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Die große Runde

Jetzt geht es ans Eingemachte: Jungmayer trifft in Folge 5 der Satire auf die Macher der Großpartei.

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Bild: Flickr/Stefan Munder

Da saßen sie nun, diese drei unterschiedlichen Typen, die das Schicksal in diesem haarigen Wahlkampf so eng aneinanderdrängte: Das „Oberschwammel“, wie Harry Jungmayer den Vorsitzenden für sich getauft hatte, der Babyface-Sekretär und der Werbemacho selbst, der sich langsam fragte, ob das alles hier das erwartete Geld wert sei.

Die Situation begann peinlich zu werden, als ein Rumms und ein Schrei die kleine Runde aufschreckte: Tschennie hatte die Tür zum Minibüro so abrupt aufgerissen, dass diese direkt auf das Schienbein des Jungpolitikers knallte, der wiederum laut aufschrie und dem Agenturchef in den Arm hüpfte. Tschennie beobachtete fragend die Szene, um dann lapidar zu sagen: „Sie wareten olle unten.“
„Donn gehen wir jetzt alle runter. Und Herr Jungmayer, wir tun dann so wie vereinbart, gell?“, meinte der Vorsitzende.
„Ass you like it“, entgegnete der Agenturchef und deutete mit der Hand Richtung Tür, um dem großen Vorsitzenden den Vortritt zu lassen. Als der Sekretär sich anschickte, als nächster durch die Tür zu gehen, machte der Agenturchef seine aktive Zeit als Eishockeyspieler geltend. Ein Bodycheck beförderte eine hoffnungsvolle junge Karriere kurz in einen Schirmständer.

Die Strategierunde

Politik ist ein hartes Geschäft, dachte Jungmayer, als er in den großen Sitzungssaal trat. Das war sie also die Kerntruppe, das sogenannte Wahlkampfkomitee. Strategierunde und war room gleichzeitig. Der Vorsitzende versuchte, die Aufmerksamkeit auf sich zu lenken: „Souwoll, griast enk!“
Der Agenturchef wunderte sich, warum der Vorsitzende sich gerade jetzt so wohl fühlte und das allen Anwesenden kundtun musste. Aber die Aufmerksamkeit wollte noch nicht wirklich wachsen. Die Anwesenden standen herum in zwei Dreier-Gruppen und diskutierten angeregt.
Der Vorsitzende versuchte es nochmal mit einem lauten Räusperer und einem fast noch lauterem „Psssst!“ Nichts änderte sich.
„Herr Jungmayer, bitte nehmen Sie Platz“, sagte der Vorsitzende nun etwas kleinlaut. Beide setzten sich und beobachteten, wie neben dem großen Vorsitzenden der Sekretär Platz nahm und einen Knirps in der Hand hielt. Er musterte diesen, als hätte er ihn bisher noch nicht bemerkt, und versuchte nun, ihn unbeobachtet unter den Tisch zu legen. Dann öffnete sich die Tür. Der Sekretär zuckte zusammen und duckte sich.

Aber nicht Tschennie betrat den Sitzungssaal, sondern die kleine blonde Dame, die den Agenturchef in der Parteizentrale in der Früh empfangen hatte. Es wurde ruckartig leise im Raum. Alle nahmen ihre Plätze am Tisch ein. Die blonde Frau mit den hochtoupierten Haaren fixierte kurz und kühl den Gast der Runde, setzte sich an den Tisch, öffnete ihr Protokollbuch, nahm den Deckel von ihrem Stift, legte ihn zur Seite und genoss die Aufmerksamkeit, die sie auf sich gezogen hatte.
Jungmayer schaute in die Runde und musste feststellen, dass der Vorsitzende sich immer noch sauwohl fühlte und allen für ihr Erscheinen dankte. Er machte dies so ausführlich, dass der Agenturchef kurz davor war, unaufmerksam zu werden. Das änderte sich schlagartig, als er in den Worten des Vorsitzenden seinen Namen heraushörte.

Der Agenturchef stand auf und stellte sich an die Stirnseite des Tisches: dorthin, wo keiner saß, und begann ganz langsam zu sprechen: „Meine Damen, meine Herren, sie haben nun seit über 60 Jahren dieses Land regiert.“ Er machte eine Pause, blickte zum Fenster hinaus und hoffte, dass die Anwesenden seinem Blick folgen würden. Dem war aber nicht so. Sie betrachteten vielmehr das Augenrollen der blonden Dame. Jungmayer war Profi genug, um die Situation wieder an sich zu reißen.
„Dabei haben ihre Gründerväter Blut und Tränen geweint, ihr Leben riskiert und alles gegeben.“
Wiederum rollte die Dame die Augen. „Und es ist im Grunde genommen ganz einfach: Diesen Herbst geht es um alles! Es geht um die Mehrheit, es geht um die 50 Prozent, es geht um unser aller Zukunft.“

Die Macher der Großpartei

Die hier angesetzte Kunstpause musste Jungmayer kurzerhand verkürzen, weil er merkte, dass bis hierhin Konsens herrschte, nun aber die große Runde auf das Folgende zum Bersten gespannt war.
„Was aber in dieser Situation tun? Das ist die Frage, die Sie alle quält.“
Der Agenturchef schaute in die Runde. Rechts neben dem Vorsitzenden, der ihn mit einem verkrampften Grinsen fixiert hatte, saß mit verschränkten Armen der Älteste der Runde. Unverkennbar war das der Landeschef: Gelassen wie ein Altbauer, den das Ganze nur mehr beschränkt was anging, hockte er da. Er schien sich aber gut zu unterhalten. Neben ihm hatte ein Typus Politiker Platz genommen, den man auch im Vorstand eines Tennisklubs immer findet: Der Lebemann, der nicht mitbekommen hatte, dass er keine 30 mehr ist – und schon lange nicht mehr so aussah. Nachhelfen half da auch nichts. Der Dandy flüsterte dem Landeschef andauernd irgendetwas ins Ohr. Dieser wiederum mimte den Schwerhörigen, blieb aber auf jeden Fall ungerührt.

