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Besuch eines besonderen Theaterprojekts

Bombenjahre im Remake

„Bombenjahre“ bringt Zeitzeugen, Journalisten, Historiker und Jugendliche auf eine Bühne. Ihre kontroversen Meinungen formen ein detailliertes Bild Südtiroler Zeitgeschichte.

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Ein Teil der Jugendlichen

Bild: Lisa Maria Kager

„Die Südtiroler Autonomie wurde versprochen, aber nicht eingehalten. Hätte man damals dieses Zeichen nicht gesetzt, wären wir heute die Minderheit im eigenen Land. Die Freiheitskämpfer haben uns Werte vermittelt, die wir heute noch leben“, sagt Paul Decarli. Gerade läuft die Generalprobe zum Stück „Bombenjahre“, Paul sitzt hinter der Bühne und zupft seinen Pulli zurecht. Als Schütze der Schützenkompanie Auer und Politikwissenschaftsstudent hat er sich bereits des Öfteren mit dem Thema Feuernacht auseinandergesetzt.

Zusammen mit elf anderen Jugendlichen, die Regisseur Alexander Kratzer in das aktuelle Theaterprojekt „Bombenjahre“ der Vereinigten Bühnen Bozen (VBB) geholt hat, trägt Paul am Ende des Stücks auf einem Gerüst mitten auf der Bühne seine Meinung zum Thema dem Publikum vor. Die habe er sich vor allem durch Gespräche mit Zeitzeugen gebildet, erzählt der junge Mann. Teil dieses Theaters zu sein, habe ihn in seinem Denken einen Schritt weitergebracht. „Im Dialog mit anderen Mitwirkenden lernt man, auch gegenteilige Meinungen besser zu verstehen“, sagt er.

„Facendo degli attentati pensavano e pensano ancora oggi, 50 anni dopo, di dimostrare forza e supremazia. Invece fanno esattamente il contrario.“ Maheen Fatima

Mit ihm gehört auch Maheen Fatima zu der Gruppe junger Menschen, die im Bozner Stadttheater auf der Bühne stehen. Mit 14 Jahren ist sie die jüngste unter ihnen, doch in ihren Gedanken schon weit voraus. Seit sieben Jahren lebt das aus Pakistan stammende Mädchen in Südtirol. Für sie ist der Terror ein Thema, das aktueller ist denn je. Als Muslimin würde sie von den Leuten oft schief angesehen und könne sich daher gut in Sepp Kerschbaumer und die übrigen Mitglieder des Befreiungsausschusses Südtirol (BAS) hineinfühlen. Trotzdem seien Anschläge in ihren Augen nicht die Lösung von Problemen. „Facendo degli attentati pensavano e pensano ancora oggi, 50 anni dopo, di dimostrare forza e supremazia. Invece fanno esattamente il contrario“, zieht sie im Interview ihren Schluss.

Paul Decarli und Hamza Munir Akhtar

Bild: Lisa Maria Kager

Eine Meinung, die auch Hamza Munir Akhtar teilt. Seit zwei Jahren lebt der junge Mann in Südtirol, sein Interview gibt er in fließendem Deutsch. Er mache beim Projekt mit, um die Position eines Menschen mit Migrationshintergrund zu repräsentieren. Im Stück sage er auch einen Satz in seiner eigenen Sprache, erzählt der Pakistani etwas stolz. Das Problem der nicht durchgesetzten Autonomie hätte er mit einem Streik gelöst, Gewalt sei für ihn absolut keine Lösung.

Kontroverse Meinungen

„Die sollten fühlen, was Todesangst ist. Von der Feuernacht an war unser Vater Staatsfeind Nummer eins in Italien“, erzählt Eva Klotz vom Anfang der Bombenjahre. Mit zusammengefalteten Händen und zittriger Stimme steht sie auf der rechten Seite der Bühne. Ihr Vater Georg Klotz war ein führendes Mitglied des Befreiungsausschusses Südtirol. Als es in der Nacht vom 11. auf den 12. Juni 1951 einen lauten Knall gab und der BAS insgesamt 37 Hochspannungsmasten, zwei Hochdruckleitungen und einige Eisenbahnmasten in die Luft jagte, war sie elf Jahre alt.

