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Mehr Frauenpower?

Julia
Vera
Braucht Südtirol die Frauenquote?
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Sicher haben es Frauen im Berufsleben oft schwerer als Männer – ebenso sicher, wie für Schwarze in den USA ihre Hautfarbe immer noch ein Hindernis ist. Trotz Verbot von Diskriminierung wegen Geschlecht und Rasse, sieht die Realität oft anders aus. Das soll hier nicht bestritten werden. Trotzdem: Präsident des Landes, in dem vor gerade mal 150 Jahren die Sklaverei abgeschafft wurde, ist heute Barack Obama – und das kaum deshalb, weil er im College immer rumgejammert hat, dass die weißen Jungs so gemein zu ihm sind. Marissa Meyer wurde nicht Chefin von Yahoo, weil sie ihr Geschlecht stets zum Thema gemacht hat. Und Angela Merkel hat nie nach einer Quote geschrien, und ist heute trotzdem deutsche Kanzlerin. Diese drei haben einfach gemacht, anstatt sich in theoretischen Diskursen über ihre Rolle in der Gesellschaft zu verlieren. Weil sie sich nicht für schwächer gehalten haben, waren sie nicht schwach.
Das ist mein Problem mit der Frauenquote: Das Verlangen nach dieser setzt voraus, dass man sie für nötig hält – dass man glaubt, Frauen müsste man unter die Arme greifen, weil sie es trotz rechtlicher Gleichstellung immer noch nicht alleine können. Es ist, als lege man einem Kind, das toll Fahrradfahren kann, trotzdem nochmal Stützräder an. Das fördert das Selbstvertrauen nicht unbedingt.
Es geht darum, wie eine Frau damit umgeht, nicht dem Klischee des weißen männlichen Vorstandes zu entsprechen: Fühlt sie sich diesem nur aufgrund ihres Frauseins unterlegen, wird das Unterlegenheitsgefühl zur selbsterfüllenden Prophezeiung. Eine Quote ist da kontraproduktiv: Denn sie macht Frausein zum Thema, und zwar zum Negativattribut – zum Makel, der mit staatlichen Maßnahmen kompensiert werden muss. Das ist ein Schritt zurück. Völlige faktische Gleichstellung haben wir erst dann, wenn man nicht mehr darüber reden muss, ob eine Frau oder ein Mann im Büro sitzt und warum und weshalb. Die Frauenquote will das Problem in den Unternehmen angehen, und verschlimmert es dabei dort, wo es eigentlich liegt – in den Köpfen.
Ich stimme dir zu, das Problem liegt in den Köpfen. Aber wie soll sich eben dieses Denken ändern, wenn nicht durch andere geschaffene Realitäten? Eine Frau ist nicht so belastbar wie ein Mann, sie ist weniger durchsetzungsstark und zu emotional. Solche Phrasen haben sich zwar nicht bewusst, aber doch unbewusst irgendwo, kaum merklich in unserem Denken verankert. Es sagt sich immer so leicht, da muss man umdenken, hier darf man nicht in veralteten Denkmustern hängen bleiben – aber Vorurteile bauen sich nicht nur durch gutes Zureden ab. Es braucht reale Erlebnisse und Erfahrungen, dann ändert sich auch unsere Einstellung. 
Ich glaube, eine wahre Gleichberechtigung gibt es erst dann, wenn etwa Frauen in Führungspositionen nichts Außergewöhnliches mehr sind. Erst, wenn ich es miterlebe, bin ich wirklich davon überzeugt, dass Frauen ein Unternehmen gleich gut (oder besser? wer weiß …) leiten können wie Männer. Dann ändert sich mein Denken wirklich. Die Frauenquote ist deshalb zu befürworten, weil sie solche Erfahrungen für eine breitere Masse ermöglicht. Sie ist sozusagen eine Art Starthilfe, die den Frauen unter die Arme greift – nicht, weil sie selbst zu schwach wären und einen Aufstieg nicht schaffen könnten, sondern weil ihnen von mehreren Seiten zusätzlich Steine in den Weg gelegt werden, die die Annahme eines Führungspostens zwar nicht ver- zumindest aber behindern. 
Dass die Quote dann irgendwann überflüssig sein wird, ist das glorreiche Ziel, das es anzustreben gilt. Dann, wenn es wirklich nicht mehr erwähnenswert ist, welches Geschlecht die Unternehmensleitung hat, wird auch die Frauenquote Geschichte sein.

Du sagst, es braucht reale Erlebnisse und Erfahrungen, damit sich das Denken ändert. Da hab ich was für dich: Sheryl Sandberg, Geschäftsführerin von facebook, Meg Whitman, Präsidentin und CEO von Hewlett-Packard, die vorhin schon genannten Marissa Mayer und Angela Merkel, Hillary Clinton. (Diese Frauen kommen aus einer Generation, die in jungen Jahren nur träumen konnte von den Möglichkeiten, die wir heute haben.) Das sind nur mal die großen Namen. Man kann nicht so tun, als vegetierten wir Frauen immer noch am Rande der Gesellschaft. Reale Erlebnisse und Beispiele gelungener weiblicher Biografien gibt es genug, im persönlichen Umfeld oder in der großen Welt. Ich finde es zu gemütlich und jedem schlechtem Klischee der Frau entsprechend, zu sagen: Ich trau mich immer noch nicht, da muss zuerst von Gesetzgeberseite was passieren. Natürlich ist die Quote für uns bequem. Ich habe auch nichts dagegen, es im Berufsleben ein bisschen einfacher zu haben. Wenn ich dann aber sehe, dass im Rennen um eine Stelle ein hochmotivierter männlicher Kandidat nur deshalb nicht zum Zuge kommt, weil bei gleicher Qualifikation ganz automatisch die Frau eingestellt wird, dann finde ich das auch nicht fair. Was kann denn der eine Mann dafür, dass Frauen in der Schweiz erst seit 1971 wählen dürfen.  

Ja, aber was kann denn eine hochmotivierte Frau dafür, dass sie mit Mitte 30 – und mitunter sogar höheren Qualifikationen als ihr männlicher Konkurrent – den Kürzeren zieht, weil sie als potentielle Embryo-Aufzuchtanstalt dem Unternehmen in einigen Monaten „Probleme machen“ könnte? Frauen und Männer sind nicht gleich – so wie ohnehin jeder Mensch verschieden ist. Ich bin vehement gegen jede dieser „Gleichmachungen“. Mit der Frauenquote sollen sich Frauen nicht Männern angleichen, denn gleichberechtigt sein heißt doch nicht gleich sein. Es gibt also Unterschiede, wie eben den, dass die Frau die Kinder auf die Welt bringt – da kann sie nichts dafür und das kann ihr auch kein noch so liebender Partner abnehmen. Diese von der Natur gegebenen Unterschiede sollten aber in der vom Menschen geschaffenen Wirtschaft keine Benachteiligungen mit sich bringen. Die Frauenquote ist sicherlich nicht DIE Lösung dafür, aber zumindest ein Ansatz. Und der darf dann aber nicht als Abwertung der Frau gesehen werden. Wir Südtiroler haben das mit den Quoten ja an und für sich schon recht gut drauf. Der ethnische Proporz ist ja auch zur Normalität geworden und niemand wird im Büro gemobbt – hoffe ich zumindest – weil er den Posten mitunter auch wegen seiner Muttersprache ergattern konnte. Lassen wir es doch zu, dass auch die Frauenquote zu einer nicht erwähnenswerten Normalität wird, um sie dann bald als wieder überflüssig zu begraben.

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