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Mehr Politik in der Schule

BARFUSS bittet die jüngsten Landtagswahl-Kandidaten zum Interview. Den Anfang macht Wolfram Arer von der Süd-Tiroler Freiheit, der sich vor allem für Zweisprachigkeit einsetzen will.

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Bild: Anna Luther

Er ist überzeugt, dass Südtirols Geschichte den Einheimischen bis heute schwer zu schaffen macht. Für den 21-jährigen Rezeptionisten und Musiker aus Mölten ist das Grund, um bei der Süd-Tiroler Freiheit für mehr Rechte zu kämpfen. Ob pünktliche Busse, politische Aufklärung oder deutschsprechende Carabinieri – diese Themen will Wolfram Arer anpacken.

Wieso kandidierst du bei den Landtagswahlen für die Süd-Tiroler Freiheit?

Ich verstehe nicht viel von Politik, aber von Menschen. Ich habe mich immer wieder für das Allgemeinwohl engagiert, ohne zu wissen, dass ich damit politisch aktiv war. Wenn ich etwas nicht in Ordnung finde, setze ich mich ein. Cristian Kollmann (Sekretär der Süd-Tiroler Freiheit, Anmerkung d. R.) fragte mich Anfang August, ob ich nicht mitmachen will, da ich super geeignet wäre. Als sie mir den Sinn und die Ziele der Bewegung erklärt hatten, war ich überzeugt.

Wie haben deine Freunde und deine Familie auf die Kandidatur reagiert?
Die Familie war stolz. Besonders mein Vater freute sich als Parteimitglied über die Kandidatur. Die Freunde reagierten unterschiedlich. Manche fanden es cool, andere waren skeptisch. Das ist logisch. Wenn es um das Finanzielle oder um Politik geht, fängt der Streit an – auch unter Freunden. Hier gehen dann die Ansichten auseinander. Trotzdem stehe ich fest hinter der Partei.

War es die Partei, die Skepsis auslöste?
Ja, genau. Die Bewegung wird leider oft missverstanden. Sie wird als fanatisch oder rassistisch dargestellt. Wir haben nichts gegen die Italiener, nur etwas gegen die italienische Regierung. Ich glaube, niemand ist mit den ganzen anfallenden Steuern zufrieden. 

„Wieso muss ich in meiner Heimat eine andere Sprache sprechen?”

Sind es nur die Steuern, die euch an Italien stören?
Das ist nur ein kleiner Punkt. Mitglieder unserer Bewegung leiden immer noch darunter, dass Italien sich Südtirol unter den Nagel gerissen hat. Wir sind nicht unabhängig. Auch ich fühle mich manchmal unwohl, wenn ich beispielsweise in einem Bozner Café von den Kellnern nur auf Italienisch angesprochen werde. Wieso muss ich in meiner Heimat eine andere Sprache sprechen?

In vielen Grenzregionen wie Südtirol leben verschiedene Volksgruppen.
Südtirol wurde nicht freiwillig Teil Italiens. Da hat keiner gefragt. Nach dem Zweiten Weltkrieg folterten Carabinieri Einheimische. Da ist es kein Wunder, dass eine gewisse Wut da ist. Ich habe ansonsten kein Problem mit Völkervielfalt.

Aber nicht bei dir zu Hause?
In Deutschland sind die Türken gut integriert, sie sprechen deutsch und auch türkisch. Wenn du einen türkischen Laden betrittst und anfängst, deutsch zu sprechen, dann wird dir auf Deutsch geantwortet.

„Ich persönlich würde gemischte Schulen prinzipiell nicht ablehnen. Dennoch unterstütze ich aus Loyalität die Forderung meiner Partei, weiter getrennte Schulen zu haben.”

