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Reportage aus Togo

Große Herzen, großer Mut

Die Missionsgemeinde „Cuori grandi“ von Maristella Bigogno und Schwester Patrizia Livraga in Togo sichert Hunderten von Kindern eine Schulbildung. Das Porträt zweier Kämpferinnen.

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Bild: Gustav Willeit/Costa Family Foundation

Es ist erst gegen 10 Uhr vormittags an einem Donnerstag Anfang Februar, aber schon drückt die Hitze über Amakpapé in Togo wie ein schweres Tuch. Nach 19 Jahren im Land spürt die weltliche Missionarin Maristella Bigogno, 51, sie nicht mehr. Den Blick konzentriert nach vorne gerichtet, lenkt sie den Wagen im Schnelltempo die Hauptstraße nach Notsé entlang. Wie jeden Tag ist auch an diesem Vormittag das Krankenhaus der nächstgelegenen Stadt ihr Ziel.

Kaum kommt sie zum Tor hereingefahren, wird sie schon angehalten von Menschen, die auf Hilfe hoffen. Weil sie die Gebühr für den Krankenhausaufenthalt nicht bezahlen können, weil sie eine Operation brauchen oder Medikamente. Maristella hört zu und sammelt Bitten wie Krankenakten, sichtlich routiniert. Dann wird sie in die Pädiatrie gebeten, in Stahlbetten werden dort geschwächte Kinder von ihren Eltern gestützt. Ein Junge, um die fünf Jahre alt, atmet schwerer als die anderen, er kämpft, hat keine Kraft mehr im kleinen Körper und auch viel zu wenig rote Blutkörperchen – Anämie ist eine Folgeerscheinung der Volkskrankheit Malaria. Maristella, die so viele Kinder schon gerettet hat, kann diesem nicht mehr helfen. Zu spät käme eine Transfusion. Als der Junge aufhört zu atmen, nimmt Maristella seine Mutter in die Arme.

Zuhause im 2.500-Seelen-Dorf Amakpapé, dessen Namen „Haus der Blätter“ bedeutet, rattert die 61 Jahre alte Schwester Patrizia mit dem Fiat-Traktor ihres Vaters, einem Landwirt aus der Provinz Brescia, die holprige Feldstraße zum Fluss hinunter. Dort lässt die robuste Frau, deren weiße Haare unter ihrem weißen Schleier hervorschauen, die Ladefläche mit Sand füllen. Sie bringt ihn wenige Kilometer weiter zu einer Baustelle, wo sie damit Ziegel fertigen lässt.

Gegenwärtig kümmert sie sich um den Bau von Appartements, in denen einmal alleinerziehende Frauen mit ihren Kindern wohnen sollen. Manchmal, wie an diesem Tag, muss sie streng sein mit den Arbeitern, kontrollieren, ob sie auch fleißig vorankommen. In den Jahren fern der Heimat hat sie gelernt, sich als Frau durchzusetzen. Auch Schwester Patrizia, oder „madre“, wie sie die jüngeren Frauen nennen, ist routiniert in ihrem Tun. Das ist bei Weitem nicht die erste Baustelle, die sie betreut.

Bild: Gustav Willeit/Costa Family Foundation

Es ist das Jahr 2010, als Schwester Patrizia nach Togo zieht, eines der kleinsten Länder Afrikas mit 6,5 Millionen Einwohnern – ein fruchtbares Land samt Hafen, und doch eines der ärmsten der Welt. Schon immer war es Patrizias Wunsch, Missionsschwester zu werden, 1976 bricht sie dafür ein Medizinstudium ab und tritt ins Kloster ein. Fünf Jahre später beginnt sie ihren Dienst in Hongkong, studiert dort englische Literatur, Soziologie und Pädagogik und bleibt 16 Jahre lang. 1997 kehrt sie zurück nach Italien, in Rom bildet sie während der nächsten 13 Jahre weltliche Missionare aus und schickt sie in die Welt: nach Malawi, Tansania, Kenia, Brasilien oder Argentinien.

Die erste Person, die Schwester Patrizia vorbereiten soll, weiß über alles schon Bescheid, weil sie Religionswissenschaften studiert hat und seit Jahren in sozialen Projekten aktiv ist, in Italien genauso wie in Indien. Es ist die damals 31 Jahre alte Maristella aus Magenta bei Mailand, die Schwester Patrizia nach Togo schickt. Auch sie empfindet die Mission als ihre Bestimmung, wenngleich nicht als geistliche Kraft. „Ich wollte immer eine von vielen sein, untergehen in der Masse“, sagt sie heute. „Der Schleier schafft auch Abstand.“

Über die Jahre bleiben Schwester Patrizia und Maristella in Kontakt, eine Freundschaft entwickelt sich, die auf denselben Ansichten und Werten basiert. Als Schwester Patrizia nach Togo zieht, wirkt Maristella schon 12 Jahre in der Peripherie der Hauptstadt Lomé, leitet dort eine Gesundheitsstation, die sie selbst aufgebaut hat. Anfangs unterrichtet sie auch: Hygiene, Religion und Psychologie. Aber wie Schwester Patrizia hegt sie den Wunsch, noch mehr zu tun: eine Mission fernab des vergleichsweise gut strukturierten Lomé zu gründen, dort, wo die Hilfe noch nötiger gebraucht wird.

