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Kein Platz zum Sterben?

Sterben fällt nicht einfach – den Sterbenden genauso wenig wie ihren Angehörigen. Denn Sterben bedeutet, keine Lösung mehr zu haben.

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Bild: Georg Hofer

Es ist ein heißer Junitag, als in Brixen jemand stirbt. Das Telefon von Dr. Engl klingelt. Er sitzt neben mir im Auto, wir sind auf der Autobahn Richtung Bozen unterwegs. 

Die Stimme am anderen Ende klingt gleichzeitig müde und aufgekratzt. Dr. Engl fängt sie mit beruhigender Aufmerksamkeit auf. Was solle sie tun, fragt die Stimme. „Nichts“, sagt Adolf Engl sanft. Sie brauche jetzt nichts zu tun. Die Stimme am Telefon schweigt kurz. „Bleiben Sie bei ihr“, sagt er ruhig. Ich starre auf die Fahrbahn. Die Stimme fragt etwas, hilflos. „Befeuchten Sie ihr den Mund ein bisschen“, sagt Dr. Engl. Und mit beruhigender Stimme wiederholt er zweimal: „Nein, sie hat keine Schmerzen.“

Ich umklammere das Lenkrad. Umdrehen geht hier nicht, denke ich. „Es ist normal, dass der Atem unregelmäßig wird“, höre ich Dr. Engl sagen. „Sie machen das sehr gut. Bleiben Sie dabei.“ Er ist geduldig. Er wiederholt sich so lange, bis die Stimme nicht mehr hilflos klingt, bis die Stimme keinen Krankenwagen rufen wird, bis die Stimme wirklich verstanden hat, dass sie es schaffen kann, bei ihrer Mutter zu sitzen, deren Hand zu halten und sie durch ihre letzten Stunden zu begleiten.

Die meisten Menschen wollen zuhause sterben, viele sterben allerdings anderswo. Im Krankenhaus etwa. Oft wird am Ende, wenn der Puls unregelmäßig, der Atem röchelnd und die Angst und Hilflosigkeit der Angehörigen zu groß wird, nochmal der Krankenwagen gerufen. An jenem Junitag will ich Krankenwagen spielen. „Wir können hier nicht umdrehen“, sage ich zu Dr. Engl, der mit der Stimme am Telefon ausgemacht hat, sich in ein paar Stunden wieder zu hören oder jederzeit dann, wenn „etwas passiert“. Damit meint er: Wenn die Angst wieder überhandnimmt. „Nein“, sagt Dr. Engl langsam und zweideutig, „da kann man nicht mehr umdrehen“.

Sterben als medizinisches Versagen

In letzter Konsequenz ist Sterben ein medizinisches Versagen, sagt Dr. Karl Lintner, der seit Jahren im Palliativbereich tätig ist, den ich im Herbst, einige Wochen nach der Autofahrt mit Dr. Engl, treffe. „Es ist ein Zwiespalt“, sagt er, „es bedeutet als Mediziner, dass man nicht mehr das tun kann, was man gern täte: Leben zu erhalten.“ Einen Menschen sterben zu lassen ist das Eingeständnis, dass man zumindest medizinisch nicht mehr weiter weiß.

Was bleibt, ist dann noch die menschliche und spirituelle Ebene. „Das Prinzip „retten““, weiß auch Agnes Innerhofer von der Caritas Hospizbewegung, „das ist nicht immer das, was sich der Sterbende selbst vielleicht vorgestellt hatte.“ Auf dem Transport, in der Ersten Hilfe oder in der Intensivstation zu sterben – das sind Orte, an denen sich die meisten Leute nicht zu sterben wünschen. Und doch, am Ende wird’s oft eng mit den Optionen, wenn sie vorher nicht kommuniziert und durchgespielt wurden. „Wenn jemand sagt, dass er gern auf ein paar Wochen Leben verzichtet, wenn sie ihn dafür zuhause einschlafen lassen, dann ist das richtungsweisend für die Angehörigen“, sagt Agnes Innerhofer. „Es sollte immer ein ‚palliatives Gespräch‘ mit dem Patienten, allen beteiligten Angehörigen, mit den behandelnden Ärzten und dem Pflegeteam geben“, sagt Dr. Lintner.

