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Interview über Macht_Hungrig

Das Sozialexperiment

Abgeschieden auf einer Hütte, können junge Südtiroler in einem spannenden Pilotprojekt die Grenzen unseres politischen Systems ausloten.

Was kann man tun, um das System zu verändern? Diese Frage hat drei junge Studenten aus Bozen dazu bewogen, ein ehrgeiziges Projekt zu starten. Florian Andres, Gabriel Pirpamer und Lukas Roner, die sich seit Kindertagen kennen und zur Zeit gemeinsam in Wien Politikwissenschaften studieren, wollen mit anderen jungen Erwachsenen zehn Tage lang das vorherrschende politische System auf die Probe stellen. 
Von 3. bis 13. September 2018 werden die Teilnehmer des Projektes „Macht_Hungrig“ gemeinsam im Haus „Lochgiatl“ bei Pens im Sarntal leben, unsere heutige Gesellschaft simulieren und Lösungsansätze erproben. Florian Andres und Gabriel Pirpamer erzählen im Interview, was es mit ihrem Projekt auf sich hat.

Wie seid ihr auf die Idee gekommen, „Macht_Hungrig“ zu starten?
Gabriel Pirpamer: Wir haben immer wieder diskutiert, wie unser System funktioniert. Dabei haben wir uns auch gefragt, ob und wie man das System verändern bzw. verbessern könnte. Weil sich aber eh nichts ändert, wenn nur wir drei zusammensitzen und diskutieren, dachten wir uns, tun wir mal etwas, womit sich etwas ändern könnte.
Florian Andres: Das Ganze ist von Lukas ausgegangen. Er wollte nämlich schon länger etwas in diese Richtung machen und hat uns dann quasi mit ins Boot geholt. So nach dem Motto: „Tun wir mal etwas!“

Wie ist es zum Namen eures Projektes gekommen?
Gabriel: Der Name sollte ein bisschen provokant sein. Weil das Projekt selbst ja auch schon recht provokant ist. Außerdem wollen wir mit dem Titel sagen, dass wir mit der Gesellschaft, so wie sie ist, nicht wirklich einverstanden sind. Letzten Endes haben wir dann gelost. Jeder von uns hat jeweils ein Wort auf einen von drei Zetteln geschrieben und wir haben dann daraus den Namen „gebastelt“. 

Warum findet euer Sozialexperiment eigentlich in einer Hütte statt?
Florian: Wir haben uns eine Hütte ausgesucht, damit das Ganze wirklich ein bisschen abgeschieden ist. So können wir auch wirklich unsere eigene Gesellschaft gründen und quasi in einer „eigenen Welt“ leben und diese gestalten. Mit allem was dazugehört.

„Das ganze Gesellschaftssystem wird auf das Hüttenleben heruntergebrochen, aber es funktioniert gleich wie die Wirklichkeit.”

Wie läuft „Macht_Hungrig“ ab? Gibt es gewisse Regeln?
Florian: Es gibt im Prinzip eine Verfassung. Diese beinhaltet fünf bis zehn Grundregeln, welche eine Art Verhaltenskodex darstellen. Beispielweise ist jede Form der Gewalt ein absolutes No-Go. An dieser Verfassung kann auch nicht gerüttelt werden. Ansonsten hat die jeweilige Regierung die Freiheit, alle Gesetze zu erlassen, die sie möchte. Vorausgesetzt sie stehen mit der Verfassung nicht im Widerspruch. Das ganze Gesellschaftssystem wird auf das Hüttenleben heruntergebrochen, aber es funktioniert gleich wie die Wirklichkeit. Deswegen gibt es beispielsweise keine Kontrollinstanz. Die gibt es ja in der Realität auch nicht. Es gibt aber bei „Macht_Hungrig“ auch eine Gewaltenteilung. Wir haben ja eine Verfassung, ein Gericht – welches vom Volk und der Regierung besetzt wird, ein Parlament und eben die Regierung selbst.

