, naaaa. So schad, so ein Kind.

Es kommt aus tiefstem Herzen. Dass es ein Urgroßneffe war, eine Großnichte, nicht ein eigenes Kind, das macht keinen Unterschied.

Luisa Witt: Ja, da schafft ein anderer. Da kann man nix machen. Von heut auf morgen kannst du krank sein, dann kann es resch gehen, dann kannst du weg sein auch.

Luisa und Moidl haben Leid und Freude stets miteinander geteilt, sie haben manchmal miteinander gestritten, aber ohne einander hätten sie nie können.

Bild: Luisa Witt

Luisa Witt: Früher ist man nicht ins Krankenhaus gegangen, da ist man bei der Geburt daheim geblieben. Und nur wenn der Damm gebrochen ist, ist der Arzt zum Nähen gekommen. Alle Kinder sind da geboren. Alle vier. Heute gehen die Gebärenden schnell ins Krankenhaus, aber ob es dort feiner ist? Die Arbeit ist halt weniger, das Aufräumen danach, die Wäsche. Wir mussten halt ein paar Leintücher waschen. Und heute ist es auch so, dass die Frauen, wenn sie das Kind auf die Welt bringen, herumrennen. Ich musste 14 Tage lang liegen. Die Irmi hat über vier Kilo gewogen. Besser wäre gewesen aufzustehen. Naaaa.

Ich habe keine Warzelen gehabt, ich habe sie immer müssen vorziehen, dann hat sie gebissen, dann ist das Blut gekommen. Siegsch woll. Die haben es fein gehabt, die Schwestern, beide haben Warzelen gehabt, lange, ich nicht. Ich habe aber schon trotzdem eine Weile gestillt, acht, neun Monate, jaja. Stillen ist das Billigste, gekaufte Pappa ist teuer, was willsch tian, da können wir tun, was wir wollen. Ich kann mich noch an viele Nachbarinnen erinnern, die haben bis zu einem Jahr gestillt, da kannsch nix machen. Ich habe immer gesagt, wenn es ein Bub ist, dann heißt er Walter und wenn es ein Madl ist, heißt es Irmgard. Heut haben sie letze Namen, da muss man erst nachdenken, wie sie heißen, früher gab es Nandl und Poldl und Katl, das ist heute alles nicht mehr, heute haben die Kinder moderne Namen. Solche Namen haben sie ja früher nicht einmal getauft, solche lutherischen Namen. Unsere hießen Erna, Midi, Irmgard und Hans.

Vier uneheliche Kinder hatten die drei ledigen Schwestern gemeinsam, Moidl hatte einen Bub und ein Mädchen, Luisa und Seffa je ein Mädchen. Die vier Kinder sind auf Plattatsch aufgewachsen wie Geschwister. Als eine Lehrerin sie nach dem Vater fragte, sagten sie, sie hätten den Nen, den Großvater. Auch eine Enkeltochter hat ihre ersten Lebensjahre oben am Hof verbracht. Die Erziehungsarbeit hat vor allem Luisa übernommen, da Moidl am Feld war und Josefa sommers wie winters auf Saison im Gastgewerbe. An das Gerede im Dorf kann sich Luisa Witt noch gut erinnern, auch an den Spott, dem die Kinder damals ausgesetzt waren.

Luisa Witt: Wir haben einen guten Vater gehabt und der hat gesagt, die werden auch aufwachsen. Aber bei uns hat der Dekan geschimpft, ja bist du narrisch. Dass er nicht unsere Kinder taufte, weil sie uneheliche Kinder waren, dass der Kooperator sie taufen musste, obwohl der Dekan selbst welche gehabt hat, das habe ich ihm übel genommen. Das war alles im Stillen, ich rede es nicht nach, aber sie müssen sich nicht uns gegenüber so benehmen, wenn sie selbst so sind. Ich habe einige Geistliche kennengelernt, die Kinder hatten. Die sind ja auch aus Fleisch und Blut, was wollen sie denn, sie sind nicht anders als wir. Einer hatte sechs und ist abgesetzt worden und dann hatte er noch einmal sechs, der ist dann ein guter Lehrer geworden. Das war weiter oben im Vinschgau. Hier in Naturns haben schon auch einige Geistliche Kinder gehabt. Naaaa, die haben etwas aufgeführt … Das habe ich ihnen schon verziehen. Als ich dann irgendwann hörte, der Bischof würde nur mehr für maximal drei Kinder pro Pfarrer zahlen, dann habe ich genug gehabt. Muss denn die Kurie wirklich für drei Kinder vom Pfarrer zahlen?

