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Catcalling

Die tägliche Belästigung

Von "Ciao bella" bis hin zu Pfeifen und Hupen: Catcalling ist in Italien eine weitverbreitete Realität. Es sind keine Komplimente, sondern Belästigungen.

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Bild: MDV Edwards/Shutterstock

“Sono inca**ta nera!“ – Aufgebracht und den Tränen nahe zeigt sich Elena, die ihren eigentlichen Namen nicht in der Zeitung sehen will, in ihren Instagram-Stories. Die 24-jährige Südtirolerin wohnt und studiert in Venedig und, wie sie selbst sagt, ist es für sie nicht üblich, dass sie diese Art von Inhalt auf ihrem Profil postet. Aber Elena sagt auch: Es wird Zeit darüber zu reden, denn viel zu oft nehmen wir Frauen diese Situation einfach so hin, als wäre es normal oder okay.

Es ist ein heißer Tag im späten August, als Elena ihre Wohnung verlässt, um in ein Geschäft zu gehen. Rund 15 Minuten dauert Elenas Gehweg, doch nach 10 Minuten ist sie schon Zielscheibe von gut zwölf unangebrachten Bemerkungen und Kommentaren geworden. „Dabei geht es weniger darum, was die Männer mir zurufen, sondern um den Ton, in dem sie mich anmachen“ erklärt Elena. Bemerkungen wie etwa „Ciao bella!“, „Vieni con me?“, „Dai sorridi un po’!“ muss Elena oft mit anhören, wenn sie das Haus verlässt. Vielleicht wird Elena an diesem Augusttag öfter als sonst immer blöd angemacht oder es wird ihr schlicht zu viel. Als sie um die Ecke biegt, um ihre Haustür aufzusperren, bricht die junge Studentin in Tränen aus.

Sie entscheidet, ihre Erfahrung auf Instagram zu teilen. „Es passiert ständig, aber heute war es einfach zu viel. Sobald jemand einen anzüglichen Kommentar abgibt, fühle ich mich, als wäre ich ein Objekt. Dabei weiß ich selbst nie, was die geeignete Reaktion darauf wäre, meistens tu ich gar nichts, doch der Moment danach ist noch schlimmer. Ich fühle mich schmutzig, als hätte mich dieser Mann wirklich angefasst“, schreibt Elena in ihren Stories.

„Ich fühle mich wie ein Objekt. Ich fühle mich schmutzig.“

Die meisten Frauen ahnen an dieser Stelle schon, was Elena passiert ist. Diese Art von Gewalt wird oft „Catcalling“ genannt. Eine internationale Studie von Hollaback! und der Cornell University aus dem Jahr 2014 zeigt auf, dass im Schnitt 81,5% (die Studie bezieht sich auf 16.607 befragte Frauen) der europäischen Frauen bereits vor dem 17. Lebensjahr auf der Straße belästigt worden sind. In Italien werden die meisten befragten Frauen zwischen 13 und 14 Jahren das erste Mal öffentlich belästigt.

Für alle, die den Begriff neu finden: „Catcalling“ ist eine verbale sexuelle Belästigung und wird, meistens von Männern durch sexuell aufgeladenes Rufen, Reden, Pfeifen, Hupen im öffentlichen Raum geäußert. Wie fühlen sich die Frauen dabei? Elena bringt es in ihrer Story auf den Punkt: „Ich fühle mich wie ein Objekt. Ich fühle mich schmutzig. Inzwischen kommt es so oft vor, dass ich nicht mehr gelassen aus dem Haus gehe. Ich mache mir schon Sorgen, noch bevor ich vor die Tür gehe.“

Die obengenannte Studie zeigt auf, dass mehr als die Hälfte der befragten Frauen nach der Belästigung ihren Kleidungsstil ändern, einen anderen Weg nach Hause nehmen, zu anderen Uhrzeiten das Haus verlassen oder zu bestimmten Events gar nicht mehr hingehen. Dies zeigt, wie belastend diese Art der Belästigung für Frauen ist.

