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Petra Theiner hilft Müllmenschen in Indien

„Ich wusste, ich muss etwas tun"

Petra Theiner hilft seit 15 Jahren den Ärmsten der Armen in Indien. Menschen in den Slums und auf den Müllhalden. Menschen, die offiziell nicht existieren.

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Petra in einem Waisenhaus. Kinder sind in Indien häufig nichts Wert. Liebe und Zuneigung kennen sie nicht.

Bild: Petre Theiner

Anita saß zitternd am Boden, als Petra Theiner sie zum ersten Mal sah. Ihre Beine oberhalb der Knie abgetrennt. Die Wunden entzündet und nur dürftig mit Mullbinden bedeckt. Neben ihr ein kleines Baby. Ihre Tochter. Und überall Schmeißfliegen.

Es ist der 25. Dezember 2004, als Petra, begleitet von einem indischen Pfarrer, die junge Frau in einer Behausung aus Kartoffelsäcken, Karton und Bambusstecken mit 40 Grad Wundfieber vorfindet. „Ich war fassungslos“, erinnert sich die 48-jährige Praderin mit Tränen in den Augen. Noch mehr als von der Situation selbst ist sie schockiert darüber, dass niemand der Frau hilft. Doch die Aufnahme in ein Krankenhaus würde ihr verweigert werden. Sie ist ein sogenannter „Müllmensch”, eine Untouchable.

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Petra ruft die Ambulanz und bleibt im Krankenhaus hartnäckig, bezahlt den Aufenthalt für Anita. 17 Euro pro Tag. Zwei Monatslöhne von Anitas Mann. Jeden Tag muss sie Essen und die Medikamente besorgen, die ihr auf einen Zettel geschrieben werden. Eineinhalb Monate lang. Dann endlich ist Anita außer Lebensgefahr.

So wie Anita geht es in Indien Tausenden. Darunter vielen Kindern und Frauen. Kalkutta, die Hauptstadt des Bundesstaates Westbengalen, hat 15 Millionen offizielle Einwohner. Dazu kommen noch um die eine Million Menschen in den Slums und auf den Müllhalden. Wie viele es genau sind, weiß niemand. Denn diese Menschen sind nicht registriert und fallen durchs soziale Raster.

Kinder, von Ratten angenagt

Wer in den Slums oder auf den Müllbergen geboren wird, bekommt keine Geburtsurkunde, keinen Ausweis. Wer hier lebt, existiert einfach nicht. Genau diesen Menschen, den Ärmsten der Armen, hilft Petra. Durch die Geburt ihrer Söhne Niclas, zehn, und Elia, sieben, war Petra zwar schon länger nicht mehr selbst in Indien. Ihre Projekte koordiniert sie aber weiterhin von Südtirol aus. Projekte, wie das der Müllmenschen.

Auf Bhagar, der größten Müllhalde in Kalkutta, laden hunderte LKW täglich tausende Tonnen Müll der Millionenmetropole ab. Die Müllmenschen kämpfen um das, was andere wegwerfen, und teilen sich den Rest vom Rest mit Ratten, Schweinen und Hunden. „Der Gestank bei über 40 Grad ist unbeschreiblich. Keiner weiß, wie viele dort leben und wie viele täglich sterben. Da sieht man Kinder, die von Ratten angenagt wurden und niemand unternimmt etwas. Das ist furchtbar“, beklagt Petra. Sie unternimmt etwas.

Für die Menschen auf den Müllbergen ist jeder Tag ein Kampf ums Überleben.

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Petra Theiner

Die Hölle von Kalkutta

Petra wollte schon immer Benachteiligten helfen. Der Grund dafür ist ein trauriger. Ihr Vater starb mit 36 Jahren bei einem Autounfall und hinterließ ihre Mutter mit drei Kindern im Alter von drei, vier und fünf Jahren. Sie bewirtschaftete damals eine Jausenstation oberhalb von Prad. „Ein großer Schuldenberg lastete auf Muttis Schultern“, erzählt Petra heute. „Sie schaffte es nur dank der ständigen Mithilfe von unseren lieben Nachbarn und netten Leuten wieder auf die Beine zu kommen.“ Eine Zeit, die Petra bis heute geprägt hat.

2003, ein Jahr bevor sie Anita in den Slums fand, hörte sie einen Vortrag über das Sterbehaus der Mutter Teresa und der Straßenkinder von Kalkutta. Tief bewegt wusste sie: Sie muss da hin. Drei Wochen später stand sie dann „mutterseelenallein in der Hölle von Kalkutta.“

Zwei Monate, von Mitte Januar bis Mitte März, blieb sie dort und betreute Waisenkinder, Menschen, die im Sterben lagen, Obdachlose, Müllmenschen und Menschen aus den Slums. „Noch nie zuvor habe ich Menschen sterben sehen. Menschen, von Ratten angefressen, von Würmern befallen“,erzählt Petra. Auch wenn sie das Elend nicht leicht verarbeiten kann, lässt Petra das Schicksal der Menschen in Indien nicht mehr los.

