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Interview mit Wolf Haas

Die Leiden der Pubertät

Der österreichische Kultautor Wolf Haas ist bekannt für seine Brenner-Romane. Sein neuestes Buch ist eine Geschichte über das Erwachsenwerden – mit autobiografischen Zügen.

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Bild: Josef Perndl

Er sei Schriftsteller geworden, um  der Kontrolle des Dorfs zu entkommen, hat Wolf Haas einmal gesagt. Für sein neues Buch „Junger Mann“ – einen Roman über die erste Liebe, ein Road-Movie auf dem Balkan und das Aufeinanderprallen von Jugend- und Erwachsenenwelt – ist der österreichische Autor in das Dorf seiner Jugend zurückgekehrt. Im Interview erzählt Haas vom Schrecken, aber auch der Schönheit der Pubertät, seiner gefühlten Nähe zu psychisch erkrankten und geistig behinderten Künstlern, und den Tricks, mit denen er seine Bücher am Krawattl zu fassen bekommt.

Ein wiederkehrender Satz in Ihrem neuem Roman lautet: Rückwärts durch die Knie betrachtet war die Welt immer am interessantesten. Beschreibt das die Haltung, mit der Sie das in Teilen autobiographische Buch geschrieben haben?
Lustig, dass Sie das sagen. Weil ich mich, als das Buch fertig war, selber gefragt habe, wodurch sich dieser Stil für mich ergeben hat. Und da hab‘ ich Analogien zum Inhalt entdeckt.

Zum Beispiel?
Im Buch gibt es immer wieder das Thema der Lücke: Den Tag, an dem man in der Energiekrise nicht Autofahren durfte, den Tag, an dem der Ich-Erzähler wegen seiner Diät nichts essen darf – und so weiter. So ähnlich ist mir mein Stil vorgekommen: Ein Weglassen, allerdings ein lustvolles, von vielen Dingen, die man auch noch hätte erzählen können. Die Personen werden kaum beschrieben, sondern entstehen fast nur aus den Dialogen.

Ist Weglassen nicht das Wichtigste, damit aus Erlebtem ein Roman entstehen kann – und keine ermüdende Autobiografie?
Ich hatte Angst, dass ich abdriften könnte, so im Sinne von: Jetzt schreibt auch der Haas noch seine Jugendmemoiren. Es hat etwas Selbstgefälliges, wenn Leute in allen Details erzählen, wie das Leben in ihrer Jugend war. Das bekommt schnell eine befremdliche Vintage-Selbstzufriedenheit. Jedenfalls geht es im Buch nicht darum, die 70er-Jahre zu porträtieren, sondern wie ein Heranwachsender auf die Erwachsenenwelt trifft. Das könnte auch irgendwann anders spielen.

Sie haben einmal gesagt, das Schöne am fiktionalen Schreiben sei, dass man tun könne, was man wolle. Ist es nicht eine Einschränkung, mit autobiographischem Material zu arbeiten?
Ich empfinde Einschränkungen beflügelnd. Nur waren es bislang formale, keine inhaltlichen. Bei den Brenner-Büchern ist es so, dass der Erzähler ein so eingeschränktes Vokabular hat, dass er bestimmte Dinge nicht ausdrücken kann. Und ich einen Weg finden musste, ihn die Geschichten trotz oder gerade mit dieser Hürde erzählen zu lassen. Aber das Autobiographische ist natürlich haarig.

Inwiefern?
Das Buch ist teils Erinnerung, teils erfunden und dann wieder sehr autobiographisch. Aber eigentlich ist es vollkommen uninteressant, was daran autobiographisch ist und was nicht.

Weshalb? 
Auch beim autobiographischen Schreiben entwickeln sich die Dinge weg von der Vorlage – das Authentische an einem Roman beruht nicht in erster Linie auf der faktischen Korrektheit.

Warum dann überhaupt semi-autobiographisch und nicht gleich fiktiv?
Mich hat interessiert, was das Autobiographische beim Schreiben mit mir macht, wenn ich mich ihm annähere.

