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Auswandern aufs Meer

Digitale Segelnomaden

Greta Höller und Michael Hofer leben und arbeiten auf einem Segelboot, während sie die Meere bereisen. Die Geschichte einer etwas anderen Lebensart.

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Bild: WhenSailing

Wenn Greta Höller und Michael Hofer Heimweh haben, dann nicht nach einem Ort in Südtirol, nach einer Wohnung oder einem Haus. Nein, sie haben Heimweh nach ihrer „For tuna“.

Seit 82 Tagen leben der Villanderer und die Boznerin auf einem Segelboot. Einer Beneteau Oceanis 393. Zwei Länder haben sie bisher bereist, in 14 Häfen Halt gemacht und 968 Seemeilen hinter sich gebracht. Doch das ist erst der Anfang ihrer langen Reise. Greta und Michael sind gewissermaßen ausgewandert. Sie haben ihre Wohnung verkauft, sind mit Sack und Pack auf das Boot gezogen und segeln damit durchs Mittelmeer.

Obwohl sie noch nicht lange Besitzer eines Segelbootes sind, habe sie diese Art zu leben bereits verändert, sagen sie. Die 26-Jährige und der 30-Jährige leben bewusster, näher an der Natur und nachhaltiger.

Ökologischen Fußabdruck verkleinern, Freiheit vergrößern

Michael arbeitet in einem Start-up-Unternehmen, welches Software für Smart Citys entwickelt – intelligente Straßenbeleuchtung je nach Sonne zum Beispiel oder Parkplatzüberwachungen. Er ist dabei für Business Development, Marketing und Vertrieb zuständig. Für seine Arbeit braucht er keinen fixen Arbeitsplatz.

Greta schreibt zurzeit ihre Masterarbeit in Industrial Engineering und Management und arbeitet im Bereich Social Media Marketing. Auch sie braucht keinen fixen Arbeitsplatz. Das lässt den beiden die Freiheit viel zu reisen. Für zwei Jahre lebten sie in Finnland. Greta für ihr Masterstudium, Michael, um den internationalen Segelschein an einer renommierten Segelschule zu machen.

Bild: WhenSailing

Dort keimte in ihnen auch die Idee, auf ein Segelboot zu ziehen. „Für uns ist es nicht nur ein Abenteuer“, sagt Michael. Und Greta ergänzt: „Wir wollen nicht auf dem freien Meer und in der Einsamkeit leben, sondern vielmehr digitale Nomaden werden.“ Sie wollen ihren ökologischen Fußabdruck verringern, ihr Fernweh besänftigen, neue Kulturen kennenlernen. Und unterwegs eben auch arbeiten.

Die Reise ins neue Leben beginnt

Anfang des Jahres schauen sich Greta und Michael die ersten Second-Hand-Segelboote an. Eine Grand Soleil 38 in Amsterdam, eine Comar Genesi 43 in Rom. Das erste ist ihnen zu technisch und zu wenig fürs Leben gemacht, für das zweite bekommt ein anderes Paar den Zuschlag. Den dritten Anlauf starten Greta und Michael im März. In Porto Rotondo auf Sardinien. Die Sonne wärmt bereits die Luft, als Greta und Michael auf die Beneteau Oceanis 393 steigen. Zwölf mal vier Meter. Drei Zimmer, ein großer Wohnraum, Bad, zwei Toiletten. Viele Fenster. Sofort sagt ihr Gefühl: das ist ihre zukünftige Heimat.

Auf ihrem Blog, durch den sie andere an ihrem neuen Leben teilhaben lassen, schreiben sie: „It is true what they say, buying a boat is like falling in love, once you see the one you want you can not let her go.“ Ihr Traum wird real.

Knapp ein Jahr nach dem Aufkeimen der Idee beginnt am 12. April 2019 ihre Reise mit einem Segelturn von Sardinien nach Sizilien. Doch dieser wird anders, als sie es sich vorgestellt haben.

Bild: WhenSailing

Greta und Michael merken schnell, dass segeln nicht nur Spaß bedeutet. Die Überfahrt dauert 32 Stunden. Geschlafen wird in Turnussen. Der starke Regen und der erbarmungslose Wind lassen die 15 Grad noch viel kälter wirken. Durch den thermischen Wind in Sardinien – den Maestrale – sind die Wellen vier Meter hoch. „Die Höhe war dabei nicht so sehr das Problem, sondern mehr die Frequenz, also wie spitz die Wellen zulaufen“, erklärt Greta. Und die ist so hoch, dass das Paar nach nur einer halben Stunde gezwungen ist umzukehren.

Fürs Zurückfahren brauchen sie ganze zwei Stunden. Greta und Michael sind nass bis auf die Knochen. Sie gewinnen die Erkenntnis, dass sich Skikleidung doch nicht so sehr fürs Segeln eignet und kaufen sich erstmal eine richtige Segelrüstung. Heute können sie darüber lachen. „Wir haben bei dieser Fahrt extrem viel gelernt und wurden richtig abgehärtet.“ Sie haben dabei nicht nur an Erfahrung gewonnen, sondern auch an Respekt vor dem Meer, dem Wind und der Natur.

An ihrer Entscheidung gezweifelt haben die beiden aber auch danach nicht, zumal sie nicht immer im weiten Meer unterwegs sind. Meistens sind sie in Küstennähe anzutreffen.

Umweltbewusst leben

Statt jeden Tag im selben Büro zu sitzen, arbeiten sie ständig an einem anderen Ort und doch von Zuhause aus. Immer nahe an der Natur. Auf ihren 48 Quadratmetern merken sie schnell, was sie eigentlich schon an Land wussten: Sie haben zu viel unnützes Zeug und produzieren zu viel Müll. Ihre Devise für die nächsten Jahre ist daher, so wenig wie möglich zu kaufen. „Wir versuchen wenig zu konsumieren und umweltfreundlicher zu leben“, sagt Greta.

Jetzt stellen sie sich vor dem Einkaufen immer die Frage, was sie wirklich zum Leben brauchen. Sie kaufen verpackungsfrei in den kleinen „Oma-Ladelen“ in Dörfern, verzichten auf Fleisch und essen nur Fisch, den sie selbst fangen. Sie achten seit dem Umzug aufs Segelboot viel mehr auf Kleinigkeiten, kaufen nur noch umweltfreundliche Kosmetik und Sonnencreme.

„Vorher wusste ich nicht, dass Sonnencreme so schädlich ist“, gibt Greta zu. Sobald sie wieder im Boot und auf dem Meer sind, wollen sie ihren Blog zusätzlich mit Tipps für ökologisches Leben und Reisen füllen und andere zum Umdenken anregen.

Morgen, am 20. Juli, geht es wieder los. Weg von Südtirol und ab auf das Segelboot nach Griechenland. Was für andere eher nach Urlaub klingt, ist für sie Heimkommen. „Wir können es kaum erwarten. Wir vermissen diese Freiheit auf der For tuna“, sagen die beiden mit einem Strahlen im Gesicht. „Viele sagen, wenn sie in der Früh laufen gehen, ist das so ein befreiendes Gefühl. Für uns ist es, nach dem Aufstehen nackt ins Wasser zu springen und eine Runde zu schwimmen.“

Petra Schwienbacher

mag große Hunde, ihre rote Rostlaube und Mamas Lasagne. Sie ist laut ihren Freunden immer lustig und labert gerne Blödsinn. Beim Schreiben kann sie aber auch ernst bleiben.
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