Maristella Bigogno

Bild: Gustav Willeit/Costa Family Foundation

Im Juli 2012 finden sie den geeigneten Ort für ihr Vorhaben, rund hundert Kilometer von der Hauptstadt entfernt, versteckt im Landesinneren: Amakpapé. Hier gründen sie die Missionsgemeinde, die sie „Cuori grandi“ nennen – benannt nach einem Motto ihrer Schutzpatronin Santa Maddalena di Canossa. „Sie war die erste Ordensfrau, die nach außen ging, sich unter die Leute mischte“, sagt Schwester Patrizia. Der Mut dieser Frau imponiert den beiden, er hat sich auf sie übertragen.

2012 also geben Maristella und Schwester Patrizia ihr sicheres Leben nahe Lomé auf und kaufen 14 Hektar Land in Amakpapé. Sie bauen darauf zuerst die Magazine, leben dort ein halbes Jahr lang ohne Strom und fließendem Wasser. Sie errichten zwei Wohngebäude und eine Krankenstation, auf der sie bis heute vor allem Medikamente verteilen und Schlangenbisse oder Brandwunden verarzten. Die beiden größten Investitionen folgen: das aufwendige Gotteshaus und die 3.000 Quadratmeter große Grundschule.

Neben der Sanität ist die Schulbildung jener Bereich, in dem sich „Cuori grandi“ am intensivsten engagiert. 310 Kinder im Alter von drei bis zehn Jahren, die meisten in Schuluniform gekleidet, versammeln sich jeden Morgen vor dem Betreten der Klassen und singen, Schwester Patrizia begrüßt die Kinder. Das dreistöckige Gebäude mit den bunten Fliesen wirkt fast luxuriös, wenn man die öffentlichen Schulen kennt: Sie haben keine Wände, es regnet hinein, die einfachen Holzbänke ohne Lehnen stecken schief im Sand, doppelt so viele Schüler sitzen in den Klassen.

Bild: Gustav Willeit/Costa Family Foundation

Während die Kinder der öffentlichen Schulen auf der Straße hocken, weil die Lehrer gerade streiken, nehmen die Erstklässler der „Cuori grandi“-Schule gegen 9 Uhr unter den schattenspendenden Bäumen Platz und legen eine Pause ein. Die Kinder essen mit den Händen, was sie in Plastiksäckchen von zu Hause mitgebracht haben: Kartoffeln, Bohnen, Sauce. Ein Kind gibt einem anderen eine Handvoll Reis, weil das noch Hunger hat.

Am nächsten Tag ist Samstag, die Schule bleibt geschlossen. Aber auch am Wochenende klopfen Menschen an die Tür der Mission, stehen Schlange schon um 6 Uhr morgens. Sie brauchen Wasser, Medikamente, Öl zum Kochen. „Wer fragt, erhält, so irgend möglich, Hilfe“, sagt Schwester Patrizia. Manchmal sind darunter auch Menschen mit unfassbaren Traumata. In Lomé trifft Maristella eine junge Frau, Adele. Ein Fremder wollte Geschlechtsverkehr mit ihr, als sie mehrmals verneint, massakriert er sie, bricht ihren Kiefer mit einem Buschmesser und tötet ihre zweijährige Tochter. „Cuori grandi“ hat ihr eine Prothese verschafft und dafür gesorgt, dass sie bald operiert wird.

Im Essraum der Missionsstation hängt ein Satz: „Wer liebt, spürt keine Mühe.“ Nicht die Mühe ist das Problem, sondern das Geld, wenn die Spenden fehlen. Aber bisher streckte sich ihnen immer eine hilfreiche Hand entgegen, wenn sie sie am dringendsten brauchten. Die Not, oder die göttliche Vorsehung, wie Maristella und Schwester Patrizia sagen würden, bringt „Cuori grandi“ Ende 2010 mit der Costa-Family-Foundation zusammen. Ein Bekannter leitet eine E-Mail von Schwester Patrizia weiter, die sie vor Weihnachten schreibt. Sie erzählt darin von ihrer Arbeit in Togo und der Schwierigkeit, die Hilfe zu gewährleisten. Sie fragt sich, wo die Gelder der großen Organisationen landen. Bis nach Afrika reiche nicht mal ihr Schatten. Hoffnung und Verzweiflung schwingen in jedem Satz mit.

