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Abenteuer Motorrad

Ich und meine Troppl (2)

Im zweiten Teil unserer Troppl-Geschichten geht es um wohlgehütete Geheimnisse und wie der Traum vom Motorrad in Schlucht und Straßengraben endete.

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Lizenz: CC0
Bild: Raghav Modi; Unsplash

Entsorgen alla Mafia

Wenn man im Dorf aufwächst, dann gibt das Motorrad ein Stück Freiheit, es ging nicht nur darum, von A nach B zu kommen. Wir waren mobil, konnten da hinfahren, wohin wir wollten und im Wald cruisen, auch schon vor dem 14. Geburtstag. Trotzdem habe ich mich auf diesen Geburtstag gefreut wie auf kaum einen anderen. Dann endlich hätte ich die Vespa, die schon länger unbenutzt in der Garage stand, auch offiziell fahren dürfen.

Nur drei Tage vor dem Tag der Tage habe ich mir beim Fußballspielen aber einen Gipshaxen geholt. Das war natürlich maximal scheiße! Gefahren bin ich trotzdem. Die Vespa war aber schon so alt und durchgerostet, dass nach kurzer Zeit der Motorblock und das Hinterrad abgebrochen sind. Jetzt musste auf die Schnelle ein neues „Moto” her. Hilfsbereit wie er war, hat mir mein Onkel seinen blau-weißen Scooter geschenkt.

Von welcher Marke der war, weiß ich gar nicht mehr. Ich wollte nie einen Scooter. Scooterfahren ist nicht Motorradfahren. Keine Gangschaltung, kein ordentliches Aufheulen – es fehlte schlicht alles, um ihn von einem fahrbaren Staubsauger zu unterscheiden. Ganz abgesehen davon hat er ausgesehen wie ein Entenschnabel – die spitz nach unten zulaufende Windschutzscheibe vorne und der breite Sitz hinten. Furchtbar! Vom ersten Tag an wusste ich: Der muss weg, egal wie!

Ich wollte einen Fifty. Eine Vespa wäre auch noch okay gewesen, aber ideal wäre schon ein Fifty gewesen. Da passte es, dass der Sohn vom Gasthof, wo ich im Sommer arbeitete, gerade seinen Fifty verkaufen wollte. Von einem neuen Motorrad wollte meine Mutter aber absolut gar nichts wissen. Wozu ich ein neues brauche, wo ich doch den guten Scooter vom Onkel habe, wollte sie nicht einsehen. Irgendwann haben wir uns darauf geeinigt, dass ich erst ein neues Motorradl kaufen darf, sobald der Scooter kaputt ist oder ich ihn verkauft habe.

„Wir haben gewartet bis es gekracht hat, dann haben wir uns aus dem Staub gemacht.”

Der Scooter stellte sich allerdings als schwer verkäuflich heraus. Weil langes Warten aber noch nie meine Stärke war, griff ich zu einer unkonventionellen Lösung: Zusammen mit Freunden aus dem Dorf kratzten wir alle Seriennummern ab, die wir finden konnten. Mit dem so präparierten Scooter fuhren wir zur Schlucht am Dorfrand. Vor einem besonders steilen Stück nahm ich ordentlich Anlauf und schubste ihn über die Kante. Wir haben gewartet, bis es gekracht hat, dann haben wir uns aus dem Staub gemacht.

Genau einen Monatslohn hat mich der Fifty gekostet. Das war natürlich noch nicht alles, was ich an Geld in diese Troppl gesteckt habe. Schließlich musste sie noch volle Pulle frisiert werden: Einen größeren Vergaser, einen größeren Motor und einen Rennauspuff habe ich mit Freunden selbst eingebaut. Die Drosseln waren schon draußen. Statt der erlaubten 45 km/h ist er dann 90 bis 100 km/h gefahren. Tagelang haben wir an den Geräten herumgeschraubt. Irgendwann konnten wir jede Schraube im Schlaf einsetzen.

Die Freude am Fifty verpuffte mit 18, als ich den Führerschien in den Händen hielt. Ich habe ihn einem jungen Buben aus dem Dorf geschenkt. Davor habe ich ihn aber nochmal ordentlich geschrottet. Passiert ist mir zum Glück nie etwas Schlimmes.

Ciao bella

Ich bin in einem kleinen Seitental im Westen des Landes aufgewachsen. Die Dörfer unten in der Talsohle liegen auf 1.200 bis 1.500 m. Links und rechts davon bahnen sich steile Forststraßen ihren Weg hinauf auf die Almen unter den 3.000ern. Mit 14 Jahren hatten hier damals alle eine Troppl. Da musste ich natürlich gleichziehen. Von meinen Eltern kam ein Veto zum Thema Motorrad, für mich war deshalb klar: Alles musste unter ihrem Radar ablaufen. Und: Es dürfen keine Fehler passieren.

Für 50.000 Lire habe ich meinem Mittelschulkollegen einen schwarzen Ciao abgekauft. Der war aber schon so alt und schwach, dass ich ihn nur auf ebenen Strecken fahren konnte. Bei uns im Tal war das natürlich ein Problem.

