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Soll Südtirol abheben?

Andreas Riedl
Arno Kompatscher
Soll der Bozner Flughafen ausgebaut werden?
Abstimmen

Die Öffnung, Erreichbarkeit und Attraktivität Südtirols würde durch einen funktionierenden Regionalflughafen, und ich betone „funktionierenden“, erheblich gewinnen. Davon bin ich felsenfest überzeugt. Wir müssen vernetzt sein, um erfolgreich zu bleiben, sowohl im Land selbst als auch nach außen. Im Mobilitätsnetz (mit seinem attraktiven Angebot an Bus-, Bahn- und Seilbahnverbindungen) ist der Flughafen ein Baustein, aber ein wichtiger.
Mit einem strategischen Entwicklungskonzept und dem Businessplan wurden – wie versprochen – alle Daten und Fakten auf den Tisch gelegt. Und diese stehen nun zur Diskussion. Zielvorgabe der Landesregierung ist eine jährliche Mindestanzahl von 170.000 Fluggästen, die 2022 erreicht sein muss. Die finanzielle Beteiligung an den Gesamtkosten der Flughafenbetreibergesellschaft Airport Bozen Dolomiten (ABD) wird mit maximal 2,5 Millionen Euro pro Jahr bis 2022 beziffert, in der Folge dürften es höchstens eineinhalb Millionen Euro sein, was kaum einen Prozent des gesamten Südtiroler Mobilitätsbudgets ausmacht. Am Ende wird das Volk darüber entscheiden, ob es unter klar festgelegten Voraussetzungen für oder gegen einen funktionierenden Regionalflughafen ist, und ob das Land sein Ziel weiterverfolgen oder aus der Finanzierung des Flughafenbetriebs aussteigen soll. 

Der Landeshauptmann hat absolut Recht, wenn er sagt, dass wir uns öffnen müssen. Allerdings passiert die Öffnung vor allen Dingen in den Köpfen und nicht unbedingt mit einem Flugplatz, der seit 18 Jahren nur von der Politik und den Spitzen der Wirtschaft gewollt, aber mit dem Geld der Steuerzahler finanziert wird.
Natürlich können wir uns das „Luxus-Spielzeug“ Flugplatz leisten. Wir haben bis dato 100 bis 120 Millionen Euro investiert. Laut Konzept wird er uns in den nächsten Jahren nochmals bis zu 58 Millionen kosten. Die Frage ist aber nicht, ob wir können, sondern ob wir auch wollen. Wofür brauchen wir den Flugplatz wirklich? Um noch mehr Touristen ins Land zu karren? Unser Tourismus lebt in erster Linie von grandioser Natur und Landschaft. Wir erreichen aber mit aktuell gut 28 Millionen Nächtigungen langsam, aber sicher die Kapazitätsgrenze. Auch heuer werden wir wieder Nächtigungsrekorde feiern – ganz ohne funktionierenden Flugplatz. Immer mehr Touristen lassen sich nicht mit intakter Natur vereinen. Genau widersprüchlich ist es, Südtirol als Klimaland zu bezeichnen und gleichzeitig den Flugplatz massiv auszubauen, damit noch größere Flugzeuge die Passagierzahlen verzehnfachen. Die Südtiroler haben das bereits 2009 verstanden und entsprechend entschieden. Und sie werden es im Juni 2016 wieder tun.

