Anzeige

„Arbeit, nur Arbeit“

Andrea ist 56 Jahre alt und kommt aus der Slowakei. Seit zehn Jahren lebt er in Bozen auf der Straße.

Manuela Tessaro 1.jpg

Bild: Manuela Tessaro

Andrea* hat heute (8. Dezember, Anm. d. Red.) Geburtstag. Wir sitzen in einem Bozner Kaffeehaus bei Cappuccino und Brioches. Ich habe Pralinen mitgebracht und eine farbige FFP2-Maske. Er freut sich über das kleine Geschenk.  Wir kennen uns schon seit bald neun Jahren und ich frage ihn, was er sich zu seinem 56. Geburtstag wünsche: „Arbeit!  Nur Arbeit!“  Denn „fare colletta“, das möchte er nie wieder. Nie mehr betteln müssen, das wünscht sich Andrea. Er lebt seit mehr als zehn Jahren auf der Straße in Bozen. Im Herbst hilft er gelegentlich einem Bauern aus dem Etschtal bei der Ernte, aber in den anderen Jahreszeiten kann er kaum auf Arbeitsangebote zurückgreifen.  Diesen Winter ist er Gast im Dormizil, einem Winterquartier für obdachlose Menschen, das Freiwillige der Zivilgesellschaft im Zentrum von Bozen eröffnet haben. Andrea teilt sich ein Zimmer mit einem Ungarn. „Wir haben da auch eine Dusche und es gibt Frühstück. Zum Mittagessen gehe ich dann zu Francesca“. Francesca koordiniert für den Verein Volontarius die Tagesstätte für obdachlose Menschen (mit EU-Ausweis), diese befindet sich ebenfalls im Herzen der Stadt. Andrea kommt aus der Slowakei und kann einen gültigen Identitätsausweis vorweisen. 

In der Slowakei lebt seine achtzigjährige Mutter, in Deutschland seine Schwester. Sein Bruder starb vor drei, der Vater schon vor mehreren Jahren. Andrea steht in regelmäßigem Kontakt mit seiner Mutter, „die stand jahrelang als Lehrerin im Schuldienst“, erzählt er. Wir vergleichen die Telefonnummern, die er mir vor einigen Jahren gegeben hatte, um gegebenenfalls seine Mutter benachrichtigen zu können, falls ihm hier etwas zustoßen sollte.  Das war in jener Zeit, als man vor bald 5 Jahren den 50-jährigen tschechischen ex-Schachspieler Jaroslav an seinem Schlafplatz vor dem Bozner Waltherhaus tot aufgefunden hatte. Er starb an den Folgen von Verletzungen, nachdem er in der Nacht zuvor schwer verprügelt worden war. Niemand hatte die Tat gemeldet oder Hilfe gerufen. Das Leben auf der Straße ist hart und kann gefährlich sein.  „Allein, habe ich in der Nacht Angst, dass ich angegriffen werden könnte“, sagte Andrea damals zu mir.

Lissi und Andrea beim Fotoshooting

Bild: Manuela Tessaro
Ob ich etwas von seinem Freund Niko gehört hätte, der vor vier Jahren nach Tschechien zurückgekehrt war, fragt mich Andrea: „Man hatte mir Handy und Brieftasche gestohlen und deshalb habe ich seine Nummer und Adresse nicht mehr.“ Ich werde versuchen, Niko zu kontaktieren, verspreche ich. Niko gehörte zu dem Trio, das vor etlichen Jahren unter der Bozner Talferbrücke lebte. Natascha, eine Hotelangestellte aus der Slowakei, die vor vier Jahren im Meraner Krankenhaus nach einem Krebsleiden verstorben ist, war eine Zeitlang die Dritte im Bunde. Weihnachten 2012 hatte ich die Drei unter der Brücke kennengelernt. „Nadel und Zwirn“, war die Antwort von Niko damals auf meine Frage, ob ich etwas vorbeibringen dürfe. „Und heißes Wasser bitte“, fügte er an: „Vielleicht auch einen Handschuh, ich habe nur diesen einen.“ Nie wurde ich um Geld gebeten.

 „Und heißes Wasser bitte“, fügte er an: „Vielleicht auch einen Handschuh, ich habe nur diesen einen“.

„Der Alkohol macht mich aggressiv“, sagt Andrea. Unser Gespräch wird kurz unterbrochen. Zwei höfliche Carabinieri-Beamte kommen an unseren Tisch, kontrollieren unseren Green Pass und unseren Ausweis. Alles in bester Ordnung, die Beamten nicken freundlich. Wir bestellen uns noch einen Granatapfelsaft.  „Ich bin genesen und geimpft“, sagt Andrea und erzählt von seiner Covid-19-Infektion, die er sich im vorigen Jahr in einer Winternotschlafstelle in Bozen Süd zugezogen hatte. Einen Monat lang kam er zur Quarantäne in die Biasi-Kaserne nach Gossensass. „Als sich endlich das Kasernentor hinter mir schloss, hatte ich mich völlig betrunken. Ich Idiot“.