Du wünscht dir die Zweisprachigkeit also auch im privaten Wirtschaftssektor, nicht nur im öffentlichen. Wie würdest du das politisch umsetzen?
Ich persönlich würde gemischte Schulen prinzipiell nicht ablehnen. Dort könnten wir Deutsch, Italienisch und Englisch als Unterrichtssprache nutzen. So würde man alle drei Sprachen super beherrschen. Dennoch unterstütze ich aus Loyalität die Forderung meiner Partei, weiter getrennte Schulen zu haben.  

Was sind deine weiteren politischen Forderungen?
Ich stehe hinter den Zielen der Bewegung. Bevor ich mich aber mit den ganz großen Dingen wie die Selbstbestimmung befasse, wäre es mir wichtig, dass die kleinen Sachen funktionieren. Denn wenn diese nicht funktionieren, was wollen wir dann Großes erreichen?

Was sind die kleinen Dinge?
Mir ist wichtig, dass öffentliche Verkehrsmittel besser aufeinander abgestimmt sind. Es sollte auch bei Verspätungen der Busse kein hohes Risiko da sein, dass man den Anschluss versäumt. Da wäre noch einiges aufzuholen. Ein zweiter Punkt ist die Zweisprachigkeit, die mir oft in der Öffentlichkeit fehlt. Gerade im Gespräch mit den Carabinieri und in den Ämtern wie der Post sollte man mir in meiner Muttersprache antworten können.

Wer ist dein politisches Vorbild?
Sven Knoll. Er ist in den ganzen Jahren seiner politischen Karriere seinen Zielen treu geblieben.

Die Süd-Tiroler Freiheit wird von einigen dafür kritisiert, dass sie beim Thema Sicherheit und Migration mit den Ängsten der Menschen spiele. 
Viele Verbrechen und Gewalttaten wurden von Ausländern verübt. Wie soll es weitergehen, wenn immer mehr kommen? Wir wollen nicht wegschauen. Wenn wir wehrlos und in der Minderheit sein werden, ist es zu spät.

Seht ihr durch die Migration auch wirtschaftliche Nachteile?
Nein. Wir müssen froh sein, dass Ausländer in unser Land kommen. Denn sie führen Arbeiten aus, die sonst keiner machen will. Jobs wie Zimmermädchen oder Hausmeister werden hauptsächlich von Ausländern ausgeführt.

„Wir würden uns mit unserem Problem mehr ernstgenommen fühlen, wenn die österreichische Staatsbürgerschaft für Südtiroler gilt.” 

Das Thema Doppelstaatsbürgerschaft liegt der Süd-Tiroler Freiheit sehr am Herzen. Was ist der Grund dafür?
Wir würden uns mit unserem Problem mehr ernstgenommen fühlen, wenn die österreichische Staatsbürgerschaft für Südtiroler gilt. Damit wären wir irgendwie wieder Teil Österreichs und würden etwas von unserer alten Heimat zurückerhalten.

Würdest du gern noch etwas sagen?
In den Schulen fehlt mir politische Aufklärung. Teilweise übernehmen Kinder die Ansichten der Eltern. Die Jugendlichen sind aber nicht wirklich über die verschiedenen Ansichten und Ziele der Parteien aufgeklärt. Sie wissen nicht einmal, welche Parteien es überhaupt gibt. Ein 19-jähriger Bekannter fragte mich, was wir in der Partei machen. Er hatte keine Ahnung.

Wie würdest du mehr politische Aufklärung in Schulen umsetzen?
Parteien könnten sich in Vereinshäusern Schulklassen vorstellen.

Vielen Dank für das Gespräch.

Anna Luther

faszinieren Menschen mit Idealismus. Lesestoff und Kuchen sind für sie wie die Kirsche auf dem Sahnehäubchen des Lebens.
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Die jüngsten Kandidaten

Am 21. Oktober 2018 wird der Südtiroler Landtag gewählt. BARFUSS hat aus diesem Grund die jüngsten Kandidaten auf den Listen der größten Parteien zum Interview gebeten und nachgehakt, warum sie sich zur Wahl stellen und wofür sie stehen. 

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