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Menschenhandel

Unsichtbare Ketten

Weltweit sind 40 Millionen Menschen von Menschenhandel betroffen. Das Projekt „Alba“ kümmert sich um Frauen, die aus ihrer Heimat verschleppt und in die Prostitution gezwungen wurden.

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Bild: Unsplash/Victoria Sereda

Sklaverei ist kein veraltetes Phänomen. Tagtäglich passiert sie vor unserer Haustür. Wer nach Einbruch der Dunkelheit mit dem Auto durch die Bozner Peripherie fährt, kann sie sehen: Frauen, die ihren Körper anbieten. Durchschnittlich 15 bis 25 Euro bekommen sie für ihre Dienste. Die meisten von ihnen stammen aus Afrika und insbesondere aus Nigeria. Von mafiösen Organisationen werden sie unter brutalen Bedingungen nach Europa verschleppt und ausgebeutet. Hinter dem Menschenhandel aus Afrika steckt ein weltweit agierendes kriminelles Netzwerk. Dieses findet auch in Südtirol seine Abnehmer.  

Zwangsprostitution funktioniert wie jeder andere Wirtschaftsbereich: Angebot und Nachfrage bestimmen den Markt. „Würde das Business mit dem Sex in Südtirol nicht laufen, gäbe es hierzulande keinen Menschenhandel“, sagt Maria Susat. Fünfzehn Jahre ist sie schon Teil des Projekts „Alba“, das die Organisationen „La Strada/Der Weg“, „Volontarius“ und „Consis“ betreuen.

Alba bietet den nach Südtirol verschleppten Frauen einen Ausweg aus der Versklavung. Prostitution ist dabei nur eine von vielen Facetten des Menschenhandels, denn auch Zwangsarbeit, arrangierte Ehen oder das Betteln auf der Straße sind moderne Formen der Ausbeutung. Gemeinsam mit dem Leiter des Projekts, Alberto Dal Negro, arbeiten dreizehn Mitarbeiter daran, den Frauen eine zweite Chance zu bieten. 

Etwa 150 Betroffene haben dank Alba bislang ihren Weg in ein selbstbestimmtes Leben gefunden. Wie viele Frauen in Südtirol aktuell als Zwangsprostituierte arbeiten, ist den Experten zufolge unmöglich herauszufinden. Die Statistiken seien rein utopisch, die Dunkelziffern niemandem bekannt. Wichtiger sei daher auch der persönliche Kontakt zu den Frauen. Zwei Mal pro Woche sieht Gina Quiroz auf der Straße nach dem Rechten und informiert sich über Neuankömmlinge. Oft wird sie direkt von der Polizei oder vom Sozialamt gerufen, aber auch Bürger können vermeintlich suspekte Situationen melden. Gina Quiroz spricht mit vielen Frauen, aber nur wenige entschließen sich zur Teilnahme an Alba. Viele haben Angst.

Den Frauen werden Jobs als Frisörinnen oder Kindermädchen in Europa versprochen.

Mit geschickten Manövern setzen die kriminellen Organisationen ihre Opfer unter Druck. Sie nehmen den Frauen alle Dokumente ab und betonen, sie hätten durch die Reise durch die Wüste und über das Mittelmeer einen riesigen Schuldenberg angehäuft. Nach der Ankunft in Europa werden die Frauen bei sogenannten „Madames“ untergebracht. Diese stammen aus dem selben Land wie die Frauen und fungieren als ihre Aufpasserinnen. Die Madames verlangen Geld für Miete, Essen, Kleidung und Toilettenartikel. Manche Frauen müssen bis zu 50.000 Euro zurückzahlen. Wenn sie das Geld nicht auftreiben, droht man ihren Familien in Afrika.

Vor der Abreise müssen sich die Frauen einem Voodoo-Ritual – Ju-Ju genannt – unterziehen, bei dem sie sich ihren Schleppern gegenüber verpflichten. Derartige Praktiken sind in Nigeria weit verbreitet und vor allem bindend. Vom Schwur kann man sich zwar freikaufen, doch das kostet mindestens dreitausend Euro. Diese Art der psychologischen Manipulation ist für die Helfer in Südtirol viel schwerer aufzudecken, als die sichtbaren Zeichen physischer Gewalt. „Eine Konsequenz dieser Vorgehensweise ist, dass viele Frauen nicht einmal realisieren, dass sie ausgebeutet werden“, sagt Michael Wegleiter.          

