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Die Mai-Strategie

In dieser Folge: Wie der tierische Spin-Doctor versucht, seinen Landeschef als Sparefroh zu positionieren und damit das blaue Wahldebakel auslöst.

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Bild: Flickr, Images_of_Money

Eines musste man der für die regionale Vorsorge zuständigen Landesrätin lassen: Sie hatte Länge mal Breite medial gepunktet mit dem Abschuss der Stiftung Minimal. Anton, der pelzige Berater des Neo-LH’s, nahm das zähneknirschend zur Kenntnis. Es ging nun darum, auch den jungen Landeschef als Sparefroh zu positionieren. Anton grübelte tagelang darüber nach. Als er damit fertig war, wartete er eines Abends bei einer selbstorganisierten Brotzeit auf seinen Unterkunftgeber. Dieser war wiedermal in die ewige Stadt geflogen und kam spät nachts zurück. Der schlaksige Anfang-Vierziger hüpfte samt seiner Aktentasche die Flurwand hoch, als Anton ihn unerkannt aus der Garderobe mit den Worten: „It’s the economy, stupid!“ begrüßte.

Das war einer der seltenen Momente, in denen der sonst so gebildete Landespapi kurzerhand zunächst die Nerven, und schließlich sich selbst in minutenlanges Fluchen, verlor. Während ihm noch der Schreck in den Knochen saß, bemerkte er, wie sich sein Murmeltier amüsierte. Die Szene setzte einen Gedanken in seinem Kopf in Gang, der davon handelte, dass man ein Murmeltier trotz Jagdverbot doch umbringen könne. Vor allem dann, wenn das Tier eh für alle unsichtbar war. Die Tatsache, dass es sprechen konnte, sollte dabei wohl kein Hindernis darstellen?

Als Anton ihn aber mit Sorgenfalten und der Frage ansah: „Hast du überhaupt was gegessen heute?“, war der Zorn im Nu verpufft. Anton, das Murmeltier, hatte ein erstaunlich umfangreiches Buffet hergerichtet. Also sprach nichts gegen ein kurzes Strategie-Briefing in Form einer Marende. Genussvoll biss der Landeschef in eine Kaminwurze und kaute dem Tier ein „woss geat?“ entgegen. Das Murmeltier nahm einen ganzen weißen „Weggen“ in die Hand und biss zweimal ab, was das Brot schon um die Hälfte reduzierte. Dann begann das Tier zu erklären, worum es denn ging in seinem Sager von der „economy“. Präziser war es ja das Sparen. Da, wo es niemandem aus dem Wahlvolk weh tat, sondern höchstens ein paar wenigen. Und nun sei es an der Zeit, dass auch er so einen super Sparvorschlag bringe.

Olympischer Gedanke

Der Landespapi kaute auf seiner Wurst und schien angestrengt nachzudenken. Dabei verstieg er sich in der Überlegung, ob es nach dieser Eurovisionswoche denn politisch korrekt sei, eine Wurst zu essen. Zudem bekam er Lust auf Reis. Anton merkte diese thematische Zerstreutheit sofort, klopfte mit seiner Hinterpfote auf den Tisch und räusperte sich zweimal. Der Landeschef reagierte darauf mit den entschlossenen Worten: „Man müsste auf was verzichten, was sehr, sehr viel Geld kostet“. Anton biss zustimmend in das Brot. Anknüpfend an den Gedanken von vorher, kratzte sich der Landeschef am Bart, den er nicht trug, und schon schoss es aus ihm: „Wir verzichten auf die Austragung der Olympischen Winterspiele 2022 in Südtirol und sparen da locker Hunderte von Millionen!“ Das Murmeltier blickte den wurstkauenden Landespolitiker entgeistert an. Wie konnte er nur. Das ist ein Sportthema. Das nutzt wieder nur der Landesrätin da. Anton brauchte diese Sätze nur zu denken und sein Mensch las in seinen Augen und war sofort still. Nach dem Verzehr eines langen Stück Rettichs musste das Murmeltier aber erkennen, dass an der grundsätzlichen Überlegung schon was dran sei: Politisch gesehen. Was nicht zu tun, was sonst, wenn man es getan hätte, deutlich mehr gekostet hätte. Da steckte alles drin: Veränderungswille, Sparbereitschaft, Vision und verquerte Selbstrechtfertigung.