Oft aber fehlt der Platz zum Sterben vor allem in den Köpfen: Wenn über das eigene Ableben nicht gesprochen wird, wenn das Ende tabuisiert wird, weiß niemand, was zu tun ist, wenn sich die Stunde nähert und die Situation plötzlich drastisch verschlechtert. „Es gibt Orte zum Sterben“, fasst Agnes Innerhofer zusammen, „aber nicht immer sind es die Orte, die wir uns selbstbestimmt gewünscht hätten.“ Und das hat viel mit dem Tabu Tod zu tun: Über den Tod spricht man nicht. Es ist uns unangenehm, es macht uns ratlos, es macht uns hilflos, es macht uns unfassbar traurig.

„Du stirbst doch nicht!“

Manchmal sprechen Betroffene den Tod an und ihre Angehörigen widersprechen vehement: „Du stirbst doch nicht!“ Dabei tun sie eben gerade genau das: Sterben. Eine Abwehrhaltung aus Angst verunmöglicht die Auseinandersetzung mit dem Ableben und dem Abschied. Oft sind es weniger die Infrastrukturen, die fehlen, sondern der Mut und der Platz in den Köpfen der Leute, sich mit Gevatter Tod an den Tisch zu setzen und über ihn zu reden. „Letztlich“, weiß Dr. Lintner, „tut das Gespräch – wiewohl schmerzhaft – allen Betroffenen gut.“ 

Die meisten Menschen haben mehr Angst vor dem Sterben, als vor dem Tod. „Ich habe auch Angst, ich werde so nervös sein, dass ich alles falsch mache“, sage ich zu Dr. Engl auf jener Fahrt. Er schüttelt den Kopf, in seiner bedächtigen Art, fast lächelt er. „Der Körper ist gnädig“, sagt er. Alles kriege man nicht mehr mit. Und die Medizin begleitet gut. Schmerztherapie gehört für uns in Europa zur Standardausrüstung für die Fahrt über den Styx. Am Ende verlieren wir jedes Zeitgefühl, oft das Bewusstsein, haben keinen Hunger und Durst mehr. Das Gehör ist häufig am längsten gut ausgeprägt. Das wissen wir von Menschen, die wiederbelebt wurden und erzählen, dass sie vieles hören und verstehen konnten.

Mit Sterbenden kann man reden. Man kann ihnen sagen, dass man sie liebt und ja, man kann ihnen auch noch sagen, dass es einem Leid tut. Sterbende kann man halten. Und denen, die Sterbende halten, kann man als Nachbar*in, Freund*in, Bekannte*r den Rücken freihalten. Einkäufe erledigen, Essen zubereiten, in den Arm nehmen, die Wohnung putzen. Man muss gar nicht viel sagen. Aber den Raum freihalten, damit sie den Rückzug aus dem Leben begleiten können, ohne auch noch den Abwasch erledigen zu müssen. Denn in den letzten Tagen und Nächten ist es so anstrengend, wie es in den allerersten ist. Nur, dass es sehr, sehr traurig ist. 

Das Dilemma um das Lebensende ist eine ethische, philosophische, rechtsmedizinische Frage, an der sich seit langer Zeit die Geister scheiden. „Wir sind so sozialisiert worden“, sagt Agnes Innerhofer, „dass wir für alle Situationen eine Lösung haben“. Sterben bedeutet, keine Lösung mehr zu haben. Und die Diskussion um Sterbehilfe zeigt vor allem auch, dass es am Ende keine richtige und falsche Lösung für die zahlreichen unterschiedlichen Probleme gibt. „Am Ende steht der Primar genauso hilflos wie der Angehörige vor dem Sterbenden“, sagt Dr. Lintner.

Sterben ist der Deal, der Wegzoll, den wir für unsere Jahre auf Erden letztlich begleichen müssen. 

