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Neues Musical Sunset Boulevard

Broadway am Verdiplatz

Musicals? Kitsch und Kuschelarien. Das jedenfalls dachte sich unser Autor immer – und dann kam Sunset Boulevard.

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Bild: Erwin Belakowitsch; Fotograf: Christoph Sebastian

Wer träumte nicht schon einmal davon, ein Musical am Broadway zu besuchen? Große Stars, unglaubliche Stimmen und weltbekannte Stücke: „West Side Story“, „Das Phantom der Oper“ oder „Der König der Löwen“ – allein schon der Gedanke an den Glamour dieser Shows sorgt für ein freudiges Kribbeln. Naja, bei den meisten jedenfalls… bei mir eher nicht. Meine Erfahrung mit diesem Genre beschränkte sich auf „Grease“ und noch schmalzigere Disney-Ohrwürmer aus längst vergangenen Tagen. Ich fragte mich, ob diese Industrie der puren Oberflächlichkeit denn noch lebt oder ob sie längst nur mehr zum gelegentlichen Gag von irgendwelchen Sitcoms verkommen ist? Also wagte ich den Selbstversuch – jetzt bin ich vom Musical-Fieber ergriffen.  Und schuld ist „Sunset Boulevard“.

„Wahrscheinlich hätte sogar Quentin Tarantino seine Freude daran, mit dem feinen Unterschied, dass es bei ihm ein paar Leichen mehr geben würde.”

Musical-Obermacker Andrew Lloyd Webber brachte den gleichnamigen Film von Billy Wilder aus dem Jahre 1950 in seiner Musicalversion erstmals 1993 auf die Bühne. Seit ein paar Jahren versuchen sich nun auch verschiedenste Stadttheater an dem Werk. Darunter jetzt auch die Vereinigten Bühnen Bozen im Stadttheater Bozen, deren Interpretation am 16. Mai 2019 Premiere feiert. Bei dieser Gelegenheit habe ich schon vorher einen Blick auf und hinter die Kulissen geworfen. Das Programmheft beschreibt das Stück als ein bitterböses Märchen aus der Sicht eines Toten. Die berühmten letzten Sekunden eines frisch Verblichenen sozusagen. Eine Erzählung, die am Ende beginnt, alles zieht noch einmal vorbei, in Form von übertriebenen gesanglichen Darbietungen natürlich. Die Geschichte der alternden Stummfilm-Diva Norma Desmond, die einfach nicht wahrhaben will, dass ihre Karriere zu Ende ist – eine abgefahrene Hollywoodstory voll von menschlichen Abgründen, Intrigen und einer höchst sonderbaren Dreiecksbeziehung. Klingt nach einem höllischen Trip. Wahrscheinlich hätte sogar Quentin Tarantino seine Freude daran, mit dem feinen Unterschied, dass es bei ihm ein paar Leichen mehr geben würde.

Bild: Maya Hakvoort, Dominik Hees; Fotograf: Gregor Khuen Belasi

Regisseur Rudolf Frey erzählt mir, er habe schon als Jugendlicher eine CD mit den Liedern des Musicals in seiner Sammlung gehabt. Die Begeisterung, an dieser Geschichte zu arbeiten, steht ihm jedenfalls ins Gesicht geschrieben. Er erzählt mit voller Hingabe vom Arbeitsprozess und dieser verschrobenen Welt, in der sich Norma und ihr Butler befinden. Da unschwer zu erkennen ist, dass ich von dieser Materie keinen blassen Schimmer habe, versuche ich, verkrampft professionell zu wirken. Aber sind das wirklich die typischen Musicalthemen? Angst vor Vergänglichkeit, Träume, die wie Seifenblasen zerplatzen und dazu noch eine Prise von traurigem Leben in Illusionen? Ich zweifle daran – bis das Stück beginnt. Und meine Beschreibung wirkt vielleicht wie Schleimerei, aber Begeisterung ist nun mal kitschig. 

„Was Rudolf Frey mit seinen Schauspielern auch macht – es funktioniert.”

Unerwartet für ein Musical fallen mir zuerst die großflächigen Projektionen auf, denn Rudolf Frey hat sich etwas ziemlich Futuristisches ausgedacht und den Video-Artist Aron Kitzig mit ins Boot geholt. Seine Projektionen verschmelzen mit dem Stück und verwandeln es in ein riesiges psychedelisches Kunstwerk. Wie siamesische Zwillinge können dieses Schauspiel und die Animationen nicht ohne einander. Dank dieser Idee sind sogar die „Zwischenwelten“ gekonnt in Szene gesetzt: Sei es den verstorbenen Joe Gillis, der aus dem Jenseits zu uns spricht oder die fast schon geisterhafte Villa, in der sich Norma und ihr Butler in ihre Scheinwelt flüchten. Großes Kino live vor unseren Augen. Zu dick wurde bei den Projektionen trotz allem nicht aufgetragen, sie lenken nicht vom Ernst des Stückes ab und machen auch keine reine Multimediashow daraus. Dieses Konzept wird nicht nur für uns Zuschauer eine Premiere, sondern auch für alle Beteiligten.

Bild: Gregor Krammer, Erwin Belakowitsch, Maya Hakvoort, Dominik Hees, Merle Hoch, Auler Alexander, Johanna Mucha, Marie-Therese Anselm; Fotograf: Gregor Khuen Belasi

Komplett im Bann der Bilder und der Musik erwische ich mich selbst dabei, wie ich anfange zu lächeln wie ein bescheuertes Schulmädchen mit Zahnspange und Zöpfen. Gütiger Gott! Hoffentlich hat mich niemand gesehen. Aber ich kann einfach nicht anders, denn auch sämtliche Darsteller, Tänzer sowie der dazugehörige Sound des Haydn-Orchesters machen die Illusion perfekt. Einzig und allein die Rolle der Betty Schaefer von Schauspielerin Merle Hoch passt nicht in diese abgedrehte dunkle Welt.

Aber auch das ist stimmig, denn diese Figur bildet den einzigen Gegensatz zum durchgehenden Wahnsinn. Hut ab vor der meines Erachtens schwersten Rolle im Stück. Alles in allem möchte man aber keinen der Schauspieler auf der Bühne vermissen. Was Rudolf Frey mit seinen Schauspielern auch macht – es funktioniert. Als der Vorhang fällt, brauche ich eine Weile, um zurückzufinden: Das Ticket für Sunset Boulevard ist das Tor zu einer Atempause von der Realität. Es katapultiert in eine andere Dimension. Und wenn man sich im Nachhinein fragt, was jetzt real ist und was nicht, dann sind das nur leichte Nebenwirkungen. Willkommen im:

Sunset Boulevard
Schlangen-Boulevard
Gierig nach den Schönen und den Jungen.

Sunset Boulevard
Halbwelt-Boulevard
Wer sich nicht in Acht nimmt, wird verschlungen.

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