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Interview Nahrungsmittelunverträglichkeiten

Bauchgrummeln

Gluten, Laktose, Fruktose: Intoleranzen nehmen zu. Warum? Ernährungsmediziner Hannes Nösslinger erklärt, welche Rolle die Psyche dabei spielt.

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Lizenz: CC0
Bild: Vladislav Muslakov, Unsplash

Immer mehr Menschen leiden an Lebensmittelallergien und -unverträglichkeiten, die Supermarktregale füllen sich mit Produkten für Intoleranzen. Hannes Nösslinger ist Arzt beim Dienst für Diät und Ernährung im Krankenhaus in Meran. Er zieht eine klare Linie zwischen Allergien und Unverträglichkeiten und sagt: Bei Unverträglichkeiten kann auch die Psyche eine Rolle spielen. 

Worin unterscheiden sich Nahrungsmittelallergien von Nahrungsmittelunverträglichkeiten?
Allergien rufen immunologische Reaktionen hervor. Das ist bei Nahrungsmittelunverträglichkeiten nicht der Fall. Bei einer Allergie kann bereits die kleinste Menge eines Nahrungsmittels starke allergische Symptome hervorrufen. Bei einer Unverträglichkeit hingegen muss man nicht strikt auf das betroffene Nahrungsmittel verzichten. Man sollte lediglich die individuelle Toleranzschwelle nicht überschreiten. 

Beide Phänomene nehmen Statistiken zufolge zu. Lässt sich tatsächlich ein Anstieg beobachten?
Von Allergien kann man mit Sicherheit sagen, dass sie in den letzten Jahren angestiegen sind. Bis zu fünf Prozent aller Kinder unter drei Jahren leiden heute unter Allergien, bei den Erwachsenen sind es etwa vier Prozent. Nahrungsmittelunverträglichkeiten kommen häufiger vor. Sie sind insofern angestiegen, dass die Lebensmittel anders zusammengestellt sind. Früher hatte man weniger Fruchtzucker zur Verfügung, viele industriell hergestellte Lebensmittel enthalten heute eine viel höhere Menge. Es muss also nicht heißen, dass eine Person Fruchtzucker nicht verträgt, sondern, dass sie vielleicht einfach einen Fruchtzuckerüberhang hat. Man kann eine Zunahme von Lebensmittelunverträglichkeiten beobachten, aber man muss auch sagen, dass man früher nicht die Sensibilität für Nahrungsmittelunverträglichkeiten hatte. In der Nachkriegszeit war die Bevölkerung froh, etwas zu essen zu haben. Da hat man nicht diskutiert, was man verträgt. Auch Darmbeschwerden waren nicht so sehr ein Thema, mit solchen Beschwerden ist man oft nicht zum Arzt gegangen. 

Hannes Nösslinger

Bild: Hannes Nösslinger

Spielt die Psyche eine Rolle bei Unverträglichkeiten?
Auf jeden Fall spielt die oft mit. Genauso wie den Placebo-Effekt gibt es den Nocebo-Effekt, der von einer negativen Erwartungshaltung ausgeht: Wenn Sportler etwa damit werben, durch glutenfreie Ernährung eine höhere Leistung zu erreichen, ist der Umkehrschluss bei manchen, glutenhaltige Ernährung würde die Leistung einschränken. Sie überlegen sich vielleicht, Gluten für die Leistungssteigerung ganz wegzulassen. Das hat zur Folge, dass Gluten psychisch als Leistungsminderung empfunden wird. Dadurch kann sich tatsächlich auch die Verträglichkeit ändern. Wenn viele Lebensmittel beispielsweise laktosefrei angeboten werden, verbindet der Konsument Laktose mit etwas Negativem, obwohl eine nicht laktoseintolerante Person keine negativen Effekte von Laktose verspürt. Es wird suggeriert, dass das laktosefreie Lebensmittel ein Plus an Gesundheit wäre. Das geht so weit, dass es zu Essstörungen wie der Orthorexie kommen kann, bei der der Patient vehement versucht, sich nur noch gesunde Lebensmittel zuzuführen. 

Wie kann man nachweisen, dass Menschen sich ihre Unverträglichkeiten einbilden?
Im Bereich der Unverträglichkeiten hat man wenig Messmöglichkeiten. Zöliakie kann man beispielsweise relativ gut bestimmen, es gibt aber auch eine seltenere Form, bei der Patienten Gluten nicht vertragen, wir das aber nicht nachweisen können. Wir können Auslasstests machen. Das heißt, dass wir eine gewisse Zeit lang glutenfreie Ernährung einführen, dann das glutenhaltige Nahrungsmittel wieder einführen und dabei die Symptome beobachten. Bei Nahrungsmittelallergien machen wir eine placebo-kontrollierte Nahrungsmittelprovokation. Man gibt dem Patienten ein Nahrungsmittel, ohne dass er weiß, was er bekommt. Auch derjenige, der es verabreicht, weiß das nicht. Damit kann man den Einfluss der Psyche ausschließen. Das kann man bei Unverträglichkeiten so nicht durchführen, weil die Symptomatik oft diffus und zeitverzögert auftritt. 

