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Ein Lichtblick

Ihre Zellennachbarin bringt Agnes S. an ihre Grenzen: „Sie reißt mich an den Haaren, sie drückt mich an die Zellentür", schreibt sie. Doch dann erreicht sie eine unglaubliche Nachricht.

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Bild: Flickr, Amanda Slater

Das Jahr 2011 beginnt. Die schon längst geplante Schneiderei ist eröffnet. Vier Frauen von den insgesamt siebzig Inhaftierten haben das Glück als Schneiderinnen zu arbeiten, und zwar von Montag bis Freitag für vier Stunden vormittags, das ganze Jahr hindurch. Unter diesen vier Frauen sind eine junge Russin, Mutter von fünf Kindern, eine Serbin, eine Südamerikanerin und ich. Unsere Vorgesetzte ist die frühere Kursleiterin. Ich bestaune ihr Engagement. Es ist eine Wohltat, in der Früh aus der Zelle rauszukommen und dem belastenden Lärm der Sektion zu entgehen. Die Treppe runter, im Parterre, gegenüber der Kapelle, befindet sich unser Arbeitsplatz. Dort ist es ruhig. Mit Freude nähen wir Verschiedenes, von Taschen und Pantoffeln bis  hin zu den Erstkommunionkleidchen für eine Kinderboutique in der Stadt.

„Die schwere Zeit ist für mich vorbei.“

Unsere Fantasien können sich entfalten. Diese Stunden rasen dahin, die Wochen werden kürzer und so auch die Monate. Die schwere Zeit ist für mich vorbei. Genau das ist es, was den Inhaftierten fehlt, eine Arbeit. Alle würden gerne arbeiten. Ich finde es einen Wahnsinn, Menschen zum Nichts-Tun zu zwingen. Es tut mir sehr leid für die anderen. Unsere Arbeit ist geregelt, es gibt keine Schwarzarbeit hier. Monatlich verdienen wir zirka fünfhundert Euro, davon werden uns 50 Euro für Unterhalt und Verpflegung vom Gefängnis abgezogen. Ich fühle mich reich, als ich den ersten Lohn auf meinem Kontobüchlein sehe. Ich war es schon gewohnt nur zu betteln, dass ich gar nicht mehr weiß, was es heißt, selbst etwas zu verdienen. Endlich kann ich mal die Einkaufsliste, die wir jeden Dienstag bekommen, vollschreiben und kaufen, was es hier ohne Geld nicht gibt. Ich kann etwas nach Hause schicken und auch mal anderen weiterhelfen. Wer nichts hat, dem wird hier von denen geholfen, die etwas haben. Es gibt einzelne, die alles für sich behalten.

Zu meiner größten Freude darf ich ab jetzt auch in der Kapelle ab und zu auf einer elektronischen Orgel üben, während unser Kaplan im Nebenraum seine Gespräche mit den Insassinnen führt. Er muss mich gleichzeitig beaufsichtigen. Wir haben das Instrument im Kinosaal auf einem Kasten ganz verstaubt gefunden, es funktioniert perfekt. Oh, wann werde ich wieder Konzerte spielen?! Ich habe einen kleinen Auftritt mit einem Gitarristen für die Übertragung der Messe auf Radio Maria. An den Samstagen gibt es ab jetzt für alle freies Singen mit Gitarrenbegleitung. Es ist schade, nur wenige haben daran Interesse und wir sind nur fünf bis sechs Teilnehmerinnen.

Die neue Zellnachbarin

Das Gefühl, eingesperrt zu sein, kann einem jegliche Lust nehmen, irgendetwas zu tun. So ergeht es meiner jetzigen Zellnachbarin, jener deprimierten Frau, die schon vor einem Jahr bei mir war, deren Lieblingsfarbe rosa ist. Die Zigeunermutter, die sechs Monate bei mir war, ist in eine andere Zelle umgezogen, als meine Arbeit anfing. „Du bist doch nie mehr in der Zelle, ich bin immer alleine, was soll ich da machen?“, sagte sie zu mir. Es tut uns beiden Leid. Sie ist mir sehr ans Herz gewachsen und wir konnten trotz allem immer scherzen. Mit meiner neuen Zellnachbarin ist es unglaublich schwierig. Mit ihr gibt es nichts zum Lachen. Ich hatte gedacht, diesmal wäre es besser, aber sie ist noch viel deprimierter als voriges Jahr. Sie kommt nicht zurecht mit ihrer Situation. Seit eineinhalb Jahren lebt sie fast ausschließlich in der Zelle, die sie mit dem rosa Vorhang verdunkelt. „Ich brauche Licht in der Zelle, bitte lass den Vorhang weg,“ sage ich ihr. „Ich will den Vorhang!“, sagt sie entschieden.

