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Ein Vinschger in Tansania

Tausendundeine Tat

Mathias Telser ist in Tansania Ehrenbürger: Er hat Krankenhausabteilungen gebaut, Wasserpumpen repariert und Solaranlagen installiert. Jetzt will er das Müllproblem lösen.

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Dominik, Mathias und die Arbeitercrew. Gemeinsam haben sie insgesamt 80 Müllkübel in Kwediboma aufgestellt.

Bild: Mathias Telser

Wenn Mathias Telser nicht wäre, wüssten die Bewohner von Bagamoyo vielleicht immer noch nicht, was ein Müllkübel ist. In dem Dorf in Tansania säumen kiloweise Müll die Straßen: Plastiktüten, Plastikflaschen, Verpackungen, Dosen, Berge aus Kleidung, die vor sich hin schimmelt – eine funktionierende Abfallwirtschaft gibt es hier nicht. Müll wird einfach verbrannt oder landet in den Regenrinnen am Straßenrand. Und dann im Meer.

Mathias weiß, er hat noch ein großes Stück Arbeit vor sich. „That's not good“, sagt er zu seinem Begleiter Dr. Experience Marco und zeigt auf den Abfall. Marco ist nur einer von insgesamt vier Angestellten von Mathias, die für ihn Müll sammeln. Er bezahlt ihnen 10.000 Schilling am Tag, umgerechnet 50 Euro pro Woche. Aus eigener Tasche. Alles, um das große Müllproblem in Bagamoyo in den Griff zu bekommen.

Mathias Telser in seiner kleinen Wohnung in Mals. Bald schon wird er sein eigenes Haus bauen. Ganz aus natürlichen Rohstoffen.

Bild: Petra Schwienbacher

80 Müllkübel für Tansania

Mathias wohnt in Mals und arbeitet in der Schweiz als Polier. Er leitet Baustellen und fungiert als Bindeglied zwischen den auf der Baustelle tätigen Mitarbeitern und der Bauleitung. Seit er vor vier Jahren durch eine Freundin zum Verein Asante Onlus gekommen ist, lebt er mindestens zwei Monate im Jahr in Tansania, in den Dörfern Kwediboma und Bagamoyo, um den Menschen dort zu helfen.

Angefangen hat der 30-Jährige mit dem Müllprojekt vor einem Jahr. Obwohl er nicht gut Englisch spricht, geht er damals zum Government in Bagamoyo und sagt: „Ich will euch helfen, das Müllproblem in den Griff zu bekommen.“ Doch das Government ist skeptisch. Von „trash baskets “ haben sie noch nie zuvor etwas gehört. Trotzdem darf Mathias nach einiger Überzeugungsarbeit loslegen.

Kwediboma ist voll mit Müll. Er wird entweder verbrannt oder landet im Meer.

Bild: Mathias Telser

Er kauft Plastikfässer, schneidet sie in der Mitte durch und befestigt sie auf zwei Eisenstelzen. Insgesamt 60 solcher DIY-Müllkübel finanziert er aus eigener Tasche, 20 bezahlt ihm schließlich das Gouvernment. Damit die Einheimischen auch wissen, was mit diesem seltsamen blauen Kübel zu tun ist, organisiert Mathias Schulungen.

Mittlerweile bringen Mathias’ vier Mitarbeiter den Müll regelmäßig zur kleinen Sammelstelle, die er eingerichtet hat, sortieren ihn und bringen ihn mit ihren Traktoren zur einzigen Verbrennungsanlage nach Dar es Salaam. Auch Kumpel Dominik aus Südtirol unterstützt ihn beim Müllsammeln.

„Warum ich gerade in Bagamoyo damit angefangen habe, weiß ich nicht“, erzählt Mathias, immer wenn ihn jemand danach fragt. „Aber irgendwo muss man ja anfangen zu helfen.“ Etwas, was in Südtirol nicht alle verstehen können. „Viele sagen, ich soll den Leuten hier helfen. Aber es ist doch egal, wo man hilft, Hauptsache man hilft. Und ich finde, wir sind es Afrika schuldig, wenn man bedenkt, was europäische Unternehmen dort alles anrichten. Afrika wäre stinkreich. Öl, Gold, Diamanten – wir beuten sie aus. Nestle pumpt das ganze Wasser ab und die Leute verdursten daneben. Und dann wundern wir uns, dass die Leute zu uns kommen?“

„Heute geht es mir gut, und ich habe alles. Deswegen ist es schön, dass ich helfen kann und darf.“

Aus dem Misstrauen des Governments ist heute tiefe Dankbarkeit geworden und sogar eine Ehrenbürgerschaft wurde Mathias für seine Initiative verliehen. Die Urkunde hängt in seiner Küche, neben Postkarten und seinen selbst gezeichneten Plänen für verschiedene Bauten in Afrika. Doch noch ist Mathias nicht am Ziel. Er will weitere Sammelstationen und einen Recyclinghof bauen. Auch die Verbrennungsanlage in Dar es Salaam soll auf europäische Standards gebracht werden.