Andrea hatte in der Slowakei eine Hotelfachschule besucht, zuerst als Kellner und dann jahrelang als Security-Mann in einem Grandhotel auf der Hohen Tatra gearbeitet. „Alle zehn Jahre, also zweimal, musste ich mich wegen dieser Arbeit einem psychologischen Test unterziehen. Beide Male habe ich den Test mit 47 Fragen problemlos bestanden“. Andrea lächelt, wird dann aber gleich wieder nachdenklich. Mit seiner Frau war er 20 Jahre lang verheiratet, die beiden Söhne sind heute 35 und 36 Jahre alt und haben selbst schon Familie. Andrea ist fünffacher Großvater, „aber ich war immer wieder ein Idiot.” Seine Ehe zerbrach und auch die neue Liebesbeziehung. Die Probleme häuften sich – er verlor seine Arbeit als Security-Mann, die Mutter seines dritten Sohnes heiratete einen anderen Mann. Er bekam überdies Ärger mit der Polizei. „Dann ging ich nach Prag und arbeitete in einer Markthallte, wo ich Vasek kennenlernte, der mir so sehr von Italien vorschwärmte, dass ich kurzerhand mit ihm nach Udine fuhr. Vasek kehrt nach zwei Monaten nach Prag zurück, ich zog nach Bozen weiter.“

Andrea aus der Slowakei lebt seit zehn Jahren in Bozen auf der Straße. 

Bild: Manuela Tessaro

„Meine größten Schwierigkeiten waren und sind immer noch die mangelnden Sprachkenntnisse“.  Andrea spricht kein Deutsch und der Wortschatz im Italienischen ist auf seinen Alltagsgebrauch beschränkt. Er sucht beim Erzählen oft nach Begriffen, die er auf der Straße einfach nicht braucht. An seinen Augen erkenne ich, dass er mir vielleicht mehr erzählen möchte.  Aber wer auf der Straße lebt, muss sich schützen, auch vor zu viel Wahrheit und Ehrlichkeit.  Es braucht eine dicke Haut, auch zum Abwehren von Gefühlsausbrüchen und Angriffen jeglicher Art.  Andrea hat eine dicke Haut. Jetzt wird er aber unruhig, beginnt zu hüsteln. „Ich habe Probleme mit meinen Bronchien und spüre immer wieder ein Stechen in der Brust“, sagt er. Das Gespräch dauert schon zu lange, das spüre ich, auch wenn er das nie offen zugeben würde. Im Lokal ist es sehr heiß. Und Andrea muss pünktlich zu Francesca. Ich möchte nicht, dass er seinen Mittagstisch versäumt – es gibt da strenge Regeln. Wir gehen ins Freie.  Manuela ist gekommen, sie macht Fotos. Wir verabschieden uns.

Einiges habe ich nicht gefragt worden: Warum Andrea nicht wieder als Verkäufer der Straßenzeitung zebra. tätig werden wolle, oder, ob er sich wirklich vorstellen könne, ganztägig zu arbeiten, ob er dazu noch die Kräfte hätte? Ich habe auch nicht gefragt, ob er sich nicht eine kleine Wohnung für sich allein oder gemeinsam mit ein paar Freunden wünsche. Aber das werde ich nachholen. Es gibt jetzt in Bozen Projekte des Housing First, wie es sie ausgehend von Finnland nun in mehreren europäischen Ländern gibt. Dass Andrea in einem solchen Projekt aufgenommen wird, und jahraus jahrein in einer Struktur wohnen kann, das wünsche ich mir und ihm, und auch dass er bald eine Arbeit findet, die zu ihm passt, ihn nicht überfordert, ihm aber ein würdevolles Leben ermöglicht. 

*Alle Menschen, die in diesem Text vorkommen, werden nur mit ihrem Vornamen genannt.

Anzeige

Auf der Straße

Wer sind die Menschen, die obdachlos auf der Straße leben müssen? In einer Portraitreihe von Lissi Mair, die seit vielen Jahren Obdachlose in Bozen unterstützt, möchten wir diese Menschen sichtbarer machen.

Mehr Artikel
Anzeige

Hinterlasse einen Kommentar

Mehr Artikel

Die große grüne Lüge?

Staats- und Regierungschefs wollen ein Drittel der Erde bis 2030 als Naturschutzgebiete ausweisen. Auf der Strecke bleiben aber die Menschenrechte derer, die Naturschutz bereits leben.
0    
 | 
Videowettbewerb

Autonomie was?

50 Jahre Autonomie: Wissen Mittelschüler*innen und Oberschüler*innen, um was es dabei geht? „Um die Freiheit”, sagen die Gewinner*innen eines Videowettbewerbes.
0    
Austausch der Generationen

„Opa, erzähl mir!“

„Als ich zehn Tage alt war, hat mich meine Mutter verschenkt“, erzählte Arthur Dalsass seinem Enkel Markus Zwerger. Dieser verarbeitete die Geschichten seines Opas in einem Buch, einem kritischen Austausch zweier Generationen.
0    

Der Müll und die Poesie

„Gewesen, nicht vergessen.“ Was hat Müll mit Poesie zu tun? In dieser Kurzdoku gibt der Filmemacher Karl Prossliner Einblicke in den Recyclinghof der Stadtwerke Meran.
 | 
Kommentar zur Corona-Jugend

Spaltung statt Entfaltung

Alle schwärmen von der schönen Jugendzeit, den Aufwachsenden von heute bleibt sie aber verwehrt. Eine Schülerin klagt an.
0    
Anzeige
Anzeige