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Petra Schwienbacher
Veröffentlicht
am 21.07.2015
LeuteVom Flüchtling zum Unternehmer

Flucht ins neue Leben

Veröffentlicht
am 21.07.2015
Vor vier Jahren flüchtete Mohadou Sidi Diallo aus Libyen, heute ist er selbstständiger Schneider in Meran. Die Geschichte einer gelungenen Integration.
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Es ist Viertel nach neun als Mohadou Sidi Diallo in Jeans, grauem Shirt und mit müden Augen durch die Seitentür des kleinen Ateliers in der Passeirergasse herein huscht. Er kommt zu spät. Es ist Ramadan, der Fastenmonat der Muslime. Von Beginn der Morgendämmerung bis zum Sonnenuntergang darf Diallo nichts essen und trinken. Deswegen steht er jede Nacht um zwei Uhr auf, um vier Uhr legt er sich wieder ins Bett. Da könne es schon mal vorkommen, dass er verschläft, sagt Gabi Bertagnolli, die blonde Frau mit einem blau-gelb-rot gemusterten Kleid und rauchiger Stimme. Sie ist die Arbeitskollegin von „Sidi“, wie sie den 33-Jährigen nennt.

Diallo setzt sich gleich an seine Nähmaschine. Heute arbeitet er an einem arabischen Kleid. Der Stoff ist leicht und flatterhaft. Gekonnt und schnell näht er die verschiedenen Bahnen aneinander, schneidet hier und da ein Stück ab, misst an einigen Stellen nach und näht weiter. Vor acht Monaten hat er sich diese ratternde Industrienähmaschine gekauft, an der er nun sitzt. Darüber ist er sehr froh, denn damit kann er jetzt auch festen Jeansstoff oder Leder nähen, sagt er.

Heute arbeitet er an einem Arabischen Kleid. Der Stoff dafür ist viel dünner als der Afrikanische.

Von Lybien nach Lampedusa

Vor vier Jahren kam Diallo nach Südtirol. Drei Jahre arbeitete er in einer Schneiderei in Bozen, seit einem Jahr hier in dem Geschäft Moujo in der Meraner Altstadt. Seitdem wohnt er auch in einem kleinen Zimmer eines Arbeiterheims. Es gefällt ihm hier. Hier ist es besser als in Libyen, wohin er aus Guinea zog, um zu arbeiten. Von dort musste er im Jahr 2011 fliehen.

Das Ehepaar ist es gewohnt, dass sie sich nicht oft sehen.

Es ist der 26. Mai 2011. Das Boot mit 220 Afrikanern, darunter auch Diallo, legt in Tripolis ab und fährt ins offene Meer hinaus. Ungewiss, ob es sein Ziel Europa jemals erreichen wird. Diallos Frau, seine zwei kleinen Söhne und seine Tochter sind nicht dabei, sie wohnen in Guinea, eine Flucht wäre für sie auch zu gefährlich. Für alle an Bord ist es ein nervenaufreibendes Unterfangen. Angst und Zweifel schippern mit. Noch vor dem Ziel geht das Benzin aus. Drei Tage lang treibt das Boot auf offener See. Lange genug, dass Diallo denkt: „Ich sterbe.“

Am 29. Mai 2011 entdeckt die Italienische Küstenwache die Flüchtlinge vor der Insel Lampedusa. „Wir wurden in ein Auffanglager nach Lecce gebracht“, erzählt Diallo nachdenklich. Dann bringt man ihn in die Gorio-Kaserne in Bozen. Eigentlich, so der Afrikaner heute, wollte er nach Deutschland oder in eine große Stadt in Italien. Der Arbeit wegen. Doch das Schicksal meint es anders mit dem Mann. Er kommt nach Bozen, wo er sich mit Hilfe von Büchern aus der Bibliothek Italienisch beibringt und anfangs hilft, für die Flüchtlinge in Bozen zu übersetzen. Schließlich spricht er Französisch, Arabisch und Afrikanische Sprachen wie Pöll oder Wolof.

