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Was tun gegen Gewalt?

Christoph Mitterhofer
Thomas Kobler
Hat Südtirol ein Sicherheitsproblem?
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Studien zeigen klar, dass harte Gefängnisstrafen dem Problem nicht entgegenwirken können, da die Resozialisierungsquoten in Gefängnissen niedrig ausfallen und die dort Eingeschlossenen sich eher noch weiter radikalisieren. Die Praxis zeigt also, dass harte Strafen nicht abschreckend wirken; weder die Höhe noch die Art der Strafe ist hier entscheidend.
Entscheidend ist die Erkenntnis, dass Gewalt von vielen Faktoren abhängt und deshalb einzelne Ansätze nur im Zusammenspiel Wirkung entfalten können. Um Gewalt vorzubeugen und nachhaltig zu bekämpfen, reichen auch pädagogische Mittel allein nicht aus. Hier sind sozial- und familienpolitische Ansätze ebenso gefragt wie Angebote zur Alltagsbegleitung gewaltbereiter Jugendlicher, sowie Modelle zur Inklusion von Jugendlichen aus ökonomisch schwachen Familien. Die Vernetzung von Schulen mit anderen Bildungs-, Sozial- und Kultureinrichtungen, sowie der Polizei und den Gerichten kann ein Instrument sein, um gewaltbereite Personen möglichst früh zu identifizieren und mit gezielten Maßnahmen auf ihr Verhalten einzuwirken. Gleichzeitig ist die Politik dazu aufgefordert, verstärkt finanzielle Mittel für soziokulturelle Projekte, Jugend- und Kulturarbeit, sowie Freiräume, Präventions- und Anti-Gewaltprogramme zur Verfügung zu stellen.
Prävention kostet auf den ersten Blick viel Geld und ist natürlich deutlich zeitaufwendiger und komplexer als die kurzfristige Forderung nach autoritären Maßnahmen. Wir brauchen aber mehr denn je ein gesellschaftliches Umdenken und Möglichkeiten, in denen Kinder, Heranwachsende und Jugendliche, aber auch Erwachsene für ein Mehr an Herzensbildung, Empathie, Respekt und Verständnis sensibilisiert werden. Wir brauchen neue Vorbilder und Menschen, die solche Werte vorleben und vehement einfordern. Gewalt ist nämlich nicht nur ein öffentliches, sondern in erster Linie ein privates Problem. Die meisten Gewalttaten geschehen im familiären Umfeld, nur wird dieses Thema öffentlich und medial so gut wie nicht diskutiert. Fazit: Für komplexe Problemstellungen gibt es schlichtweg keine einfachen Lösungen.

Sicherheit wird von der Bevölkerung subjektiv wahrgenommen: Nicht jeder fühlt sich gleich sicher innerhalb einer Stadt. Geschehen mehrere Gewaltdelikte zugleich bzw. aufeinanderfolgend, immer in gut besuchten Zonen, ruft dies ein größere Unbehagen in der Bevölkerung hervor. Dabei stellt man sich als Politiker die Frage, wie man konkret das Sicherheitsgefühl erhöhen kann. 
In erster Linie sollten an gut besuchten Orten fixe Ordnungskräfte stationiert werden. Sie vermitteln ein Gefühl von Sicherheit und Ordnung. Die Bevölkerung hat die Möglichkeit sich an sie zu wenden, in Fällen von Gewalt oder bei anbahnende Gewaltsituationen. Abgesehen davon kann in Notsituationen schneller zugegriffen werden. Dies soll kein Aufruf zum Polizeistaat sein, im Gegenteil. Durch die erhöhte Polizeipräsenz soll ein Sicherheitsgefühl vermittelt werden, das zur Steigerung der Lebensqualität beiträgt.
Nicht außer Acht lassen darf man die Anzahl an verschiedenen Polizeieinheiten in der Stadt, welche eigenständig koordiniert werden, anstatt gemeinsam zu agieren. Ein weiterer Aspekt ist die bessere Ausleuchtung von Zonen, in denen es häufig zu Überfällen kommt. Auch sollte die Videoüberwachung ausgebaut werden. Dabei sollte man sich vor Augen halten, dass eine Videoüberwachung nicht abschreckend wirkt, sondern rein der Strafverfolgung dient.
Ich stimme Thomas Kobler vollkommen zu, wenn es um den Ursprung der Gewalt geht und wie sich innerhalb der Gesellschaft entwickelt. Vermutlich gibt es auch einen starken Zusammenhang zwischen Gewalt und Alkohol oder Drogen. Den Ursprung der Gewalt auf einen Nenner zu bringen wird sicher schwierig und erfordert viel Arbeit von allen Seiten der Gesellschaft. Wunder wirken kann keiner von heute auf morgen.