 

Ja, im Juni werden die Südtirolerinnen und Südtiroler über die Zukunft des Bozner Flughafens abstimmen. Es muss unser gemeinsames Ziel sein, eine möglichst hohe Wahlbeteiligung zu erreichen. Die Welt steht nicht still und es hat in vielen Köpfen bereits eine Öffnung stattgefunden. Wie die Südtirolerinnen und Südtiroler 2016 entscheiden, bleibt abzuwarten.
Nun, ich bin der Ansicht, dass der Flughafen – als ein Baustein im Mobilitätsnetz – eine Notwendigkeit ist. Es wäre hingegen ein Luxus, der neuen Flughafenführung nicht die Chance zu geben, den bereits bestehenden Flughafen zum Funktionieren zu bringen. Diese Chance kostet den Steuerzahler laut Gesetzentwurf weit weniger als 58 Millionen Euro. Die mögliche Wertschöpfung ist dagegen über 10-mal so hoch.
Richtigerweise gibt Südtirol jedes Jahr viel Steuergeld für den Betrieb des öffentlichen Transports aus. Im Jahr 2014 waren es über 163 Millionen Euro. Davon wurden ca. 39 Prozent für den Zug, ca. 51 Prozent für den Bus, ca. 4 Prozent für die Sonderdienste Schülertransport, ca. 3 Prozent für den Flugverkehr und 2 Prozent für die Shuttledienste, Nightliner und Skibusdienste ausgegeben. Pro Personenkilometer kostet das Flugzeug aufgrund dieser Zahlen den Steuerzahler sogar weniger als der Zug.
Urlaube werden immer kürzer und immer kurzfristiger geplant. Heute kommen über 84 Prozent unserer Gäste im eigenen PKW. Morgen werden viele von ihnen keinen PKW mehr besitzen. Wenn Südtirol in Zukunft vorne bleiben will, wird es noch besser und schneller erreichbar sein müssen. Die Bahn spielt dabei eine entscheidende Rolle, und auch das Flugzeug.

„Die Welt steht nicht still.“ Genau so ist es. Wenn man sich aber die jahrzehntelange Diskussion um den Bozner Flugplatz anschaut, dann scheint es, als ob sie doch stillstehen würde. Der Landeshauptmann, der ansonsten gerne von Innovation, Erneuerung und Zukunftsträchtigkeit spricht, hält genauso wie seine Vorgänger an einem überholten kleinen Provinzflugplatz fest, der bereits vor 18 Jahren nicht abgehoben ist. Mittlerweile hat sich die Welt aber tatsächlich verändert und gerade der Landeshauptmann sollte dem Rechnung tragen. Kürzlich saß er in der ersten Reihe des Global Forum Südtirol, direkt neben dem Keynote Speaker David Bosshart. Dessen letztes Buch „The Age of Less“ hat er aber scheinbar nicht gelesen. Darin werden Zukunftstrends bei der Mobilität angesprochen und dezidiert auch die Sinnlosigkeit von Regionalflugplätzen belegt. Soll Südtirol zukunftstauglich und ein Schritt nach vorne gemacht werden, orientiert man sich besser an den zehn Vorschlägen von Bosshart als an neoliberalistischen Wachstumsdogmen und dessen Auswüchsen wie ein Provinzflugplatz.
Äpfel mit Birnen vergleicht der Landeshauptmann, wenn er den öffentlichen Personennahverkehr mit dem Fernverkehr gleichsetzt. In der Logik des Landeshauptmannes müsste dann auch jede Zug- und Busfahrkarte im Personenfernverkehr in derselben Höhe gefördert werden, wie das Flugticket. Zudem werden mit den 163 Millionen Euro des öffentlichen Transports in Südtirol gut 48 Millionen Fahrgäste befördert, also rund 3 Euro pro Fahrt. Pro Flugticket ist die Subventionierung um ein Vielfaches höher.

 

