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Wie bio ist Bio?

Bio ist gesund und gut für die Umwelt. Doch auch im Bioanbau werden Pestizide eingesetzt. Wie unbedenklich sind die Wirkstoffe tatsächlich?

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Bild: Flickr, captain.orange
Ein Traktor rattert durch die Obstanlage neben der vielbefahrenen Straße. Zu sehen ist nur ein dichter Sprühnebel, der zwischen den Baumreihen aufsteigt und sich auf die umliegende Umgebung verteilt. Pflanzenschutzmittel werden hier ausgebracht, ein gewohntes Bild in Südtirol. Doch die chemischen Substanzen gefährden Mensch und Natur. Viele greifen deshalb immer häufiger zu Bioprodukten, sie weisen keine Rückstände auf und sind besser für die Umwelt. Doch stimmt das wirklich? Tatsache ist, dass auch die ökologische Landwirtschaft nicht ohne Gift auskommt, wenn Pilze und Insekten ihre Ernte zerstören. 
 
Rund 800 biologisch wirtschaftende Landwirtschaftsbetriebe gibt es in Südtirol, laut aktuellem Agrar- und Forstbericht. Tendenz steigend. Am meisten ökologische Anbaufläche gibt es im Obst- und Weinbau. Beim Kernobst, hauptsächlich Äpfel, werden rund sieben Prozent in Südtirol biologisch angebaut. Im Weinbau sind knapp fünf Prozent der gesamten Fläche Bio. Was viele Menschen nicht wissen: Auch Biolandwirte dürfen im Kampf gegen Insekten und Pilze Pestizide einsetzen. 
 
Gefährliches Kupfer
 
Verboten sind synthetische Gifte aus Chemiefabriken, solche mit natürlichen Inhaltsstoffen dagegen sind erlaubt. Dazu gehören pflanzliche Substanzen, Bakterienstämme und Chemikalien. „Die wichtigsten Wirkstoffe sind sicherlich Kupfer und Schwefel“, sagt der Bereichsleiter für Bioanbau beim Südtiroler Beratungsring, Ulrich Kiem. 
 
Kupfer wird vor allem im Obst- und Weinbau eingesetzt. Es gilt als nahezu perfektes Mittel zur Pilzbekämpfung – vor allem für Biobauern, da sie kein anderes, so wirksames Fungizid als Alternative haben. Doch Kupfer ist umstritten, es baut sich nicht ab, sondern reichert den Boden an und schädigt dort lebende Organismen. „Kupfer ist ein Schwermetall, das wir nie wieder aus den Böden kriegen“, sagte der deutsche Lebensmittelchemiker Udo Pollmer in einem Interview vor zwei Jahren. Das Problem ist bekannt, die erlaubte Menge für Biobauern wurde EU-weit auf sechs Kilogramm pro Hektar und Jahr reduziert. Für konventionelle Bauern gilt dieser Grenzwert nicht. Dennoch könne ein Schwermetall keine Lösung für den Ökobau sein, sagen Kritiker. Die EU diskutierte bereits ein Kupfer-Verbot – bislang ohne Ergebnis.
 
Strengere Regeln
 
Die meisten Biobauern in Südtirol sind Mitglied in einem der drei Bioverbände. Sie müssen sich deshalb an die oft strengeren Richtlinien dieser Verbände halten. Der größte davon ist Bioland Südtirol mit mehr als 500 Mitgliedern. Auf der Internetseite sind die Richtlinien und erlaubten Pflanzenschutzmittel aufgelistet. Darunter findet sich auch Kupfer, erlaubt sind nur drei Kilogramm pro Hektar und Jahr. Ganz darauf zu verzichten sei aber nicht möglich, heißt es. 
Anders beim Bund Alternativer Anbauer: „Wir teilen unsere Mitglieder in zwei Stufen ein. Und die Stufe 1-Betriebe verwenden gar nichts, kein Kupfer und kein Schwefel“, erklärt der Obmann, Karl Primisser. Von den insgesamt 30 Mitgliedern sind 20 Stufe 1-Betriebe. Das seien meist Direktvermarkter, die Obst, Gemüse und Getreide anbauen, aber kaum große Apfelbauern. Der Verzicht auf Pflanzenschutzmittel wie Kupfer sei deshalb nicht so schwierig. „Wenn Boden, Saatgut und Düngung stimmen, geht es auch ohne“, sagt Primisser. 
 
