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Straßenzeitung Zebra

Wilde Stadt

Bäume speichern nicht nur CO2, sie helfen auch bei Depression. Warum Städte grüner werden müssen – für Mensch und Klima – erklärt Landschaftsarchitekt Andreas Kipar.

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Bild: pxfuel.com

Städte sind keine naturfernen Räume. Wenn sich die Möglichkeit bietet, holen sich Pflanzen und Tiere den Raum zurück, den sie benötigen. Das zeigt sich, wenn verlassene Gebäude in wenigen Jahren von Pflanzen überwuchert werden oder etwa Füchse, Greifvögel und letzthin am Stadtrand von Rom sogar plündernde Wildschwein-Rotten ins urbane Gebiet vordringen. In Gegenden, die von Intensivlandwirtschaft geprägt sind, bieten Ortschaften und Städte mit ihren Gärten und Grünzonen wertvolle Zufluchtsorte für Vögel, Insekten und andere Kleintiere. Nist- und Fledermauskästen an Gebäuden, insektenfreundliche Dachbegrünungen, Balkongärten, Bienenweiden in Parks und blühende Verkehrsinseln gestalten längst auch die Stadtlandschaft. All das ist das Ergebnis zunehmender gesellschaftlicher Sensibilität. Vom Kindergartenkind bis zur Seniorin haben sich in den vergangenen Jahren die Menschen etwa um das Bienensterben gesorgt. Es wurde breit kommuniziert und Gemeinden – die einen mehr, die anderen weniger – haben Aktionspläne ausgearbeitet und lokale Projekte gestartet.

Allein in Italien stehen derzeit 43 Milliarden Euro für die „Gründe Wende“ zur Verfügung. Eine zentrale Rolle nimmt dabei das Thema Urbanistik ein.

Maßnahmen im Mikrobereich sind wichtig und haben in erster Linie Symbolcharakter. Aber das Insektenhotel auf dem Dach des Rathauses und die Bienenweide im Kreisverkehr reichen nicht aus, um das drohende Artensterben, den Klimawandel und die damit einhergehenden Katastrophen einzudämmen. Dafür braucht es ein radikales Umdenken und breit angelegte Maßnahmen. In diese Richtung argumentiert der Green Deal der EU, der „das nachhaltige Europa von morgen“ plant und zum Ziel hat, bis 2050 in der Europäischen Union die Netto Emissionen von Treibhausgasen auf null zu reduzieren und somit als erster Kontinent klimaneutral zu werden. Allein in Italien stehen derzeit 43 Milliarden Euro für die „Gründe Wende“ zur Verfügung. Eine zentrale Rolle nimmt dabei das Thema Urbanistik ein. Smarte Verkehrskonzepte sollen Emissionen reduzieren, gezielte Renaturierungen vor Fluten schützen, Fassadenbegrünungen und strategische Grünzonen das Stadtklima bei Hitze kühlen und noch vieles mehr wird in Angriff genommen. Argumentiert und kalkuliert wird zusehends mit dem im Wirtschaftsjargon bezeichneten „realen Wert“ von Natur. Am Beispiel von Städten lässt sich veranschaulichen, wie enorm dieser Wert in Geld bemessen, aber wie emotional aufgeladen und überlebenswichtig jedes Fleckchen grün auch darüber hinaus für die Menschen dort ist.

Bild: zebra./Petra Schwienbacher

Dienstleister Natur
Neue Technologien und der Komfort des modernen Lebens haben die Bedeutung der Natur für den Alltag vieler Menschen in den Hintergrund gerückt. Der direkte Kontakt zur Natur und die unmittelbaren Auswirkungen von Naturereignissen sind in Städten kaum erfahrbar. Wie fragil und untrennbar verbunden das Wohl von Natur und Mensch ist, wird erst in der jüngeren Geschichte zunehmend Thema: Ohne Natur geht es nicht. Was logisch klingt und im Allgemeinwissen der meisten verankert ist, wird mit dem noch jungen Begriff der Ökosystemdienstleistungen nun klar beim Namen genannt. Diese Theorie monetarisiert die Leistungen der Natur für den Menschen und ist somit im System Kapitalismus kommunizierbar. Die Natur bietet den Menschen unzählige Produkte und Leistungen, die genauer betrachtet unverzichtbar sind: Trinkwasser, Nahrungsmittel, Heizmaterial, Energieträger, Medikamente, Schutz vor Umweltereignissen wie Überschwemmungen und Bodenerosion, Klimaregulation, Kohlenstoffspeicherung, die Bestäubung von Kulturpflanzen durch Insekten und vieles mehr.

