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Hausgeburt

Wahlfreiheit beim Geburtsort

Von 5.000 Kindern pro Jahr kommen in Südtirol weniger als ein Prozent zu Hause zur Welt. Helga Seeber ist eine der Frauen, die sich bewusst für eine Hausgeburt entschieden haben.

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Lizenz: CC0
Bild: Free-Photos

Auf der blauen Eckcouch im Wohnzimmer kam vor einem Jahr Josef zur Welt. Er ist das vierte Kind von Helga Seeber Haller und ihrem Mann Christoph. Alle ihre Kinder kamen zu Hause zur Welt. Vor vier Jahren Ida, vor sechs Jakob und vor acht Jahren Johanna. Alle vier waren geplante Hausgeburten.

Damit ist Helga eine von rund 40 Frauen, die in Südtirol jedes Jahr ein Kind zu Hause zur Welt bringen. Im Schnitt sind 30 dieser Geburten geplant. Zehn sind ungeplant, weil es die Frauen nicht mehr rechtzeitig ins Krankenhaus schaffen. Einige Bekannte von Helga reagierten skeptisch auf ihren Wunsch nach einer Hausgeburt – das sei zu risikoreich. Dabei sagen Studien etwas anderes.

Angst, zuhause zu entbinden

Eine Hausgeburt läuft im Grunde genauso ab wie eine Geburt im Krankenhaus – nur eben in den eigenen vier Wänden. Ab der 36. Schwangerschaftswoche werden Schwangere, die eine Hausgeburt wünschen, von ihrer privaten Hebamme betreut. Regelmäßig kontrolliert sie die Herztöne, misst das Kind und kontrolliert, ob alles in Ordnung ist – wie im Krankenhaus. Nach der Geburt muss innerhalb von 48 Stunden ein Kinderarzt das Baby untersuchen. So war es auch bei Helga.

Bild: Petra Schwienbacher

Treten während der Geburt Komplikationen auf, werden die Frauen frühzeitig ins Krankenhaus geschickt. So sind Hausgeburten statistisch gesehen nicht gefährlicher als Geburten im Krankenhaus. Die Wahrscheinlichkeit, dass die Geburt wie gewünscht verläuft und kein Arzt eingreifen muss, ist bei einer Hausgeburt im Vergleich sogar höher. Das bestätigen die NICE guidelines, die anerkannten Leitlinien des National Institute for Health and Care Excellence (NICE). Astrid Di Bella bezieht sich bei Diskussionen zum Thema Hausgeburten gerne auf diese Leitlinien.

Di Bella ist Hebamme und Präsidentin des Hebammenverbandes Südtirol. „Für Frauen mit geringem Risiko ist es beim zweiten Kind sinnvoller, zu Hause oder in einem Geburtshaus zu entbinden, anstatt in einem Krankenhaus“, sagt sie. Dennoch haben viele Frauen Horrorvorstellungen beim Gedanken an eine Geburt in den eigenen vier Wänden.

Helga Seeber kennt diese Bedenken. Einige ihrer Bekannten waren der Meinung, eine Hausgeburt sei unhygienischer. „Und sie glaubten, danach ist alles voller Blut, dabei gibt es eine saugfähige Unterlage. Viele haben Angst und malen sich Dinge aus, die passieren könnten. Wenn eine Frau aber Angst hat, klappt es auch nicht“, weiß die 45-Jährige.

Die Umgebung ist eine der wichtigsten Faktoren bei einer Geburt, denn eine Geburt ist ein hormoneller Vorgang. Damit sich werdende Mütter entspannen können und die Entbindung gut verläuft, müssen sie sich wohlfühlen. Dieser Wohlfühlort sieht für jede Frau anders aus. Für Helga waren es ihre eigenen vier Wände, ihre Wohnung.

Bild: Helga Seebr

Helga hat sich auf jede Geburt vorbereitet und vorab alles für die Tage danach organisiert. Ihr Mann Christoph übernahm das Kochen und wickelte das Baby, die Eltern betreuten ab der zweiten Geburt die Geschwisterchen für ein paar Tage. „So hatte ich vermutlich mehr Ruhe als im Krankenhaus, wo man auch mit den Besuchen der anderen Mütter konfrontiert ist“, sagt die Biologin und Kräuterfachfrau.

Für Frauen, die keine Hausgeburt, aber auch nicht im Krankenhaus entbinden möchten, sieht es in Südtirol hingegen nicht besonders rosig aus. Viele Wahlmöglichkeiten beim Geburtsort gibt es nämlich nicht.

Kaum Wahlmöglichkeiten

Astrid Di Bella kennt die Problematik. Zusammen mit dem Hebammenverband setzt sie sich für mehr Wahlfreiheit ein. „Frauen sollen wählen können, ob sie im Krankenhaus, ambulant, in einem Geburtshaus oder zu Hause gebären wollen“, betont Di Bella. Auch Helga überlegte sich, als sie mit Johanna schwanger war, ins Krankenhaus Sterzing zu fahren. Die Geburtenabteilung war beliebt, weil es dort nicht „so steril war wie in anderen Krankenhäusern“. Sie entschied sich dann aber doch für eine Hausgeburt.