Auf dem Hof von meinem Bruder habe ich den Ciao im Heustadel versteckt. Der Hof ist gut an die Forststraßen angebunden. Auf den Straßen und im Dorf durfte ich mich ja nicht blicken lassen. Also war ich fast ausschließlich im Wald und auf den Almen unterwegs. Auch sonst musste alles im Geheimen passieren. Benzin z. B. kaufte ich in kleinen Kanistern an der einzigen Tankstelle im Tal.

„Meine Eltern wissen bis heute nichts davon.”

Für meinen schwachen Ciao boten die Forststraßen natürlich keine optimalen Bedingungen. Nach kurzer Zeit wollte ich nicht nur deshalb ein Upgrade machen. Infrage kamen für mich ein Fifty, ein Giulietta Tiny oder eine Vespa 50 Spezial – die war allerdings zu teuer. Für den schwarzen Ciao habe ich in meinem Fußballteam einen Interessenten gefunden. Beim Verkaufsgespräch musste ich den alten Ciao eine halbe Stunde lang anrennen, bevor er endlich angesprungen ist und seine Fahrtüchtigkeit bewiesen hat. Gekauft hat er ihn schlussendlich für 30.000 Lire. Am Abend hat mich sein Bruder wegen des zweifelhaften Geschäfts am Telefon noch wild beschimpft, für mich zählte aber nur: Der Ciao war entsorgt!

Demselben Typen, der mir den Ciao verkauft hatte, habe ich einen blauen Fifty abgekauft. Der war schon ein bisschen teurer – 70.000 oder 90.000 Lire, genau weiß ich es nicht mehr. Er hatte einen Polini-Auspuff, das war damals der Auspuff schlechthin! Beim Einbau eines größeren Vergasers hat mir der Verkäufer auch noch geholfen. Dann war er richtig flott!

Im Laufe der Oberschulzeit, draußen in Meran, wurde der Fifty immer uncooler, irgendwann pflegte ich nur noch eine pathetische Zuneigung dafür. Den Großteil der Zeit stand er am Hof von meinem Bruder herum, bis der mich fragte, ob ich diese Troppl eigentlich noch benutze. Er würde bald eine Wiese planieren, da könnte man sie unauffällig verschwinden lassen. Genauso geschah es. Das Kapitel Troppl war für mich damit erledigt. Meine Eltern wissen bis heute nichts davon.

Mit Vollgas zur Ernüchterung

Es war der 15. Geburtstag eines Kumpels. Wir trafen uns bei ihm zum Abendessen und machten uns über eine Kiste starkes tschechisches Bier her, die die Klauber uns dagelassen hatten. Später fuhren wir runter ins Dorf, alle mit ihren Vespas und Apes, ich – die Mutter hatte strenges Motorradverbot erlassen, an das ich mich hielt – wie üblich bei einem hinten drauf.

Im Dorf dann wurde ordentlich „gefeiert“, und als wir uns weit nach Mitternacht auf den Heimweg machten, war das Geburtstagskind so besoffen, dass entschieden wurde, dass diesmal er bei einem mitfahren und ich mit einem der Motorräder heimfahren sollte. Wir waren zu dieser späten Stunde noch zu viert, mit drei Vespas.

Nun war es aber so, dass ich noch nie mit so einem Ding gefahren war. Ich wusste, wie eine Schaltung und eine Kupplung theoretisch funktionieren. Aber die Praxis... Uhrzeit und Blutalkohol machten die Sache nicht einfacher.

„Die Vespa jagte davon wie ein wildes Tier, ich landete auf dem Hosenboden, die Troppl in einem geparkten Auto.”

Anlassen war kein Problem, Gang einlegen auch nicht, aber beim Wegfahren starb der Motor immer ab, weil ich viel zu wenig Gas gab. Nach dem dritten Mal kam die Anweisung, „muasch mear Gas gebm! “, und ich, nicht feig, gab Vollgas und ließ die Kupplung los.

Die Vespa jagte davon wie ein wildes Tier, ich landete auf dem Hosenboden, die Troppl in einem geparkten Auto. Ich weiß noch, dass die Beifahrertür eine ziemliche Delle hatte. Sagen wir, „Delle” ist untertrieben.

Während ich noch versuchte, herauszufinden, wieso ich den Lenker nicht mehr in Händen hielt, wurde das Geburtstagskind auf der eigenen Vespa und mit Begleitschutz auf die Reise geschickt. Der Besitzer der noch fahrtüchtigen Unfall-Vespa und ich flüchteten auf dem Corpus Delicti. Wir kamen nicht weit. Nach ein paar hundert Metern fiel der Vergaser ab, und wir blieben stehen. Wir reparierten notdürftig im Lichte eines Feuerzeugs und kamen ein paar hundert Meter weiter. Nach dem dritten Reparaturversuch warfen wir die Vespa ins Gebüsch und fuhren Autostopp heim.

Wir haben es nie jemandem erzählt, und wir wurden nie gefasst. Ich weiß nicht, wem der Wagen gehörte. Es tut mir heute noch leid, aber es kam für uns nicht in Frage, uns zu stellen. Mir war es eine Lehre, ich bin nie wieder betrunken Motorrad gefahren. Und Auto schon gar nicht.

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