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Fuckup-Night

​Die Nacht der Gescheiterten

Bei sogenannten Fuckup-Nights erzählen Menschen von ihren größten Pleiten. Auch der Unternehmer Markus Stocker alias Jacky hat Abende voller Selbstzweifel und Tränen erlebt.

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Bild: BASIS Vinschgau Venosta/Cinemepic

Am Beginn seiner Karriere flossen viele Tränen. Markus Stocker alias Jacky, Inhaber des Jack&King Conceptstores und Ladiesshops in Schlanders, hatte sein Geschäft gerade eröffnet. In den ersten Tagen verkaufte er nichts oder gerade einmal ein Paar Socken. Abends ging er nach Hause und weinte. Als er an einem Tag gleich mehrere Outfits verkaufte, dachte er, dass es endlich liefe. Er trommelte seine Freunde zusammen und trank mit ihnen ein Bier auf den Erfolg. Doch am nächsten Tag verkaufte er wieder nichts, ging nach Hause und weinte erneut. „Die Anfangszeit bestand aus vielen Tränen und leider nur wenig Bier“, sagt Jacky. 

Das Publikum lacht und Jacky lacht mit. Sie lachen über ein Tabu und das Leid einer Person. Das ist hier erlaubt, bei der Fuckup-Night in Schlanders. „Als Unternehmer musst du zumindest ein Unternehmen an die Wand fahren, um mit der nächsten Idee erfolgreich zu sein“, lautet das Motto des Unternehmertums in Amerika. Hierzulande gelten andere Regeln: Wir leben in einer erfolgsorientierten Leistungsgesellschaft, in der Rückschlage ein Tabu darstellen. Dem europäischen Credo „Erfolg ja, Scheitern nein“ schließt sich Südtirol an. Auf Veranstaltungen und in Workshops werden Tipps für erfolgreiche Karrieren wie Süßigkeiten verteilt. Nicht aber an diesem Abend, bei der fünften Fuckup-Night in Südtirol. 

Hinfallen und wieder aufstehen

Die Fuckup-Night ist ein globaler Trend, bei welchem persönliche und berufliche Misserfolge mit einem breiten Publikum geteilt und diskutiert werden. Die Intention der Nacht des Scheiterns lautet: Hinfallen und wieder aufstehen. Die Fuckup-Night verlangt einen realistischen Blick auf Beruf und Leben. Denn der eigene Berufs- und Lebensweg besteht aus Misserfolgen und vielen Stationen des Scheiterns.

Bild: BASIS Vinschgau Venosta/Cinemepic

Auch Jacky hat mit seinen 42 Jahren bereits viele fuckups miterlebt. Mit den Tattoos und den lässigen Klamotten wirkt er selbstbewusst und cool. Doch er ist nicht immer so gelassen – vor allem dann nicht, wenn es um sein Unternehmen geht. Die vermeintlich schöne und mit vielen Vorteilen verbundene Selbstständigkeit bestand für ihn am Anfang fast ausschließlich aus Schattenseiten. Für Jacky war es ein Muss, an der Fuckup-Night teilzunehmen. Er will damit vor allem jungen Leuten klar machen, dass fuckups dazugehören. 

Jacky arbeitete schon in den unterschiedlichsten Jobs und Branchen: im Einkauf eines international tätigen Unternehmens, als Jugendarbeiter, Geschäftsführer des Fakieshops Schlanders, als Pächter einer Bar und schließlich als Manager der Südtiroler Band Mainfelt. In keinem dieser Berufe fühlte er sich aber angekommen. Auch wenn er meist relativ frei im Handeln war, fühlte er sich immer gebremst. Viel zu viele Ideen schwirrten ihm durch den Kopf, weshalb er sich für die Selbständigkeit entschied. „Das Unternehmertum fühlt sich wie ein wiederkehrender fuckup an“, resümiert er.

Selbstständig machte sich Jacky 2015, als er seinen Conceptstore Jack & King gründete. Im Folgejahr eröffnete er seinen Shop in einer – für das bis dahin geringe Sortiment – viel zu großen Location. Mit den fünf T-Shirts und drei Jeans, die er zu Beginn im Shop präsentierte, wurde Jacky oft spöttisch mit einem Designerlabel verglichen. Viele Kunden kamen nur aus Neugier in den Conceptstore – sie schauten sich um und gingen direkt wieder. 

Durch Social Media Marketing baute sich Jacky eine Community auf. Seine Umsätze stiegen langsam. Trotzdem war er täglich mit neuen Problemen konfrontiert: Der Umsatz stieg nicht schnell genug, es war schwer, die richtigen Mitarbeiter zu finden und die Bürokratie kostete Zeit und Nerven. Er hatte sich die Selbstständigkeit einfacher vorgestellt und wurde von der Realität eingeholt. 

Ein Auf und Ab

Jacky steht auf der Bühne. Auf der Leinwand hinter ihm erscheint ein Wort: „Erfolg“.  Darunter zwei Bilder. Das eine zeigt einen Pfeil, der steil nach oben zeigt. Er steht dafür, wie sich Jacky seine Selbstständigkeit vorgestellt hatte. Das Bild daneben zeigt einen Pfeil, der nur schwer als solcher erkennbar ist. Er erinnert viel eher an das Gekritzel eines Kleinkindes. Worauf Jacky hinaus will, ist dem Publikum klar: Wer eine Bergspitze erreichen will, kann nicht immer nur geradeaus gehen. Das Auf und Ab gehört nun einmal dazu. 

Die erste Fuckup-Night im Vinschgau in der BASIS in Schlanders

Bild: BASIS Vinschgau Venosta/Cinemepic

Ein Auf und Ab war auch Jackys Selbstständigkeit. Weil der Conceptstore gut lief, beschloss er, seinen Betrieb weiterzuentwickeln. „Riskier es, es ist doch nur Geld“, sagte er sich und eröffnete den Barbershop und Ladiesshop. Den kurzen Erfolg beschreibt Jacky wie einen Rausch, er fühlte sich unbesiegbar: „Mir hätte aber klar sein können, dass 30 Prozent weniger Umsatz und 30 Prozent mehr Ausgaben eine dumme Idee sind.“

Der Unternehmer übertrieb mit den Bestellungen, sein finanzielles Polster wurde immer kleiner. Jacky musste erst lernen, wie das Wirtschaften funktioniert und bei welchen Umsätzen er den Gürtel enger schnallen muss. Heute ist er sich sicher, dass er aus all seinen Erfahrungen gelernt hat. Auch wenn er vor allem anfangs oft daran zweifelte, dass er Erfolg haben würde, war Aufgeben für ihn keine Option. Mit seinem Motto „You only fail when you stop trying“ – „du scheiterst nur, wenn du aufgibst“ – beendet der Unternehmer seine Reise des Scheiterns und verlässt die Bühne. 

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