Es gibt ein Hin und Her, ein richtiges Gestreite immer wieder. In der Früh, etwa um drei Uhr, muss sie immer rauchen und der Qualm reißt mich dann aus dem Tiefschlaf und macht mich verrückt. „Ach bitte, mach doch fünf Minuten das Fenster auf, wenn du unbedingt rauchen musst, oder geh ins Bad, wo der Abzug ist!“, sage ich ihr. Nein, sie muss im Bett rauchen und das Fenster macht sie nicht auf, weil sie zu kalt hat, immer wieder dasselbe. Und jeden Morgen um sieben Uhr, kaum dass sie die Augen aufmacht, schaltet sie den Fernseher an. Auch der nervt mich gewaltig. Jeden Tag stopft sie sich voll mit Medikamenten und Psychopharmaka. Mit der brennenden Zigarette im Mund schläft sie oft ein und fantasiert: „Wo ist denn die andere?“ „Welche andere?“, frage ich. „Die Frau, die bei uns in der Zelle ist“, meint sie dann. „Wir sind doch nur zu zweit“, erkläre ich ihr. Sie möchte andauernde Aufmerksamkeit, dann jammert sie, sucht wieder Streit und ist aggressiv. Sie bildet sich ein, dass ich ihr auf den Tisch gespuckt hätte. Überall stellt sie Deodorants auf, sogar neben unserem Obstkorb aus Plastik. Alle zwei Tage muss sie ihre Nägel neu lackieren. Dieser Geruch macht mich wahnsinnig.

„Ich hatte es sonst immer geschafft mit meinen Zellnachbarinnen in Frieden zu leben. Diesmal geht es nicht.“

Wenn es dann draußen wärmer wird, können wir lüften. Ich bin froh, wenn sie abends mit ihren Schlaftabletten früh einschläft, sodass ich noch etwas Ruhe für mich finde, aber dann schnarcht sie so laut und redet im Schlaf, seufzt und gibt oft  Laute von sich, dass ich erschrecke und mich vergewissere ob sie am Leben ist. Ich hatte es sonst immer geschafft mit meinen Zellnachbarinnen in Frieden zu leben. Diesmal geht es nicht. Alle meiden sie. Gespräche mit der Inspektorin, im Guten reden, alles ist umsonst. Ich werde sobald als möglich aus dieser Zelle ausziehen. Wenn sie am Boden Gymnastik macht und ich ins Bad müsste, ignoriert sie mich einfach, damit ich sicher nicht reinkomme. Sie wird handgreiflich, wenn ihr etwas nicht passt, schubst mich und fordert mich heraus, bis ich sie anschreien muss. Sie reißt mich an den Haaren, sie drückt mich an die Zellentür. Ich weiß, dass zurückschlagen sehr gefährlich ist und man dabei riskieren könnte vom Gefängnis gar nicht mehr rauszukommen. Ich hüte mich davor. Sie provoziert weiter, bis ich ihr einmal eine Flasche voll Wasser über ihren Kopf schütte. Dann ist natürlich die Hölle los.

„Du darfst über Ostern für fünf Tage nach Hause fahren.“

Ein freiwilliger Helfer unseres Malkurses setzt sich dafür ein, dass ich endlich mit dem Studium für Kunst, Musik und Theater beginnen kann. Leider darf ich zu keinen Vorlesungen gehen, Bücher und anderes Material wird mir hierher gebracht und die Zelle wird mein Studierzimmer. Zu den Prüfungen werden die Professoren mich besuchen kommen, auch da darf ich nicht „raus“. Aber meine Zeit ist ausgefüllt. Ich bereite mich auf die Prüfung für Musikästhetik vor und versuche dem Frust in der Zelle auszuweichen.

„In der Nacht verfolgen mich Albträume: Dass ich mit meinem Auto zu Hause irgendwo im Tiefschnee stecken bleibe, das Handy nicht mehr funktioniert und ich es nicht schaffe, zu vorgeschriebener Zeit ins Gefängnis zurückzukommen.” 