„Ohne Flexibilität und Mobilität kein Überleben in der globalen Ordnung." Dieser Satz stammt nicht von mir, sondern aus dem zitierten Buch von David Bosshart. Südtirol hat im Bereich der öffentlichen Mobilität viel erreicht. Heute ist man auch ohne Auto weitestgehend mobil. Obwohl Südtirol über Straße und Schiene erreichbar ist, haben wir nach wie vor relativ schlechte Erreichbarkeitswerte. Das erkläre nicht ich, sondern die Europäische Kommission.
Wie Bosshart schreibt, sind insbesondere die erfolgreichen Menschen selektiv mobil und ab Distanzen von 500 km bleibt das Flugzeug das Verkehrsmittel erster Wahl. Die Zeit und nicht das Geld wird dabei immer entscheidender. Deshalb wäre es aus meiner Sicht falsch, auf den Betrieb des bestehenden Flughafens in Bozen und die damit zusammenhängenden Chancen zu verzichten. Bei 170.000 Passagieren pro Jahr sind ein zusätzliches Regionalprodukt von über 14 Millionen Euro  zu erwarten sowie zusätzliche Steuereinnahmen von über 2 Millionen Euro. Werden die 170.000 Passagiere pro Jahr bis 2022 nicht erreicht, ist Schluss.
Den Vergleich von Äpfeln und Birnen überlasse ich jenen, die in Kosten pro Fahrten und nicht in Personenkilometern rechnen. Eine Fahrt kann von Bozen bis Leifers oder aber bis Graun oder Vierschach gehen. Immer ist es eine Fahrt. Dass die Kosten nicht vergleichbar sind, dürfte einleuchten und deshalb rechne ich auch beim Flughafen in Personenkilometern. Ich behaupte, dass der Flughafen Bozen unter der neuen Führung abheben kann und vertraue darauf, dass Südtirol die Chance nutzen wird.

Eine Studie der Deutschen Bank besagt, dass regionale Flughäfen unrentabel sind und Distanzen von 700 bis 800 Kilometern in Zukunft mit den verbesserten Zugverbindungen (durch Hochgeschwindigkeitszüge) bewältigt werden. So sind heute bereits ein Großteil der Passagiere, sowohl von Mailand nach Rom als auch von Paris nach London, vom Flugzeug auf die Bahn umgestiegen. Auch von Bozen nach Rom fährt die Freccia d‘Argento in 4 Stunden und 30 Minuten auf der zum Teil als Hochgeschwindigkeitsstrecke ausgebauten Linie. Und mit dem Ausbau der TEN-Strecke von Rom bis Palermo wird die Fahrzeit noch wesentlich verkürzt. Dies gilt dann auch für die Verbindungen Richtung Norden nach Innsbruck und München. Es ist also nicht verständlich, dass Flughäfen in Städten wie Rom, Frankfurt, München und Wien angeflogen werden sollen, welche alle weniger als 700 Kilometer von Bozen entfernt sind.  
Ich kann die Rechnung des Landeshauptmannes, dass mit den angepeilten 170.000 Flugzeugpassagieren für Südtirol eine Wertschöpfung  von 14 Millionen Euro erreicht werde, nicht stehenlassen: Es ist nämlich nicht so, dass diese 85.000 Passagiere (Hin- und Rückflug 170.000) nur nach Südtirol kommen, weil ein Flughafen vorhanden ist, denn es kommen ja bereits 4 Prozent der Südtirolurlauber über die naheliegenden Flughäfen (Verona, Innsbruck, München) nach Südtirol. Zum Vergleich: Renommierte Fremdenverkehrsorte wie Lech am Arlberg, St. Moritz, Davos, Val d‘Isere sind alle 113 bis 183 Kilometer vom nächsten Linienflughafen entfernt. Ähnliches gilt wohl auch für die Wirtschaft und die Wissenschaft: Die renommierte medizinische Fakultät der Uni Heidelberg ist 110 Kilometer vom nächsten Linienflughafen entfernt und auch für die Firma BASF aus Ludwigshafen mit 33.000 Mitarbeitern sind es beinahe 100 Kilometer bis Frankfurt.  

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nach 20 Jahren Testphase würde ich es langsam einsehen

Für die Wirtschaftliche Weiterentwicklung braucht Südtirol den Flughafen

Es spricht eigentlich nichts gegen einen funktionierenden !!! Flughafen.