Wie geht man mit Patienten um, von denen man vermutet, dass sie sich ihre Unverträglichkeiten einreden?
Bei manchen kann man das Thema Psyche gut ansprechen, andere hingegen sind sofort gekränkt und beleidigt. Leider haben viele Ärzte nicht die Zeit für akribische Arbeit, wenn man objektiv erst mal nichts findet. Oft wird es also schnell auf die Psyche geschoben. Da fühlt sich der Patient dann nicht ernst genommen – womit er in dem Moment auch Recht hat. Man muss daher sensibel vorgehen. Ich frage den Patienten beispielsweise erst einmal, ob er gerade Stress hat, wie die Situation bei der Arbeit ist, wie die Familiensituation aussieht. Unsere Ernährungstherapeutinnen sind ernährungspsychologisch geschult und können den Patienten begleiten. Wenn man merkt, dass eine Fachkraft nötig ist, muss man das oft umschreiben. Bezeichnungen wie Psychologe oder Psychiater schrecken viele ab. Manche Psychologen sind im Bereich der Darmhypnose geschult. Das ist eine Form der Unterstützung, wenn jemand an Reizdarm leidet und trotz therapeutischer Versuche keine Lösung findet. 

Depressionen können sehr wohl Verdauungsbeschwerden hervorrufen.

Hat der Reizdarm etwas mit Unverträglichkeit zu tun?
Es kann sein, dass ich eine Unverträglichkeit trotz Bemühen nicht in den Griff bekomme und Verdauungsbeschwerden bleiben. Die verbleibenden Symptome können in diesem Fall zur Diagnose Reizdarm führen. Die Diagnose Reizdarm äußert sich rein über die Symptomatik. Es ist also nicht möglich, diese beiden Diagnosen strikt zu trennen. Ich nenne die Diagnose Reizdarm häufig eine Verlegenheitsdiagnose, wenn keine spezifische Unverträglichkeit gefunden wird.

Können psychische Erkrankungen wie Depressionen und Burnout Lebensmittelunverträglichkeiten hervorrufen?
Eine schwierige Frage. Ich bezweifle, dass der zugrunde liegende Mechanismus einer einzelnen spezifischen Nahrungsmittelunverträglichkeit durch psychische Erkrankungen ausgelöst werden kann. Es ist aber nicht absolut auszuschließen. Bis dato ist mir kein wissenschaftlicher Nachweis bekannt. Wir dürfen aber nicht nur das vermuten, was nachweisbar ist. Mit Sicherheit kann sich eine bestehende Sensibilität des Darms erhöhen und damit eine Verträglichkeit verschlechtern. Depressionen zum Beispiel können sehr wohl Verdauungsbeschwerden hervorrufen, wie eine Verstopfung. In der Regel kommt es zu einer Verstärkung bestehender Symptome oder zur Entwicklung unspezifischer Verdauungsbeschwerden, also nicht zur Entwicklung einer Unverträglichkeit gegenüber einem einzelnen Nahrungsmittel oder eines einzelnen Inhaltsstoffes. So kann eine Depression zum Beispiel nicht ausschließlich das Enzym für die Aufspaltung des Kohlenhydrats Laktose hemmen. Zumindest ist mir diese Art der Funktionsstörung in der Literatur nicht bekannt.

Kann eine gesunde Psyche umgekehrt den Heilungsprozess von Lebensmittelunverträglichkeiten ankurbeln?
Ich finde, dass die Psyche sehr viel beeinflusst. Wenn Sie eine bekannte Unverträglichkeit haben und Sie haben sich psychisch im Griff, können also mit der Situation umgehen, kann sich die Unverträglichkeit bessern oder unter Umständen sogar vergehen. 

Also geht es auch um die Ganzheitlichkeit?
Ja. Einfache Unverträglichkeiten bekommt man mit einer Umstellung der Kost in den Griff. Aber es gibt auch Unverträglichkeiten, die nicht so einfach zu eliminieren sind und die manche oft lebenslang begleiten. Aber wenn es ihnen psychisch besser geht, sie Sport treiben – Sport regt ja die Darmfunktionalität an – können sie damit vermutlich besser umgehen und die Beschwerden reduzieren. Die Lebensumstände und die Verfassung spielen da eine Rolle. Die Herangehensweise sollte sich vor allem bei einer schwierigen Nahrungsmittelunverträglichkeit nicht ausschließlich auf die Ernährung konzentrieren, sondern multidisziplinär sein. 

Kann eine gesunde Psyche prophylaktisch vor Lebensmittelunverträglichkeiten schützen?
Ich würde sagen teilweise. Wenn sich zum Beispiel diese sekundäre, temporäre Laktoseintoleranz nach einem Magen-Darm-Virus oder nach einer Antibiotikum-Kur entwickelt, ist die Psyche wenig hilfreich. Aber mit einer gesunden Psyche ist eine Person sicher besser gefeit, um sich von veröffentlichten Falschmeldungen wie der, dass glutenfreie Ernährung die Leistungsfähigkeit steigert, nicht destabilisieren zu lassen. Wenn man psychisch stabil ist, durchschaut man diese Falschmeldungen sicher besser. In diesem Sinne ja, aber das lässt sich sicher nicht auf alles übertragen. 

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