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Spiel mit Spirit

Die fliegende Scheibe

Ultimate Frisbee hat nichts vom Frisbee-Spielen in der Volksschule und ist nichts für schwache Lungen. Unsere Autorin hat es ausprobiert.

Zu Beginn muss klargestellt werden: Nein, Ultimate Frisbee ist nicht das, was du denkst. Nicht das Hin- und Herwerfen einer Plastikscheibe mit dem Ziel, sie nicht fallen zu lassen. Ultimate ist Sport, mit fünf Millionen Spielern weltweit. Darunter fallen aber leider nicht viele Südtiroler – obwohl er wie geschaffen für unsere großen Wiesen wäre.

Ursprünglich stammt der Mannschaftssport Ultimate Frisbee aus den USA. Von Studenten in den 1960er-Jahren an der Columbia High School in New Jersey erfunden, eroberte das Spiel bald die gesamten Vereinigten Staaten. Das Besondere an Ultimate Frisbee: the spirit of the game, der „Geist“, der dem Spiel innewohnt. Ultimate Frisbee wird nämlich ohne Schiedsrichter gespielt, auch bei den Profis steht der Spaß im Vordergrund. So etwas wie Schwalben, grobe Fouls und Sieg um jeden Preis gibt es nicht. Doch trotz der Friede-Freude-Eierkuchen-Atmosphäre ist Ultimate wettkampforientiert und kein Sport für Leute mit schwachen Lungen. Das musste ich gleich an meinem ersten Trainingstag feststellen.

Wie für die meisten Ultimate-Spieler fand mein allererstes Training auf dem Sportgelände meiner Universität statt. Und so wie es beim ersten Training im letzten Wintersemester war, so ist es auch heute, an einem Mittwoch Ende April: fünf Runden um den Sportplatz laufen, zehn Minuten Aufwärmübungen und Dehnen. Im Wintersemester trifft man sich zum Scheibenschleudern noch in der Halle, doch nach den Semesterferien geht es ab ins Freie, auf eine 100 mal 37 Meter große Wiese.

Warum Ultimate?

Birgit ist auch schon da. Im letzten Semester war sie es, die mich überzeugt hat, diesen Sport auszuprobieren: Sie hat mir begeistert davon erzählt, als ich noch auf der Suche nach einer geeigneten Sportart war, um im Sommer meiner Familie am Berg nicht völlig konditionslos hinterherzukeuchen. Im Jahr, in dem sie in den USA bei einem Bildungsprojekt auf einer Farm mitgearbeitet hat, wurde zwei Mal pro Woche Ultimate gespielt. Denn in den USA ist der Sport nicht bloß geboren, sondern auch so alltäglich wie bei uns Fußball. „Irgendwie sind die meisten recht skeptisch, bevor sie den Sport ausprobieren“, meinte sie damals, „aber das hängt damit zusammen, dass sie Ultimate noch nie gespielt haben und glauben, das sei wie Frisbee-Spielen in der Volksschule.“

Wie wird gespielt?

Ultimate hat einen einfachen Aufbau: Zwei Mannschaften mit sieben Spielern treten gegeneinander an. Das große Spielfeld (in der Länge eines Fußballfeldes und der Breite eines halben) hat am Ende jeweils eine Endzone. Ziel jedes Teams ist es, die Frisbee-Scheibe in der Endzone des gegnerischen Teams zu fangen. Das gelingt, indem die Scheibe immer wieder Mitspielern zugespielt wird, denn mit der Scheibe in der Hand darf man nicht laufen. Sobald die Scheibe auf den Boden fällt, gibt es ein Turnover, das heißt die gegnerische Mannschaft übernimmt die Scheibe und versucht ihrerseits wieder, in die andere Richtung zu laufen – und dort einen Punkt zu machen. Um die gegnerische Mannschaft am Punkten zu hindern, sucht sich jeder Spieler einen Gegenspieler in der anderen Mannschaft und „verteidigt“ ihn, d.h. versucht ihn daran zu hindern, das Frisbee zu fangen oder zu werfen. Das bedeutet: Ultimate ist sehr laufintensiv, da es beinahe nur aus Kurzsprints besteht.

Bis der Letzte geht

Nach dem Aufwärmen wird Technik trainiert: Werfen, den Gegenspieler decken, Fangen, manchmal Falltechniken, um sich nicht zu verletzen, wenn man nach der Scheibe springt. Doch heute beginnt das Training barmherzig, immerhin haben alle Spieler acht Wochen (Frisbee-)Ferien hinter sich.
Und dann kommt der beste Teil: Spielen. Ein offizielles Spiel dauert so lange, bis eine Mannschaft 17 Punkte erlaufen hat, mit einer Halbzeitpause nach den ersten neun Punkten. Doch die eineinhalb Stunden, die für Ultimate beim Hochschulsport ausgeschrieben werden, reichen dafür nie aus – wir spielen, bis die Zeit um ist. Und manchmal, wenn die Sonne noch scheint und es warm ist, wird die einfach vergessen und gespielt, bis der Letzte nach Hause muss. Immerhin geht es ja um den spirit, und nicht um die Regeln.

Mara Mantinger

durchforstet als Soziologin mit Freude Statistiken und liebt es, die Geschichten hinter den Zahlen zu erzählen. Gerne in der Ferne, schaut aber noch lieber von einem Südtiroler Berggipfel in die Welt.
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