Vergangenes Jahr wurde die Abteilung in Sterzing geschlossen. Ebenso wie die Geburtenabteilung der Marienklinik und jene in Innichen. Auch Geburtshaus gibt es hierzulande keines. Der Grund: Es gibt keine Regelung für eine sanitäre Struktur der Geburtshäuser. „Es bräuchte einen Mittelweg zwischen Hausgeburt und Krankenhaus. Wir hoffen, dass das Land bald Schritte einleitet, damit wir ein Geburtshaus eröffnen können“, sagt Di Bella. Genau das sei der Wunsch vieler Südtiroler Frauen.

Seit der Schließung der Geburtenstationen steigt die Zahl der werdenden Mütter an, die eine individuelle Betreuung durch eine Hebamme suchen. „Durch die Hebammenbetreuung fühlen sich die Frauen sicher und gut aufgehoben. Vertrauen spielt dabei eine große Rolle. Manchmal entwickeln sich auch Beziehungen, die ein Leben lang halten“, weiß Di Bella. So war es auch bei Helga, die zu ihrer Hebamme eine innige Freundschaft entwickelte. Für dieses Vertrauensverhältnis müssen Familien allerdings tief in die Tasche greifen.

„Ich habe alle Geburten als schön empfunden.“

Die Geburt mit einer freiberuflichen Hebamme kostet zwischen 2.000 und 2.500 Euro. Im Preis inbegriffen: Fünf Wochen Bereitschaftsdienst, Fahrtspesen, Visiten in der Schwangerschaft, die Geburt und die Betreuung am Wochenbett für bis zu zehn Tage. In Österreich oder Deutschland werden diese Kosten großteils von öffentlicher Seite zurückerstattet. Im Trentino bekommen Frauen rund 1.000 Euro zurück, bei Hausgeburten in Südtirol sind es lediglich 516 Euro. Die andere Problematik in Südtirol: Freiberufliche Hebammen können sich nie sicher sein, ob sie bei der Geburt in den Kreissaal dürfen. „In Bruneck war es kürzlich effektiv so, dass eine Kollegin nicht in den Kreissaal durfte. Das kann nicht sein”, beklagt Di Bella: „Wollen Frauen ihre eigene Hebamme bei der Geburt dabei haben, sind sie also nahezu gezwungen, eine Hausgeburt zu machen.”

„Eine ganz andere Atmosphäre”

Helga wollte eine Geburt mit Hebamme. Vor 13 Jahren war die vierfache Mutter das erste Mal bei einer Hausgeburt dabei. Damals bekam eine Freundin ihr Kind. In Helga reifte der Wunsch, ihre Kinder später ebenfalls zuhause zu entbinden. „Es war einfach eine ganz andere Atmosphäre”, erinnert sich die 45-Jährige zurück.

Ihr Mann Christoph wollte als Krankenpfleger lieber den klassischen Weg einer Geburt im Krankenhaus gehen. Dass sie nur zwei Minuten vom nächsten Krankenhaus entfernt wohnen, hat den 36-Jährigen schlussendlich beruhigt und umgestimmt. Genauso wie die Gelassenheit seiner Frau. „Wären Komplikationen aufgetreten oder hätte es die Hebamme für nötig gehalten, wäre ich natürlich ins Krankenhaus gefahren. Diese Option habe ich mir immer offen gelassen”, sagt er. Notwendig war das nicht. Alle vier Geburten verliefen reibungslos und nach der ersten war auch Christoph endgültig überzeugt.

Das Gefühl, das Helga bei ihren Hausgeburten hatte, beschreibt sie heute als „gewaltig“. „Ich habe alle Geburten als schön empfunden“, erinnert sie sich. „Natürlich hatte ich Schmerzen, aber die kann einem auch im Krankenhaus niemand nehmen. Eine Hausgeburt ist einfach total familiär.” Helga ist eine von 30 Frauen in Südtirol, die sich bei der Geburt ihres Kindes Zeit lassen wollen. Sie wünschen sich eine Geburt, die so natürlich wie möglich verläuft und bei der nicht frühzeitig ins Geburtsgeschehen eingegriffen wird. Bei der letzten Geburt habe sie bis zum Schluss sogar noch Witze gemacht und zusammen mit der Hebamme gelacht, schmunzelt Helga. So lange, bis kurze Zeit später Josef auf der blauen Eckcouch im Wohnzimmer zur Welt kam.

Petra Schwienbacher

mag große Hunde, ihre rote Rostlaube und Mamas Lasagne. Sie ist laut ihren Freunden immer lustig und labert gerne Blödsinn. Beim Schreiben kann sie aber auch ernst bleiben.
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