All diese Ökosystemdienstleistungen werden von der Natur „gratis“ bereitgestellt. Unsere Lebensqualität, sprich Ernährung, Sicherheit, Gesundheit und Erholung, ist unzertrennlich mit dem Erhalt von funktionierenden Ökosystemen verbunden. Werden Ökosysteme in ihrer Funktion beeinträchtigt oder gar zerstört, sind auch deren Dienstleistungen oft unwiederbringlich verloren – mit verheerenden Folgen. 

Gesund durch Grün
Während der Corona-Lockdowns mussten insbesondere Städter*innen schmerzlich erfahren, wie fundamental der Zugang zu Natur und Grünflächen für das eigene Wohlbefinden und die Gesundheit ist. Was in Japan schon zur gängigen Gesundheitsvorsorge gehört, nämlich der bewusste Aufenthalt in Wäldern zu Präventions- und Erholungszwecken, findet auch in der westlichen Medizin immer mehr Anklang. Dass sich saubere Luft, geringerer Lärm und Bewegung in der Natur positiv auf die körperliche und psychische Gesundheit auswirken, ist bekannt. Eine kürzlich veröffentliche Studie deutscher Umweltinstitute in Zusammenarbeit mit den Universitäten Leipzig und Jena belegt nun zudem einen bemerkenswerten Zusammenhang zwischen dem reinen Vorhandensein von Bäumen und der psychischen Gesundheit von Städter*innen. Die Forschenden setzten die Daten von fast 10.000 Einwohner*innen der Stadt Leipzig mit Daten zu Straßenbäumen in Beziehung.

So konnte ein Zusammenhang zwischen Antidepressiva-Verschreibungen und der Anzahl an Straßenbäumen in unterschiedlichen Entfernungen zu den Wohnorten der Menschen ermittelt werden. Weitere für Depressionen bekannte Faktoren wie Beschäftigungsstatus, Geschlecht, Alter und Körpergewicht wurden aus den Ergebnissen herausgerechnet. Es zeigte sich, dass mehr Bäume in unmittelbarer Umgebung des Wohnortes häufig mit einer geringeren Zahl von AntidepressivaVerschreibungen einhergehen. Wenn Naturlandschaft und Stadtlandschaft als einheitliches System ohne klare Abtrennung wahrgenommen werden, werden die Menschen von morgen weniger zur Erholung aufs Land fliehen und sich auch in ihrer unmittelbaren Umgebung wohler fühlen.

Während der Corona-Lockdowns mussten insbesondere Städter*innen schmerzlich erfahren, wie fundamental der Zugang zu Natur und Grünflächen für das eigene Wohlbefinden und die Gesundheit ist.

Kleiner Wald, große Wirkung
In den Niederlanden und Frankreich, 2020 auch in Deutschland, wurden in den vergangenen Jahren „Tiny Forests“ – Miniaturwälder in der Größe eines Tennisplatzes – angelegt. Die Idee dahinter: Mitten im Stadtgebiet entstehen dichte, schnell wachsende Wäldchen, die von Schmetterlingen, Vögeln, Bienen und kleinen Säugetieren bevölkert werden. Die kleinen, bewusst platzierten Wildniszonen sollen schnell hochwachsen und nicht erst in der nächsten Generation zu einem Wald werden. Auf kleiner Fläche werden möglichst viele diverse am Standort potentiell natürliche Baumarten gepflanzt, die frei wachsen können. So sollen die städtische Artenvielfalt, die Luftqualität und auch die Menschen davon profitieren, die in partizipativen Prozessen den Wald mitgestalten, ihn als Erholungs- und Lernort neu kennenlernen.