Die Schilderungen von Eva Klotz auf der großen Bühne des Bozner Stadttheaters folgen auf den Auftritt von Rolf Steininger. Der emeritierte Professor für Zeitgeschichte an der Universität Innsbruck ist ein bekannter Kritiker der Bombenjahre und der Meinung, dass die Bombenleger dem Land weit mehr geschadet als genützt haben.

Das Theaterstück „Bombenjahre“ bringt die Geschichte als Dokumentartheaterprojekt auf die Bühne. Nicht Schauspieler sind Protagonisten des Stücks, sondern Historiker, Journalisten und Zeitzeugen. Sie erzählen von den Geschehnissen der 50er- und 60er-Jahre und nehmen dabei kein Blatt vor den Mund. So wie Ubaldo Bacchiega. Bacchiega ist ein Opfer der Attentate in der Feuernacht. Als es in der Bozner Industriezone knallte, war er noch im Bauch seiner Mutter. Er erzählt von Steinstücken, die seine Mutter gegen die Rollläden fliegen sah. Ein Bild von Feuer, Flammen und fliehenden Menschen bot sich ihren Augen. Sieben Monate später kam Bacchiega zur Welt und musste sofort operiert werden. Heute sitzt er im Rollstuhl – Grund ist die Feuernacht.

Christoph Franceschinis Box

Bild: Lisa Maria Kager

So prallen die Meinungen in diesem Theaterprojekt nach und nach aufeinander und malen dem Zuschauer ein Bild der damaligen Geschehnisse. Der ehemalige Polizeibeamte Vincio Marcomeni kommt zu Wort, der Exilist Siegfried Steger wird via Live-Schaltung nach Bozen auf die Bühne geholt. Nach einer halben Stunde ist der erste Teil des Stücks vorbei und das Publikum – aufgeteilt in vier Gruppen – bricht auf zu einer „Ausstellung der Meinungen“. In und um das Bozner Stadttheater kann sich der Zuschauer hier in 14 Stationen frei bewegen. In grauen Blechboxen lauscht er den Erzählungen von ehemaligen BAS-Mitgliedern und ihren Frauen, aber auch jenen des  Journalisten und Dokumentarfilmers Christoph Franceschini oder Elmar Thalers, dem Landeskommandanten des Südtiroler Schützenbundes. Eine Geschichte fließt so in die nächste und setzt das Mosaik der Vergangenheit zusammen.

Eine Brücke in die Zukunft

Der dritte Teil des Theaters schlägt schließlich die Brücke zur Zukunft. Regisseur Alexander Kratzer hat dazu zwölf Jugendliche mit ins Boot geholt, die ebenfalls keine Schauspieler sind. „Mir war es wichtig, dass man nicht nur über Vergangenes spricht, sondern sich auch Gedanken macht über das Jetzt und über die Zukunft“, erklärt Kratzer.

Fabiana Maglio, Maria Lang und Maheen Fatima

Bild: Lisa Maria Kager

Paul, Maheen und Hamza haben sich eine klare Meinung über die Akteure der Bombenjahre gebildet. Dagegen weiß Bühnenkollegin Maria Lang noch nicht, ob die Mitglieder des BAS für sie Aktivisten, Freiheitskämpfer oder doch Terroristen waren. „Jede Begrifflichkeit, die man in diesem Zusammenhang verwendet, wertet“, meint die 20-jährige Rittnerin im Interview hinter der Bühne. Doch für Maria sei diese Form des Theaters ein idealer Weg, um Meinungsbildung zu fördern und zu unterstützen. Weil nicht Schauspieler die Geschichte nachspielen, sei sie in ihren Augen echt, könne das Stück ganz besonders berühren. „Wir Jungen sind am Ende des Stückes eine schöne Abrundung. Man blickt in die Vergangenheit, man schaut, was davon übrig geblieben ist und wie die Leute jetzt zum Thema Feuernacht stehen“, erklärt Maria. 


Mehr Infos zum Stück und die weiteren Aufführungstermine gibt es hier.

Lisa Maria Kager

ist ein Plappermaul. Hat immer eine Antwort parat und schweigt eigentlich nur beim Schreiben. Verbraucht durchschnittlich mehr Wolle und Kaffeepulver als Luft und trinkt lieber ein kühles Bierchen als schicken Prosecco.
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