Was hat es gemacht?
Ich komme aus ländlichen Kreisen, in denen nicht gelesen wurde. Bin aber Schriftsteller. Das ist eine interessante Konstellation. Für mich war immer die Frage, wie ich damit umgehe: Leugne ich das oder wende ich mich dem zu? Das ist ein Prozess, der immer wieder was abwirft. Beim Brenner zum Beispiel die Sprache: Die Krimis sind zwar komplett erfunden, aber insofern sehr autobiographisch, weil ich mich da mit der Sprache meiner Kindheit auseinandersetze. Aber der Brenner-Stil ist immer in ironischer Distanz. Das ist zwar lustig, aber als Schreibhaltung auch ein bisschen feige.

Weshalb feige?
Weil man immer der Chef beim Erzählen ist, solange man in ironischer Distanz bleibt.

Der Sound oder Tonfall ist diesmal ein anderer.
Ein versöhnlicher. Ich hatte offenbar Lust, alles mal von der netteren Seite anzuschauen. Nicht mit dem manchmal brutalen Humor, der die Brenner-Krimis ausmacht. Eine interessante, fast schizophrene, aber schöne Erfahrung beim Schreiben war auch, dass ich als Autor dem jugendlichen Ich Gutes tun konnte.

Sie haben sich beschützt?
Wie wenn ich als Erwachsener ein bisserl auf den Jugendlichen, der ich mal war, aufpassen durfte. Und noch wichtiger war mir, einmal eine Geschichte zu schreiben, in der wirklich alle Personen sympathisch sind.

Das war also Ihre Schreibchallenge: Kein Bösewicht!
Das hat sich beim Schreiben ergeben. Die Figur des Tscho war am Anfang böser geplant. Aber vielleicht wollte ich mich bei der Arbeit nur mit sympathischen Menschen umgeben.

Blickt man mit Ende 50 anders auf seine Jugend als mit 30?
Wenn man älter wird, ist es einem nicht mehr so wichtig, gut dazustehen. Ich hab‘ heute viel weniger ein Problem damit, Schwächen zu offenbaren. Zum Beispiel, dass ich als Jugendlicher wegen meiner Frisur und rundlichen Figur oft für ein Mädchen gehalten wurde.

Im Buch sogar von Elsa, der Angebeteten.
Als Dreißigjähriger hätte ich noch Probleme gehabt, das zuzugeben. Auch, dass ich ein nur wenig schillernder Jugendlicher war.

Es geht im Roman auch um die Macht und den Schrecken, aber auch die Schönheit der Pubertät.
Ich hab‘ beim Schreiben oft an ein Buch von Hubert Fichte denken müssen. Beziehungsweise an den Titel, weil ich das Buch leider nie gelesen habe: Versuch über die Pubertät. Für Erwachsene ist sie ja seltsam ungreifbar – obwohl sie jeder durchgemacht hat. Erwachsene sprechen meistens nur negativ von ihr:  Wie furchtbar sie sei und wie schlimm. Aber die Pubertät ist ja nicht nur furchtbar.

Ihr Ich-Erzähler erlebt im Buch manches zum ersten Mal. Und das mit einer rauschhaften Intensität …
… die man danach nie wieder erlebt.

Es gibt auch die selbstzerstörerische Seite der Pubertät.
Die mein Protagonist am eigenen Leib erfährt. Zum Beispiel die Lust an der Sportverletzung, auch wenn er gar kein großer Sportler ist. Oder am Risiko nach dem Motto: Wie weit kann ich mich herauslehnen, bis ich aus dem Fenster falle? Aber eines Tages sind die meisten von uns so vernünftig, dass sie nichts mehr riskieren.

Sie scheinen etwas für Kontrollverlust und Risikofreude übrig zu haben.
Jedenfalls beim Schreiben. Da erlebe ich oft den Zwiespalt, dass ich alles ganz rational durchdenken könnte. Es aber besser ist, wenn ich mir einen Teil des Schreibens unerklärt lasse.