Kritiker*innen bemängeln, dass die kleinen Wäldchen ökologisch gesehen bald Mängel aufweisen könnten, weil sie sich nicht ausbreiten und als in sich geschlossene Inseln im Beton- und Asphaltmeer längerfristig nicht überlebensfähig sind und ein Verlust an Arten mit der Zeit unvermeidbar sei. Neue Ansätze in der Begrünung von Städten versuchen daher klein strukturierte Grünflächen zu verknüpfen. Etwa verbinden urbane Hecken oder strahlenförmige Grünstreifen und Baumreihen die Außenbereiche der Stadt mit dem Zentrum und bilden eine Art grüne Infrastruktur, auf der Tiere und Pflanzen sich ungestört bewegen können. Und natürlich auch Menschen.

Ohne geht es nicht
Die Welt besteht aus Ökosystemen und der Mensch ist ein bedeutender Teil dieser natürlichen Dynamiken. Längerfristig ist er dem Funktionieren dieser komplexen Geflechte auf Gedeih und Verderben ausgeliefert. Ob Ökosysteme funktionieren, hängt von zahlreichen Faktoren ab. Die Grundlage für ihre Widerstands- und Anpassungsfähigkeit ist die biologische Vielfalt, die genetische sowie jene an Populationen und Arten. Je klarer die Bedeutung von Ökosystemdienstleistungen und die realen Kosten ihres Verlusts für die Menschheit kommuniziert, einkalkuliert und in allen Bereichen unseres Lebens mitgedacht werden, umso nachhaltiger und verantwortungsvoller kann der*die Einzelne und die Gesellschaft als ganze agieren – egal ob es um die individuelle Gestaltung des Alltags oder um große, generationenübergreifende Infrastrukturprojekte und Städteplanung geht.

Das Interview:

„Neu denken statt grün einfärben“

Andreas Kipar, Jahrgang 1960, ist Landschaftsarchitekt, Städtebauer und Lehrender für Öffentliche Raumgestaltung am Polytechnikum Mailand. Als geschäftsführender Gesellschafter des Landschaftsarchitekturbüros LAND arbeitet er mit seinem Team aktuell am Grünraumrahmenplan der Gemeinde Bozen.

Andreas Kipar

Bild: DAsbach
zebra.: Städte weltweit investieren in Grünkonzepte und wollen gezielt mehr Natur in die Stadt bringen. Trend oder Notwendigkeit?
Andreas Kipar: Eine absolute Notwendigkeit! Die aktuellen Herausforderungen vom Klimawandel bis zum Bevölkerungswachstum und bis zu den für Einzelne oft undurchschaubaren digitalen Prozessen führen zum radikalen Umdenken. Menschen wollen wieder mit Natur verbunden werden. Die alte Stadt ist tot, die neue Stadt lebt, wo sie sich aus Freiräumen und aus Natur heraus definiert. Es geht um ein Leben in grünen Stadtlandschaften, nicht zwischen von ein bisschen Grün umgebenen Gebäuden.
 

In Südtirol gibt es viel Wald und landwirtschaftliches Grün. Zusehends weichen aber enorme Flächen Beton und Intensivlandwirtschaft. Ist Wirtschaftswachstum mit dem Erhalt von Lebensraum und Grünflächen vereinbar?
Das Stichwort heißt „produktive Landschaft“. Die Entwicklungsmotoren des zukünftigen Zusammenlebens sind mit Sicherheit der Freiraum im urbanen Kontext, sowie siedlungsnahe Naturräume und multifunktionale Orte der Begegnung in ländlichen Gemeinden. Es entsteht gerade ein neuer Zugang der Menschen zur Landschaft, der die scharfe Gliederung zwischen Kultur-, Natur- und Stadtlandschaft aufweicht und als Einheit versteht. Mit dem Konzept der produktiven Landschaft wird der natürliche Freiraum zu einem Netzwerk von Beziehungen und neuer Produktivität. Die Kombination von Natur und respektvoller Kultur und Arbeit macht es möglich, Orte für eine teilende Gesellschaft und ein starkes Miteinander zu schaffen.