Ich stimme Christoph grundsätzlich zu. Das subjektive Sicherheitsgefühl des oder der Einzelnen kann durch kurzfristige Maßnahmen wie Videokameras und mehr Polizeipräsenz sicherlich erhöht werden. Dies wird aber am grundsätzlichen Problem dauerhaft nichts ändern. Denn Gewalttaten im öffentlichen Raum passieren in vielen Fällen im Affekt und sind nicht geplant, wie das Beispiel mit dem Meraner Barbesitzer oder jenes des Krankenpflegers zeigt.
Ich bin der Meinung, dass eine lebendige Stadt, in der es verschiedene belebte Treffpunkte gibt, auch und gerade nachts, Gewaltexzesse durchaus selbstständig regulieren und verhindern kann. Ein gutes Beispiel ist die Sommerresidenz unseres ost west clubs in Meran. Dort finden seit drei Jahren über den ganzen Sommer hinweg kulturelle Veranstaltungen statt und die MeranerInnen können eine entspannte und gute Zeit auf einem viel besuchten Gelände mitten in der Stadt verbringen. Bei über siebzig Öffnungstagen in drei Monaten und geschätzt über 20.000 BesucherInnen ist es nicht einmal zu einer nur irgendwie gearteten gewalttätigen Auseinandersetzung gekommen. Und das auf einem Parkgelände, welches von den MeranerInnen zuvor eher gemieden wurde, und an dem Übergriffe und sogar zwei Vergewaltigungen stattgefunden haben.
Desweiteren braucht es eine grundsätzliche Debatte, wie wir als Gesellschaft leben wollen. Sprechen wir nur über Gewalt im öffentlichen Raum, oder wollen wir auch über die häufigste Form von Gewalt sprechen, nämlich jene, die Zuhause, also im Privaten passiert? Wollen wir über das Thema Suizid genauso nachhaltig sprechen, eine Form von Gewalt, die jedes Jahr rund fünfzig Südtirolern das Leben kostet? Es reicht nicht aus, nur über die sichtbare Gewalt zu sprechen. Wir sollten stärker über versteckte und subtilere Gewaltanwendungen reden. Und wir könnten fragen, ob es sinnvoll wäre, dass jede Bildungseinrichtung und jede(r) LehrerIn, angefangen von Kita-Gruppen, Kindergarten, Grund- Mittel und Oberschulen bis hin zu Universitäten, zumindest zehn Minuten am Tag dafür aufwendet, Themen wie Respekt, Verständnis, Herzensbildung und andere tiefsinnige Werte zu lehren und im Unterricht bzw. in die täglichen Arbeit mit Heranwachsenden einzubauen.

Gewalt lässt sich grundsätzlich nur schwer vermeiden. Gewalt passiert vom kleinen Kuhdorf bis zur Großstadt. Nimmt aber die Gewalt mit einer beachtlichen Kontinuität und Brutalität zu, müssen Zeichen gesetzt werden. Es braucht Zeichen, um der Bevölkerung zu signalisieren, es wird etwas unternommen. Diese Zeichen sollen auch die Volksseele beruhigen. Damit wird versucht, eine Eskalation bzw. einen Aufstand zu verhindern, welcher schlimmstenfalls in Lynchjustiz enden kann. Natürlich sind Maßnahmen wie Polizeipräsenz nur eine Bekämpfung der Symptome anstatt der Ursache. Die Wurzel der zunehmenden Gewalt orte ich vielmehr in der Unausgeglichenheit der Menschen, der Überstimulierung – psychisch wie physisch – und in kulturellen Unterschieden. Menschen aus anderen Kulturkreisen haben einen anderen Zugang zu Gewalt. Sie nehmen diese oft als selbstverständlich wahr bzw. wurden sie nicht ausreichend dafür sensibilisiert. Wohingegen Gewalt in unserem Kulturkreis nur wenig akzeptiert wird bzw. auch anders zum Thema sensibilisiert wurde. Gewaltexzesse regulieren sich weniger von selbst, sondern müssen reguliert werden, um nicht Überhand zu nehmen. Gewalt ist der Nährboden für Gewalt.
Es gibt genug Orte und Diskotheken mit einem weniger reifen und beherrschten Publikum als dem des OstWest County Clubs. In der näheren Umgebung von Meran sowie innerhalb der Stadt gibt es genug Lokale, welche regelmäßig Gewaltdelikte verzeichnen. Meist sind es harmlosere Delikte, vermieden durch das Sicherheitspersonal, aber auch schwere Zwischenfälle mit Verletzten.
Gewalt kennt so viele Formen, dass es den Rahmen des Gesprächs sprengen würde, auf jede Art einzugehen. Grundsätzlich beschränke ich mich auf die Gewalt im öffentlichen Raum, welche immer wieder Thema in Meran ist und auch kontrovers diskutiert wird. Klar ist für mich, dass Menschen, die zu Gewalt neigen bzw. eine besondere Aggressivität in sich tragen, definitiv bei der Hand genommen werden müssen. Ihnen muss erklärt werden, wie sie dieses Verhalten besser unter Kontrolle halten können.