Die Zeilen finden Gehör. 2011 beginnt die Costa-Family-Foundation „Cuori grandi“ zu unterstützen, 2012 wird die Spendenaktion im Rahmen der Maratona dles Dolomites für sie ausgerichtet. Seither sendet sie jedes Jahr 5.000 Euro nach Togo, mit denen die Schulgebühren von über hundert Kindern im Raum Lomé bezahlt werden, denn neben der eigenen Schule finanzieren die beiden Frauen die Ausbildung von rund 400 weiteren Schülern.

Schwester Patrizia und Maristella eint dieselbe Bestimmung, die Freude an der Arbeit mit den Armen, der Glaube an Gott. Der einzige Schmuck der beiden ist ein um den Hals baumelndes Holzkreuz. Und doch sind sie sehr verschieden. Schwester Patrizia schreibt gerne, sie ist die Verwalterin, die Hausherrin. Sie ist auch eine Vordenkerin, wenn sie sagt: „Wir müssen uns weiterentwickeln als Kirche, es gibt zu wenig Nachwuchs an Schwestern.“ Daher hat sie nichts dagegen, wenn nicht nur Geistliche mit ihr leben.

Fotograf Gustav Willeit, Francesco Ricci, Schwester Patrizia, Autorin Barbara Bachmann und Maristella Bigogno.

Bild: Gustav Willeit/Costa Family Foundation

Die zehn Jahre jüngere Maristella mit den kurzen braunen Haaren ist energischer. Sie schickt eher ein schnelles Foto über WhatsApp als eine ausführliche E-Mail. Wenn sie lacht, tut sie das mit dem ganzen Gesicht, dann wird auch eine Zahnlücke sichtbar. Maristella sagt über Schwester Patrizia: „Sie würde nie aufgeben, sie würde immer bis zum Schluss kämpfen.“ Schwester Patrizia sagt über Maristella: „Sie hat das Herz der anderen in ihrem. Ohne die Armen könnte sie nicht leben.“

Ihre größte Schwierigkeit: müde sein und nicht rasten können. Der Lastwagen, der mit seinen schlechten Lichtern nachts gefährlich werden könnte im ohnehin schon turbulenten Straßenverkehr. Stromausfall, wenn die Fotovoltaikanlagen nicht funktionieren. Sie erzählen das und lachen, weil sie an Hindernisse gewöhnt sind. Was sie nicht sagen, vielleicht weil sie gar nicht daran denken: dass sie kaum Zeit für sich haben. Die beiden halten nie inne. Manchmal fällt das Mittagessen aus und sie bemerken es nicht. Die Ruhe der Togolesen haben sie nicht übernommen, „wir arbeiten mit Notfällen.“

Maristella kümmert sich auch um die Insassen des Gefängnisses von Notsé. Sie schaut alle zwei Wochen dort vorbei. Leere Blicke aus 182 Augenpaaren richten sich dann auf sie. Sie betreut die Kranken, bringt ihnen Medikamente und Bücher zum Lesen.

Am Abend, bevor ein langer Tag zu Ende geht, sprechen die beiden Frauen über ihre Erlebnisse. Maristella sagt: „Alle wollen hier weg. Wenn jemand gut ist in der Schule, will er in die Hauptstadt zum Studieren. Wenn jemand gut ist im Studium, will er nach Europa oder in die USA, um zu arbeiten. Wer möchte hierbleiben?“

Die beiden möchten bleiben. Seit sie in Togo leben, sind sie schon oft erschöpft gewesen, mit Malaria krank im Bett gelegen. Ans Aufhören haben sie nie gedacht. Ihr Lebenswerk liegt in Togo, Schwester Patrizia sagt: „Cuori grandi hat mein Leben revolutioniert.“ Hier scheinen die Pläne, die die beiden schmieden, nie auszugehen. Unweit der Grundschule warten 12 weitere Hektar braches Land darauf, bebaut zu werden. Den beiden Frauen schwebt ein Kinderkrankenhaus vor.

Der Text ist ein Auszug aus dem Buch „Mein Bruder aus Afrika” der Costa Family Foundation (Autorin: Barbara Bachmann), das am Freitag, 26. Januar 2018, im Rahmen der Ausstellung zum zehnjährigen Bestehen des Onlus-Vereins vorgestellt wird (Hotel La Perla, Corvara, 17 bis 19 Uhr).

Barbara Bachmann

ist freie Journalistin und in der Welt zu Hause. Als Reporterin sucht und findet sie gute Geschichten wie das Schwein den Trüffel.
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