Tochter Irmgard hat sich zu uns gesellt. Mama, du musst ein bissl schön dreinschauen, sagt sie liebevoll, ein bisschen lächeln für den Fotografen. Na geh, lasst das doch, sagt Luisa Witt und winkt ab, na, das ist doch nichts Gescheites.

Sie ist verlegen, so viel Aufhebens um ihre Person ist sie nicht gewohnt. Wenn sie manchmal ruppig wirkte, wenn Wanderer bei Plattatsch vorbeikamen, so war das niemals aus Boshaftigkeit. Hinter ihrem zähen Äußeren verbirgt sich ein schüchterner, weicher Kern.

Hier in Naturns haben schon auch einige Geistliche Kinder gehabt. Naaaa, die haben etwas aufgeführt … Das habe ich ihnen schon verziehen. 

Astrid Kofler: Habt ihr den Geburtstag gefeiert?
Luisa Witt: Wir haben das nie gespürt, das war ein Tag wie jeder. Auch Niklas oder Christkindl, das hat es bei uns nicht gegeben. Wir haben es gefeiert, natürlich, aber es hat keine Geschenke gegeben, zweimal vielleicht gab es eine Orange und ein paar Erdnüsse.

Astrid Kofler: Wie habt ihr den Krieg erlebt?
Luisa Witt: Damals war es besser als heute. Wir waren Kinder, ich war zehn Jahre alt und wir hatten eine freie Kindheit. Wir hatten einen Spaß in der Schule, auch wenn sie nur italienisch war. Wir waren 37 Kinder in der Klasse, alle Jahrgänge gemeinsam in einer einzigen Klasse. Drei Jahre waren wir in Außergrub, das ist ein Hof hier heroben, und die restlichen Jahre auf Unterrain. Der Schulweg war weit, manchmal begleitete uns der Vater ein Stück oder kam uns entgegen. Vor allem, wenn tiefer Schnee war. Dann trug er uns am Rücken. Eine Lehrerin war aus Trient. Das war schön in der Schule. Wir waren piccole italiane. Wir haben ein schwarzes Röckl angehabt und ein weißes Blusele, schön waren wir. Ja. Da sind die Kinder immer zusammengekommen. Uns haben sie am Anfang schiach misshandelt, sie haben uns die walschen Facken, also walsche Schweine, geheißen, weil wir Dableiber waren. Na, das waren Zeiten. Ein anderer Dableiber hat einmal gesagt, das tragen wir alles umma, das war schon wirklich eine Last, die wir mit uns umhertrugen, stets diese Beschimpfungen, weil unsere Eltern für den Verbleib in Italien gestimmt hatten. Das war schon schwer zu ertragen. Nur vier Bauern sind wir hier heroben gewesen, die bei der Option fürs Dableiben gestimmt hatten.

Von unseren Nachbarn sind fünf Buben heimlich desertiert, die sind vom Krieg wieder zurückgekehrt, verbotenerweise. Und haben sich versteckt. Die hatten es wirklich hart, die mussten am Berg schlafen, in irgendwelchen Löchern, unter Bäumen und Steinen und so. Und trotzdem war es damals besser als heute. Damals waren die Menschen frei.

Astrid Kofler: Frei? Weil ihr drei Schwestern hoch oben auf eurem Hof euer Leben gelebt habt?
Luisa Witt: Wir haben nie unter vielen Menschen gelebt. Wir waren immer alleine dort mit unseren Kindern und unserem Vater. So haben wir jetzt auch von Corona nichts gespürt. Wir waren es nicht gewohnt, unter Menschen zu gehen. Ich bin ja nie ins Dorf gegangen. Die Moidl ist immer einkaufen gegangen, die war mehr unter den Leuten, die hat auch mehr geredet früher, bis sie nicht mehr gut hörte. Ich war nie unter Leuten. Ich war froh, wenn ich meine Ruhe hatte. Mir war dieses Corona egal. Wir sind immer arm gewesen. Wir haben gelernt mit allem umzugehen. Wenn eine Wurst ranzig war, haben wir sie trotzdem gegessen. Wenn man Hunger hat, isst man auch das.