Warum?
Weil es uninteressant wäre, nach Rezept zu schreiben. Ich glaube, dass es gut ist, wenn man sich beim Schreiben nicht zu sehr kontrolliert. Damit auch die Ströme des Unbewussten zur Geltung kommen und nicht gleich zensuriert werden. Vielleicht habe ich auch deshalb ein Faible für Kunst und Literatur von Menschen, die an einer psychischen Erkrankung leiden oder geistig behindert sind. Ich hoffe, das klingt nicht anmaßend, aber in manchem fühle ich mich denen näher als einem Autor, der alles zu hundert Prozent rational und bewusst kalkuliert.

Im Buch gibt es die Figur des Vaters, der in Salzburg im Irrenhaus sitzt, sich dort aber ganz wohl fühlt. Eine künstlerisch-psychiatrische Figur, die in ihrem Wortwitz an jemanden wie Karl Valentin erinnert.
Ich habe interessanterweise zu meinem Vater immer einen anderen Münchner im Kopf, nämlich den Monaco Franze. Der ist auch so charmant wie es mein Vater war und ebenso unnahbar.

Der Vater leidet im Buch an verschiedenen Süchten: Alkohol, an behandlungsbedürftiger Über-Freundlichkeit, Kartenspielsucht. Der junge Protagonist hat Angst, die Sucht  könnte auch in ihm stecken. Ist Schreiben für Sie eine Sucht?
Leider nein. Ich tue mich schwer mit dem Schreiben, auch wenn es mir gut tut. Wenn ich schreibe, geht es mir besser als wenn ich nicht schreibe. Trotzdem muss ich mich dazu überwinden, ähnlich wie beim Sport.

Was fällt schwer beim Schreiben?
Mich für einen Text zu entscheiden. Man könnte paradoxerweise fast sagen, dass ich ein bisschen zu verträumt bin für einen Schriftsteller. Und zu wenig produktorientiert. Ich bin manchmal wie ein Lied von Elvis Costello: Everyday I Write The Book. Aber eben nur im Überlegen.

Das Dranbleiben fällt schwer?
Eher dran zu glauben, dass es sich auszahlt. Dass es sich lohnt, so viel Lebenszeit damit zu verbringen. Und dass es am Ende wirklich was wird. Ich brauche immer relativ lang, bis ich zuversichtlich bin, dass es was wird. Und dann gibt es immer den einen Punkt, wo ich plötzlich weiß: Jetzt habe ich das Buch am Krawattl.

Dass Sie schon elf erfolgreiche und zum Teil verfilmte Bücher veröffentlicht haben, beflügelt Sie nicht?
Vergangene Bücher sind vergangen. Ich schaue nie rein in meine alten Bücher. Sie wecken eher Erwartungen, die mich blockieren. Und dann muss ich sehr viel Aufwand treiben, sie zu vergessen.

Wie?
Diesmal mit einem Trick: Ich habe mir eingeredet, dass ich das Buch unter einem Pseudonym veröffentlichen werde. Und plötzlich ging es mir viel besser von der Hand. Am Ende war natürlich klar, dass das bei dem Buch leider nicht möglich ist. Die vielen biographischen Bezüge wären sofort bemerkt und ich enttarnt worden. Aber ich finde die Idee reizvoll. Vielleicht mache ich das mal bei einem anderen Buch. Oder ich erzähle einfach, ich hätte etwas unter Pseudonym veröffentlicht – ganz ohne fertiges Buch.

Hatten Sie mal den Wunsch, Musiker zu werden?
Nein. Warum?

Weil Ihnen bei Ihren Büchern Sound immer so wichtig ist.
Ich habe als Student immer gern die These vor mir hergetragen, dass alle guten Schriftsteller eigentlich Musiker sind. Und da ist ja auch was dran: Jelinek hat Musik studiert, Thomas Bernhard auch und Gert Jonke, der uns damals sehr viel bedeutet hat, war ebenfalls Musiker. Ich bin leider unmusikalisch, hoffe aber, dass man das meinen Büchern nicht zu sehr anmerkt.

 

Am 21. November um 20 Uhr liest Wolf Haas im Treibhaus in Innsbruck aus seinem Roman „Junger Mann“.

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