Helfende Hände

Mathias selbst hatte es im Leben nicht immer leicht. Vor 20 Jahren wurden er und seine Schwester zu Waisen und kamen ins Vinzenzheim nach Schlanders, dann zu ihrem Onkel nach Matsch. In dieser Zeit erfuhren sie viel Hilfsbereitschaft, wie Mathias erzählt. Und diese Hilfsbereitschaft hat auf ihn abgefärbt: „Ich will das, was wir Gutes erlebt haben, an andere weitergeben. Heute geht es mir gut, und ich habe alles. Deswegen ist es schön, dass ich helfen kann und darf“, sagt der Vinschger, der in vier Jahren Dinge geschafft hat, die er vorher selbst nicht für möglich gehalten hätte.

Er baute im Krankenhaus von Kwediboma eine Radiologie und eine Geburtenabteilung und installierte eine Photovoltaikanlage, damit auch am Abend operiert werden kann, denn der örtliche Strom funktioniert meist nur für einige Stunden. Er montierte Solarpaneele auf dem Dach des Krankenhauses und des Waisenhauses, tauschte eine defekte Pumpe für die Wasserversorgung aus und baute eine kleine Grotte für eine der Ordensschwestern vor Ort. Alles in Eigeninitiative und alles von Hand. Dabei ist in Afrika zu bauen selbst für jemanden, der tagtäglich Baupläne zeichnet und Baustellen leitet, alles andere als einfach.

Ein Heim für Waisenkinder

Es gibt keine Zieglerei, in der man Ziegel kaufen kann und keinen Bagger, mit dem man Fundamente ausheben kann. Die Ziegel muss Mathias mit seinen Helfern selbst aus Zement anrühren und das bei 37 Grad Hitze. Die Pläne zeichnet er selbst und auch um die Koordination der Baustellen kümmert er sich persönlich. Wenn er nicht vor Ort ist, dann über WhatsApp. Täglich ist er mit Leuten aus Bagamoyo in Kontakt. Und obwohl es nicht immer einfach ist, macht er immer weiter.

Selbst ist der Mann. So oft es geht ist Mathias selbst in Tansania, um mitanzupacken.

Bild: Asante onlus

Mathias ist ein Macher und er hat noch große Pläne: Nächstes Jahr steht der Bau für ein Hostel neben der Schule und dem Waisenhaus auf dem Plan. Für die 120 Kinder – darunter 78 Waisenkinder – muss mehr Platz her, denn momentan können wegen Platzmangel keine neuen Kinder aufgenommen werden.

Arbeitsplätze schaffen

Auch ein Schweinestall soll entstehen. Seine Mitarbeiter haben bereits mit dem Ausheben des Fundamentes begonnen. Der Stall ist wichtig, um Arbeitsplätze zu schaffen. Irgendwann sollen hier bis zu sechs Leute arbeiten. „Auch ein Restaurant ist geplant, dann könnten nochmal sechs Leute eine Arbeit finden“, erklärt Mathias. In den zwei Dörfern direkt an der Massai-Steppe, 25 Kilometer nördlich von Dar es Salaam, ist die Arbeitslosigkeit hoch. Auch wer die Schule besucht, hat hier kaum Perspektiven. Wer Glück hat, findet Arbeit als Hirte bei den Massai oder in einem der kleinen Läden entlang der Straße. Aber die meisten ziehen in die Städte. Die, die bleiben, sind häufig Alkoholiker.

Nächstes Jahr möchte Mathias auch eine Brücke bauen, damit die Bauern mit ihren kleinen Lastern den Fluss überqueren können. Und natürlich soll auch das Müllprojekt nicht zu kurz kommen. Das liegt Mathias besonders am Herzen: „Ich hoffe, dass sie vor allem beim Müll auch selbst Initiative zeigen, denn es muss irgendwann auch ohne mich laufen.“

Mathias hat in den vergangenen vier Jahren viel in Tansania geschafft und zum Positiven verändert, und doch reicht es ihm noch nicht. „Ich möchte viel mehr tun. Ich verändere dadurch sicher nicht die Welt, aber wenn ich Leute demonstrieren sehe, dann denke ich immer, sie würden besser einfach irgendwo hinfahren und dort aktiv helfen“, sagt Mathias. „Denn jeder kann etwas tun.“

 

Mathias hat ein Spendenkonto eingerichtet, für alle die ihn unterstützen möchten:
Mathias Claudius Telser
Spendenkonto: TANSANIA
Kontonummer: 000404412770
IBAN: IT 96 Q 08066 58541 000404412770
BIC: RZSBIT21424

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Eine Steineggerin in Tansania

Zwischen zwei Welten

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Petra Schwienbacher

mag große Hunde, ihre rote Rostlaube und Mamas Lasagne. Sie ist laut ihren Freunden immer lustig und labert gerne Blödsinn. Beim Schreiben kann sie aber auch ernst bleiben.
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