„Er ist doch das Beispiel einer gelungenen Integration.”

Trotz seiner am Anfang schier aussichtslosen Situation, verliert Diallo nicht seinen Mut und Enthusiasmus. Und genau das ist es, was ihm zugute kommt. Er kämpft für seinen Traum. Heute ist er selbstständig und gemeinsamer Teilhaber von Moujo. „Er ist doch das Beispiel einer gelungenen Integration“, sagt Bertagnolli, die das Geschäft betreibt. Diallo sei ein „Leader“, der sich nicht seinem Schicksal ergebe, sondern etwas aus sich mache. Der 33-Jährige besucht heute regelmäßig Schulen, wo er Vorträge über Integration und Immigration hält. Er spricht mit Schülern offen über das Thema und beantwortet Fragen, wie eine, die ihm häufig gestellt wird: Ob er je rassistische Anfeindungen erlebt hat. „Nein, noch nie“, antwortet er daraufhin immer.

Durch Kleidung eine neue Perspektive

Eigentlich wollte Bertagnolli in ihrem Geschäft einer Frau eine Chance geben, doch sie hat keine Schneiderin gefunden. Dann hat ihr ein Verkäufer der Straßenzeitung „Zebra“ Diallo, der bereits seit zwölf Jahren als Schneider arbeitete, empfohlen. „Wir teilen uns alles fifty-fifty. Die Arbeit und das Geld“, sagt sie und lächelt.

Neben Änderungsarbeiten macht Moujo auch Maßmode. Diallo schneidert kunterbunte Kleider aus afrikanischen Stoffen – speziell gewachsten Stoffen mit Blog Prints oder gepressten Mustern. Einige Kleider fühlen sich ein wenig wie weiches Papier an, sehr besonders. Schon früher haben Afrikaner ihre Stoffe mit Harz bearbeitet, um den Stoffen mehr Halt zu geben, erklärt Bertagnolli. „Damit kann man super Petticoats machen“, so die Meranerin, die die Schnitte für die Kleider zeichnet: ausgestellte Röcke mit engem Mieder und 60-Jahre-Schnitte. Auf den Ständern hängen dutzende Kleider, Röcke, Blusen, Männerhemden und Hosen.

Dutzende unterschiedliche Stoffe und Schnittmuster kleiden die Gewänder.

Grade gibt es viel zu tun, denn am 21. August wollen die beiden eine Modenschau veranstalten. Nebenher planen sie ihr neues Projekt: Six Yards. Six Yards, also 5,5 Meter lang sind die Stoffbahnen, die sie im afrikanischen Viertel in der Brick Lane in London kaufen, um daraus Kleider zu schneidern. Einmal im Monat 15 bis 20 Stoffe. Und einige dieser Stoffe wollen sie in Zukunft in Meran zuschneiden und zu Diallos Onkel nach Afrika schicken. Auch er ist Schneidermeister, betreibt eine kleine Schneiderei mit zehn Angestellten in Senegal. „Wir möchten Menschen vor Ort unterstützen“, sagt Bertagnolli.

Die Stoffe bringt Diallo höchstpersönlich dorthin, so kann er endlich seine Frau besuchen. Zwölf Jahre sind sie verheiratet, knapp sechs Jahre haben sie sich davon insgesamt nicht gesehen. „Es geht nun mal nicht anders, wir sind es mittlerweile gewohnt“, sagt Diallo nüchtern. Irgendwann, wenn er genug verdient, um sich eine große Wohnung zu leisten und den teuren Flug, möchte er seine Familie zu sich holen. Wann, das steht noch in den Sternen.

Bis dahin wird er unter der Woche weiter bunte Kleider nähen und sich am Sonntag mit Freunden treffen. Auch in Bozen, wo er die aktuelle Flüchtlingssituation mitverfolgt. „Es ist hart. Im Herbst, wenn im Geschäft nicht mehr so viel los ist, dann wollen Gabi und ich gemeinsam in Bozen helfen“, sagt Diallo. Er wieder als Übersetzer.

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