„Catcalling wird von vielen gar nicht erst als Belästigung eingestuft, im Gegenteil, oft wird behauptet es sei eine Art, den Frauen den Hof zu machen.“

BARFUSS hat sich in der „Casa internazionale delle donne“ in Rom umgehört. Die Vereinigung bietet unter anderem psychologische und rechtliche Hilfe für Frauen an, die Opfer von Gewalt geworden sind. Damit ist auch verbale Gewalt und Belästigung gemeint. Die Psychologin Teresa Dattilo erklärt, wie breit das Spektrum der psychologischen Folgen des Catcallings ist: „Die meisten Frauen verspüren eine Art der Scham, weil sie eine Aufmerksamkeit erhalten, um die sie nicht gebeten haben. Dazu kommen Schuldgefühle und Zweifel: Habe ich mich zu provokant gekleidet? Hat man zu viel Haut gesehen? Dann setzen Unsicherheit und oftmals Angstzustände ein, viele Frauen verlieren das Selbstwertgefühl und fühlen sich auf der Straße nicht mehr sicher.“

Deshalb meidet frau bestimmte Winkel der Stadt, macht einen Umweg, um nach Hause zu kommen oder geht gar nicht erst aus dem Haus. „Außerdem fühlen sich Frauen oftmals nicht verstanden, denn “Catcalling“ wird von vielen gar nicht erst als Belästigung eingestuft, im Gegenteil, oft wird behauptet es sei eine Art, den Frauen den Hof zu machen“, kritisiert Dattilo.

Von vielen wird Catcalling nicht als Belästigung wahrgenommen.

Lizenz: CC by-nc-sa (bearbeitet)
Bild: flickr/brandon

Dabei ist sich der Großteil der Frauen einig: Catcalling ist kein Kompliment. Frauen werden auf ihr Aussehen und ihren Körper reduziert, indem die Aufmerksamkeit durch Rufen, Johlen, Hupen, Pfeifen auf sie gelenkt wird. Sie werden öffentlich verunsichert. Grundsätzlich gilt: Jede*r Betroffene*r entscheidet für sich, was als Kompliment gilt und was nicht. Es erklärt sich allerdings von selbst, dass 13- oder 14-Jährige keine Anmerkungen und Kommentare seitens 50-jähriger Männer hören möchten, dass Frauen keine Einladung in das Haus oder Auto eines Fremden wünschen, dass die Bemerkung zum eigenen Busen oder Po von einem Unbekannten auf der Straße nicht angenehm ist. Auch Hupen oder Pfeifen bringt Passantinnen in unangenehme Situationen.

Der Straftatbestand der Belästigung bezieht sich auf die Störung der öffentlichen Ruhe und schützt nicht die Würde der Person.

Besonders junge Mädchen leiden unter den psychologischen Folgen des Catcallings. Denn wie die Psychologin Dattilo erklärt, fühlen sich junge Mädchen noch viel verwundbarer, sind schneller verunsichert und reagieren viel seltener auf Belästigung als ältere Frauen. Sie wachsen offensichtlich mit diesem Phänomen auf, sie gehören fast schon zum Alltag junger Frauen.  Bei den „Catcaller“ gibt es hingegen kein Durchschnittsalter, sie reichen von jung bis alt. Elena bringt es auf Instagram auf den Punkt: „Meine Mutter hat mich gefragt, ob es denn Ausländer waren, die mich belästigt haben. Ich habe ihr geantwortet: Nein, es waren Männer“.

Egal ob jung oder alt, einheimisch oder aus dem Ausland, spät nachts oder bei Tag, egal was eine Frau trägt oder wie sie aussieht. Man(n) scheint sich frei zu fühlen, alles sagen zu dürfen, sich keinen Kommentar verkneifen zu müssen.

Das alles geschieht mit schweigender Zustimmung der Gesellschaft. Auch das italienische Gesetzbuch schweigt zum Catcalling. Laut Artikel 660 des Strafgesetzbuchs kann zwar "wer an einem öffentlichen Ort oder an einem der Öffentlichkeit zugänglichen Ort oder über das Telefon aus Übermut oder aus einem anderen schuldhaften Grund jemanden belästigt oder stört [...]" zur Rechenschaft gezogen werden. Doch der Straftatbestand der Belästigung bezieht sich auf die Störung der öffentlichen Ruhe und schützt nicht die Würde der Person.

Prävention ist der wichtigste Schalthebel

Ein praktisches Beispiel: Wenn eine Frau auf der Straße spazieren geht und eine Gruppe von Männern ihr gegenüber vulgäre Bemerkungen macht, ohne dass irgendjemand in der Nähe die Beleidigung wahrnehmen kann, liegt keine Straftat vor, da keine Störung der öffentlichen Ordnung vorliegt.