Bild: Luisa Witt

Astrid Kofler: Ihr wart autark.
Luisa Witt: Unsere Schuhe hat der Schuster gemacht, der auf der Stör war. Unsere Gewandter, die Kleider hat uns unsere Tota, unsere Taufpatin genäht, und später nähten wir sie selbst. Schon als Kinder mussten wir arbeiten, wir waren ja nur drei Schwestern, es gab hier keinen Buben, und so mussten wir als Kinder mähen helfen und Korn schneiden, die Hocken tragen, das Getreide über den schmalen Steg zur Mühle tragen, das Mehl zurück, das Brot backen. Roggenbrot und Paarlen. Das Brot ist viel besser gewesen als das gekaufte. Auch unser Turggn ist viel besser gewesen, das Plentenmehl ist gut gewesen, naaaa, ganz viel besser gewesen, jaja.

Und die Mühlen gibt es auch nicht mehr, viele sind zugrunde gegangen. Da draußen sind sieben Mühlen gewesen und heute ist alles nicht mehr, höchstens noch eine steht, schade um die Mühlen.

Wir haben alles gehabt. Wir haben fast nichts gebraucht. Nur Zucker oder so.

Autark sein, hieß auch frei sein. Ganz früher hatten sie eine eigene Quelle, das Wasser war klar und herrlich kalt. Als die Straße gebaut wurde, kam nur mehr dreckiges Wasser, sie mussten sich eine neue Leitung legen. So kam auch das fließende Wasser in die Küche, Duschwasser nannten sie es. Auch das Wasser sei früher besser gewesen.

Luisa Witt: Wann wird das gewesen sein? Vielleicht vor 40 Jahren? Da hatten wir dann das Duschwasser in der Küche. Davor haben wir es stets mit den Kübeln geholt. Da haben die Hennen oftamal einigschissen.

Nana, abgewaschen haben wir uns schon. Alle Samstag, nicht alle Tag, jaja, was willsch tian.

Geduscht haben wir nicht. Wir hatten einen Hahn, den man aufdrehen konnte. Wir hatten ein großes Schaff, da haben wir uns abgewaschen. Nana, abgewaschen haben wir uns schon. Alle Samstag, nicht alle Tag, jaja, was willsch tian.

Wir bekamen dann eine Waschmaschine, die hat alles sauber gespült. Das Abwasser ist hinter dem Haus in die Wiese geronnen, aber da war ja nur ein Bröckele Pulver drinnen. Das Gras ist dort schon hoch geworden.

Irmgards Ehemann ist sehr früh verunglückt. Ihr Freund Sepp hatte in den vergangenen Jahren oben oft geholfen, wenn es darum ging, schwerere Arbeiten zu verrichten. Auch Enkelkinder waren zur Heumahd oder zum Holzmachen gekommen. Sepp hatte ihnen auch vor wenigen Jahren außerhalb des Hauses ein neues Plumpsklo aufgestellt. Eine Toilette im Haus wollten sie nicht. Das Plumpsklo hat dann aber nur eine der zwei benutzt, die andere meinte, sie würde sich dort verkühlen, es würde ziehen. Die Küche war der einzige warme Raum. Vieles hatte sich in den letzten Jahren rund um Plattatsch verändert.

Luisa Witt: Das Wetter ist anders geworden. Es gab früher schon auch trockene Jahre, ich kann mich schon an trockene Sommer erinnern. Aber es war anders. Wenn heute im Winter kein Schnee mehr ist, dann ist auch kein Wasser mehr.

Und die Leute haben sich geändert, ja, da hat schon einer einen Artikel in die Zeitung getan, dass die Leute nix mehr sind. Heute geht niemand mehr in die Kirche. Da brauchen sie keine mehr zu bauen, wenn doch niemand hineingeht.

Ich höre die Messe jetzt im Radio. Die Messe heut ist auch nicht mehr so schön, sie tun viel zu viel singen und viel zu viel schreien. Früher gab es einen schönen Chor, der hat schön gesungen, in Lateinisch. Nana, wir kommen nicht mehr nach mit den Jungen.