Den Sterbeprozess kann man nur so gut es geht mittragen und aushalten. Fernab von den rechtsphilosophischen Debatten handhaben es die Ärzte und das Pflegepersonal an der Front individuell. Sie müssen entscheiden und abwägen: mehr oder weniger Morphium? Leben retten oder gehen lassen? Ohne weiteres lassen nicht alle Gevatter Tod seinem uraltem Handwerk nachgehen. Was aber nützen ein paar Stunden, ein paar Tage mehr, wenn es schmerzhafte sind? Manchmal mag jeder Tag ein Gewinn sein, aber manchmal ist der richtige Zeitpunkt zu gehen nicht unbedingt der allerspäteste.

Der Tod als Tabu

Im Spannungsfeld zwischen Selbstbestimmtheit und den Möglichkeiten der Medizin, zwischen aktiver Sterbehilfe und jeden Tag als Sieg der Medizin zu betrachten, gibt es keine pauschale Antwort darauf, wie’s richtig geht, wenn man geht. Sterben zu dürfen, wenn man sterben kann, und den letzten Teil seiner irdischen Reise möglichst schmerzfrei hinter sich bringen zu dürfen, ist ein Privileg. Diesen Prozess zu begleiten, ist für die Angehörigen die wohl größtmögliche menschliche Herausforderung. Und doch zumutbar. „Sterben“, sagt Agnes Innerhofer, „das gehört eben zum Leben dazu.“ Sterben ist der Deal, der Wegzoll, den wir für unsere Jahre auf Erden letztlich begleichen müssen. 

Und doch ist der Tod das letzte große Tabu. Sterben tut der, der sterben tut. Die anderen verdrängen und das ist auch insgesamt nicht völlig verwerflich so: Wer ständig die Last des eigenen biologischen Endes vor Augen hat, ist in konstanter Alarmbereitschaft. Aber er steht uns allen bevor, der kleine Übergang. Und es wird dann schlimm, wenn er ausgeklammert wird von einer Gesellschaft, die das Sterben verlernt hat. „Wir sind in eine Hilflosigkeit hineingerutscht“, sagt Agnes Innerhofer.

Früher war der Tod mit seinen häufigen Besuchen ein alter, wenngleich ungeliebter Bekannter, heute bedeutet er das große, ultimative Scheitern. Und doch bedeutet nicht der Tod, sondern die Unfähigkeit, sich mit dem Unvermeidbaren auseinanderzusetzen, zu scheitern. Der Grundgedanke der Hospizbewegung ist, die Normalität und das Leben bis zum letzten Tag zu unterstützen. „Weil ‚normal‘ – das ist auch das Sterben“, sagt Agnes Innerhofer, „das gehört eben zum Leben dazu.“

„Sterbende sollten nicht ghettoisiert werden“, findet Dr. Lintner. Aber manchmal ist es anders nicht möglich. Wenn etwa ein Pflegebett keinen Platz hat oder keine Pflegemöglichkeit oder -bereitschaft vonseiten der Familie besteht, kann zuhause nicht verstorben werden. „Ohne Angehörige klappt das nicht“, sagt Dr. Lintner, „die Dienste allein sind nicht imstande, den Bedarf zu decken“. Zu wenig Platz zum Sterben? „Jein“, sagt er. Die Strukturen geben einiges her, nicht immer ist die optimale Unterbringung möglich. „Platz gibt es schon“, sagt auch Agnes Innerhofer, „aber eben kommt man nicht immer dahin, wo man eigentlich möchte.“

Bild: Georg Hofer

Für Notfälle, etwa, wenn jemand heute einen Schlaganfall und morgen niemanden hat, der ihn pflegt, gibt es Übergangsbetten im Sanatorium. Manchmal findet sich im Anschluss eine passende Einrichtung, oft muss gewartet werden und manchmal wird hin- und hergeschoben zwischen Krankenhausstationen, Bürgerheimen und Sanatorien. „Die meisten sind aber gut betreubar,“ sagt Dr. Lintner, für den die palliative Betreuung zur Hauptaufgabe der hausärztlichen Grundversorgung zählt. „Wenn man einen Menschen dreißig Jahre  lang begleitet, ist es im Sinne einer ganzheitlichen Betreuung, dass man auch sein Lebensende als Hausarzt mitbegleitet.“

Eine Studie des Südtiroler Institutes für Allgemeinmedizin zeigt auf, dass die Betreuung am Lebensende die Angehörigen an ihre physischen und psychischen Belastbarkeitsgrenzen bringt. Es braucht ein ganzes Dorf, um ein Kind großzuziehen, sagt ein Sprichwort – und es braucht auch ein kleines Dorf, um einen Menschen aus dem Leben zu begleiten und seine Angehörigen zu stützen.