Anton näherte sich seinem Menschen, so dass er den zarten Hauch von zerkauter Kaminwurze spüren konnte. Er drückte seinen rechten Augapfel direkt auf das Glas der Brille des Landeschefs. Dem wiederum stockte der Atem. Noch nie hatte er ein an und für sich unsichtbares Murmeltier so nahe gesehen. Dann die dramatisch inszenierte Frage aus dem tiefsten Inneren des gutgenährten Nagetiers: „Was ist eines deiner nächsten großen Bauprojekte?“. „So ein Zentrum mit Büchern …wie heißt das nochmal?“ Der Landeschef wurde augenscheinlich nervös. „Gut“, sagte das Murmeltier und kehrte in die gesunde zwischenmenschliche Distanz zurück. „Das dritteln wir. Merkt kein Mensch. Wir kommunizieren das morgen sofort.“ Der Landeschef schaute verdutzt, weil er keine Ahnung hatte, wie das gelingen sollte. „Mach halt einen Stock weniger. Kostet alles gleich viel weniger.“

Jetzt da Einsicht und Erkenntnis in den Kopf des Landeschefs strömte, begann auch dieser sich mit der Idee anzufreunden. Er konnte natürlich nicht umhin sich sofort ein paar Notizen auf einem Blatt Papier zu machen. Dies könne er – wenn alles gut gelang – ja immer noch auf Facebook posten. Das schafft Wählerbindung hat einer seiner Kommunikationsmitarbeiter mal für ihn rausgegoogelt. Und weil der Landeschef immer wiedermal zu forsch an die Sache ranging, machte er kurzerhand ein Foto von seinem Papier, auf dem geschrieben stand: „Mai – Strategie!“ Kaum war das Murmeltier, nach einem intensiven Fressanfall, am Küchentisch eingeschlafen postete der Landeshauptmann der Generation Facebook auch schon sein Papier. Alles möglichst authentisch, und möglichst zeitnah – wenn’s sein muss kommt die Nachricht sogar vor dem Ereignis.

Die Hammer-Strategie

Allerdings bedachte der LH nicht, dass ihn eine Oppositionspartei auf Facebook Tag und Nacht beobachtete. Das Spitzengremium dieser Partei erkannte sofort, dass es sich hier um eine weitreichende Strategie handeln musste. Da ihr Ego seit der Sache mit den Politikerbezügen und dem blöden ungetragenen Ring etwas angekratzt war, versuchten sie sich am vorläufigen Leader der politischen Situation zu orientieren. Bereits zwei Tage später war die Kampfparole hinausgetragen worden in jene vier Gemeinden, in denen vorgezogene Kommunalwahlen anstanden. Die involvierten Funktionäre verstanden schon seit einiger Zeit ihre eigene Zentrale nicht mehr, blieben aber zuversichtlich und wussten, dass der Lauf der Dinge eh nicht aufzuhalten sei.

So war es auch mit der Wahl. Als die Ergebnisse bekannt wurden, begann es dem Parteisekretär der besonders blauen Blauschürzen und seiner Obfrau zu dämmern: Das war also die Botschaft der Mai-Strategie? „Reduktion, überall um zwei Drittel kürzen“. Nun ja, dies schien mit diesem Wahlausgang gelungen, zumindest für die besonders Blauen. Als dann die Vorsitzende in ihrer unnachahmlichen Blauäugigkeit zugab, die Strategie vom großen Polit-Zampano geklaut zu haben und deswegen nicht belangbar zu sein, erlitt oben am Hochplateau vor dem Fernseher ein Murmeltier einen nicht enden wollenden Lachkrampf. Als das Tier sich beruhigt hatte, wusste es nur mehr eines: Dieses Jahr hatte es sich einen Landesverdienstorden verdient. Entgegen seinen sonstigen Gewohnheiten forderte er dies sofort beim Landeschef per Telefon ein, obwohl der Orden nicht essbar war.

Bei dem Gedanken an die Feierlichkeiten und dem üblichen Ausmaß der Buffets trieb es dem Landeschef den kalten Schweiß auf die Stirn. Nein, das ging nicht. Er wusste wie das mit Anton – oder besser gesagt dem Buffet – enden würde. Gleich am nächsten Tag setzte der LH einen Punkt auf die Tagesordnung der Regierungssitzung. Nämlich jenen der Aussetzung der Verleihung der Landesorden.

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