Den Frauen werden Jobs als Frisörinnen oder Kindermädchen in Europa versprochen. Doch aus diesem schönen Traum erwachen sie bald, denn auf ihrer Reise erleben sie Schreckliches. „Diese Frauen wurden so viele Male belogen, dass sie jegliches Vertrauen in sich und die Welt verloren haben. Auch wenn man ihnen einen Ausweg bietet, bleiben sie skeptisch“, sagt Alberto Dal Negro. Manchmal dauert es Monate oder sogar Jahre, ehe er und seine Kollegen einen Kontakt zu den Betroffenen herstellen können. Viele trauen sich einen Neustart schlichtweg nicht zu. Gerade deshalb verfolgt Alba die Strategie des Empowerments – man will den Frauen den Rücken stärken und ihnen Verantwortung übertragen.

Die Teilnehmerinnen erhalten eine begrenzte Aufenthaltsgenehmigung und werden in geschützten Wohnungen untergebracht. Sie besuchen Sprachkurse und manche von ihnen lernen erstmals im Laufe des Projekts und binnen kürzester Zeit Lesen und Schreiben. Experten helfen ihnen bei der Definition ihrer Stärken. Die Berufswahl und eventuelle Vorstellungsgespräche müssen sie aber im Alleingang meistern. „Dazu sind sie vollkommen in der Lage“, sagt Maria Susat, „denn es sind ja keine Dummerchen. Sie hatten bislang einfach weniger Chancen als andere“. Arbeitgeber sollen die Kandidatin nicht aus Mitleid einstellen, sondern aufgrund ihrer Fähigkeiten. Die Frauen sollen durch den Berufseinstieg mehr Selbstvertrauen gewinnen und nicht mehr als Opfer behandelt werden. 

Gäbe es keine interessierten Freier, würden die Frauen nicht auf dem Strich landen.

In der Tat ist es schwer, das Stigma der Prostitution – ob nun erzwungen oder nicht – loszuwerden. Im Mai dieses Jahres kam es in Deutschnofen zu einer Gruppenvergewaltigung an einer jungen Frau afrikanischer Herkunft. Südtiroler Zeitungen berichteten über den Vorfall. Schon auf den Titelseiten wurde die Frau als „nigerianische Prostituierte“ vorgestellt und mehr oder minder bewusst abgestempelt. „Viele finden das nicht weiter schlimm, weil es Prostituierte ja gewohnt sein sollten, schlecht behandelt zu werden“, sagt Maria Susat. Wegen ihrer Herkunft und aufgrund ihres Berufs haben diese Frauen mit vielen Vorurteilen zu kämpfen.

„Respekt ist das Schlüsselwort, nicht nur in diesem besonderen Fall. Wir sollten lernen, unseren Mitmenschen mit mehr Verständnis gegenüberzutreten“, sagt Alberto Dal Negro. Umso wichtiger sei es, nicht nur den Menschenhandel an sich zu bekämpfen, sondern auch die breite Masse für das Thema zu sensibilisieren. Gäbe es beispielsweise keine interessierten Freier, würden die Frauen nicht auf dem Strich landen.

„Es klingt brutal, aber die Aufklärung sollte schon im Kindesalter und bei den potentiellen Freiern von morgen beginnen“, rät Maria Susat. Die Mitarbeiter von Alba initiieren deshalb regelmäßig Informationskampagnen. Ihnen ist es ein Anliegen, dass die Menschen auch innerhalb der Familie und im Freundeskreis beginnen, über das Thema Menschenhandel zu reden: Moderne Sklaverei passiert jeden Tag, auch vor unseren Augen.

Wer suspekte Situationen melden möchte, der kann sich rund um die Uhr bei den Mitarbeitern des Projekts „Alba“ melden. Die Nummer lautet: 0471 402338.

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