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Italien, leave it or love it?

Magda
Vera

An Italien wird derzeit kein gutes Haar gelassen. Ist vom Stiefelstaat die Rede, fallen Worte wie etwa: Kranker Mann Europas, Krise, Jugendarbeitslosigkeit, überbezahlte Politiker und Rubygate. Deutschland dagegen sei das beliebteste Land der Welt, meldete erst letzte Woche der britische Rundfunksender BBC. Alle wollen ja auch nach Berlin, Italien dagegen hat nichts zu bieten. Die Städte dort zehren von ihrer glorreichen Vergangenheit, während sie den Leuten für die Zukunft nichts zu bieten haben. Da hat die Bundesrepublik ja was richtig gemacht, denkt man, und fragt sich gleichzeitig, was hierzulande schief läuft. Vielleicht regt man sich zu wenig auf, das kann es sein. Die Deutschen haben ja einen Volkssport daraus gemacht, sich zu empören; die sogenannten Wutbürger kämpfen lauthals gegen alles, was ihren Vorstellungen von Moral nicht entspricht. Aus italienischer Sicht mutet das manchmal seltsam an: Da jagen sie ihren Guttenberg mit Pauken und Trompeten aus dem Amt und dann noch aus dem Land, dieses moralinsaure Gutbürgertum, und alles nur wegen ein wenig schummeln. Also wirklich, wo kämen wir denn hin ohne kleine Winkelzüge? Dabei sah er doch so gut aus: ein Mann mit Format, und seine Frau erst. Mamma mia liebe Deutsche, warum so streng? Doktorarbeit, Schnee von gestern. Nördlich der Alpen versteht man diese gnädige Nachsicht als mangelndes Demokratieverständnis und wirft den Italienern vor, es mangle an Moral und Idealen.
Moral ist die letzte Zuflucht derer, die die Schönheit nicht begreifen, sagt man. Vielleicht hat Italien deshalb vom einen so wenig, weil vom anderen zuviel. Man kann über das Land schimpfen aus vielen Gründen, aber jeder Groll wird weniger, wenn man durch die Hügel der Toskana fährt. Wie soll man zornig werden bei diesem Essen, bei diesen Weinen, bei diesen Männern, die handgenähte Lederschuhe tragen? Man versteht so auch die Deutschen: Auf was soll man sich stützen, als auf seine Moral, wenn nebenan jemand Nudeln mit Ketchup isst? (Die machen das wirklich, ich hab das mit eigenen Augen gesehen.) Im italienischen Fernsehen tanzen Veline, im deutschen TV sitzt Alice Schwarzer. Schönheit gegen Tugend, immer wieder. Mein Appell: Love it!

 

 

Leave it! Was hält dich in einem Land, dessen Elite nur noch mit sich selbst beschäftigt ist und der die jungen Leute am Allerwertesten vorbeigehen? Und nicht nur den Politikern: Wie erbärmlich (und ebenfalls gleichgültig und selbstsüchtig) sind denn unsere Landsleute, die sich von einem Zirkusdirektor die Dolce Vita vorgaukeln lassen und den faulen Apfel auch noch essen? „Made in Italy" ist zu einer verlogenen Worthülse geworden: Die Modemetropole Mailand wird links und rechts von Städten wie Berlin oder New York überholt und glaubt in ihrem Dornröschenschlaf immer noch das Maß aller Dinge in Sachen Mode zu sein. „Made in China" ist das neue Italy! Und was ist mit dem guten Essen, dem weltberühmten olio d'oliva extra vergine? Olio d'oliva extra gepanscht! Die Jugend zumindest ist gescheiter und lässt sich davon nicht mehr einlullen. Ehrlichkeit und Gerechtigkeit sind ihr wichtiger als gutes Essen und schöne Menschen.
Wenn für junge, gut ausgebildete Menschen der Weg in den Job ohne Vitamin B zur Durststrecke wird, sie monatelang auf ihr Gehalt warten müssen und in den ersten zwanzig Jahren ein Praktikantendasein fristen - nix dolce, nix vita! Wer kann es ihnen verübeln, wenn sie in Scharen das Land verlassen? Zumindest besteht dann nicht mehr die Gefahr, dass sie den Selbstbetrug tagtäglich vorgelebt bekommen. Oder was sagt ihr?

 

 

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Da sitzen wir in Bozen in einer Pizzeria, zwanzig bis dreissig Leute. Ein buntes Völkchen: Ur-Südtiroler, Italiener, Neu-Südtiroler. Von allen Farben was dabei. Unumgänglich die Diskussion zu den gerade stattfindenden Wahlen. Keiner hier am Tisch hat Berlusconi oder sein Bündnis gewählt. Da platzt mir der Kragen.
"Statistisch gesehen müsste es hier ja fast jeder zweite gewesen sein, aber mindestens einer ist sicher darunter...!!"
Aber keiner wars. Schamwahlen nenn ich das. Man wählt Berlusconi, schämt sich aber dafür und würde das vor anderen niemals zugeben. Und jetzt ist der Zwerg schon wieder da oben und lacht herunter, macht sich seine Gesetze selber, vögelt minderjährige Mädchen, kokst, betrügt, hinterzieht Steuern, legt beim Besuch der Bundeskanzlerin ein lausbubenhaftes und völlig unangemessenes Verhalten an den Tag, beleidigt Regierungsmitglieder anderer Länder offen mit bösen, unfundierten Lästereien, stürzt nachweislich das Land in eine tiefe Krise und dann bekommt seine Partei immer noch fast die Hälfte der Stimmen?!?!? Und dann wills keiner gewesen sein, die doppelmoralige Verschwiegenheit mäht mit der Sense die Hoffnungen nieder.
Ich hätte die Wahl gehabt, vor vielen Jahren und bin geblieben. Ich bereue das zutiefst.

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