Wie schauen die einzelnen Gremien am Beginn des Projektes aus?
Gabriel: Die Größe der Regierung ist am Anfang abhängig von der Teilnehmerzahl. Bei 20 Teilnehmern werden fünf Parlamentarier gewählt und drei davon bilden die Regierung. Insgesamt besteht das erste Parlament aus einem Viertel der Teilnehmer. Die erste Regierung wiederum bildet sich aus der Mehrheit der Parlamentarier.
Florian: Anfangs herrscht auf jeden Fall eine parlamentarische Demokratie. Es gibt also ein Parlament, in welchem auch eine Regierung vertreten ist. Was die Regierung dann daraus macht, bleibt ihr überlassen. Die erste Regierung wird gleich am ersten Tag gewählt. Sie kann dann auch gleich das System gestalten oder zum Beispiel Referenden durchführen. Allerdings kann sie auch weggeputscht werden.
Gabriel: Dazu gilt es noch zu sagen, dass wir uns ein Konzept überlegt haben, wie eine Regierung anfangs arbeiten könnte. Es gibt neben der Verfassung auch normale Gesetze, wie beispielsweise das Wahlgesetz, welches für jeden zweiten Tag Wahlen vorsieht. Diese kann die Regierung jederzeit ändern. Die Regierung besteht aus je einem Beauftragen für das Essen, für das Freizeitprogramm und für Arbeiten. Die Arbeiten, etwa Holzhacken, Putzen oder Kochen, werden dann auch entlohnt. Denn man muss sich bei „Macht_Hungrig“, wie im echten Leben auch, alles kaufen.

„So wie es im echten Leben auch ist, wird es bei „Macht_Hungrig“ anfangs eine kleine Schicht geben, die viel besitzt und viele, die so gut wie nichts haben.”

Das bedeutet, dass auch das Wirtschaftssystem simuliert wird?
Gabriel: Genau. Dadurch versuchen wir auch die real bestehenden sozialen Unterschiede in unser Projekt einzubringen. Es werden nicht alle gleich viel Geld haben und sich gleich viel leisten können.
Florian: So wie es im echten Leben auch ist, wird es bei „Macht_Hungrig“ anfangs eine kleine Schicht geben, die viel besitzt und viele, die so gut wie nichts haben. Die Armen sind in der Mehrzahl. Dadurch wird von vornherein für Konfliktpotential gesorgt.

Florian hat vorhin von der Möglichkeit eines Putsches gesprochen. Wie kann denn geputscht werden?
Gabriel:
 Die Gemeinschaft trifft sich jeden Tag im Gemeinschaftsraum der Hütte. Dort kann dann jemand aufstehen und die Regierung herausfordern, indem er ankündigt zu putschen. Bringt er dabei mehr Leute hinter sich als die Regierung selbst, gilt er als neues Regierungsoberhaupt. Die alte Regierung wird dabei abgesetzt und die Gesetze, die sie erlassen hat, werden revidiert. Diese Gesetze hängen immer öffentlich aus und werden bei Außerkraftsetzung einfach durchgestrichen – aber so, dass sie prinzipiell noch lesbar sind. So kann dokumentiert werden, wann welche Gesetze in Kraft waren. Außerdem sieht man so gleich, welche Gesetze aktuell gültig sind und welche nicht. Die Möglichkeit zu putschen kann übrigens – logischerweise – nicht abgeschafft werden.

Gibt es neben der Simulation der politischen Realität eigentlich sonst auch ein Rahmenprogramm?
Gabriel:
 Ja, wir haben schon Aktivitäten geplant. Aber es ist nicht so, dass wir von vornherein einen fixen Tagesablauf planen. Dann würde ein Teil des Projektes sicher darunter leiden. Deswegen haben wir uns überlegt, dass die Regierung für das Rahmenprogramm verantwortlich ist. So ein bisschen nach dem Motto „Brot und Spiele”. Wird das Volk unterhalten und hat es zu essen, ist es glücklich. Langweilt sich das Volk, will es vielleicht eine neue Regierung. Da wir ja auf einer ziemlich coolen Hütte sein werden, mit sehr viel Natur drumherum, kann man eigentlich ziemlich viel an Aktivitäten machen.

Was erwartet ihr euch vom Projekt?
Florian: Ich weiß nicht, ob man wirklich von „erwarten“ sprechen kann… Wir erwarten uns lediglich, dass wir im Verlauf des Projektes unser System austesten können. Das ist auch das Besondere daran. Wir erwarten uns eben nicht ein bestimmtes Endergebnis, sondern dass jeder Teilnehmer seine eigenen Erwartungen und Vorstellungen an die Politik beim „Macht_Hungrig“ ausprobieren und ausleben kann. So kann man auch sehen, ob die eigenen Ideen in der Praxis auch funktionieren.

