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„Ich bin nicht nur schwul“

Tobias Braunhofer ist 20 Jahre alt und lebt in Brixen. In einem sehr persönlichen Text für die Straßenzeitung zebra. schreibt er über seine Homosexualität.

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Bild: zebra

Tobias Braunhofer, Jahrgang 1995, ist in Ridnaun und Sterzing aufgewachsen und lebt jetzt in Brixen. Er ist ausgebildeter Verkäufer und möchte im Herbst berufsbegleitend das Wissenschaftliche Gymnasium besuchen. „Ich bin nicht nur schwul“, sagt er.

Ich war schon als Kind anders: habe hauptsächlich mit Mädchen gespielt, gerne Kleider angezogen, bin nur ungern zum Fußballtraining gegangen und habe mich auch mit zwölf Jahren nicht geschämt, meine Mutter in die Stadt oder zum Einkaufen zu begleiten. Geahnt hatte ich es schon länger, aber mit Beginn der Pubertät habe ich gefühlt, dass ich schwul bin. Als 14-Jähriger habe ich mich in Innsbruck zum ersten Mal mit einem schwulen Jungen aus der Schweiz getroffen, den ich im Internet kennen gelernt hatte. Um fahren zu können, habe ich gelogen und daheim gesagt, ich würde gerne mit Freunden in Innsbruck ins Kino gehen. Mit dem einmaligen Treffen war es nicht getan: Ich wollte den Jungen wiedersehen. Vier Tage später habe ich mich bei meiner Mutter geoutet. Sie war nicht überrascht, im Gegenteil: Sie sei stolz, einen Sohn zu haben, der anders ist, sagte sie. Das half mir natürlich. Auch meine ältere Schwester stand hinter mir genauso wie meine Freundinnen, denen ich schon früher Bescheid gesagt hatte.

Nicht nur schön und nett

In der Schule hatte ich immer Mädchen um mich. Ich sei sensibel und fürsorglich, schwärmten die Lehrpersonen beim Elternsprechtag. Doch da beginnt es schon, das Schubladendenken. Es gibt nämlich auch schwule Jungs und Männer, die sehr maskulin, die gar nicht sensibel, nett und süß sind.

Ich ging mein Coming-out offensiv an, habe auf Facebook und Netlog meinen Status geändert und angegeben, dass ich an Männern interessiert bin. Die Nachricht verbreitete sich wie ein Lauffeuer in Sterzing: In kürzester Zeit wusste die ganze Stadt Bescheid. Die nächsten Jahre waren schwierig für mich: Beim Vorbeigehen wurde getuschelt, beim Ausgehen wurde ich schon mal am Kragen gepackt; als Alkohol im Spiel war, wurde ich in den Busch gesteckt. Ich habe versucht, das nicht an mich heranzulassen. Zum Glück hatte ich Halt in der Familie. Doch meine Ablehnung zu einem Großteil der Gesellschaft, die ich vermeintlich als schwulenfeindlich empfand, habe ich mit entsprechendem Verhalten und Aussehen nach außen getragen. Da entsteht Spannung. Langsam habe ich versucht, meine Vorurteile abzulegen und bin auf die Menschen zugegangen. Die Anfeindungen haben sich aufgelöst. Die größte Angst von ungeouteten, schwulen Männern ist, bisherige Freunde zu verlieren. Heute habe ich viele Freunde – homo- und heterosexuelle.

Jede*r kennt Schwule: Manche outen sich ein Leben lang nicht oder leben in Scheinpartnerschaften. Manche Menschen verwechseln sexuelle Orientierung mit Charaktereigenschaft. Ich rufe dazu auf, den Menschen dahinter zu sehen: Reduziert eine Persönlichkeit nicht auf das Schwulsein!

Insgesamt aber stelle ich fest, dass die Menschen langsam toleranter und offener gegenüber verschiedenen sexuellen Neigungen werden. Aus Berührungsängsten wird Neugierde. Fakt ist: Wie man in den Wald hineinruft, kommt es zurück.

Tobias Braunhofer

Der Text erschien erstmals in der 14. Ausgabe von „zebra.”, Februar 2016.

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Straßenzeitung zebra.

Beim Zebrastreifen am Bahnhof, vor der Bäckerei, neben dem Dom – die VerkäuferInnen der Organisation für eine solidarische Welt bringen zebra. druckfrisch unter die Leute. Sie sind an ihren Ausweisen gut erkennbar und verkaufen die Straßenzeitung für zwei Euro. Ein Euro davon geht in die Produktion, der andere bleibt dem/der VerkäuferIn. Pro Ausgabe wird ein zebra-Artikel hier auf BARFUSS veröffentlicht – zum Reinschnuppern ins neue Heft.

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