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Petra Theiner

Hilfe zur Selbsthilfe

In der Sommersaison arbeitete Petra damals immer in der Gastronomie. In der Wintersaison reiste sie zwei bis viereinhalb Monate nach Indien. „Ich wusste damals: Ich muss etwas machen, ich muss den Menschen helfen“, sagt Petra. Ihr Lebensgefährte Christian unterstützte sie dabei tatkräftig von Anfang an. Insgesamt 15 Jahre lang ist Petra unter dem Verein Südtiroler Ärzte für die Welt tätig. Am 27. Juli 2018 gründete sie ihren eigenen Verein „Hoffnung auf einen besseren Morgen“. Den Namen suchte sie aus, weil sie all die Jahre „den Menschen Hoffnung schenkten durfte”.

Die Liste ihrer umgesetzten Hilfsprojekte ist lang: Zehn Wassertanks wurden in Nordostindien errichtet, weil von chinesischer Seite das Wasser abgepumpt wird. Drei Wasserbrunnen wurden bereits gebohrt, um Trinkwasser aus einer Tiefe von 300 Metern zu gewinnen. Schulen sind entstanden, über 70 Frauen werden jedes Jahr zu Näherinnen ausgebildet, unzählige Kinder wurden von der Straße geholt und operiert. Mehr als 1.000 Kinder besuchen heute eine Schule.

Vor einigen Wochen hat Petra Wellbleche an den dürftigen Hütten anbringen lassen, denn wenn erst mal der Monsun da ist, stecken die Leute regelrecht im Dreck fest. Für gehbehinderte Menschen wurden Rollstühle gekauft, für die „Müllmenschen“ wurden 20 Toiletten und Waschgelegenheiten und ein Sozialsprengel errichtet. Darin befindet sich ein Mehrzweckraum, Räume für medizinische Untersuchungen, eine Schneiderei und ein Raum für die Essenausgaube. Der Sprengel dient als Koordinationsstelle für weitere Hilfsmaßnahmen.

Alle Projekte realisiert Petra immer mit Einbeziehung der einheimischen Bevölkerung. Das ist ihr besonders wichtig. „Vor Ort muss sich etwas ändern. Wir müssen ihnen Hilfe zur Selbsthilfe geben.“

Petra will helfen – und zwar den Ärmsten der Armen.

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Petre Theiner

Petra ist sich bewusst, dass das Elend in den armen Ländern weitergehen wird und dass sie nicht die Welt retten kann. „Wer glaubt, das ganze Elend stoppen zu können, wird in ein tiefes Loch fallen, da brauchen wir uns nichts vormachen. Aber das, was wir können, ist unseren Einsatz geben. Und das kann jeder“, ist sich Petra sicher. „Wir wissen, wir leben unseren Luxus auf Kosten der Armen, daher muss jeder seinen Teil dazu beitragen. Jeder weiß, wir sollen nicht große Konzerne unterstützen, die die Menschen vor Ort ausbeuten. Wenn sich jeder daran halten würde, würde der Konzern zusammenbrechen, denn wir sind viele, und sie brauchen uns. Also hängt doch viel in unserer Hand.“

„Ich ging mit nichts nach Indien und kam reich zurück. Diese Leute haben mich tiefe Dankbarkeit gelehrt.“

Petra versucht in allen Lebenslagen etwas zu verändern, sie trägt Second-Hand-Kleidung, versucht ihren Konsum einzuschränken. Sie will keine von denen sein, die Geld haben und immer mehr wollen und doch nie zufrieden sind. Für sie zählen im Leben andere Dinge. „Ich ging mit nichts nach Indien und kam reich zurück. Die Ärmsten der Armen sind großartige Lehrmeister. Sie haben mich tiefe Dankbarkeit gelehrt und noch viel mehr.“ Petra strahlt, wenn sie davon erzählt.

Jetzt sind ihre Söhne groß genug und sie will bald wieder nach Indien hinfliegen. Auch um Anita zu besuchen. Die Frau ohne Beine wohnt jetzt mit ihrer Familie in Subhasgram in ihrem eigenen Haus. Ihr Mann Prafllya ist Gelegenheitsarbeiter. Anita hat nähen gelernt und hat selbst ein kleines Einkommen. Ihre Tochter Pronita Koyal besucht jetzt eine gute Schule. Durch Petra haben sie ein neues Leben geschenkt bekommen. „Anita sagt immer, ich bin ihre große Schwester“, sagt Petra. „Und für mich ist sie meine kleine Schwester. Wenn man einmal die tiefe Dankbarkeit dieser Menschen in seinem Herzen spürt, ist man der glücklichste Mensch auf der Welt“.

 

Petra betont im Interview immer wieder, wie dankbar sie allen Spendern ist. Wer den Verein „Hoffnung auf einen besseren Morgen“ unterstützen möchte, kann hier spenden:

Sparkasse – Cassa di Risparmio
IBAN: IT 59 Q 06045 58720 000000000111
BIC: CRBZIT2B030

Raiffeisenkasse - Cassa Raiffeisen
IBAN: IT 70 R 08183 58720 000300238210
BIC: RZSBIT21027

Bei der Überweisung der Spende ist es wichtig, die Steuernummer anzugeben, da jede Spende steuerlich absetzbar ist.

Petra Schwienbacher

mag große Hunde, ihre rote Rostlaube und Mamas Lasagne. Sie ist laut ihren Freunden immer lustig und labert gerne Blödsinn. Beim Schreiben kann sie aber auch ernst bleiben.
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