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Mode-„Psychosoph" Roland Novak

Du bist, was du anziehst

Roland Novak über die Unerträglichkeit von Männern in Flip-Flops, die Erfindung des Marketings durch die Nazis und das Mobilisierungspotential von Politiker-Kleidung.

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Bild: Roland Novak

Wo andere Männer blind in den Kleiderschrank greifen und keinen zweiten Gedanken auf ihr Aussehen verschwenden, tut sich für Roland Novak eine Welt voller psychologischer Facetten auf. Für den 49-jährigen Bozner, studierter Psychologe, Musiklehrer und E-Gitarrist kehrt Kleidung unser Innerstes nach außen. Seine große Leidenschaft, die er auch auf seinem eigenen Blog auslebt, gilt der Ästhetik und Mode.

Du beschreibst deinen Blog als „Interdisciplinary Research in Aesthetics, Music, Fashion, Philosophy, Psychology“ – eine breite Palette. Inwiefern hängt Mode mit Psychologie zusammen?
In meinem Blog geht es darum, dass Ästhetik eng zusammenhängt mit Wahrnehmung, aber auch mit Kommunikation. Denn der erste Kommunikationskanal ist nicht die Sprache, sondern das Auge. Und mich interessiert, welche Kommunikation über das Auge passiert. Im Moment geht es in meinem Blog aber viel um das Kino aus den 50er und 60er Jahren. Meiner Meinung nach hat diese Art des Kinos eine wichtige Rolle in der Formung des „politischen Italieners“ gespielt. Italiener waren begeisterte Kinogänger, daher erfolgte die politische Bildung in Italien stark über das visuelle Medium. Aber es gibt auch einen Link zwischen Mode und Psychologie.

Kleidung ist für dich als Modebegeisterten mit Psychologieabschluss sozusagen der Spiegel der Seele?
Wenn ich einen Menschen einschätze, dann achte ich zuerst auf sein Aussehen. Die Spiegelung zwischen dem Aussehen eines Menschen und dem, was in ihm vorgeht, kann man, ohne mich jetzt an Vorurteilen bedienen zu wollen, gut vergleichen. Ich möchte hier aber betonen: Ich spreche ausschließlich von Männern. Wenn ein erwachsener Mann mit kurzen Hosen, T-Shirt und Flip-Flops daherkommt, dann stellt sich die Frage: Wie erwachsen ist dieser Mann? Wie viel Respekt hat er vor sich selber? Man kann es psychologisch zum Beispiel als Rückzug in die eigene Kindheit interpretieren. Oder damit, dass jemand, der sich im Büro in einen Anzug zwängen muss und seine Arbeit gar nicht leiden kann, sich in seiner Freizeit davon befreit. Ich finde, mit 40 sollte ein Mann es sich leisten können, sich mal mehr mit seinem Äußeren und seinen Kleidern auseinanderzusetzen und sich fragen, warum er ein T-Shirt, das er mit 20 trug, immer noch anzieht.

Vielleicht, weil es einfach bequem ist?
Kleidung muss kongruent sein mit dem, wie du dich fühlst. Das „Sich-gehen-Lassen“ ist sehr privat. Aber alles, was ich vor meiner Haustür mache, ist nicht mehr privat. Und öffentlich sollte ich mich nicht gehen lassen. Ich betone nochmals: Das gilt für Männer.

Roland Novak: „Ich finde, mit 40 sollte ein Mann es sich leisten können, sich mal mehr mit seinem Äußeren und seinen Kleidern auseinanderzusetzen und sich fragen, warum er ein T-Shirt, das er mit 20 trug, immer noch anzieht.“

Bild: Roland Novak

Worin liegt der Unterschied zu Frauen bzw. zur Frauenmode?
Frauen und Ästhetik sind ein ganz anderes Thema, weil eine andere Sensibilität dahintersteckt und eine andere Art der Wahrnehmung. Es gibt kaum Frauen, die sich in der Öffentlichkeit kleidungsmäßig gehen lassen. Denn für eine Frau spielt die Körperlichkeit für das eigene Selbstwertgefühl eine viel wichtigere Rolle. Beim Mann wird die Betonung aufs Äußere gleich belächelt, man wird schief angeschaut. Und das ist ein gesellschaftspolitisches Problem, das zur Dekadenz der Männermode führt und somit zur Vernachlässigung der eigenen Identität des Mannes. Bevor ein Mann sich bewusst ist, dass sein Aussehen auch seine Karriere und sein Umfeld beeinflusst, glaube ich, vergeht viel Zeit. Das hängt wohl auch von Rollenbildern ab. Bei Männern sind es oft Sportler, das sind die am schlechtesten gekleideten Männer der Welt. Aber auch bei Politikern sieht man diese Dekadenz der männlichen Mode! Die sind immer schlechter angezogen. Bei Frauen hingegen kenne ich mich erstens nicht so gut aus. Außerdem hat die weibliche Mode viel mehr mit Kunst zu tun und Kultur. Es ist aber interessant, dass bis in die 1960er-Jahre hauptsächlich Männer die Geschichte der Frauenmode geschrieben haben. Erst in den 70er-Jahren sind dann auch Philosophinnen, Fotografinnen und Modedesignerinnen in die Geschichte der Mode eingetreten und haben sie auf ihre Art und Weise erzählt.