Zu Vollständigkeit der Informationen:
Ludwigshafen hat mit dem Flugplatz Speyer/Ludwigshafen einen einen Flugplatz mit einer 1.677 m langen Start- und Landebahn. Der Speyerer Dom ist in zehn Gehminuten zu erreichen. Das Technik-Museum Speyer liegt unmittelbar nördlich.

St. Moritz ist vom Flughafen Engadin Airport / Samedan mit einer 1.800 m langen Start- und Landebahn 5 km entfernt. Und gilt als der höchstgelegene Flughafen Europas wo auch Bonus 737 und Airbus 320 landen können.

Die Flughäfen Innsbruck und Verona sind schnell und gut zu erreichen.
Südtirol kann nicht weiter wirtschaftlich und touristisch wachsen und gleichzeitig eine intakte Natur bieten – das eine schließt das andere aus. Da stellt sich dann die Frage, von was kann Südtirol langfristig (nicht 10-15 Jahre sondern 300+ Jahre) mehr profitieren?

Wir sollten endlich einsehen, in welchem Naturparadies wir leben und anfangen auf Langzeit zu denken. Ein ausgebauter Flughafen bedeutet zusätzliche Umweltbelastung für Südtirol und wir riskieren damit das zu zerstören, was Südtirol lebenswert macht. Diese ständige Streben nach Mehr lässt Menschen vergessen, was wirklich zählt im Leben.

Der Flughafen sollte unbedingt ausgebaut werden, um somit eine funktionierende und representative Infrastruktur für Südtirol zu schaffen. Nur durch den Ausbau, wird der Flughafen für Südtirol nützlich sein. Allein die Steigerung der Attraktivität für unser Land wird immens steigen und somit mehr zahl kräftige Touristen ins Land locken. Diese nur positiven Auswirkungen kommen der gesamten Bevölkerung zu Gute!

Das Problem Bozner Airport ... wenn doch wenigstens ein öffentlicher Bus dorthin fahren würde... der einzige bleibt ja 300 m davon entfernt stehen.

Ohne ausreichende Verbindungen zu den wichtigsten internationalen Airports wie München, Mailand-Bergamo, Mailand Malpensa neben Rom und Wien dürfte das kaum was bringen.

Generell dürfte Bozen jedoch kaum wirtschaftlich sein, zu wenig Bevölkerung, zu viel Konkurrenz der airports Innsbruck, Verona, München, Mailand, Bergamo, allesamt wenige Stunden fahrt von Südtirol.

Allein darauf zu hoffen das Englische Touristen dann mehr nach Südtirol fliegen, ohne direkt Verbindung, nur mit umsteigen in München (als Beispiel) denke ich wird nicht unbedingt funktionieren, und ob z.B. Ryanair oder Wizz Air Bozen anfliegen, wäre nachzuprüfen, ansonsten wird Bozen nur Spesen erwirtschaften.

Gute und schnelle Verbindungen mittels Bahn und Bussen (die gibt's ja bereits) dürften wirtschaftlicher und viel ökologischer langfristiger sein. Die Kosten den Airport zu betreiben, Flugkosten selbst sind wohl nur sehr schwer zu decken, abgesehen vom Lärm im relativ engen Talkessel.

Leztendlich wird ja das Volk entscheiden, ein guter Schachzug der Landesregierung.

Stimme Anreas Riedl voll und ganz zu. Die Öffnung ist notwendig und das vor allen Dingen in den Köpfen.
So ist es auch mit den Investitionen: Südtirol mangelt es nicht an Infrastruktur sondern an hochgebildeten Fachkräften in Nichtmanagerpositionen. Deswegen fehlt es auch an Positionen zu nachhaltiger und vom Wachstumszwang befreiter Tourismuswirtschaft.
Beim Thema Mobilität muss der Bahnhof und dessen Anbindung an den regionalen Schienenverkehr zusammen mit der Realisierung der Strassenbahn nach Kaltern an die höchste Stelle der Prioritätenliste.

Den Trend Nachhaltigkeit nicht verpassen und dabei auch noch Geld sparen. Stimme mit: Nein!

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