Ein weiterer Herr am Tisch war permanent mit seinem Handy beschäftigt, machte aber ansonsten keinen nervösen Eindruck. Eher der kalte Anwalt, dachte sich Jungmayer. Direkt daneben saß ein schlanker Mann. Knapp über 40 schätzte ihn Jungmayer. Er fühlte sich unbeobachtet und hielt sein Handy in einer Position, um sich darin spiegeln zu können. Er zupfte seine schwarzen Stirnfransen zurecht und strich sich mit einem eben befeuchteten Finger über die Augenbrauen. Als er merkte, dass der Agenturchef ihn beobachtete, ließ er sich nach hinten in den Stuhl fallen: Jungmayer erinnerte er an einen Maturanten, der so lässig wie möglich nicht die Aufmerksamkeit des Lehrers auf sich ziehen wollte.

Jungmayer merkte jetzt, das er eine Spur zu unvorbereitet in dieses Meeting gegangen war. Jetzt hilft nur mehr die Involvement-Strategie, dachte er sich, und ging zum Angriff über, indem er die Frage wiederholte:
„Was ist zu tun? Ich bin sicher, Sie alle stellen sich diese Frage immer wieder. Darum bitte ich Sie, sich jetzt einen Moment in mich hineinzuversetzen. Was würden raten, wenn Sie ich wären?"
Einen Moment lang herrschte Atemstille im Raum.
„Wer fängt an?“, löste Jungmayer die Situation auf.
Der Anfang-Vierzigjährige mit den zurechtgezupften Stirnfransen schickte sich an, als Erster seine Einschätzung zur Lage loszuwerden.
„Es geht jetzt eine Ära zu Ende und wir müssen dem Bürger ein Angebot machen ...“
„Ein Sonderangebot, oder ? Svuota tutto!?“, fiel ihm der Dandy ins Wort.
„Madei! Lots ihn holt ah amoll wos sogen“, stand ihm der Anwaltstyp zur Seite – und Jungmayer überlegte, welchen Wagen der Antwaltstyp wohl habe würde.
„Na, na! Wenn schun miassmer sogen: Eine erfolgreiche Ära geht langsam zu Ende. Oder: Die besten Zeiten sind ab Herbst vorbei ...“, sagte der Noch-Landeschef.
Als alle nur mehr durcheinander redeten, klopfte Jungmayer auf den Tisch und präzisierte: „Nein, wir reden jetzt nicht über genaue Wordings, das ist mehr so ein Brainstorming zum Ist-Zustand, eine Ausgangsanalyse, um ein klareres Briefing zusammenzukriegen.“

Die Gummibärchen-Strategie

Der Versuch schlug fehl, weil sich jetzt auch noch der Vorsitzende auf die Seite des Landeschefs zu schlagen begann: „Na, wir müssen schon aufpassen was wir sagen, gell. Weil eines muss klar sein: Ich akzeptiere nicht alles, da trete ich vorher zrugg.“
Die Runde blickte ihn an, als hätte er diese Drohung in dieser Woche noch nicht von sich gegeben. Aber die Ruhe war von kurzer Dauer, denn es bildeten sich schon wieder Nebendiskussionen, denen unmöglich zu folgen war. Jetzt war es für den Herrn Jungmayer an der Zeit, in seinen Moderationskoffer zu greifen, sozusagen in den Zauberhut gegen Eskalation. Er holte eine Tüte Gummibärchen heraus, legte sie auf den Tisch, nutze den verwunderten Blick der Anwesenden und machte einen Satz zum Flipchart. Er schnappte sich einen Stift und begann, auf dem Board zu malen.

„Also, wir machen jetzt Folgendes. Jeder von Ihnen greift nachher in die Tüte und nimmt sich wahllos ein Gummibärchen heraus. Dann bilden alle, die dieselbe Farbe erwischt haben, eine Gruppe. Die Farben stehen dann für folgende Themenbereiche.“
Der Agenturchef begann zu schreiben:

Grün = Umgang Mitbewerber Grüne
Blau = Themenkonkurrenzsituation Freiheitliche
Gelb = Wirtschaftsthemen
Rot = Sozialthemen

Während der Stift über das Papier flog, vernahm er ein Schmatzen hinter sich. Als er fertig geschrieben hatte, drehte er sich zur Gruppe hin, machte zwei Schritte vorwärts und griff nach der Gummibärchentüte. Sie war leer.
Stille herrschte im Raum, während in den Mundwinkeln des Landeschefs, die fast bis hinter die Ohren reichten, Jungmayer den Kopf eines blauen Gummibärchens entdeckte. Dieses Grinsen hatte dermaßen etwas Lausbubenhaftes, wie es der Agenturchef noch nie gesehen hatte. Mit dem als Spitzenkandidat wäre es ein Spaß, Wahlkampf zu machen, dachte er, als er sich resigniert in den Sessel fallen ließ.

 

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Wichtiger Hinweis: Es handelt sich hier um reine Fantasie des Autors. Ähnlichkeiten mit real existierenden Personen wären rein zufällig. Beim Entstehen dieser Fortsetzungsgeschichte wurden keine Tiere verletzt.

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