Früher waren Männer auf der Seite der guten Kleidung, Frauen auf der Seite der schlechten.

Männer kleiden sich also unbewusst, und daher spiegelt ihr Aussehen eher ihre Persönlichkeit wider, während Frauen sich mehr an äußeren Ästhetik-Standards orientieren?
Das war nicht immer so, und dieser Bruch hat einen historischen Grund. Früher waren Männer auf der Seite der guten Kleidung, Frauen auf der Seite der schlechten. Alle weiblichen Details, die heute in der Frauenmode präsent sind, waren früher Männersache. Das geht von Strümpfen über Peniskäppchen bis hin zu Stöckelschuhen. Frauen hingegen trugen lange Gewänder, die ihren Körper wie eine Leinwand bedeckten. Das liegt an der Sexualisierung der Macht: In Zeiten der Monarchie, hatte der König die Pflicht, seine Sexualisierung offenzulegen, denn er musste Nachfolger zeugen. Mit der französischen Revolution wurde der König durch die Demokratie ersetzt. Und der Demokrat ist ein nüchterner Pragmatiker, der seine Macht nicht darstellen muss. Denn diese liegt nicht mehr bei einem Individuum, sondern bei einer Körperschaft und beim Volk.

Bild: Roland Novak
Du hast Psychologie und Musik studiert. Wie kam es dazu, dass du dich jetzt auch im Bereich der Mode und Ästhetik bewegst?
Das begann eigentlich mit der Musik. Weil Musik hat immer auch mit Aussehen und Ästhetik zu tun. Meine erste Erinnerung ist Elvis: Er widerspiegelte die perfekte Einteilung des männlichen Körpers in einem Gewand. Das umgekehrte Dreieck – breite Schultern, zur Hüfte enger – und nach untenhin wieder auseinander. Das ist ein Signal der Kraft, der Sexualität. Wenn ein männlicher Körper diesem „Ideal“ nicht entspricht, kann sich aber jeder, der ein bisschen ein Auge dafür hat, durch Kleidung diesem Ideal nähern. Auch als Musiker musst du eine bestimmte Ästhetik auf der Bühne präsentieren, um deiner Musik einen visuellen Mehrwert zu geben. Wenn du aber mit demselben Gewand bei einem Konzert auftrittst, mit dem du auch zuhause auf dem Sofa sitzt, dann mag das Publikum die Musik zwar gut finden, aber irgendwann wird das vielleicht nicht mehr reichen, dass es für dein Konzert Geld ausgibt. Meiner Meinung nach wird das viel zu oft unterschätzt. Aber wenn ich von meiner Musik leben will, muss ich sie auch in meiner Ästhetik ausdrücken können.

Du sagst, Mode ist nicht nur ein Einblick in die Psyche des Menschen, sondern hat auch eine politische Aussagekraft. Inwiefern?
Mode spricht Menschen an, daher hängen Ästhetik und Wählerverhalten eng zusammen.  Wenn ich einen politischen Exponenten in kurzen Hosen und einem T-Shirt mit der Aufschrift „Italia“ sehe, dann weiß ich sofort, welche Wählerschaft er ansprechen will. Und zwar jene Menschen, die sich keinen Anzug leisten können und wollen, weil für sie der Anzug die Klasse repräsentiert, die sie unterdrückt. Kleider vermitteln nämlich bestimmte Werte, und die wiederum haben oft mit Klassenidentifikation zu tun. Wenn ich also verstehen will, ob ein Politiker populistisch ist, finde ich das relativ schnell heraus, indem ich schaue, ob seine Kleidung dem „populus“ angepasst ist.

Es ist extrem schwierig geworden, die viel gepriesene Individualität der sogenannten 68er-Bewegung zu leben. Diese Bewegung wollte die Entfaltung des Individuums, ist aber auf ganzer Linie gescheitert.

In der heutigen Zeit prägen sowohl die Individualisierung als auch die Globalisierung unsere Gesellschaft. Ist unsere Mode individualistischer und freier geworden oder einheitlicher?
Wir sind heute weniger frei als früher. Denn wir haben nur die Freiheit zwischen dem zu wählen, was uns angeboten wird. Das liegt an der Ökonomisierung jedes Aspekts unseres Lebens. Es ist extrem schwierig geworden, die viel gepriesene Individualität der sogenannten 68er-Bewegung zu leben. Diese Bewegung wollte die Entfaltung des Individuums, ist aber auf ganzer Linie gescheitert. Stattdessen kam es zur Kommerzialisierung des Individuums und seiner Bedürfnisse. Joseph Goebbels hat auf ganzer Linie gesiegt!

Was hat der Propagandaminister der Nationalsozialisten mit der heutigen Modeindustrie zu tun?
Die Uniformierung durch Werbung war ja eine der Stärken der Nazi-Ideologie. Jene zehn Maximen, die Goebbels aufstellte, um Massen zu begeistern, gelten nach wie vor in der modernen Werbeindustrie. Es geht darum, Menschen glauben zu lassen, sie seien eine Masse und keine Individuen. Und es geht darum, diesen Massen etwas zu verkaufen, was sie nicht brauchen und nicht wollen und möglicherweise ihren Tod bedeutet. Das sind, im Groben, die Regeln des Marketings.

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