Der Green Deal der EU gibt klar vor, in welche Richtung die Urbanistik der Zukunft gehen soll. Was sind die wichtigsten Kernpunkte dieser Leitlinien und was bedeuten sie konkret für die Stadt- und Landschaftsplanung?
Grundsätzlich soll der Green Deal existenziellen Bedrohungen wie Klimawandel und Umweltzerstörung präventiv auf politischer und gesellschaftlicher Ebene entgegenwirken. In der täglichen Arbeit mit Regionen, Gemeinden sowie Institutionen kann man erkennen, dass die Botschaft bereits tief auch in abgelegene Winkel Europas vorgedrungen ist. Grün ist mehr als ein Trend, es ist eine Verpflichtung zum Umdenken, um kommenden Generationen eine lebenswerte Welt zu ermöglichen.

Grün ist mehr als ein Trend, es ist eine Verpflichtung zum Umdenken, um kommenden Generationen eine lebenswerte Welt zu ermöglichen.

Es ist viel von „grün-blauer Infrastruktur“ die Rede. Was ist damit gemeint und wie sieht es dahingehend in Südtirol aus?
Südtirol ist reich an Landschaft, an Natur, als auch an Kulturlandschaft. Zwischen Natur- und Kulturlandschaft gibt es Zerschneidungen. Meist lineare Elemente wie Baumreihen, Hecken, Waldstreifen halten die Landschaft zusammen, Flussläufe und Wasserflächen strukturieren sie – eine Infrastruktur also. Blau-grüne Infrastruktur ist eine aktuelle und zukünftige Notwendigkeit im urbanen wie im ländlichen Raum. Dazu gehören auch aquatische Ökosysteme, Entwässerungssysteme als Überflutungsschutz gegen zunehmenden Starkregen und Regenrückhaltung zur dauerhaften Begrünung der Stadt und zur Kultivierung des Landes.

Wo setzt Ihr Projekt für Bozen konkret an und wie sind die Entwicklungsschritte?
Der Grünraumrahmenplan von Bozen ist der Beginn des Gemeindeentwicklungsprogramms der Stadt, welches nach dem neuen Landesgesetz „Raum und Landschaft“ jede Südtiroler Gemeinde in den nächsten Jahren verpflichtend ausarbeiten muss. Bozen startet diesen Prozess beim Freiraum. Die drei thematischen Schwerpunkte des Plans sind: Die Schaffung von neuem Bewusstsein für das Wasser in der Stadt, Multifunktionalität im Freiraum sowie die Bedeutung stadtnaher Erholungsräume.

Worin sehen Sie das größte Potenzial, wenn auch hierzulande Städte gezielt „grüner“ oder „wilder“ werden?
Der Naturlandschaft in Städten sollte durch kleinflächige innovative Maßnahmen wieder mehr Spielraum gegeben werden. Die Natur kann als Akteurin unseres täglichen Lebens gesunde und hybride Systeme als Zukunftsvision in den Mittelpunkt stellen. Die Stadt aus der Natur heraus zu entwickeln, gibt den Menschen Freiheiten zurück und zeigt Alternativen für eine nachindustrielle Zeit auf in Bezug auf Wohnen, Leben und Arbeit.

Kritische Stimmen bedauern, dass im Zuge solcher Projekte die Natur instrumentalisiert und zu Marketingzwecken gebraucht wird. Immerhin geht es auch um viel Geld. Was entgegnen Sie dem?
Greenwashing hat keine Zukunft. Wenn man Natur nur als Mantel über das Alte legt, wird das Alte schnell wieder hervorbrechen. Nachdem Städte saniert, rationalisiert und funktionalisiert worden sind, ist es an der Zeit, dass sie entrationalisiert und über Natur emotionalisiert werden. Nur so, über Natur, können wir Städte radikal neu denken und nicht nur grün einfärben. 

Text und Interview: Lisa Frei

 

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Beim Zebrastreifen am Bahnhof, vor der Bäckerei, neben dem Dom – die VerkäuferInnen der Organisation für eine solidarische Welt bringen zebra. druckfrisch unter die Leute. Sie sind an ihren Ausweisen gut erkennbar und verkaufen die Straßenzeitung für drei Euro. Die Hälfte davon geht in die Produktion, die anderen 1,50 Euro bleibt dem/der VerkäuferIn. Pro Ausgabe wird ein zebra-Artikel hier auf BARFUSS veröffentlicht – zum Reinschnuppern ins neue Heft.

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