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ABC-Promis

Die einen feiern Berlinale, die anderen sich selbst. Stars und Sternchen.

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Bild: Flickr, sebaso_bln

Jetzt ist Berlinale in Berlin. Alle sind im Berlinale-Fieber. Na ja, zumindest die Irgendwas-mit-Film-Medien-oder-Promis-Berliner. Allen anderen Berlinern ist der ganze Zirkus egal. Ein bisschen nervig zwar, aber egal. Eines, was die echten Berliner richtig gut können, ist genau das: dieses Egal-Ding. George Clooney in der Stadt. Hat mit seinen Promi-Kumpels im Promi-Lokal ein paar tausend Euro liegen lassen. Soll er nur machen, der Clooney. Uns so was von egal. 

Der normale Berliner freut sich lieber übers schöne Wetter, über den blauen Himmel, die Sonne, die er normalerweise im Februar nicht zu Gesicht bekommt. Die Irgendwas-mit-Film-Medien-oder-Promis-Berliner dagegen ärgern sich über das schöne Wetter. Das ist doch kein Berlinale-Wetter. Da setzt man sich doch nicht gerne tagsüber ins dunkle Kino. Überhaupt in den Kinos: Alle tun total aufgeregt. Wir-sehen-jetzt-gleich-einen-Film-den-normale-Menschen-erst-viel-später-sehen-Schmunzeln. Oder die sehen ihn überhaupt nie. Weil es eine finnische Ko-Produktion mit bulgarischen Untertiteln ist, die nicht einmal nachts auf arte läuft. 

Als Irgendwas-mit-Film-Medien-oder-Promis-Berliner rennt man in diesen Tagen von einer Vorstellung zu anderen, von einem Empfang zum nächsten. Letztens auf einer Party im Ritz-Carlton. Nach Promis Ausschau gehalten. Hauptsächlich „B bis C“-Promis gesehen. Wie sie Bier trinken. Wie sie gierig vom Büffet naschen. „B bis C“-Promis sind Promis, die man zwar kennt, aber nicht weiß, woher. Ist das der Dings von Viva? Ist das die Dings aus dieser ZDF-Serie? Ach nee, das ist doch nur die Dings aus der Buchhaltung, die der Dings aus der ZDF-Serie so ähnlich sieht. „Hallo Dings, was machst du denn hier?“

Tags darauf das Mittagessen geschwänzt, dafür ins Kino gegangen. Leider unangenehmen Sitznachbar gehabt. So einen, der die ganze Lehne für sich beansprucht. Der tief ein- und ausatmet. Der rumzappelt. Der an den falschen Stellen lacht. Und dann auch noch lauthals. Der Film war ein bisschen langweilig, ich habe mich in Gedanken verloren. Nachgedacht über dieses Promi-Ding: Die Marktwertbestimmung von Promis funktioniert ja nicht anders als in anderen Branchen. Was in der Wirtschaft in AAA, AA+ oder AA eingestuft wird, nennt sich hier A-, B- oder C-Promi. Oder in der Fußballsprache: Champions League, 1. Liga, dann noch die Auf- und Absteiger. 

Die Auf- und Absteiger sind Promis, die unentwegt auf sich aufmerksam machen müssen, damit sie nicht vergessen werden und damit keiner merkt, dass sie einfach nur prominent sind, weil sie prominent sind. Die Welt der Stars ist ja so ein Kosmos für sich: Entweder man ist drin, oder man ist so halbdrin, dann muss man fürchterlich aufgeregt tun, um sich wieder reinzustrampeln, oder man ist draußen, und das ist scheiße. Draußen aus dem Kosmos, draußen bei den ganz normalen Menschen.

Und wie ist denn das in der Provinz mit den Promis? Gibt es die da überhaupt? 
Klar, die tun nur etwas weniger aufgeregt. Es gibt die ganz Großen, die es über die Provinz hinaus zu Berühmtheit geschafft haben. Es gibt die Figuren, die Originale, die Dorfprominenz. Es gibt den Skifahrer, der überraschend bei den Olympischen Spielen eine Medaille holt. Es gibt den Pizzabäcker, der bei „Wetten, dass..?“ auf seinem umgebauten Motorrad eine Pizza zaubert. Man feiert sie und dann ist auch wieder gut. Die Medaille hängt an der Trophäenwand in Keller. Das Erinnerungsfoto hängt am Backofen. Ins Dschungelcamp gehen, weil jetzt alles wieder so ist, wie es vorher war? Nein, danke. 

Wieder Berlin. Wieder Roter Teppich. Wieder Premiere. Eine der letzten dieser Berlinale. Das Geschrei geht wieder los. Zuerst das der Autogrammjäger, dann das der Fotografen. Alle auf Zehenspitzen. Blitzlichtgewitter. Die Promis zeigen ihr Ich-bin-jetzt-glücklich-Gesicht vor der Sponsorenwand. Dann beginnt der Film. Der Teppich ist jetzt von braunem Schuhsohlen-Dreck überzogen. Verlassenes Schlachtfeld. Die Scheinwerfer gehen aus – und mit ihnen erlischt eine Welt.

Lenz Koppelstätter

fühlt sich too old to young und too young to old. Außerdem lebt er in Berlin, wo er für Zeitungen und Magazine und an Buchprojekten arbeitet.
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865 Kilometer

Rund 865 Kilometer sind es von Bozen nach Berlin. Lenz Koppelstätter, Südtiroler in Deutschlands Hauptstadt, geht dorthin, wo was los ist und schreibt dort davon, was kurios ist. Kurz: Er berichtet über den ganz normalen Wahnsinn der Großstadt.

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Toll, Lenz. Lässiger Text.

Hallo Irmi, danke! Liebe Grüße.

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