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Von der Architektin zur Taschendesignerin

Verrückte Designs

Anstatt Häuser zu entwerfen, designt Sylvia Pichler Handtaschen aus Stein, Aluminium oder Schwämmen – und verkauft diese in die ganze Welt.

Sylvia Pichler mag es schlicht. Und ihr gefallen alte Möbel, alte Häuser und alte Namen. Lieber restauriert sie die Messinglampe ihrer Oma, anstatt eine neue Designerlampe zu kaufen. In ihren eigenen vier Wänden dominieren Stein und Holz, die Einrichtung ist stilvoll, aber dezent. „Ich bin sehr geerdet und kein Designfreak“, lacht sie. Ihre Kunden würden sich über so eine Aussage wohl wundern, denn Sylvias Taschen und Beutel sind alles andere als schlicht.

Glitzer und Glanz dominieren ihre Kollektionen. Cashmere, Loden und Samt kommen zum Einsatz. Ebenso wie laminiertes, metallisiertes und geprägtes Leder in allen möglichen Farben. „Tartaruga“ – also „Schildkröte“ – nennt Sylvia das Leder, weil es einem Schildkrötenpanzer ähnlich sieht

Manche Materialien lässt sie sogar eigens anfertigen – so wie das mit Baumwolle oder Leder beschichtete Aluminium. In der Fütterung sorgt es dafür, dass die Taschen biegsam werden. Damit fühlen sie sich ganz anders an, als herkömmliche Taschen. Sylvia lebt sich in ihren Designs aus.

Sylvia Pichler wollte eigentlich Architektin werden, die Taschen waren anfangs nur ein Hobby.

Bild: Jasmine Deporta

„Vielleicht brauche ich deswegen auf der anderen Seite das Einfache“, sagt die Boznerin, die seit 2005 unter ihrem Label Zilla – ein alter Name für Cäcilia – Taschen designt. Heute verkauft sie ihre Clutches und Tote Bags über den ganzen Globus. Dass sie einmal als Designerin arbeiten würde, daran hat Sylvia früher nicht gedacht. Eigentlich wollte sie Architektin werden – so wie ihr Vater.

Material ist ihr Ding

Ihr Vater Walter Pichler ist einer der Gründer der Firma Stahlbau Pichler, in deren Zentrale sich auch Sylvias Showroom befindet. Schon früh kam sie mit verschiedenen Baumaterialien in Kontakt. Da verwundert es nicht, dass sie vor allem für eine Tasche schwärmt – eine aus geriebenem Stein. Die Steinpartikel schimmern im Licht. Hält man die Tasche in die Sonne, glitzert sie wie tausende kleine Edelsteine. Ebenso ungewöhnlich: Die Tasche, die einem Brotbeutel ähnelt.

In den Regalen des Showrooms reihen sich die neue und vergangene Kollektionen aneinander. Dazwischen steht immer wieder einmal eine kleine Tierfigur. In der Ecke steht eine antike Schreibmaschine, von den Fenstern blickt man über die Dächer der Nachbargebäude und das begrünte Dach des Firmensitzes.

In diesen Räumen spielt sich die Hauptarbeit der Designerin ab. Hier wird entworfen, geprüft und ein Prototyp nach dem anderen entwickelt. Hier kommen auch die fertigen Taschen aus der Produktion in Padova an. Sie werden sortiert, verpackt und verschickt. Ihre Kunden sitzen in Japan, China, Saudi Arabien und den USA. Und hier liegt auch ein Archiv von über tausend Materialien, die Sylvia im Laufe der Jahre angesammelt hat. Jede Saison kommen neue dazu.

Ungewöhnliche Taschen als Statement

Ihre ersten Taschen nähte Sylvia für Freundinnen, ein Hobby neben dem Architektur-Studium. Es sind regelrechte Konstrukte, angelehnt an Baumaterialien. Zu dieser Zeit kam gerade das 3D-Zeichnen auf, doch Sylvia baute lieber Modelle. Für ihre Taschen benutzte sie Holz, Stein und Aluminium oder orange Schwämme, mit denen man normalerweise Briefmarken befeuchtet. „Ich muss immer alles anfassen, mir gefallen verschiedene Oberflächen“, erklärt sie diese Leidenschaft für ungewöhnliche Materialien.

Durch den Südtiroler Hutdesigner Reinhard Plank kommt sie bereits im ersten Jahr ihrer Designkarriere zur Milano Fashion Week – und verkauft ihre erste Tasche nach Malaysien. Es folgen weitere Taschen und Modelle, noch mehr ungewöhnliche Stoffe. Vor zehn Jahren findet sie in einer Manufaktur in Padova einen Produzenten. Mit jeder Kollektion werden die Taschen professioneller.

Bild: Jasmine Deporta

Auch ihre Materialien bezieht Sylvia ausschließlich aus Italien. Sie hat ihre eigenen Lieferanten, besucht Messen und hält die Augen stets nach neuen Materialien offen. Dabei gibt es keine Kriterien, wonach es Stoffe in ihre Taschendesigns schaffen. „Das Material muss mich einfach faszinieren“, sagt die zweifache Mutter: „Man muss danach suchen. Das ist das Spannende.“

Schon jetzt arbeitet Sylvia an der Kollektion für Sommer 2018. Dabei verlässt sie sich wie immer auf ihr Bauchgefühl. Inspirationen holt sie sich überall. „Ich finde ein Material und komme danach auf die Idee für ein Modell“, erklärt Sylvia. Diese Idee bannt sie dann mit Kugelschreiber auf ein Stück Schmierpapier.

Der Geschmack der Kunden hat sich in den Jahren ebenso gewandelt wie ihre Kollektionen. Anfangs hatte Sylvia sehr viele Kunden in Dubai, alle Taschen mussten goldig sein und glitzern. „Die Buyer änderten sich aber mit der Zeit“, sagt Sylvia. Mit Buyer meint sie die Einkäufer, die auf der Suche nach ungewöhnlichen Accessoires sind.

Bild: Jasmine Deporta

Heute verkaufen sich die Zilla-Taschen am besten in Asien, Japan und China, aber auch in Amerika hat Sylvia Kunden. In Europa verkauft sie fast ausschließlich nach Italien und England. In den vergangenen drei Jahren scheint aber auch bei den Südtirolern der Mut zu den außergewöhnlichen Designs gewachsen zu sein. Sylvia zählt mehr und mehr Südtirolerinnen zu ihren Kunden und auch die Initiative „Pur Südtirol“ steigt auf den Designzug auf. Für sie designte Sylvia das Modell „Rucksack“. Dabei funktionierte sie den klassischen Jägerrucksack zum alltagstauglichen Shopper mit Reißverschluss und Tragegriff um. Für die Sommerkollektion 2018 hat Sylvia „raso“ für sich entdeckt. Das Satin füttert sie mit Aluminium. Dieses Material ist mittlerweile zu Sylvias Markenzeichen geworden.

Petra Schwienbacher

mag große Hunde, ihre rote Rostlaube und Mamas Lasagne. Sie ist laut ihren Freunden immer lustig und labert gerne Blödsinn. Beim Schreiben kann sie aber auch ernst bleiben.
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