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Südtiroler Verein in Peru

„Wir wollen Versprechen einlösen"

Hilfe für diejenigen, die von der Politik vergessen werden: Straßenkinder, Frauen und Schulkinder. Der Südtiroler Verein Reqsisqa unterstützt die Ärmsten in Peru.

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Die Armut ist groß. Die Dörfer sind ohne Krankenhaus oder Arzt und ohne Perspektive.

Bild: Reqsisqa

Der kleine Angel kam zwei Monate zu früh auf die Welt. Seine Mama Estefanie lebte in der Schwangerschaft auf der Straße, mit gerade mal 15 Jahren. Ihre Mutter war schon drei Jahre zuvor gestorben. Ihren Vater hat sie nie kennengelernt. Mit zwölf Jahren kam sie zur Großmutter, das Verhältnis war schwierig. Dann lernte sie ihren zwei Jahre älteren Freund kennen und wurde schwanger, doch die Beziehung war alles andere als liebevoll. Estefanie landete auf der Straße. Sie hatte Glück und kam in die Casa Mantay – ein Haus für minderjährige Mütter. Estefanie dachte, jetzt würde alles gut, dabei stand ihr und ihrem Baby noch eine lange Zeit im Krankenhaus bevor.

Wie eine Sprachreise alles veränderte

Geschichten wie die von Estefanie kennt Ingrid Köcher aus Dorf Tirol zuhauf. Sie ist eine der Gründungsmitglieder des ehrenamtlichen Vereins „Reqsisqa – Hilfe für Peru“. Reqsisqa (gesprochen Resiska) ist Quechua und bedeutet „Freundschaft“. Vor drei Jahren reiste Köcher mit zwei Freunden aus Bayern als Rucksacktouristin nach Peru. Es sollte eigentlich nur eine zweimonatige Sprachreise werden, doch die Armut im Land lässt die Gruppe nicht mehr los. Noch im selben Jahr gründen sie ihre Hilfsorganisation.

Ingrid Köcher mit Kindern aus Peru – sie leben oftmals in ärmlichen Verhältnissen.

Bild: Reqsisqa

Heute kümmern sich rund 25 Mitglieder aus Südtirol, Bayern und Cusco um Straßenkinder, junge Mütter und Schulkinder in Peru. Köcher, die Koordinatorin des jungen Vereins, ist selbst regelmäßig vor Ort. „Uns ist wichtig, dass mindestens eine Person von uns immer dort ist. Die Leute wollen schließlich wissen, wo ihre Spendengelder hinkommen“, erklärt Köcher. „Es gibt leider viele Vereine und genug Fälle, in denen Gelder verschwinden und kein Mensch weiß wohin.“

Die Gastfreundschaft in Peru ist groß, erzählt Köcher. Auch wenn die Menschen selbst nicht viel haben, geben sie den Besuchern alles. Die Peruaner sind bekannt für ihre Gelassenheit und Lebensfreude, doch das Land ist auch bekannt für seine Armut. Politiker sind korrupt, die Armen auf sich alleine gestellt.

Während in Cusco oder Lima Häuser wie in Europa stehen, leben die Bewohner in den Dörfern in Lehmhäusern. Die Küche ist nur notdürftig eingerichtet. Viele müssen ohne Wasser im Haus auskommen, auch Nahrungsmittel sind knapp. „Man kann sich das nicht vorstellen, denn hierzulande sind die Menschen durch ein soziales Netz geschützt“, sagt Köcher. In Peru nicht. Krankenhäuser oder Ärzte gibt es nur in den Städten, in den Dörfern sind Kranke auf sich allein gestellt. Eine Krankenversicherung wie in Europa gibt es in Peru nicht. Dort gilt: Nur wer zahlen kann, erhält gute ärztliche Versorgung.

In der Casa Matay können die Kinder unbeschwert leben – bis zum 18. Lebensjahr ihrer Mütter.

Bild: Reqsisqa

Reqsisqa betreut zahlreiche Projekte. Unter anderem fördert der Verein die Handarbeiten von Frauen in Peru und betreut den Mittagstisch in einer Schule in Pucyura. Einen Schulbus gibt es in Peru nicht, viele Kinder marschieren täglich drei bis vier Stunden lang in die Schule. Aufgrund der Armut sind viele unter- oder fehlernährt und sitzen den ganzen Tag hungrig in den Schulklassen. Durch den Mittagstisch von Reqsisqa bekommen die Kinder zumindest mittags eine warme Mahlzeit. 

Zudem unterstützt Resqisqa zusammen mit dem Südtiroler Verein „Magie delle Ande“ das Colegio San Christoferus in einem der Armenviertel von Lima. In dieser Schule bekommen geistig und mehrfachbehinderte Kindern und Erwachsene eine Schulausbildung. Derzeit besuchen 35 Personen mit Down-Syndrom, Autismus oder geistiger Behinderung die Einrichtung. Ein weiteres großes Projekt, das der Verein unterstützt, ist die Casa Mantay einer deutschen Hilfsorganisation. Der erste Besuch in dem Haus für minderjährige Mütter vor drei Jahren ließ Köcher nicht mehr los.