Nicht gänzlich harmlos
 
Für den Menschen sind die genannten Fungizide ungefährlich. „Aus toxikologischer Sicht gibt es bei Kupfer und Schwefel keine Bedenken“, sagt der Toxikologe Hermann Kruse von der Universität Kiel. Etwas anders ist es bei den Insektiziden. Zu den bekanntesten im Bioanbau gehören Neem, ein Extrakt aus dem Neembaum, mikrobiologische Produkte, etwa Granuloseviren oder ein Blütenextrakt aus Crysanthemen. Der Vorteil dieser Stoffe sei, dass sie relativ rasch abgebaut werden und somit nicht in die Nahrung gelangen, sagt Kruse. „Was aber nicht heißt, dass sie gar keine toxische Wirkung haben und gänzlich harmlos sind. Denn beim unmittelbaren Kontakt damit, kann es Schäden am Nervensystem oder auf der Haut geben“, fügt er hinzu. Werden solche Stoffe eingeatmet oder gelangen sie auf die Haut, etwa wenn man durch eine Sprühwolke geht, seien die Stoffe gesundheitsgefährdend. Das betreffe vor allem die Bauern, die diese Insektizide ausbringen, sagt Kruse. „Es ist Vorsicht geboten, aber sie sind natürlich wesentlich besser als die Mittel, die im konventionellen Anbau erlaubt sind“, so der Toxikologe. 
 
Komplett auf Pflanzenschutzmittel zu verzichten ist für Biobauern schwierig. Es ist ein zweischneidiges Schwert, sagt Ulrich Kiem. Die ökologische Landwirtschaft müsse wirtschaftlich sein, sonst entwickle sie sich nicht weiter, und dafür brauche es ein gewisses Maß an Pflanzenschutz. „Fakt ist, wir produzieren rückstandsfrei", so Kiem, „aber, dass Bio nicht so funktioniert, wie es die Werbung präsentiert, mit dem Schweinchen unterm großstämmigen Baum, das dich fragt, ob du ein paar Äpfel klauben möchtest, das ist auch klar.“

Judith Dietl

arbeitete eine Zeit lang im hohen Norden, jetzt BARFUSS-Redakteurin der ersten Stunde. Ist lieber barfuß unterwegs, weil lässt sich ungern einengen.
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Vorausgeschickt: Ich finde den Artikel nicht schlecht. Trotzdem nerven mich Artikel die immer aufs neue die biologische Landwirtschaft kritisieren, ohne die positiven Aspekte hervorzuheben. Journalistisch gesehen, ist es en vogue, Bio an den Ohren zu ziehen, alle großen Medien machen das.
Ebenso könnten wir aber über die Umweltschäden von Zugfahrten berichten: Furchtbar wie zerstörerisch der Bahnreisende mit unseren endlichen Ressourcen umgeht. Soll er doch zu Fuß gehen, der faule Sack.

Die Kritik am Bioanbau ist berechtigt, sofern sie gerechte Lösungsvorschläge bringt. Was tun statt Kupfer? Wir können Pilzresistente Sorten pflanzen, wir könnten schrumpelige Äpfel essen oder gar keine, aber wir können nicht sagen: ha! die Biobauern wollen sich nur besser vermarkten um 20% mehr Kohle zu bekommen, weil Spritzen tun die auch; Um dann mit reinem Gewissen zu einem konventionellen Lebensmittel greifen, dass mit hunderten von zugelassenen Wirkstoffen belastet sein darf, von denen wir kaum wissen, wie sie auf lange Sicht auf unseren Organismus und unsere Umwelt wirken.
Der Bioanbau ist eine Kompromiss aus Verbraucherwünschen, betriebswirtschaftlichen Überlegungen und einem Streben nach natürlicher Landwirtschaft. Gar nicht spritzen ist gesünder und pilzresistente Sorten sind ohne Zweifel umweltschonender. Der Konsument muss sie aber auch kaufen, denn leider sind die pilzresistenten Apfelsorten seit Jahren im schwinden und der (äussere) Qualitätsanspruch am Markt, auch bei bio-Obst stetig am Steigen.
Bio abzulehnen ist kontraproduktiv, weil wir die positiven Ansätze im Keim ersticken. Die Lebensmittelbranche stetig zu hinterfragen ist hingegen der richtige Weg. Gesunde und faire Lebensmittel zu produzieren soll das Ziel sein, an der Biolandwirtschaft wird aber kein Weg vorbei führen: Aber wir müssen gemeinsam daran arbeiten, dass sie noch besser wird.

Die biologische Landwirtschaft begeht einen Kardinalfehler, weswegen sie auf das Pestizid Kupfer angewiesen ist.
Alkalische Düngemittel erzielen den selben Effekt, sie wirken wie ein Kontaktfungizid. Diese sind nur teilweise erlaubt, als Schwefelkalk, Holzasche oder als Pflanzenschutzmittel gegen Obstbaumkrebs. Schwefelkalk kann während der Saison aufgrund der Verbrennungsgefahr nicht eingesetzt werden. Reine Kalkmilch schon. Diese ist jedoch verboten !!!
Die Probleme sind also hausgemacht, wenn nicht sogar gewünscht, denn man verdient auf diese Weise viel Geld mit Pflanzenschutzmitteln, die gar nicht nötig werden und zudem das Bodenleben schädigen und zu höheren Schwermetallgehalten in den Bioprodukten führen. Mehr Kupfer bedeutet auch mehr Cadmium im Biogemüse. Diese Zusammenhänge werden bei der Diskussion oft unter den Tisch gekehrt sind aber wesentlich.
Mehr darüber auf den Seiten des Umweltbund e.V. .

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