Ihr habt also gar keine konkreten Vorstellungen, worauf das Ganze hinaus soll?
Florian: Unser Best-Case-Szenario ist, dass „Macht_Hungrig“ ein tolles Projekt wird, bei dem viele verschiedene Meinungen zusammenkommen, so dass am Ende eine schöne Konklusion herauskommt, die wir dann auch irgendwie auf die Landtagswahlen – die ja bald darauf stattfinden – projizieren können. Schön wäre es auch, damit ein Statement zu setzen, um die Leute ein bisschen aufzuwecken. Es ist uns natürlich klar, dass wir mit „Macht_Hungrig“ nicht die Welt verändern werden, aber es wäre schön, wenn wir damit neue Sichtweisen auf die Gesellschaft und die Politik aufzeigen könnten.

„Wir haben weder eine Partei im Hintergrund noch zielen wir darauf ab, irgendeine Partei durch unser Projekt zu stärken.”

Ihr wollt damit also auch die Landtagswahlen beeinflussen?
Gabriel: Wir haben weder eine Partei im Hintergrund noch zielen wir darauf ab, irgendeine Partei durch unser Projekt zu stärken. Wir wollen ganz bestimmt keine Parteiwerbung machen.

… aber vielleicht die Programme der Parteien beeinflussen?
Gabriel: Das vielleicht eher. Vielleicht könnte man sagen, wir wollen den Parteien zeigen, wie junge Leute politisch denken und wie sie sich Politik vorstellen. Wie die einzelnen Parteien dann mit diesen Informationen umgehen, bleibt aber ihnen überlassen.
Florian: Vielleicht können wir das Demokratieverständnis der Wahlberechtigten ein bisschen verbessern. Es sind ja viele mit dem System, so wie es ist, nicht zufrieden. Und bei „Macht_Hungrig“ kann man eben wirklich versuchen, das System zu verändern oder gar ein neues zu etablieren. Das Endergebnis kann man dann ja auch als Statement verstehen, um den Leuten zu sagen, wie wichtig Demokratie ist und dass man auch wählen gehen sollte.

Apropos Best-Case-Szenario: Was wäre für euch das Worst-Case-Szenario?
Gabriel: Dass nach zwei Tagen alle nach Hause fahren, weil nur gestritten wurde. (lacht)

Wer darf bei „Macht_Hungrig“ mitmachen?
Gabriel: Unsere Zielgruppe sind auf jeden Fall die über 18-Jährigen. Das haben wir auch aus rechtlichen Gründen so entschieden. Die Grenze nach oben hin ist aber relativ offen.

Das heißt, es gibt kein vorgegebenes Höchstalter?
Florian: Naja, das hängt ein bisschen von den Anmeldungen ab. Wenn wir mehr Anmeldungen bekommen, als Leute mitmachen können, werden wir uns auf die 18- bis 26-Jährigen beschränken. 

„Wenn jeder Teilnehmer hinterher von sich sagen kann, er hat jetzt ein wenig mehr verstanden, wie Politik funktioniert, dann ist das Projekt auf alle Fälle gut gelaufen.”

Glaubt ihr, es werden sich genügend Interessierte melden? Immerhin hört man immer wieder, gerade die jungen Leute würden nichts von der Politik wissen wollen
Gabriel: Ich glaube ja. Meiner Meinung nach gibt es durchaus viele junge Leute, die sich für Politik interessieren. Ich denke, dass viele zwar meinen, eh nichts mitbestimmen zu können, aber trotzdem an der Politik interessiert sind. Und wenn man ihnen dann die Möglichkeit gibt, etwas konkret zu tun, sind es sicherlich mehr, als man sich erwartet. 

Woran macht ihr fest, ob das Projekt erfolgreich war?
Florian: Wenn jeder Teilnehmer hinterher von sich sagen kann, er hat jetzt ein wenig mehr verstanden, wie Politik funktioniert. Wenn er etwas ausprobieren konnte, was im echten Leben schwierig auszuprobieren ist, weil ja nicht jeder einfach so ein politisches System ausprobieren kann. Dann ist es auf alle Fälle gut gelaufen.
Gabriel: Wir wollen „Macht_Hungrig“ sehr genau dokumentieren. Jeder Teilnehmer bekommt eine Art Tagebuch, in dem er täglich seine Eindrücke und Gedanken schriftlich festhält. Am Ende möchten wird das gerne auswerten. Zusätzlich wird es am letzten Tag eine große Abschlussdiskussion geben, welche gefilmt wird. 

Vielen Dank für das Gespräch!

Wer noch Fragen hat oder sich zum Projekt anmelden will, kann zum nächsten Infoabend am Donnerstag, den 5. April um 19 Uhr ins Pfarrheim Bozen kommen.

Michael Keitsch

Interessiert sich für Geschichte und Geschichten. Mag es Fragen zu stellen und neues zu lernen.
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