Wie er denn mit den „vielen Toden“ umgehen könne, frage ich Dr. Lintner. Man müsse neutralisieren, sagt er, man könne sich nicht mit jedem identifizieren, mit jedem mitleiden. Und ja, er versuche, einen gesunden Lebensstil einzuhalten um Krankheitsrisiken zu minimieren, aber letztlich, sagt er, sei das Risiko nicht kalkulierbar. Irgendwann wird trotzdem irgendetwas kommen. Die Frage nach der Sinnhaftigkeit des Lebens sollte man schon vorher für sich beantwortet haben: Wenn man sich sein Leben lang abhetzte und am Ende nicht mehr weiß wofür, kann der Abgang bitter werden. „Oft sind es ungelöste Konflikte und familiäre Probleme“, sagt Dr. Lintner, „die am Ende fundamental werden und das Loslassen erschweren.“

Die Angst, das ist das Diesseits

Er erzählt von einer Frau, die im Sterben lag und nicht gehen konnte, bevor ihre beiden zerstrittenen Söhne gemeinsam an ihrem Bett standen. „Keiner sollte am Lebensende mit seinen Fragen und Ängsten allein sein“, sagt auch Agnes Innerhofer. Die Ehrenamtlichen der Caritas helfen mit, diese Einsamkeit zu durchbrechen. Was noch offen ist, sollte geklärt werden, sofern es noch geklärt werden kann, damit der Sterbende seine Überfahrt antreten kann. Denn was sind schon 80 Menschenjahre? „Ob viel oder wenig,“ sagt Dr. Lintner, „das kommt darauf an“. Er habe wenig Unterschied zwischen sterbenden 90-Jährigen und 30-Jährigen beobachtet. Beide haben dieselben Ängste und dieselben Möglichkeiten und Strategien, ihr Ende anzunehmen.

Die „Ausrede der Zukunft“, wie sie Dr. Lintner nennt, gibt es immer, egal wie alt man ist, wenn man gehen muss. Es gibt immer das eine Enkelkind, das man noch gerne hätte weiter aufwachsen sehen und das Meer, das man gerne nochmal gesehen hätte. „Für das Umfeld“, sagt Dr. Lintner, „macht es aber natürlich schon einen Unterschied, wie alt der Betroffene ist und in welcher Lebenslage.“ 

Wenn Menschen sterben, ziehen sie sich von der Außenwelt zurück. Menschliche Notwendigkeiten wie Essen und Trinken nehmen ab, die Müdigkeit nimmt zu, der Fokus liegt auf der inneren Erlebniswelt. Manche sprechen in Symbolsprache, sagen etwa, sie müssen die Koffer packen, oder, dass sie nach Hause gehen möchten. Aber du bist doch zu Hause, antworten die irdischen Begleiter*innen häufig und das stimmt auch und doch wieder nicht.

Am Ende des Tunnels gibt es ein Angenommen-Werden und ein Willkommensein, das man sich mit seinem natürlichen Lebensdrang und Selbsterhaltungstrieb im Diesseits kaum vorstellen kann. Von Menschen mit Nahtoderfahrungen wissen wir auch, dass sie keine Angst mehr verspürt haben. Die Angst – das ist das Diesseits. Die Ruhe und der Frieden – das ist das Jenseits. „Ein bisschen“, sagt Dr. Engl an jenem Tag im Juni, „ist Sterbebegleitung wie Geburtshilfe: Den unvermeidbaren Übergang begleiten.“ Die Frau, deren Tochter ihn damals angerufen hatte, ist an jenem heißen Sommertag übrigens nicht verstorben. Sie hat am nächsten Morgen die Augen aufgeschlagen und nach Apfelmus verlangt.

Von Barbara Plagg

Der Artikel ist erstmals in der 53. Ausgabe (Oktober 2019) der Straßenzeitung zebra. erschienen.

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