Für mich ist das Argument, dass Menschen aus anderen Kulturkreisen öfters Straftaten begehen bzw. zu Gewalt neigen, kein stichhaltiges. Es ist wahr, dass Menschen, die in einem bestimmten sozialen Kontext aufwachsen, eher zu Gewalt neigen als andere. Soziales und Migration hängen unmittelbar zusammen und haben deshalb Auswirkungen auf das Gewaltpotential von Menschen und damit auf die Statistik. Wir können diese Diskussion nicht losgelöst voneinander führen, ohne in Verdacht zu geraten, einen rassistischen Standpunkt einzunehmen und sozusagen alle Menschen einer bestimmten Gruppe a priori bestimmte Eigenschaften zuzuschreiben. Auch die Beispiele der „Femminizide“ im vergangenen Sommer oder noch vor wenigen Tagen an verschiedenen Orten in Italien zeigen, dass Gewalt bis hin zu Mord definitiv kein Phänomen ist, das an eine bestimmte Herkunft oder einen Kulturkreis, geschweige denn eine Hautfarbe gebunden ist. 
Es gibt keine gute und schlechte Gewalt. Gewalt ist immer abzulehnen und deshalb finde ich es schade, dass wir diese Thematik fast nie gesamtheitlich betrachten. Wir picken uns nur jene Formen der Gewalt heraus, die „uns“ gerade opportun scheinen. Es scheint, dass viele PolitikerInnen das Thema eher nur zu Wahlkampfzwecken missbrauchen. Sie wissen, dass es eines jener Themen ist, mit denen man vielerots am einfachsten auf Stimmenfang gehen kann.
Der mutmaßliche Täter im Falle von Ossi Trojer zeigt, dass das Argument mit der Herkunft zu kurz greift. Daher müsste man versuchen tiefer zu schürfen und verstärkt Ursachenforschung betreiben. Auch bei der versuchten Vergewaltigung in der Meraner Altstadt vor wenigen Wochen wurde als Täter ein großer Mann mit blonden Haaren beschrieben. Wenn wir also wirklich ernsthaft und nachhaltig über das Thema Gewalt sprechen wollen, kommen wir nicht darum herum, diese Diskussion entkoppelt von einer Kulturkreis-Zugehörigkeit zu führen, auch wenn das für einige politische VertreterInnen bedeuten würde, dass sie sich intensiver und nachhaltiger mit dem Problem auseinandersetzen müssten. Hirn- und Sozialforscher haben schon vor Jahrzehnten darauf hingewiesen, dass die Veranlagung zu Gewalt und wie Menschen in Zukunft Konflikte und Streitigkeiten lösen, bereits im Kleinkindalter geschaffen wird. 
Wir sollten deshalb – und hier wiederhole ich mich gerne – gerade in den Bildungsinstitutionen und in Zusammenarbeit mit Eltern und Familien Lösungen andenken, wie wir Menschen stärker für Empathie und Mitmenschlichkeit sensibilisieren und gewinnen können. Wir bräuchten einen allgemeinen, gesamtgesellschaftlichen Konsens, mit dem wir ein Mehr an Liebe, Respekt, Akzeptanz von Diversität, Achtsamkeit usw. – also eine durchaus „aggressive“ Form von Humanismus und Zärtlichkeit im Alltag –  für alle Menschen, egal welchen Alters, sozialen Standes, Aussehens, welcher Hautfarbe, Sprache, Herkunft usw. einfordern und versuchen in unseren Alltag einzubauen.