Einige europäische Staaten haben inzwischen gezielt Gesetze verabschiedet, um dem Catcalling entgegenzuwirken. In Frankreich ist Catcalling dank eines von der Ministerin für Chancengleichheit, Marlène Schiappa, geförderten Gesetzes zur Straftat erklärt geworden. Diese wird mit Geldstrafen zwischen 90 und 1.500 Euro geahndet, je nach dem, ob es sich um Belästigung oder um Einschüchterung handelt. Seit 2018 ist das Gesetz in Frankreich in Kraft, doch bei der Umsetzung hapert es noch, denn es ist sehr schwierig, ein solches Verhalten nachzuweisen.

Wie die Psychologin Teresa Dattilo sagt, ist Prävention der wichtigste Ansatzpunkt. Es handelt sich um ein sozial und kulturell verankertes Problem, und es muss beseitigt werden. Die Präventionsarbeit, die sie bei Casa Internazionale della donna leistet, spielt sich vor allem in den Schulen ab. „Wir erklären den Schulkindern, was Komplimente und was hingegen Belästigung und verbale Gewalt sind. Mit den Kleinen zu arbeiten, gibt mir große Genugtuung, denn sie verstehen sehr schnell,“ erzählt Dattilo.

Daneben muss das Bewusstsein geschaffen werden, dass Catcalling eine Form von Gewalt ist und dass es für und Frauen nicht zum Alltag gehören darf. „Die Catcaller sollten sich schämen, nicht wir Frauen,“ seufzt die Psychologin und fährt fort: „Ich sage es meinen Patientinnen immer wieder: Zieh dich an, wie du willst, so wie du dich selbst schön findest.“

Dies mag in der Theorie gut klingen, doch es ändert nichts daran, dass sich viele Frauen auf der Straße nicht wohlfühlen. Vor allem nachts, wenn wenig los ist. In vielen Ländern wurden Initiativen ins Leben gerufen, damit sich Frauen in der Öffentlichkeit sicherer fühlen. Auch in Italien gibt es eine Vereinigung und Elena verlinkt sie in ihren Instagram-Storys, es handelt sich um „donnexstrada“.

„Mit den Kleinen zu arbeiten, gibt mir große Genugtuung, denn sie verstehen sehr schnell.“

Die Idee geht von der Tatsache aus, dass Frauen, die telefonieren, während sie unterwegs sind, weniger oft belästigt werden. Wie viele Frauen haben schon einmal vorgegeben zu telefonieren, damit es gar nicht erst zu unangenehmen Situationen kommt! „Donnexstrada“ hat ein Freiwilligennetzwerk auf die Beine gestellt, das sich in Turnussen um das Instagram-Profil der Vereinigung kümmert. Zu jeder Uhrzeit kann frau den Mitarbeiter*innen auf Instagram schreiben und sie darum bitten, sie im Videocall anzurufen. Dabei kann es sich um einen privaten Anruf oder eine öffentliche Live-Übertragung auf dem Instagram-Profil der Vereinigung handeln. Das entscheidet man selbst.

Die Nachfrage ist unglaublich. Bereits 100.000 Follower*innen zählt der Instagram-Account des Netzwerks. „Das sind traurige Zahlen, denn wir sagen immer, wir würden uns wünschen, unsere Arbeit wäre gar nicht erst nötig,“ bedauert Beatrice Antonelli, eine der Mitbegründerinnen des Netzwerks, und sie fährt fort: „Aber wir sind froh, wenn wir Frauen helfen können. Viele haben uns erzählt, dass sie ohne diese Initiative abends nicht ausgegangen wären, weil sie sich nicht sicher fühlen.“

Und es scheint zu funktionieren: Einige Tage, nachdem Elena unter Tränen nach Hause gekommen und davon auf Instagram erzählt hat, sehe ich gegen 1 Uhr nachts zufällig, dass donnexstrada eine Live-Übertragung gestartet hat. Ich öffne Instagram und schalte mich zu. Eine der Mitarbeiterinnen des Netzwerks unterhält sich gerade mit einer jungen Frau, die im Dunkeln nach Hause geht. Es ist Elena.

Ich beschließe, dabei zu bleiben und höre den beiden zu. Nach zehn Minuten ist Elena zu Hause angekommen und bedankt sich bei allen fürs Dabeisein. Ich schaue auf die Teilnehmer*innenzahl und bin verblüfft: Fast 300 Personen waren zugeschalten, wir alle haben Elena nach Hause begleitet. An dieser Stelle sprechen die Zahlen für sich: Unzählige Frauen haben Erfahrungen mit Catcalling gemacht. Doch da sind immer mehrere involviert: wer es erlebt, wer es begeht und wer schweigt. „Ich will nicht mehr schweigen und nichts tun,“ sagt Elena abschließend in ihrer Instagram-Story. Und ich schließe mich ihr an.

 

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