Die Monate vergehen und während ich die Hoffnung auf meine Ausgänge schon längst aufgegeben habe, teilt man mir ganz plötzlich und unerwartet mit: „Du darfst über Ostern für fünf Tage nach Hause fahren.“ „Nach Hause!? Wirklich … nach Hause?!“ „Ja!“ Eine unbeschreibliche Freude steigt in mir hoch. Ich kann das gar nicht glauben und kann mir die Welt draußen nicht mehr vorstellen. Gibt es die überhaupt noch? Zwei Wochen habe ich Zeit mich vorzubereiten, meinen Leuten Bescheid zu geben und die Fahrt zu organisieren. Schnell verschicke ich eine Menge Briefe mit dieser freudigen Nachricht. Mit nur einem Telefonat von 10 Minuten pro Woche kann ich wenig ausrichten. An die Direktion muss ich alle schriftlichen Anfragen stellen, die sogenannten „domandine“, um meinen Ausweis, den Führerschein, Bargeld und sämtliche Sachen aus meinem Depot mit nach Hause nehmen zu dürfen. Für jede Kleinigkeit müssen wir eine „domandina“  machen, für jedes Telefonat, jedes Gespräch mit freiwilligen Helfern oder Erziehern, Extraeinkäufe usw. In der Nacht verfolgen mich Träume und Albträume: Dass ich mit meinem Auto zu Hause irgendwo im Tiefschnee stecken bleibe, das Handy nicht mehr funktioniert und ich es nicht schaffe, zu vorgeschriebener Zeit ins Gefängnis zurückzukommen. Ein anderes Mal träume ich, wie ich mit meinen Kindern bei einem meiner Brüder zu Besuch bin, wo eine riesige Tafel für ein Fest mit Verwandten und Freunden gedeckt ist. Alle freuen sich auf mich und umarmen mich …Dann wache ich wieder in der Zelle auf. Ich bin so aufgeregt vor Freude, wenn ich mir vorstelle nach Hause zu fahren. Beruhige dich, atme durch, bleib am Boden, rede ich mir immer wieder ein.

Rückkehr in die Berge

Am 21. April ist es so weit: Etwa um 10 Uhr bringt mich eine Wärterin ins „Casellario“, dann in die „Matricola“, das Anmelde- und Abmeldebüro, wo man mir meine Papiere und die schriftliche Genehmigung für meinen Ausgang aushändigt. Jede Einzelheit, die ich mit nach Hause nehme, wird registriert, auch jedes Kleidungsstück, das ich trage, sogar die Unterhose, sogar deren Farbe, ein Tao, den ich um meinen Hals trage, meine Ohrringe, meine Tasche usw. „Wenn du wieder zurückkommst, musst du dieselben Objekte und Kleider tragen und nichts anderes von zu Hause mitbringen, weder Essenswaren noch sonst etwas“, wird mir aufgetragen. Anstatt meines Personalausweises bekomme ich einen speziellen, grünen Gefängnisausweis mit Foto und dazu die gerichtlichen Verordnungen für den Ausgang: Ich muss den Carabinieri zu Hause Ankunft und Abreise melden, beim Dienst für Abhängigkeitserkrankungen vorstellig werden, von 21 Uhr bis 7 Uhr nicht aus der Wohnung gehen, ich darf keine Vorbestraften besuchen, keine Drogenabhängigen besuchen, mich nicht aus der Provinz Bozen entfernen, keine „esercizi pubblici“ besuchen. „Was heißt das?“, frage ich. „Keine Bars usw. besuchen, die Carabinieri zu Hause werden dir das genauer erklären“, bekomme ich zur Antwort. „Alles klar, danke!“, erwidere ich. Ich weiß, wie wichtig es ist, alles genauestens zu befolgen. Einige der Inhaftierten haben mir erzählt, wie sie wegen kleinen Übertretungen gleich zurückgeholt und dafür bestraft wurden. Um Punkt elf Uhr werde ich entlassen.

Bekannte meiner Freundin aus Bologna erwarten mich am Ausgang und bringen mich zum Zugbahnhof, ich hätte keine Ahnung wohin ich gehen müsste, ich kenne die Stadt Bologna nicht. Außerdem bin ich total irritiert durch den Verkehr der Fahrzeuge in der Stadt und die Menschenmenge, der ich begegne. Ab in den Zug und nichts wie los, vier Stunden Fahrt mit heftigen Kreuzschmerzen folgen, die ganzen Töne des Gefängnisses schwirren durch meinen Kopf. Ich versuche sie wieder loszuwerden und möchte mir diesen Ausgang nicht verderben lassen. Die Berge kommen immer näher. Verblüfft betrachte ich die Landschaft. Bald nach Trient merke ich, die Luft ist so anders, so leicht und sauber. Jeder Atemzug fühlt sich an, als würde man mir Balsam durch den Körper streichen. Am Bahnhof in Bozen angelangt, holt mich eine meiner Schwestern ab.

Von Agnes S. 

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Eingesperrt

Agnes S. wurde wegen Drogenhandels zu einer mehrjährigen Haftstrafe verurteilt. Untergebracht war sie im Gefängnis „Dozza" in Bologna – fernab von ihrem Zuhause und ihrer Familie in Südtirol. Heute lebt sie wieder in Freiheit und erzählt von ihren Erlebnissen und Erfahrungen hinter Gittern.

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