Eine doch ältere Landtagsanfrage von 2015 spricht davon, dass 80 Prozent der Insassen im Bozner Gefängnis aus dem Ausland kommen. Die Fakten zeigen: Obwohl der Ausländeranteil in Süd-Tirol nur 9,1 Prozent beträgt, sind Ausländer für 37,4 Prozent der Straftaten verantwortlich. Hinzu kommen die in Süd-Tirol angezeigten und verhafteten Ausländer: 43,3 Prozent der Anzeigen und Verhaftungen gehen auf das Konto von Ausländern. Natürlich müsste man ihre Nationalitäten überprüfen und vergleichen. Ich denke aber, schon allein dieses Indiz spricht für einen Zusammenhang zwischen ausländischen Bürgern und Verbrechen. Dies muss jetzt weder heißen, dass diese Verbrechen in Zusammenhang mit Gewalt stehen, noch soll diese Aussage einheimische Verbrecher gutheißen oder alle ausländischen Mitbürger unter Generalverdacht stellen. Damit wollte ich nur darauf hindeuten, dass es einen Zusammenhang gibt zwischen Ausländer und Verbrechen. 
Ich möchte aber wieder auf das Thema Gewalt zurückkommen. Grundsätzlich spreche ich mich gegen jede Form der Gewalt aus. Als Kommunalpolitiker wird es auch schwierig, sich mit jeder Art der Gewalt im Detail zu befassen. Wenn man in der Öffentlichkeit steht, erwarten Bürger Taten von den Verantwortungsträgern. Man versucht hier ganz klar seinen Auftrag zu erfüllen und den Sorgen der Bürger nachzukommen.
Grundsätzlich stimme ich zu, dass das Problem Gewalt zu komplex ist, um es global über einen Kamm zu scheren. Es gibt keine einfachen Lösungen und es bedarf sicher viel Arbeit von Pädagogen, Schulen usw., welche unsere Kinder und Jugendlichen betreuen und die ihnen zeigen, wie richtige Konfliktbewältigung geht. Nur frage ich mich, wieso dieser Punkt so vernachlässigt wurde in den letzten Jahren? Ansonsten ließe sich dieser rapide Gewaltanstieg nicht erklären. Wurden Geldmittel gekürzt, fehlt es an Personal? Antworten kann ich auf diese Fragen leider nicht geben. Abschließend bin ich der Meinung, dass wir alle – vom Politiker bis zur Bürokraft, von Jung bis Alt – Verantwortung tragen müssen, um Gewalt zu vermeiden.

Die Statistik kann auf den ersten Blick den Eindruck vermitteln, dass Menschen mit Migrationshintergrund eher straffällig werden als sogenannte „Bio-Südtiroler“. Ich behaupte aber, dass die genetisch oder kulturell bedingte Kriminalitätsneigung Quatsch ist. Wissenschaftlich ist sie definitiv nicht haltbar. Über den Zusammenhang von Migration, Ethnie und Kriminalität wird seit vielen Jahren diskutiert, vor allem seit den Fluchtbewegungen 2011 und 2015. Gleichzeitig sind wir sehr schnell und teilweise übereifrig in der Bewertung dieser Straftaten. Oft kommt es zu Kurzschlüssen und unzutreffenden Verallgemeinerungen. Wie ich schon erwähnt habe, hängen Straffälligkeit und Gewalt in erster Linie mit Sozialisation zusammen, mit bestimmten Lernerfahrungen und damit, welche Normen jemand verinnerlicht hat. Gleichzeitig spielt die Selbstkontrolle eine große Rolle und letztlich wie stabil das (familiäre) Umfeld ist, in dem man erzogen wurde und aufgewachsen ist.
All diese Dinge sind durch die Sozialwissenschaften empirisch feststellbar. Es ist ein Unterschied, ob man in Südtirol, in einem afrikanischen oder arabischen Land in stabile Verhältnisse hineingeboren wird oder in ein kriegsgebeuteltes Land, ein zerrüttetes Stadtviertel usw. Entscheidend ist also auch, welche Chancen man in seinem Leben hat(te), ob man täglich mit Gewaltsituationen in Berührung kommt oder nicht. Gleichzeitig muss man bei der Kriminalitätsstatistik davon ausgehen, dass eher Straftaten zur Anzeige gebracht werden, die Menschen begehen, die hierzulande als „fremd“ wahrgenommen werden. Zudem sollten wir berücksichtigen, dass in die Statistik auch Menschen fallen, die als Touristen Straftaten begehen oder einreisen, um bestimmte Delikte zu begehen. 
Um noch einmal auf das Thema „gewaltbezogene Traumatisierungen“ zu kommen: Diese führen mit höherer Wahrscheinlichkeit zu weiteren Gewaltanwendungen (aber nicht nur) und umgekehrt. Auch hier muss ich mich wiederholen und das hat Christoph ja schon festgestellt: Es gibt nicht einen oder den Grund, warum jemand zuschlägt. Es sind viele mögliche Faktoren, die die Gewaltbereitschaft erhöhen. Letztlich ist es ein Zusammenspiel aus Gewalterfahrungen in der Vergangenheit und den aktuellen Chancen bzw. Lebensverhältnissen.
Je mehr eine Person also gesellschaftlichen Ausschluss erfährt, je niedriger der Bildungsstand, je niedriger das Einkommen usw., desto niedriger ist wahrscheinlich die persönliche Frustrationstoleranz. Und je niedriger diese Frustrationstoleranz, desto höher ist letztlich die Wahrscheinlichkeit, dass jemand zuschlägt. Es ist also auch eine Frage der gesellschaftlichen Verhältnisse. Prekäre Verhältnisse begünstigen das Abrutschen in delinquentes Verhalten. Wir müssen also über unsere Gesellschaft und unser Gesellschaftssystem sprechen, auch wenn viele das nicht gerne hören. Inwiefern erfahren Menschen aus anderen Kulturkreisen gesellschaftliche Teilhabe und Partizipation, Wertschätzung usw. in der Mehrheitsgesellschaft? Oder wollen wir ernsthaft die Gleichung aufstellen: Ausländer = Krimineller? Die andere Schlussfolgerung hieße nämlich, dass wir über das gescheiterte Integrationsvermögen der Aufnahmegesellschaft reden müssen. Dass also soziale Ausgrenzung, bürokratische Hürden, Diskriminierung, ein geschlossenes Bildungssystem usw. bei uns dazu führen, dass bestimmte Gruppen eher kriminell werden. Das ist keine Entschuldigung, sondern eine Tatsache.
Blickt man gerade in den vergangenen Jahren nach Deutschland, sieht man, dass dort etwa das Problem des Rechtsextremismus mehr als nur existent ist. Stellvertretend seien die Morde des NSU auf Migranten, die Erschießung von Walter Lübcke oder der versuchte Terroranschlag in Halle vor wenigen mit zwei Toten zu nennen, oder auch die Tat von Luca Traini in Macerata. Wie reagiert eine Gesellschaft auf solche Taten? Taten, bei denen die Täter in erster Linie gemordet haben, weil sie von einem Wahn befallen sind, der ausreicht, um auf alles und jeden zu schießen, der nicht ins rassistisch-nationalsozialistische Weltbild passt, oder weil er/ sie möglicherweise eine dunkle Hautfarbe hat.