„In Peru sind Vergewaltigungen fast ein Tagesthema.“

Die meisten Mädchen hier haben psychische oder physische Misshandlungen hinter sich. „In Peru sind Vergewaltigungen fast ein Tagesthema“, sagt Köcher bestürzt. „Viele junge Peruanerinnen im Alter von zwölf bis 18 Jahren werden von Familienmitgliedern oder Männern aus der Nachbarschaft vergewaltigt.“ Wird eine Minderjährige in Peru schwanger, steht sie meist auf der Straße, verstoßen von der Familie. In der Casa Mantay bekommen Mütter mit ihren Kindern bis zum 18. Lebensjahr ein neues Heim, eine Ersatzfamilie und eine Ausbildung. Wie zurzeit die 15-jährige Estefanie.

Ihr Sohn entwickelte sich anfangs gut, doch nach einem Monat begannen die Atemprobleme. Die Sauerstoffsättigung im Blut sank, der Säugling wurde blau. Im Krankenhaus bekam er Sauerstoff, erholte sich, wurde entlassen, aber bald darauf wieder blau.

Beim vierten Mal in der Notaufnahme ließ sich die Mutter nicht mehr einfach so wegschicken – wie das so oft mit Menschen gemacht wird, die nicht die nötigen finanziellen Mittel haben – und ein Kinderarzt untersuchte ihren Sohn zum ersten Mal genauer. Es wurden Zysten in der Lunge gefunden und die junge Mutter mit Kind sofort ins Kinderkrankenhaus in Lima gebracht. Dort wurde festgestellt, dass sich Estefanie in der Schwangerschaft mit einem Virus infiziert hatte.

Eine junge Frau, die Estefanies Geschichte teilt. Die Vergangenheit der jungen Frauen ähnelt sich sehr.

Bild: Reqsisqa

Angel muss nun sechs Monate im Krankenhaus bleiben. Das ist nur durch die Unterstützung von Reqsisqa möglich. Für seine Arbeit in Peru sammelt der Verein derzeit in Südtirol Spenden, etwa beim anstehenden Benefizessen „Con corazon – help for Peru“ in Dorf Tirol. Das Abendessen mit peruanisch angehauchten Gerichten wird die erste große Spendenaktion des Vereins. Durch den Reinerlös werden Projekte in Peru finanziert und Weihnachtsgeschenke für peruanische Kinder gekauft.

Neben Geld werden auch Kleidung und Spielzeug gesammelt. Aufgrund der dreimonatigen Regenzeit sind etwa Regenbekleidung und Stiefel für Kinder von sechs bis 14 Jahren sehr gefragt. „Wir sind immer glücklich, wenn wir Kleidung bekommen, weil die müssten wir sonst auch mit Spendengeld kaufen.“ 

Die Kunst zu helfen

Der Verein fördert auch peruanische Künstler und Schriftsteller. „Wir wollen die Kunst und Literatur aus Lateinamerika, sowie die Philosophie nach Europa bringen“, sagt Köcher. Vergangenes Jahr ermöglichte Reqsisqa es dem Schriftsteller und Philosophen Fabio A. Sánchez, nach Europa zu kommen, um sein Buch vorzustellen und über sein Leben in Peru zu erzählen. Dem Verein ist es ein Anliegen, der Bevölkerung in Südtirol die peruanische Mentalität und Kultur näherzubringen.

Nächstes Jahr sind Aktionen wie ein Fußballspiel zwischen Südtirolern und Peruanern oder der Verkauf von peruanischer Handarbeit geplant, sowie eine Fachtagung mit Philosophen aus Europa und Lateinamerika. Alles, um den zurzeit noch relativ unscheinbaren Verein bekannter zu machen. Reqsisqa hat noch Großes vor. In erster Linie wollen die Mitglieder aber eines: „Unsere Versprechen einlösen.“ Ihnen ist es wichtig, ihre Projekte fortzuführen, auszubauen und genügend Spenden zu sammeln, um Menschen wie Estefanie und ihrem Sohn Angel weiterhin helfen zu können.

 

Das Benefizessen findet am 3. Dezember um 19.30 Uhr im Restaurant Patriarch in Dorf Tirol statt. Kostenbeitrag: 40 Euro
Anmeldung bis 27. November bei Moritz: 3331680638 oder Nadia: 3297020747

Petra Schwienbacher

mag große Hunde, ihre rote Rostlaube und Mamas Lasagne. Sie ist laut ihren Freunden immer lustig und labert gerne Blödsinn. Beim Schreiben kann sie aber auch ernst bleiben.
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