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Einfach mal abhauen

Warum man mit Anfang 30 auch mal eine Auszeit braucht.

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Bild: Flickr, Michael Zanussi

Ich stehe am Flughafen Tegel. Ich stehe da an der Bar. Trinke einen Espresso, der mir nicht schmeckt, spüle den schlechten Geschmack mit einem lauwarmen Glas Prosecco runter. Er perlt nicht mal, der Prosecco. Er schwimmt wie eine lauwarme Brühe im Plastikproseccoglas. Auch egal. Ich habe einen Strohhut dabei, den ich mir einmal in Lissabon gekauft habe. Aber ich finde es etwas komisch, den hier schon im Flughafen aufzusetzen.

Ich bin Anfang 30. Mit Anfang 30 ist man irgendwie im Leben angekommen, oder sollte man zumindest sein, sagt man. Da hat man es irgendwie kapiert – oder man kapiert es nie. Da sind ein paar Träume schon geplatzt, und ein paar andere Träume, realistischere, getraut man sich noch zu träumen. Da hat man ein bisschen einen Plan und manchmal so Tage, da würde man diese Pläne am liebsten über den Haufen werfen. Einfach abhauen, zum Flughafen fahren. In Berlin, in der Stadt, in der ich lebe, heißt der Flughafen, zu dem man fährt, Tegel, immer noch, weil der andere Flughafen, der schon längst hätte eröffnet sein sollen, immer noch eine Baustelle ist. 

Ich haue also ab, zumindest für ein paar Tage. Es ist ja immer nur ein Versuch, weil ganz abhauen, das geht ja nicht, weil man von sich selbst nicht abhauen kann. Will man eigentlich ja auch nicht. Und dann fliegt man wieder zurück. Und ist eigentlich ganz glücklich, mit dem, was man hat. Ich habe mir irgendein Last-Minute-Ticket geholt (ja, so was gibt es immer noch). Ägypten. Hurghada. Eine Woche Cluburlaub. Alles klar. Kann man ja mal machen mit Anfang 30. 

Ich schaue mich um. Ich bin nicht der Einzige, der einen Strohhut dabei hat. Der Strohhut passt ja fast zu jedem Typen. Zu den Menschen, die jetzt ganz vorne am Counter bereits warten, mit ihren Camp-David-Jacken und Boss-Sonnenbrillen, mit ihrer Solariumbräune und ihren Dreiviertelhosen, mit ihren Tätowierungen an den Unterschenkeln und ihren Sneakers, mit ihren fetten Gesichtern und ihren wasserstoffblonden Frisuren, mit ihren Ohrringen in ihren Ohrläppchen und ihren speckigen Fingern, die ihre Reiseunterlagen umklammern. Der Strohhut passt auch zu dem Typ Reisender, der so aussieht, als hätte er bereits jedem Löwen Afrikas persönlich in die Augen gesehen, der immer irgendwie aussieht, so wie man sich einen Afrika-Reporter von Geo oder National Geografic vorstellt. Ich sehe nicht aus wie jemand, der bereits einen Löwen begegnet ist, trage aber auch kein Camp-David-Hemd. Ich lasse den Strohhut im Koffer und bestelle mir noch einen Prosecco. 

Die Schlange am Counter wird länger und länger, ich stelle mich dazu. Das Flugzeug hebt ab, ich genieße diesen kurzen Moment, der immer kommt, in dem man denkt, und wenn es jetzt abstürzt, scheiß drauf, dann ist es halt vorbei. Das Flugzeug fliegt über Lichter, dann über das Weiß der Alpen, dann über das Schwarz des Mittelmeeres, dann wieder über Lichter, dann landet es. Viele klatschen. Und ich hasse mich dafür, dass ich sie hasse, weil sie es tun. 

Es ist drei Uhr nachts am Flughafen von Hurghada, die Touristentruppe mit mir mittendrin wird zu Bussen gelotst, das Ganze hat etwas von Abfertigung, es hat etwas von Gepferche, es läuft alles sehr reibungslos. Eigentlich ist alles schrecklich um einen herum, aber es sind ja die kleinen Sachen, die einen bei dieser kleinen Flucht, inmitten dieses Wahnsinns, glücklich machen: Dass man im Flieger einen Fensterplatz hat, dass neben einem überraschenderweise keiner sitzt. Dass man jetzt mal in Ruhe den Kicker von vorne bis hinten lesen kann. Dass bei der Ankunft alles reibungslos läuft. 

Die Busfahrt dauert keine fünf Minuten, die Luft von Afrika dringt durch die gekippten Fenster in den Bus. Man entdeckt die gleichen Gesichter der Schlange an Tegel wieder, man realisiert, dass man sie von jetzt an immer wieder sehen wird. Chaos an der Rezeption, ich stecke einem Bediensteten fünf Euro zu, was natürlich viel zu viel ist, ein Fehler, wie ich später bemerke, weil die Bediensteten sich später viel zu fürsorglich um mich kümmern, was ich ja gar nicht will, ich will ja nur meine Ruhe haben. 

Meine nächsten Tage sehen so aus: Ich liege vormittags am Pool, passe auf, dass ich vor elf kein Bier trinke. Lese fünf Krimis, schlafe beim Lesen immer wieder ein, hole mir einen Sonnenbrand, weil der Schatten des Sonnenschirms weiterwandert, während ich schlafe. Drei Tage genieße ich es, am vierten Tag langweile ich mich zu Tode. Kann das Essen nicht mehr riechen. Kann die Musik nicht mehr hören, die leise aus den Lausprechern rieselt. Kann das Grinsen der Hotelmitarbeiter nicht mehr sehen. Kann es nicht erwarten, wieder nach Hause zu fliegen. Ich-hau-dann-mal-ab-Aktion gelungen! Zuhause ist dann erst einmal Ruhe. Vielleicht für ein Jahr, zumindest für ein paar Monate. Dann packt es einen wieder. Dann muss man wieder weg. Aber sicher nicht mehr nach Hurghada.

Lenz Koppelstätter

fühlt sich too old to young und too young to old. Außerdem lebt er in Berlin, wo er für Zeitungen und Magazine und an Buchprojekten arbeitet.
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Auch schon 30

Ab wann ist man eigentlich erwachsen? Wenn man mitternachts müde wird? Wenn einen 17-jährige Mädchen siezen? Wenn einen ständig die Sehnsucht packt, nach der Provinz, aus der man mal geflohen ist? Wenn alle um einen herum Kinder kriegen? Wenn man sich manchmal denkt: Scheiß doch auf alles, ich haue jetzt einfach ab! Unser Kolumnist Lenz Koppelstätter berichtet über die Tücken des Ü-30-Alltags.

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