Astrid Kofler: Ist es schön, so alt zu werden?
Luisa Witt: Ja, wenn man gesund ist. Das ist die Hauptsache. Aber indergaling wird es abwärts gehen. Jeder Tag ist nur ein Tag mehr, den uns der Herrgott schenkt. Wenn du einmal so alt bist, wirst du das auch sagen. Jaja, was willsch tian. Aber sollte ich einen Wunsch frei haben, dann wäre es der, dass es schnell geht, wenn es so weit ist.

Astrid Kofler: Sie haben keine Angst vor dem Sterben?

Luisa Witt: „Resch soll es gehen.“

Bild: Thomas Wiedenhofer
Luisa Witt: Ach was. Resch soll es gehen und weg. Schnell soll es gehen. Ganz schnell. Dann ist man frisch weg. Mein Vater war 83, als er starb. Wir Schwestern haben lange mit ihm allein gelebt. Er war ein zäher, ganz dünner Mann. Die Moidl ist nach ihm geraten, ich eher nach der Mutter, die war fester. Ich war immer fester als die Moidl, die war immer zart. Die Mamma war erst 68, als sie starb. Die Nachbarin vom Hof darunter ist vor Kurzem gestorben, die war auch noch jung, das tut mir schiach weh. Ihr war übel, sie ist ins Bett und weg war sie, mit einem Herzinfarkt. Für sie war es fein. Aber für die Hinterbliebenen natürlich war das zu schnell. Wenn man nicht mehr pfiati sagen kann. Wir haben uns immer gut vertragen. Ihr Mann ist mit 52 gestorben, der ist unter den Traktor gekommen. Sie war schon eine arme Haut. Ich hätte mich gerne noch verabschiedet.

Astrid Kofler: Und was passiert mit uns nach dem Tod?
Luisa Witt: Ja, wenn die Menschen keinen Glauben haben, dann weiß ich nicht. Wir haben immer einen Glauben gehabt, uns wird nichts passieren. Wir kommen alle in den Himmel. Wir bleiben bei unserem Glauben und die anderen können tun, wie sie wollen.

Astrid Kofler: Nur in die Kirche seid ihr nicht so oft gegangen.
Luisa Witt: Am Sonntag ging ich schon. Mein Vater hat immer gesagt, dass man früher nicht geheiratet hat. Früher hat ein Mann eine Frau zu sich genommen und das war es. Erst im frühen Mittelalter hat man die Ehe eingeführt. Und mit der Ehe dann auch die Beichte. Und die Firmung. Das wusste mein Vater. Es ist also auch ohne die Eheschließung gegangen. Na schau, das Hündl schaut her. Komm Lunele, komm zu mir. Tu schön bitten, tu schön bitte sagen!

Josefa, die Jüngste der drei, war die Einzige, die sich zum Heiraten entschloss. Das war, als sie bereits ein Kind hatte, und es war nicht der Vater des Kindes. Acht Tage lang war sie verheiratet. Dann verließ sie ihren Mann, kam wieder zurück auf den Hof, ist schließlich aber ins Tal gezogen, hat als Saisonarbeiterin gearbeitet, die Tochter mitgenommen.

Sie haben kein Mandermensch geduldet, erzählt Irmgard, Luisa und Moidl sind ledig geblieben, sie haben nie geheiratet, auch wenn sie manchmal einen Freund hatten. Es war auch so, als hätten sie ihn sich gegenseitig nicht gegönnt, sie zwei waren die Bäuerinnen hier und wollten und brauchten keinen Mann.

Plattatsch steht jetzt leer, die Kühe und Hennen sind weggegeben. Der Nachbar mäht, hie und da ist eines der Kinder oder Enkelkinder dort, um Kartoffeln zu pflanzen, Heilkräuter zu pflücken, nach dem Rechten zu sehen. Das Erbe muss erst geteilt werden.

Luisa Witt: Ich sage, schnell soll es gehen, nieder und fertig, nicht lang zappeln. Isch wohl wahr. Nicht lang doktern, das nicht. Die Leute müssen weg, wenn sie es schön haben. Aber da kannsch nix machen, da schafft ein anderer und net mir.

Text und Interview: Astrid Kofler

Der Text stammt aus dem Buch “Alles wird gut” (Band 2), erschienen im Verlag Edition Raetia.

Bild: Edition Raetia
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