Mein Fazit aus dieser Diskussion ist, dass es zu viele gewaltbereite Jugendliche und Bürger in unserer Stadt gibt. Diese können einen Migrationshintergrund haben, aber auch aus gutbetuchten Familien stammen. Dennoch fühlen sich ausländische Jugendliche benachteiligt und „abgehängt“. Jenen „Abgehängten“ muss man zu verstehen geben, dass sie erst seit Kurzem im Land sind und andere vor ihnen diesen Wohlstand aufgebaut haben und diesen jetzt auch genießen können. Wenn man eine zweite Chance bekommt in einem Land und einen Neustart für sich und seine Familie beginnen kann, sollte man diese Chance nutzen und zu schätzen wissen. Dass man nicht auf demselben Wohlstandsniveau ist und sein kann wie andere Familien, welche über Generationen hinweg dieses Land mitaufgebaut haben, muss jenen auch verständlich gemacht werden. Unser Land bietet ja dementsprechend Unterstützungen an. Worauf ich hinaus möchte ist die Tatsache, dass auch Süd-Tirol vor nicht so langer Zeit ein bitterarmes Land war. Unsere Ahnen haben es in ihrem Fleiß aufgebaut und zu dem gemacht, was es heute ist. Deshalb bin ich der Meinung, dass sich diese „abgehängten“ Gruppen bemühen müssen, um ein gutes Zusammenleben zu schaffen und Teil der Gesellschaft zu werden. Sie dürfen nicht jammern und hoffen, dass etwas von alleine geschieht, sondern müssen anpacken. Gleichzeitig nehme ich aber auch die Gesellschaft in die Pflicht, diese Randgruppen aufzunehmen und zu unterstützen mit Arbeit, Respekt und Integration in das gesellschaftliche Leben.
Um abschließend nochmals auf die Gewalt zurückzukommen: Es gibt wohl durch die Bank einen Konsens, dass diese Gewaltausschreitungen unverhältnismäßig sind für eine Stadt wie Meran. Dennoch lässt sich ein gewisses Gewaltlevel nie vermeiden. Es gibt kein Patenrezept gegen Gewalt. Unsere Stadt und seine Bürger stehen in der Pflicht, diese Gewalttaten in Zukunft zu vermeiden – durch Prävention, indem sie aufeinander zugehen und jene Gruppen integrieren, die sich abgehängt fühlen.

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